Fragmentarische Korrespondenz, weich und divers (XIII)

Über Inspiration, das Schreiben, das (Vor)Lesen, Bücher, Filme, Musik und den ganzen Rest: Von Kriegen und Frieden, und auch vom niemals zufrieden oder je ganz fertig genug sein. Kann Spuren von Drogen enthalten.

Ein einseitiger Briefroman in Fortsetzungen

(2002-2004)

(Zur Vorrede und Teil I hier entlang.)

 

  Datum: Thu, 24 Jul 2003 01:32:53 +0200 (MEST)

 

  Betreff:

 

Hallo M,

vielen Dank! Ehrlich gesagt, schau auf die uhr, habe ich deine geburtstagsgrüsse grade eben erst bekommen, und jetzt wollte ich grade nur noch kurz mails checken und dann was schreiben, bin voller schreibdrang. ich werde dein geschenk also erst morgen „auspacken“ – wollte dir aber schon jetzt danken und dich seelisch und moralisch (wer hat diese dumme, doppeldeutige redewendung in die welt gesetzt?) darauf vorbereiten, dass ich mich demnächst mal wieder über mein leben beschweren werde, da heute, an meinem geburtsatg, mehrere ziemlich blöde sachen passiert sind, ich schlechte nachrichten bekommen habe. aber darüber wie gesagt später mehr. eigentlich war es nämlich ein sehr sehr schöner geburtstag,

ich habe tolle geschenke bekommen und hatte einen netten tag, den ganzen tag lang gefrühstückt, und es kamen die nettesten leute vorbei, die ich kenne (bis auf die aus wiesbaden, denen war der weg glaube ich zu weit… *g*). also, danke, einen schönen tag noch und später gibt es mehr!

bis denne

s.

 

 

Datum: Wed, 30 Jul 2003 20:25:01 +0200 (MEST)

 

  Betreff:

 

 

hallo m.,

heute nur ein paar kurze sätze von mir. vielen dank für dein geburtstagslink – eines der besten geschenke, ich habe es gleich weiterverschenkt. ich wollte mich auch eigentlich nur kurz melden und lebenszeichen von mir geben, bin gerade an der ostsee und lasse mir die sonne auf den pelz brennen. und freue dich nicht zu früh, die weltschmerz-mail kommt noch!

viele grüsse an alle

s.

 

 

Datum: [August 2003]

 

  Betreff:

 

 

Hallo M.,

endlich – das Chaos macht gerade Urlaub, und ich komme wieder dazu, dir zu schreiben. Es folgt nun ein kurzer Versuch der Rekonstruktion der Ereignisse der letzten Wochen. Ich sitze gerade im Büro, es ist nix mehr zu tun, und so werde ich die letzte Stunde, die ich noch absitzen muss, damit verbringen, dir zu antworten. Also wundere dich nicht, wenn der erste Teil dieser Mail noch etwas nüchtern ist *g*

Du hast ja von meinem Geburtstag gehört – an dem abend, mitten in der schönen Gesellschaft, rief mich mein autoschrauber-freund an. wie gesagt musste der gute volvo zum tüv, und das bis spätestens ende juli. und dieser gute mensch meinte, er wäre gerade beim tüv gewesen, um mal einen vorab-check machen zu lassen. und ich sollte mir einen zettel und einen stift nehmen… also schrieb ich so wörter aufs papier wie „kühlwasserpumpe“, bremsschläuche“ und „propeller“. alles in allem war nach zehn minuten das blatt voll, und als er seinen monolog beendete, fragte ich, was das denn kosten soll. dann meinte er, dass er mir abrät, überhaupt noch was zu machen, und das läge insgesamt so bei 3000 euro. Puuh – super nachricht zum geburtstag, fand ich.Madame (meiner freundin) hab ich den ganzen spass dann erst am nächsten tag erzählt, da sie an dem abend eh schon gestresst von der kino-arbeit kam, wo sie mal wieder von einem durchgeknallten idioten blöd angemacht wurde.

am nächsten morgen hielten wir dann kriegsrat. das problem war, dass wir einerseits geplant hatten, in den urlaub zu fahren, andererseits der tüv ablief. uns war klar, dass wir die reparaturen nicht bezahlen können würden, und die wohnung meiner mutter, unser feriendomizil, war halt auch nur in dieser einen unmittelbar folgenden woche frei. die notlösung, die unser autoschrauber uns erzählte, war, dass wir zum tüv fahren sollen und ganz offiziell den test machen lassen, was 80 euro kostet. dann bekommen wir eine mängelliste, mit der wir noch vier wochen umherfahren können. das würde uns wenigstens den urlaub sichern, denn ob der tüv es glaubt oder nicht, das auto fuhr ja noch, ganz gut sogar. allerdings bestand weiterhin das problem, dass wir den dicken danach ja irgendwie loswerden müssten, und mit abgelaufenen tüv müsste man da beim verkaufspreis wohl eine null streichen.

