Sonntagnachmittag

18.10.03

Es war ein sonniger Herbstnachmittag, ein Sonntag, und die Luft schmeckte schon ein wenig nach dem Schnee, der bald fallen würde. Der junge Dichter mit dem blumigen Namen stand auf seinem Balkon und ließ sich die Nase ein letztes Mal von der Sonne kraulen. Er beobachtete das Geschehen unten auf der Strasse, das machte er ganz gerne, und sonntagnachmittags ist es auch nicht ganz so laut, es fahren nur wenige Autos. In solchen Momenten kommt der junge Dichter oft ein wenig ins Sinnieren.
Darüber, wie es wohl früher gewesen sein mag auf diesem Balkon. Als das Haus, in dem er wohnte, noch frisch gebaut war, und nicht am Zerbröckeln wie jetzt. Als die Straße unten noch eine Prachtmeile war. Als sie noch nicht zur bloßen Asphaltdecke degradiert, sondern stolze Pferde ebenso stolze Herrschaften auf ihr durch die Gegend kutschierten. Als der heruntergekommene U-Bahnhofsvorplatz um die Ecke noch Belle-Alliance-Platz hieß und auch dementsprechend daherkam.
Nun ja, es war nicht mehr wirklich die allerbeste Gegend hier, gut. Aber so schlimm, wie oft angenommen und bevorurteilt, war es auch nicht unbedingt. Das dachte der junge Dichter jedenfalls bisher. Als er allerdings das Tagträumen für einen Augenblick unterbrach, um zwei hübschen jungen Damen hinterherzuschauen, die eine Spur zu offenherzig gekleidet waren, sah er, wie vor der Toreinfahrt seines Hauses ein Fahrzeug versuchte, einzuparken. Es gelang mehr schlecht als recht, die Hälfte des Autos verblieb auf der Fahrbahn. Zum Glück war Sonntag.
Der junge Dichter konnte zuschauen, wie sich die Heckklappe des etwas lädiert aussehenden Wagens öffnete und jemand von hinten aus dem Auto gekrabbelt kam. Bei näherer Betrachtung erschien das dem aufmerksamen Beobachter auch nicht weiter verwunderlich, da alle anderen Sitzmöglichkeiten in diesem Fahrzeug schon mehr als belegt waren.
Das erklärte wohl auch das etwas mitgenommen wirkende Äußere des Gefährts, denn auf Dauer ist eine derartige Überladung für den Wiederverkaufswert nicht gerade förderlich. Den inzwischen auf dem Bürgersteig angekommenen entstiegenen Passagier schien das freilich nicht allzusehr zu interessieren. Im Gegenteil, er bekam aus dem heruntergekurbelten Fenster der Beifahrertür einen Briefumschlag gereicht, der einen prallen Eindruck machte. Und tatsächlich breiteten sich unzählige Fünfziger aus, als der ehemalige Kofferrauminsasse den Inhalt nochmal kontrollierte. Geldsorgen schienen hier also nicht zu herrschen, was den jungen Dichter, der langsam anfing, zu frösteln, doch ein wenig misstrauisch machte.
Der Balkon, der eigentlich eine Loggia war, was der auf ihm stehende junge Dichter aber trotz seiner sonst umfassenden Allgemeinbildung nicht wusste, konnte von dem dubiosen Gefährt nicht so gut eingesehen werden wie umgekehrt, daher war der heimliche Beobachter bisher unentdeckt. Was ihm auch ganz recht war, da ihm die Vorgänge dort unten auf der Straße langsam aber sicher etwas unheimlich wurden.
Der inzwischen mit den Geldscheinen ausgestattete Handlanger verschwand in einem der nächsten Hauseingänge. Das übrige schätzungsweise halbe Dutzend Fahrzeuginsassen rührte sich nicht. Das Gefährt allerdings schon, der Motor lief ununterbrochen, das Auto dampfte. Die kalte Jahreszeit brach wirklich langsam an. Einige Minuten später erschien der Umschlagträger wieder auf der Bildfläche, diesmal allerdings mit einer braunen Schnellimbiss-Tüte. Der junge Dichter wusste nichts von einem Schnellimbiss hier in der Gegend, vor allem nicht von einem so teuren, denn der Briefumschlag war weg.
Nachdem er die Papptüte durch das immer noch heruntergekurbelte Beifahrerfenster gereicht hatte, nahm der Bote wieder seinen Platz im Kofferraum des Fahrzeugs ein. Der junge Dichter ging das Wagnis ein, seine Position ein wenig zu ändern und damit zwar sichtbarer zu werden, aber eben auch sehender. Ihn interessierte schon sehr, was das denn für vorzügliche Hamburger sein würden, die es wert waren, gegen so viel Geld eingetauscht zu werden.