also fuhr ich am freitag morgen zur dekra, um den tüv machen zu lassen. dort war gerade totale flaute und alle drehten däumchen. leider konnte ich diese lücke nicht nutzen, da ich die blöden papiere vergessen hatte, musste also noch mal nach hause. als ich wieder dort ankam, war immer noch nichts los. der tüv-typ fragte mich, ob ich tüv und au machen lassen wolle, und ich überlegte noch, ob ich sagen sollte, dass ich eigentlich nur den mängelbericht haben will, weil das auto sowieso schrott ist. dann entschied ich mich aber, einfach das maul zu halten. das machte ich dann zwanzig minuten lang, und der prüfer auch, er steckte ein paar kabel an bestimmte stellen, schaute interessiert und holte zum schluss einen kratzer raus, mit dem er die tüv-plakette abkratzte. ich fragte mich, was der scheiss soll, und ob das auto jetzt ganz stillgelegt werden würde. dann klebte er aber eine neue plakette auf! ohne große probleme („die bremsen hinten müssten sie demnächst mal erneuern“) hatten wir also unseren dicken weitere zwei jahre über die runden gebracht.

der autoschrauber wollte all das nicht glauben, aber er freute sich natürlich mit uns und meinte, jedes Mal, wenn er jetzt ein auto durch den tüv bringen muss, soll ich mit meinem studentenlook da hin fahren.

unserem urlaub stand also nichts mehr im weg. wir machten uns auf in richtung ostsee, mit hund und kegel, und das wetter versprach ja auch nur gutes. ein freund von mir, exil-stralsunder aus berlin, so wie ich, veranstaltete gerade sein jährliches kunstfestival (http://www.garage-g.de/) und am strand fanden wir auch immer eine ruhige ecke. alles in allem, ein schöner urlaub. bis zum dienstag. da bin ich nämlich auf dem weg zurück vom strand mit dem guten alten, neutüv-volvo im Stopp-and-go-touri-verkehr jemandem hinten rauf gerauscht.

Fazit: volvo im arsch. kurz gesagt: nach dem ersten schock (was machen wir denn jetzt, wie kommen wir nach hause, wie bekommen wir unsere klamotten nach berlin…) haben wir glücklicherweise durch den adac ein ersatzauto für eine woche bekommen und auch reichlich genutzt (kilometer bei übergabe 160, kilometer bei rückkehr nach berlin – 1355). der dicke allerdings hat sein leben in binz auf rügen beendet – wir haben den verschrottungsbefehl unterschrieben. jetzt müssen wir also erst mal zu fuss gehen, und k.[Hund] wird vom verwöhnten täglich-grunewald-hund zum kreuzberger strassenköter, was ihr aber ganz gut tun wird….

soviel erst mal dazu.

Auch ansonsten gibt es noch einige neuigkeiten. in der nacht meines geburtstags habe ich, ziemlich betrunken, zugeraucht und ja auch ein wenig geschockt, nachdem alle leute weg waren, angefangen einen längeren text (ich vermeide das wort roman noch eine weile…) zu schreiben, nach einer idee die ich schon eine weile mit mir rumtrage. in der nacht habe ich 8 seiten geschafft, dann musste ich kapitulieren. in der zwischenzeit sind es circa 15, es geht voran, langsam aber stetig. das, was ich an so langen texten immer scheue, ist nämlich begründet: man muss echt dran bleiben und zeit haben. deshalb ist in den letzten tagen nichts dazugekommen, im urlaub habe ich nämlich auch nur entspannt. aber dafür habe ich noch ein paar kurze (! – *g*) texte geschrieben, und es haben sich auch wieder ein paar Gedichte eingeschlichen, was mich echt verwundert. und dabei bin ich mir, wie bei lyrik generell,egal ob von mir oder nicht, ziemlich unsicher, was die qualität betrifft.