Es überraschte ihn nicht wirklich, als er sah, dass der Inhalt der Tüte nicht zum Verzehr bestimmt war. Es handelte sich dabei um einen mit zwei roten Gummibändern zusammengehaltenen Stapel Pässe. Der Fahrer, dessen tätowierter Arm jetzt zu erkennen war, riß das Bündel achtlos auseinander und warf einen kurzen Blick auf die wichtigsten Seiten in jedem der Dokumente. Das Ergebnis schien zufriedenstellend, die Reisepässe wurde nach hinten gereicht zu ihren neuen Besitzern und dem Motor wurde endlich eine Beschäftigung gegeben, dass er vor Freude die Reifen quietschen liess. Der junge Dichter blieb etwas ratlos zurück auf dem Balkon, der eigentlich eine Loggia war, und dann verschwand zu allem Überdruss auch noch die Sonne hinter dem Haus schräg gegenüber.
Gut – wenn die Anonymität, die Verwahrlosung der Großstadt dazu führt, dass am helllichten Tag vor seiner Haustür Geschäfte mir gefälschten Papieren gemacht werden – nur zu, darauf wüsste er eine Antwort zu geben! Eigentlich saß er gerade an einem naturwissenschaftlichen Projekt. Seine Aufgabe, die er sich übrigens selbst gestellt hatte, bestand darin, herauszufinden, was das Äquivalent eines durchschnittlichen Menschen, er hatte mal sich selbst als Exempel genommen, in Rekord-Briketts ist.
Die Ausgangsüberlegung war, dass ein Mensch mit seinen 37 Grad Celsius Körpertemperatur ja auch ein enormer Wärmespender sein müsste, da er über die Körperoberfläche gezwungenermassen auch Wärme abgibt, nach den Recherchen des jungen Dichters circa ein Watt pro Kilogramm Körpermasse. Und in einer Wohnung mit Kohlenheizung, wie sie sich gerade hinter ihm auftat, hinter der für jede Art von effektiver Heizbemühung völlig unzureichenden Holzdoppelbalkontür, kommt man schnell mal auf den Gedanken, auszurechnen, wie viele Zentner Kohlen man über den Winter mit seiner bloßen Anwesenheit spart. Mit dem Ergebnis dieser Untersuchung wäre es dem jungen Dichter auch möglich gewesen, den fiskalischen Vorteil auszurechnen, den ihm die Anwesenheit seiner Freunde, die jeden Abend uneingeladen vorbeischauten, verschaffte.
Aber dann eben nicht. Wenn solche Möchtegerngangster vor seiner Tür Geschäfte abwickeln, dann musste er reagieren. Wenn die Metropole ihre Krakenarme auf diese Tour in seiner Strasse ausbreitet, dann musste er zurückschlagen. Die Frage war nur: wie?
Er würde mit der U-Bahn fahren. Er würde sich in jedes in öffentlichen Verkehrsmitteln geführte Mobiltelefongespräch einmischen. Er würde offensiv die Zeitung seines Sitznachbarn lesen. Er würde ihn anstarren, wenn der Zeitungsbesitzer seine Rolle versuchen würde klarzustellen. Wenn dieser dann verschwunden wäre, was so ein behornbrillter vierzigjähriger anzuggrauer Angestellter wohl ohne Zweifel tun würde, dann würde sich der junge Dichter quer über die Sitzbank fläzen. Jede alte Dame, die ihn sitzplatzheischend anschauen würde, wird nichts als einen kaltstechenden Blick ernten.
Der junge Dichter würde jedes turtelnde Pärchen, das sich auf den ewiglangen U-Bahn-Rolltreppen nebeneinander lediglich fortbewegen lässt, ohne Hemmungen anschreien, dass sie sich gefälligst hintereinander zu stellen haben, es ist ja schließlich nicht jeder Student und hat so viel Zeit!
Er würde jedem Kind, das zusammen mit seinen zwei Geschwistern, seiner jungen, glücklichen Mutter und deren ebenfalls dreifach bekinderten Freundin unterwegs ist, dringend davon abraten, mit den dreckigen Gummistiefeln an seine Hosen zu kommen. Jedem anderen Kind, vorzugsweise in Begleitung eines Erziehungsberechtigten, natürlich auch. Denn falls auch nur ein Krume feuchten steuerfinanzierten Kinderspielplatzbuddelkastensands seine Beinkleider berühren sollten, würde er sich nicht scheuen, die versammelten Bälger in aller gebotener Deutlichkeit über die Erziehungsunfähigkeit ihrer Eltern zu informieren. Und ihnen eine Tracht Prügel anzudrohen.
Der junge Dichter mit dem blumigen Namen würde im nächsten Sommer mit einem Nikolauskostüm bekleidet versuchen, den Prenzlauer Berg mit einem Schlitten herunterzurodeln. Er würde auf den Bahnhof Zoo gehen, warten bis die BGS-Büttel in seine Nähe gekommen sind, um dann empört dem nächstbesten vorbeihastenden Yuppie anzubrüllen, dass er auf keinen Fall irgendein Scheisskoks haben will. Er würde besonders vor Schulklassen und Kindergartengruppen stets versuchen, bei rot über die Ampel zu gehen.
Da sollte dieser Scheissmoloch von Grossstadt mal überlegen, mit wem er sich da anlegt.