Naja, mal schauen, vielleicht hänge ich dir ja noch einen neuen text von mir ran. übrigens habe ich mein projekt verwirklicht: ich hatte vor einiger zeit eine mail an die [Literatur-Website] geschrieben, das ist bestimmt schon so zwei monate her. und habe bis jetzt keine antwort bekommen. ich glaub, ich hatte das auch schon erwähnt. jedenfalls habe ich ja auch versucht, alle meine texte von der seite zu nehmen, zwecks überarbeitung. und jetzt habe ich mich entschlossen, die [Literatur-Website]-seite zu verlassen, alles zu löschen, was geht. im gegenzug gibt es als neuen autor bei der [Literatur-Website] derzeit zu bestaunen: boleslaw beirut! :-). bisher darauf allerdings keine reaktion, wie bei der [Literatur-Website] eh gerade eine flaute ist, liegt wohl am wetter (is ja klar, bei einer flaute… :- ) )

Jetzt aber mal zu deiner kritik: danke natürlich erst einmal. ich muss aber wohl zugeben, dass ich mir die palindrome nicht alle selbst ausgedacht habe. dafür gibt’s ja das internet :-). und da stossen wir auch schon zum kern deiner kritik. ich habe zwar nicht alte simpsons-folgen kopiert, (obwohl ich letztens als ratschlag eines alten erfolgreichen schriftstellers, der name fällt mir nicht mehr ein, gehört habe, dass man ruhig mal die „klassischen stoffe“ neu bearbeiten kann, besser als wenn man sich was völlig neu ausdenkt, was dann aber total schlecht ist), aber dieser text war auf alle fälle so etwas wie der beginn des boleslaw-beirut-projekts. das hört sich vielleicht komisch an, bedeutet aber bloss, dass ich versuche, mehr mit dem schreiben zu experimentieren. dass kommt in den anderen texten noch deutlicher raus – was die perspektive und den textbau betrifft.

daher wohl auch der eindruck, dass der text zu kurz ist, und die figur oberflächlich wirkt. ich meine, vielleicht ist es auch wirklich nur blödsinniger müll, aber ich habe diesen wettbewerb im fernsehen angeschaut. und mir dann gedacht, da könnte man doch was draus machen. bisher war es immer so, dass entweder ein text aus mir raussprudelte oder nicht, jetzt habe ich mir sozusagen vorgenommen, den text zu schreiben und versucht, ihn in einer ganz bestimmten art zu schreiben. vielleicht hat es geklappt…

Ich hoffe, du bist wohlbehaltener aus dem Urlaub gekommen als ich, und hattest spass. die filme, die du über berlin erwähntest, kenne ich nicht, sie hören sich aber ziemlich interessant an. ich schätze mal, das 1:1 projekt war dieses unsägliche stadtschloss-projekt. und SU 36 könnte SO 36 bedeuten, das ehemals legendäre viertel in kreuzberg… ich versuche, mir die mal zu besorgen.

diese woche ist in berlin ein kleines fantasy-filmfestival, wo ich mir ein paar sachen anschauen will. Übrigens: dank dsl sind wir ja jetzt auch auf der spitze der technik angekommen, und das musikdownloaden kann schon ganz gut sein. allerdings versucht einer unserer nachbarn seit wochen, einen bestimmten film (matrix 2) runter zu laden, und er wird ständig verarscht. mal bekommt er „soldat james ryan“, mal irgendwelche 50er Jahre western oder pornos…. da gehe ich doch lieber ins kino, kostet mich ja auch nichts *g*

Ich bin auf alle fälle gespannt auf die wiesbaden-delegation, die hier eintrifft, und ich sehe, ihr seid alle gut vorbereitet und informiert. ich kenne zwar keine underground-theater-geheimtips, aber da lässt sich garantiert was finden. falls ich übrigens meinte, dass ich eine große wohnung hätte, habe ich mich wohl falsch ausgedrückt….. :-). nein, aber mal im ernst, es wäre cool, wenn du bescheid sagst, wenn’s konkret wird, für wie viele leute du eine herberge brauchst, wann genau ihr kommen wollt etc.

Bis dahin wünsche ich dir noch einen schönen nach-urlaub. ich muss leider noch bis ende september eine hausarbeit schreiben und arbeiten, aber ich habe das gefühl, dass das trotz alledem einer der guten sommer ist…

drushba!

s.

grüße natürlich an alle anderen.