Wochenrückblick

Eine miese Woche, eine von den üblichen miesen Wochen, kein großes Ding.

Das Wetter passte gut dazu. Praktischerweise.
Beschissen, verkackt: Kann man schon sagen, auch wegen des Gasthunds,
der auf Kurzurlaub hier war (und natürlich auch toll ist, obwohl jedes Sirenengeheul beantwortet wird);
eine Weile alleine – also zu zweit – gelassen und geplündert, was es so zu plündern gab.

Die Bescherung kam später,
dann im Zweistundenrhythmus.

Viel zu wenig Schlaf,
viel zu wenig Zeit,
viel zu viel zu lesen,
viel zu viel Blues.

An Schreiben gar nicht zu denken;
wenn überhaupt mal kurz alte Texte durchgehen,
sie erst fast gut genug,
beim zweiten Mal aber schrecklich finden.

Es nicht mit Fassung tragen können.
Auch, dass Kriegshetzer bloßzustellen
jetzt schon für Nazivergleiche taugt.
Immer noch und immer wieder entsetzt.

Und auf einmal kam dann doch
die Sonne wieder raus, mehr Zeit auch.
Perfekt für den Wald,wo ungelogen
inmitten der Bäume zwei Leute Saxophon spielten.
(auld lang syne)

Schonmal nicht schlecht.
Aber erst, als ich noch mal widerwillig los musste,
und erkannte, dass mir gegenüber an der Ampel wartend
die von mir am meisten bewunderte Kreuzberger Nachbarin
(Sängerin, Dichterin, Hippiegöttin)
fröhlich mit ihrem Kind im Lastenfahrrad ansteckend scherzte;
da wusste ich:  doch keine so miese Woche, doch eigentlich ganz schön hier.

Hauptsächlich grün

Okay, vorläufig die letzte Wortmeldung zum Thema, das nahm ja ein wenig überhand hier in letzter Zeit, aber das muss ich dann doch noch loswerden: Es gibt ja diesen Bilderwitz in diesem Internet, mit der Musikkasette und dem Bleistift – „wer weiss, wie das beides zusammen passt, ist alt“ – oder so ähnlich.

Passend dazu: Nun ist der Vorteil der wieder aufgenommen Analogfotografie, dass man am Ende des Films ein kleine, praktische Filmdose übrig hat. Eine wirklich sehr praktische, if you know what I mean. Nudge, nudge.

Voila, Film Nummer soundso:

Aufgeschichteter Stapel von Baumstämmen im Grunewald

 

Nein, im Grunewald gibt es keine Löwen. Nur Wurzeln, die sich als solche tarnen:

wurzellionklein

 

An der Krummen Lanke war wohl die Jugendantifa unterwegs, mit weißer Farbe:

bank

 

…und sie haben die Känguru-Chroniken gelesen, löblich…

kangaroo1

 

kangaroo2

(usw. Beschriftetes rundes Holz ist gar nicht so einfach zu fotografieren…)

Flaschensammelkorb (ohne Flaschen):

flaschen2

 

Flaschensammelkorb (mit Flaschen):

flaschen

 

Diese Flieger hab ich schonmal irgendwo gesehen. Am nächsten Tag waren sie weg.

planes2

 

Der Staat ist schuld, klar.