 

 

Datum: [Sommer 2003]

 

 Betreff:

 

 Hallo M.,

sorry, dass ich mir wieder etwas zeit gelassen habe mit dem antworten, aber wahrscheinlich kämpfst du sowieso gerade in schweden gegen mückenschwärme und vikinger. vielleicht gibt es aber auch in schweden mobile, von rentieren getragene internet-stationen: also skol!

erst einmal vorneweg, drei leute sind durchaus ok, und u. kann ruhig auch schon früher kommen – vorauskommando sozusagen. wie lange wollt ihr eigentlich bleiben, so nebenbei? ich kann dir ja gleichmal meine tel-nr. geben, für alle fälle, bevor ich es vergesse: […].

ansonsten geht es mir eigentlich ganz gut. alle schocks verdaut: autoschock (ich stimme deiner tüv-teufel-theorie vollkommen zu), kontoauszugsschock (wir haben gerade kohlen bestellt, da macht sich die verdoppelte wohnfläche auch bemerkbar ; -) und arbeitsschock (musste die ganze letzte woche durcharbeiten…). Aber genug geklagt. noch ist das wetter gut, und uni ist auch nicht, und ich komme mit dem schreiben auch ganz gut voran. also gute laune!

Das Paralleluniversum winkt aber wirklich gerade mal wieder mächtig mit dem zaunpfahl, würde ich sagen. mein langer text bleibt zwar meistens liegen, aber ich lasse nicht wirklich locker. habe sogar ein, zwei bücher „als recherche“ gelesen, u.a. über die sorben, das war ziemlich interessant. doch letztendlich komme ich wegen knapper zeit immer nur dazu, kürzere sachen zu schreiben. mich nur für eine halbe stunde oder so an den langen text zu setzten, das könnte ich noch nicht.

aber du hast recht, schreibblockade ist was anderes, so viel wie in den letzten paar wochen habe ich lange nicht geschrieben. das ist auch das gute an den gedichten, die sich immer mal wieder einschleichen: sie sind kurz.

im urlaub hätte ich übrigens schon gerne geschrieben, hatte auch den laptop mit, bin aber einfach nicht dazu gekommen. das war aber okay, denn das schreiben fest auf die urlaubs-tagesordnung setzten wollte ich auch nicht.

doch vor lauter schreiben komme ich inzwischen kaum zum lesen. ich habe mir eine liste angelegt von büchern, die ich demnächst lesen will (damit ich es nicht immer vergesse), und sie wächst und wächst.

deine einschätzung fand ich übrigens interessant: du hast geschrieben, dass dir aufgefallen ist, dass ich mich „als Schriftsteller“ versuche zu konstruieren. du hast natürlich vollkommen recht, allerdings weiss ich nicht, ob ich mich als schriftsteller bezeichnen würde. „autor“ ist immer so ein schönes ausrede-wort. obwohl es ja leute gab, wie musil und fallada, die unbedingt schriftsteller sein wollten, denen das ein bedürfnis war. und eigentlich ist es bei mir auch so, wozu macht man das denn sonst? aber jetzt schon zu sagen, ja, ich bin schriftsteller? hmmm.

Die Konstruktion schreitet jedenfalls voran. ich hänge dir heute auch auf jeden fall einen neuen text ran, hatte ich letztes mal vergessen. teilweise beobachte ich mich selbst, weiss selber nicht, wohin der weg, der text, geht. das ist ziemlich interessant, wenn man versucht, die bisher selbstgesetzten grenzen zu ignorieren. ich bin überrascht, manchmal.

Aber ich bin auch wirklich sehr gespannt auf deine neuen texte: ebenfalls her damit!

Ich würde demnächst auch gerne mal wieder (vor)lesen, und es gibt in zukunft vielleicht einige interessante optionen. ich hab zwar seit wiesbaden auch nicht mehr vorgelesen (keine zeit….), aber freunde von mir wollen eine kneipe aufmachen, mit kulturprogramm, dann gibt’s noch zeitungs- und illegale-partys-projekte, die luft sirrt nur so von kreativität hier, muss an dem guten gras liegen *g*.

Also, ich suche jetzt einen netten text für dich aus und bade dann noch ein wenig in inspiration. ich hoffe euer schwedenurlaub war angenehm und ihr seid heil zurückgekommen (kennt man euch in göteborg?) und man nahm euch euren antialkoholismus nicht übel.

Bis demnächst & grüße an l.[Hund] (der hund im […]-text übrigens…)

S.

ps. nö, ich lasse niemanden meine texte vorher lesen, aber es liest sie ja auch kaum jemand, wenn sie fertig sind *g*

pps. die geschichte, die ich ausgesucht habe, ist übrigens hauptsächlich als, sagen wir mal, experiment, oder ausprobieren anzusehen. ich weiss selbst nicht, was ich davon halten soll, deswegen schicke ich sie dir :- )

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