awake

Peter – Begegnung am Fanta Rock

01.03.03

Ich traf Peter oberhalb des Wasserfalls bei Watervaldrif. Peter Kraus, wie dieser unsägliche Schlagersänger, so stellte er sich vor. Das Wasser stürzte unter uns sechzig Meter in die Tiefe. Unten sammelte es sich in einem Becken, in dem man wunderbar schwimmen konnte. Die Wassertemperatur war angenehm niedrig, da das Tal unten sehr eng war, also den ganzen Tag lang schattig. Das bewog uns auch gestern dazu, hier hoch zu klettern. Weil John, der Besitzer des Backpackerhostels sagte, dass wir, falls wir den Wasserfall besuchen würden, unbedingt dort hin klettern sollten, wo er anfängt. Also hoch auf den Berg.
Das taten wir dann auch, und als wir oben ankamen, wurden wir dafür reich belohnt. Der Fluss, der hier in die Schlucht hinunter stürzte, tat dies nämlich nicht am Stück. Er sammelte sich, vielleicht vor Schreck oder zur Erholung, nach vier Metern erst noch mal in einem kleinen Pool. Und dieser war im Gegensatz zu dem Bassin unten fast den ganzen Tag in der Sonne. Und sehr einsam. Gestern waren wir ganz allein dort oben. Wir tauften die Klippe, auf der wir kampierten, „Fanta Rock“, da eine Softdrinkdose gleichen Namens uns verriet, dass wir nicht die einzigen waren, die diesen wunderbaren Ort aufsuchten.
Heute allerdings wollte G nicht mitkommen, der Aufstieg schien ihm zu lang für den Genuss, in den man kommt, wenn man in dem kleinen Pool badet, mitten in der vermeintlich ungestörten Natur. Das war übrigens der zweite, unausgesprochene Grund, der ihn dazu bewog, heute in der Herberge zu bleiben: Die Natur. Wir hatten uns gestern leichtsinnigerweise mit den normalen Trekking-Sandalen auf den Weg gemacht, und zwar ganz untypisch für deutsche Touristen ohne weiße Tennissocken. Als wir dann abends am Grillfeuer darüber nachdachten, wohinein wir fast barfuss getreten wären, wurde uns schon etwas mulmig. Schließlich gibt es hier in der Gegend Kobras, die sich mal eben auf 1,80m aufrichten und einem ihr tödliches Gift über eine Entfernung von anderthalb Metern direkt ins Gesicht spucken. Da hilft zwar festes Schuhwerk auch nicht viel, aber trotzdem, schließlich bleiben ja noch ein paar gefährliche Spinnen und Skorpione übrig.
Also blieb G in der Stadt. Ich allerdings wollte noch mal zurück zum „Fanta Rock“, und so schnappte ich mir ein Fahrrad und fuhr zum Wasserfall. Und als ich dann den Aufstieg gemeistert hatte, lag Peter auf dem Felsen in der Sonne, das nasse gelbe Handtuch neben ihm verriet, dass er auch schon die Vorzüge des Pools genossen hatte.
Nach ein paar bruchstückhaften englischen Konversationsbrocken bemerkten wir, dass wir beide Deutsche waren. Als ich ihn fragte, was er so machte, antwortete er „Gras schmuggeln“. Ich weiß nicht genau, ob es mein Äußeres war, das ihn zu dieser unverblümten Antwort verleitete. Also fragte ich nach. „Das ist eine lange Geschichte mein Freund!“ antwortete er, und da er scheinbar davon ausging, dass ich Zeit hätte, bröselte er schon einmal ein bisschen Tabak in ein Blättchen. Weil der Tag noch frisch war, und mich die Geschichte interessierte, ging ich darauf ein.
„Es hat alles mit einer Home-Shopping-Sendung angefangen. Ich hatte gerade was geraucht, und danach schaute ich mir ganz gerne so einen Scheiss an, das war das richtige Niveau. Ich dealte ein wenig herum, so an Freunde, da kam nicht viel bei rum. Auf diesem Einkaufskanal jedenfalls vertickten sie gerade ein Vakuum-Einschweißgerät. Die Leistungsfähigkeit dieses Teils demonstrierten sie daran, dass sie circa 60-80 Coladosen in so eine Tüte steckten, und mit der Kraft der Vakuumpumpe wurden sie nicht nur luftleer versiegelt, sondern natürlich auch, mit einem Physik-Leistungskurs-Abitur sollte man das wissen, zerquetscht.“
Peter holte ziemlich weit aus, eigentlich wollte ich ihn fast unterbrechen, da ich ja hier her gekommen war, um zu baden, doch der erste Zug von seiner Tüte, die aus Manna-Gras zu bestehen schien, überzeugte mich, noch eine Weile (oder für immer, wieso eigentlich nicht….) auf der Klippe liegen zu bleiben, so dass ich ihm also noch gut weiter zuhören konnte.
„Das war jedenfalls das, was mir fehlte, es fiel mir wie Schuppen von den Augen.“ fuhr Peter fort. „Nach zwei Jahren Kleindealerei bekommst du schon irgendwie die typische Dealerparanoia. Es könnte ja doch mal passieren, dass die Bullen kommen und deine Wohnung durchsuchen, zumal du in einem stadtbekannten autonom verwalteten Hausprojekt wohnst. Ab einer gewissen Menge sollte man sich darüber mal einen Kopf machen. Und der tollste ZipLoc-Beutel kann eine Spürhundnase nicht täuschen. Aber so ein Vakuumpumpgerät, das 80 Coladosen zerquetscht und nur 230 DM kostet, das wär doch was. Weil ich bekifft war, dachte ich kurz darüber nach, ob dieses Angebot nur eine Falle der Bullen für paranoide Kiffer sein könnte, und die Staatsmacht dann bei jedem, der sich dieses Gerät kaufte, eine Hausdurchsuchung macht, die Adressen bekommen sie ja durch die Bestellung sozusagen frei Haus, aber diesen Gedanken verwarf ich ganz schnell. Schließlich hatte ich schon viel zu viel Geld rausgeschmissen, weil ich meine Elektropräzisionswaage aus verschwörungstechnischen Paranoia-Gründen im Fachhandel gekauft habe und nicht um die Hälfte billiger im Internet. Also bestellte ich das Vakuum-Verschweißgerät, und ein paar Tage später kam es dann auch per Post. Ich probierte es an allem möglichen aus, und natürlich auch gleich mit dem Gras. Und es funktionierte wunderbar. Ich hätte mir ein Kilo Gras umschnallen, zum Polizeirevier laufen und nach einer Besichtigung der Spürhundstaffel bitten können und mir wäre nichts passiert.“
Ich erinnerte mich daran, wie mein Dealer zu Hause immer mit endlos verpackten Plastiktütenbündeln ankam, die trotzdem zehn Meter gegen den Wind stanken, und konnte Peter nur beipflichten. Das wusste er zu honorieren indem er mir den letzten Rest der Tüte überließ und fortfuhr zu erzählen:
„Nachdem ich eine Weile ziemlich stolz auf meine neue Verpackungsmethode war, wurde ich ein wenig unzufrieden. Ja, ich machte dadurch auch ein bisschen mehr Kohle, weil ich jetzt risikofreudiger war. Deshalb konnte ich mir einen netten Urlaub leisten. Ein Freund von mir schwärmte mir von diesem Land hier vor, und da es sich ganz nett anhörte, spendierte ich ihm als eine Art Fremdenführergage den Flug, und wir hatten eine sehr gute Zeit. Vor allem, da das Gras hier so billig war. Ich meine, wenn es für uns als Touristen eine Mark kostete, damals vor der Euro-Umstellung, was würde es dann im Großeinkauf kosten? Eines Tages kamen wir hierher, und durch einen netten Einheimischen erfuhren wir, dass es schon ohne Touri-Aufschlag bei dreissig Pfennig für mittelkleine Mengen lag. Natürlich denkt jeder darüber nach, wenn er die Preise für die Drogen vor Ort erfährt, wie schön es doch wäre, wenn man das importieren könnte. Aber spätestens wenn man an die Grenzkontrollen denkt, verflüchtigt sich dieser Gedanke wieder. Spürhunde und Durchsuchungen.
Da ich dank meiner Vakuumpumpe vor den Spürhunden keine Angst mehr hatte, dachte ich weiter. Es ist ja allgemein bekannt, dass ein einfacher doppelter Boden nichts mehr hermacht. Ich habe Geschichten gehört, dass Leute von Holland Gras geschmuggelt haben, indem sie es in den Reifen ihres Autos versteckt hatten. Die Bullen, die hinter ihnen fuhren, fanden den Geruch nach einer Weile komisch und hielten sie an. Naja, und was passiert dann erst an Flughäfen oder per Schiff?
Ich überlegte eine Weile, wie man das Gras tarnen könnte, gut verpacken und so weiter. Ich dachte an Autos. Erst vor kurzem hatte ich zufällig einen Oldtimerhändler besucht, der die Karren unendlich billig und dazu durch das trockene Klima sehr gut erhalten verkaufte. Und da er hauptsächlich europäische Kunden hatte, kannte er sich ganz gut mit der Verschiffung aus. Also dachte ich, kauf ich mir einen Oldtimer und packe ein paar Kilo Gras rein. Aber da ich ja das Auto danach auch weiterverkaufen wollen würde, dürfte ich nicht viel dran schrauben. Von den unterschiedlichen Gewichten auf dem Papier und in real mal ganz zu schweigen. Wenn man näher drüber nachdenkt, ist Schmuggeln echt schwierig. Du musst ein gutes Versteck finden. Das ist so ein Auto nicht, trotz jeder noch so guten Vakuumpumpe.
Am nächsten Tag besuchte ich mit meinem Fremdenführer-Freund einen kleinen Markt. Dort gab es neben Obst und anderen Lebensmitteln auch den typischen Schnickschnack. Für Touristen angefertigte Kunstgewerbegegenstände, in den Townships hergestellt, meist aus Müll. Flugzeuge aus Coladosen zum Beispiel. Und diese Coladosen ließen mich wieder wehmütig an meine Schmuggel-Idee denken, die ich aufgrund der Unwägbarkeiten schon fast aufgegeben hatte. Fast. Denn beim Anblick der Propellerdinger aus Weißblech kam mir der entscheidende Einfall.
Ich konnte es kaum erwarten, wieder zurück nach Deutschland zu kommen und alles in die Wege zu leiten. Mein Begleiter war nicht ganz so euphorisch von der Idee, weil es ja doch ein gewisses Risikopotential barg, illegale Drogen zu schmuggeln, doch er war bereit, mitzumachen. Wir versicherten uns der Unterstützung unseres neuen Freundes, der meinte, er könne uns jede beliebige Menge besorgen, seine Familie sei seit Generationen sozusagen hauptberuflich in der Branche tätig. Wir recherchierten noch ein wenig, knüpften weitere Kontakte, notierten alles was wir brauchten, und nahmen den nächsten Flug zurück, in der Vorfreude auf unseren baldigen Besuch hier.“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen stand Peter auf, nahm Anlauf und sprang in den Pool. Er verstand es, die Spannung zu halten, dachte ich. Als Antwort darauf und um die Spannung ein wenig rauszunehmen fing ich an, die nächste Tüte zu bauen. Als ich das Werk vollendete, ging ich zu dem Steinvorsprung, an dem sich Peter gerade hochzog, gab ihm sein Handtuch und den Joint samt Feuerzeug und sprang selbst ins kühle Nass. Ich tauchte eine Weile unter dem kleinen, in seinen Anfängen steckenden Wasserfall hindurch und paddelte dann langsam an den Rand des Beckens zurück. Als ich nah genug dran war, löste Peter sein geheimnisvolles Rätsel auf.
„Kunst! Wenn du keine geeignete perfekte Verpackung findest, musst du eben eine erfinden. Als ich in Deutschland ankam, gründete ich mit meinem Mitstreiter sogleich einen gemeinnützigen interkulturellen Kunstverein. Auf dem Markt kam mir nämlich die Idee, dass wenn die ganzen Touristen sich den Kram kaufen, dann würde es wohl auch nicht auffallen, wenn man einen Teil davon nach Europa ausführt. Das machen bestimmt auch ein paar andere Leute, sonst gäbe es ja die ganzen Dritte-Welt-Läden nicht.
Also nehme man ein klassisches Transportgefäß, einen Eimer, und packt vakuumverschweißtes Gras rein. Dann muss man die ganze Sache noch als Kunst tarnen. Deswegen bestellten wir bei der einheimischen Kunststofffabrik vor Ort Acryleimer. Durchsichtig also. Dort rein packten wir das Gras in ein extra am Boden befestigten Innengefäß. Und dann ließen wir einen Künstler, mit dem wir vorher Kontakt aufgenommen hatten, diesen Eimer mit buntem Sand füllen, so wie man es von den kleinen Glasgefäßen auf den Märkten jedes Urlaubslandes kennt. Diese Eimer arrangierten wir dann zusätzlich noch zu Kunstwerken, also etwa eine große Sonne.
Das war das erste Projekt. Eine Sonne, aus 10 kreisförmig zusammengesetzten Eimern, deren kunstvolles Innenmuster die Sonnenstrahlen symbolisierten. Über das Loch in der Mitte spannten wir noch eine Leinwand, die die Sonne selbst darstellte. Und fertig war das Kunstwerk. In jedem Eimer lagerten luftdicht versiegelt und unsichtbar fünf Kilo Dope. Insgesamt hatten wir zwei Sonnen à zehn Eimer, was zusammen hundert Kilo bestes Swazigras ergab. Im Einkauf haben wir dafür zusammengeborgte 15.000 Mark bezahlt, dazu noch mal hundert Mark pro Eimer, inklusive Herstellung und Befüllung, also zweitausend, und für Transport und Versicherung, es handelte sich ja schließlich um Kunst, noch mal so ein paar große Scheine. In Deutschland wurde uns das Gras zu einem unschlagbaren Preis von drei Mark fuffzig aus den Händen gerissen. Also blieb uns nach der ersten Tour abzüglich Tickets und Spesen locker eine Viertelmillion. Das war vor ungefähr vier Jahren. Also, wenn du mich fragst, was ich so mache, dann sage ich, ich bin Kunsthändler.“
Mit diesen Worten verabschiedete sich Peter und stieg den Berg hinab. Ich allerdings musste mich erst mal von dieser Geschichte erholen, legte mich in die warme Nachmittagssonne und schlief ein. Oder hatte ich die ganze Zeit geschlafen und das alles nur geträumt?

 

Noch’n Zitat, zweiter Teil

Zu „Der letzte Tango in Paris“ hat Fauser eine tagesaktuell passende Casting-Anekdote parat:

Brando hatte der jungen, unerfahrenen Schauspielerin [Maria Schneider, d.Verf.] auf seine eigene Art die Aufwartung gemacht. Er lud sie vor Beginn der Dreharbeiten zum Essen ein, setzte sich mit ihr an die Bar des Restaurants und bat sie, ihn eine halbe Stunde schweigend anzublicken. Wahrscheinlich wusste Old Bud nicht, daß die Schneider eine Marihuanakettenraucherin war und es zum Standardrepertoire eines durchschnittlichen Kiffers gehört, stundenlang seinen großen Zeh anzustarren; jedenfalls riß Maria diese halbe Stunde aus dem Stand ab und hatte sich damit Marlons uneingeschränkten Respekt erworben.
[Jörg Fauser: Marlon Brando. Der versilberte Rebell. Eine Biographie., S.190]

Was das jetzt mit dem längsten Tag des Jahres (der auch nur 24 Stunden hat…), der Fete de la musique oder dem ‚Schland-Spiel zu tun hat, fragen Sie? Gar nichts, richtig! Aber heute kommt der Messias darnieder und hält Hof im Görli (Zu dem PR Kantate letztes Jahr glatt ein neues, kaum geklicktes Musikvideo gemacht hat). Wenn ich das richtig verstanden habe.

Wer nun denkt: Lass diesen Clown da ruhig in der Wüste rufen – bittesehr, kein Thema. Ein ernstes Thema ist das allerdings doch, und genügend ernsthafte, gar respektierte und dekorierte Menschen erzählen seit Jahren, dass der sogenannte War on Drugs verloren ist. Kofi Annan zum Beispiel. Ein paar Experten und Wirtschaftsnobeltreisträger (naja….) der London School of Economics zum Beispiel. Die Weltkommission für Drogenpolitik, mit so namhaften Mitgliedern wie dem schon erwähnten Annan, aber auch George P. Shultz, Carlos Fuentes, Mario Vargas Llosa, Javier Solana oder Marion Caspers-Merk, zum Beispiel. Einige Regierungschefs in Südamerika zum Beispiel. Ein paar Gesundheits-(Kosten)Forscher zum Beispiel. Oder selbst deutsche Strafrechtler, zum Beispiel.

Manchmal hoffe ich ja klammheimlich darauf, dass die Merkelin, die – das darf man nicht vergessen – die CDU ja komplett umgekrempelt hat, wo keiner mehr offen homophobe Witze machen darf, die Wehrpflicht und die Energiewende-Wende abgeschafft hat und wahrscheinlich auch sonst so gut wie alle früheren Ideale dieser Partei über Bord warf, dass die also mal auf den Trichter kommt, dass sich Drogen wunderbar besteuern liessen, Gerichte und Knäste wieder mehr Zeit für Schwarzfahrer hätten und überhaupt, alle viel glücklicher wären. Oder so. Und Hanfkönigin könnte sie so auch noch werden.

Aber gefährlich isses schon:(via)

 Trevlig Midsommar!

 

Noch’n Zitat

Gestern das letzte Fauser-Buch ausgelesen: Die Brando-Biografie. War eine Premiere, die hatte ich mir bisher immer gespart. Eigentlich mag ich Biografien, und natürlich mag ich Fauser, aber die Kombination stand bisher halt jungfräulich im Regal, während die anderen Fauser-Bände längst kräftig abgegriffen sind. Wo doch schon Zweig riet, sich an Biografien zu versuchen, sie aber wenigstens zu lesen. Und Loest eine Karl-May-Biografie schrieb, die auch Fauser beeindruckte (und die ich laaaaangeee bevor ich Fauser kennenlernte mehrere Male las, teilweise noch mit Taschenlampe unter der Bettdecke). Ist also, wenn man so will, ein wichtiges und wahrscheinlich unterschätztes Genre.

So, und was soll der Schmus? (Wie er es sagte) Klar bin ich begeistert, weil es nämlich viel, viel mehr als eine stinknormale Lebensnachschreibung ist; eher eine Weltbeschreibung (und auch Selbstbeschreibung), 1978 in zwei Monaten runtergeschrieben. Wo es eben solche (und noch viel mehr) Kostbarkeiten zu finden gibt:

Das heißt, weder der christliche Humanist [ein gewisser Dr. Kraus, d.Verf.] noch der alte Neulinke [Jean Amery] sehen, daß der aufgeklärt christlich/bürgerliche Staat, dem sie bis in die atomaren Mülldeponien noch ihre Reverenz erweisen, jenem Europa, jenem ‚Abendland‘, jener reinen Utopie längst den Garaus gemacht, das Hirn zertrampelt, die Kinder erschlagen hat. Sie seichen immer noch, von den Managern der Bewußtseinsindustrie ins Fernsehen gehievt, ausgehalten von den Zuhältern jener Konzerne, die das Abendland und Morgenland und diese ganze Erde bis auf den letzten Quadratmeter ausplündern, um sich sodann dem Weltraum zuzuwenden, und das Ganze natürlich verbrämt mit Politik/Kultur/Humanismus/Aufklärung und bewußtseinsmäßig gut geölt von den gemieteten Schreiberlingen jeder Provenienz, sie seichen, schleimen und laichen, bezahlte Zuträger der Macht, Kulturkorrektoren der Multis und ihre Politkommissare, sie sagen Abendland, und was genau meinen sie damit? Wohl doch die Perpetuierung von dessen Untergang.
Der weise Mann wendet sich von solchen Bildern ab und der Gefährtin seiner Nächte, der Poesie und dem Trunk zu. Der Rebell zieht weiter, jenseits des Untergangs liegt vielleicht ein anderes Bewußtsein, eine andere Gemeinschaft, eine andere Welt. Der Politik kommt man mit Politik nicht bei, dem Staat nicht mit Staat, der sterbenden Kultur nicht mit sterbender Kultur, dem Westen nicht mit dem Osten.
[Jörg Fauser: Marlon Brando. Der versilberte Rebell. Eine Biographie. S. 148]

Kurzer Hinweis

Mal ganz aus der Reihe getanzt – dank der Depublizierungsfrist der ÖR ein hingerotzter Hinweis: Gestern machte ich ausnahmsweise mal wieder die Glotze an, und konnte mich fast nicht entscheiden. Wirklich wahr! Da ich vom Elend der Welt aber eh schon die Schnauze voll hatte, entschied ich mich gegen arte und den Master of the Universe, der ist später dran, sondern meine Wahl fiel auf This ain’t California: Die Rollbrettszene in der DDR, inklusive the incredible Fahrradschlauchtrick. Passte irgendwie besser zu meiner melancholischen Stimmung. Skaten war damals übrigens nicht so meins, ich hatte es eher mit dem BMX-Rad, das machte sich auch besser in den Abraumhalden der Lausitz. Andere Geschichte.

Wo ich schon mal multimedial verlinke, gibt es gleich noch zwei Podcasts oben drauf, welche mir die letzten Waldrunden verkürzten und die hoffentlich nicht so schnell depubliziert werden: Zuerst zweineinhalb kurzweilige Stunden zu Erich Mühsam, mit Rowohlt, Ebermann, Rellöm und Spilker. Ist genauso großartig wie es klingt. Und dann, nicht ganz so kurzweilig, aber auch interessant:  Ein Vortrag von Lukas Holfeld über Hölderlin und die Versteinerung der Revolutionäre.  (Beides via Audioarchiv)

Mit einem Zitat von diesem schliesse ich dann auch wieder die Pforten. Was waren das für Zeiten, als Idealismus noch denkbar war…

Du räumst dem Staate denn doch zu viel Gewalt ein. Er darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das laß er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag es an den Pranger! Beim Himmel! der weiß nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, daß ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte. (quelle)

 

o.T. 5

20.08.05

Noch nie
hatten wir so viel
Vergangenheit
wie jetzt.
Das fordert
schon allein
die Zeit.

Jeden Tag
neue Massaker
und Kriege.
Was soll das
für ein Gedächtnis sein
in
sagen wir mal
zweihundert Jahren?

Das wird
noch eine große Aufgabe
werden.
Für die Pharmakonzerne.

Pappelpollen

Es hat eine Weile gedauert: Viele Texte waren zu lesen, andauernd kamen neue dazu. „Ach komm, das wäre doch auch noch was für die nächste Linkliste…“ Dachte ich mir oft, setzte ein Bookmark, auf dass ich den Beitrag in einem ruhigen Moment lese und eben eventuell in die nächste Linkliste aufnehme. (Um die es sich hier übrigens handelt, falls sich wer fragt…) Dann kam auch noch das gute Wetter dazwischen, diverse Seen im Grunewald wollten besucht werden, in Kreuzberg vor der Haustür wurde sorgsam der nächste zerbrochene-Bier-Mate-MiniHugo(!)-Flaschen-Slalom aufgebaut, das heimliche Highlight jeder Großveranstaltung.

Und dann trotzdem der obligatorische Karnevalsbesuch: Erst, weil die Tomaten wirklich dringend umgetopft werden mussten – Dienstag wäre zu spät gewesen, da führte kein Weg dran vorbei, sondern also direkt zur Domäne, wo es die billige Blumenerde gibt. Spassige Sache, Karnevalssamstag um 16 Uhr einen 40l-Sack so schnell wie möglich durch das Gewusel auf die andere Straßenseite zu schleppen, wo es wenigstens etwas ruhiger ist. Abends dann aber wirklich, zwei Fliegen mit einer Klappe, mindestens: Das neue Yaam in der alten Maria wollte ich mir sowieso schon längst angeschaut haben, ausserdem hatte ein guter Freund, der noch vernünftig verabschiedet gehörte vor seinem langen Urlaub, eine +1 auf der Gästeliste frei. Die Band, mit der er verbandelt ist und wegen der wir da waren, ging gut ab, der Rest drumherum eher nicht so. Dafür schien es aber in der Zwischenzeit draussen auf der Strasse ordentlich gekracht zu haben, die Brücke war gesperrt und mit ziemlich vielen Polizeifahrzeugen zugestellt. Obwohl es weit nach Mitternacht war, halfen bei der Absperrung Jünglinge in Uniform, die eigentlich längst ins Bett gehörten. Schnupperpraktikum, kurz bevor es in die Oberstufe geht, dachte ich. Und: Ganz okay, das neue Yaam, dachte ich auch. Klar war das alte Gelände besser, aber immerhin haben sie jetzt mindestens zehn Jahre Planungssicherheit.

Wo wir gerade schon mal bei der Polizei sind: Die twitterte in Berlin 24 Stunden lang jeden Einsatz live. Diese eine, vielbeschriene Seite des Netzes geht mir ziemlich weit am Hinterteil vorbei. Mit sozialen Netzwerken kann ich nicht viel anfangen, der GooglePlus-Account, der mir mal mit einer Betaphaseneinladung aufgeschwatzt wurde, liegt seit Jahren brach und taugt nur noch zur Überraschung über die regelmäßig hereinflatternden Vorschläge, wen man vielleicht kennt (erschreckend genau manchmal). Facebook nutze ich seit Jahren, allerdings nur, um mit Freunden und Bekannten zu kommunizieren, die weiter weg wohnen: Australien, Südafrika, USA, Uruguay, jenseits der Bergmannstrasse, so in der Art. Ich habe dort vielleicht zwei Dutzend Freunde, und noch nie hat einer von denen Essensbilder oder Selfies gepostet. Irgendwas muss ich scheinbar richtig gemacht haben.

Twitter hat mich nie gereizt, ich konsumiere diesbezüglich einzig und allein die monatlichen Lieblingstweet-Listen diverser Blogs. Aber es ist nicht nur die Berliner Polizei – selbst die CIA hat sich jetzt mit einem heissdiskutierten ersten Tweet zu Wort gemeldet. Ich finde das alles andere als witzig: Die eklige, abstossende Seite der Staatsmacht versucht es jetzt also mit Ironie. Ihr mögt mich nicht, weil ich diese ganze Demokratiegeschichte mit meiner Totalüberwachung kaputtgemacht habe? Dann spiele ich jetzt halt den lustigen Klassenclown. So kommt mir das vor, im Jahr 2 nach Snowden. Absurdes Theater, aber nur zum Heulen, nicht komisch. Klar konnte man das alles schon längst wissen, wusste es sogar, verdrängte es aber, bis es eben irgendwann doch durch die Bewusstseins-Oberfläche durchbrach.

Verdammt, und  schon hat sich die Politik hinterhältig eingeschlichen. Dabei will das doch kein Mensch lesen: Atomabfälle vor Afrikas Küsten verklappen und sich dann über Piraten beschweren. Sowas passt einfach nicht, ausserdem ist doch bald WM (und wehe, da krittelt jemand an der diesbezüglichen Gute-Laune-Berichterstattung mit menschelndem Wohlfühlfaktor rum). Dafür werden selbst die Kriege kurz auf Pause gestellt, nicht auf den Schlachtfeldern in der Ukraine oder in Syrien, aber immerhin in den Medien. Nicht mal um den Verbleib des goldenen Brötchens wird sich journalistisch gekümmert, eine Schande! Aber wieso sollte sich auch jemand für eine halbwegs differenzierte Darstellung der Gegenwart interessieren, wenn das nicht mal mit der Vergangenheit funktioniert? Wer es differenzierter will, soll halt ins Museum gehen. Letztens las ich irgendwo die Theorie, dass es in den Nachrichtensendungen so viele bad news gibt, weil es ein Gleichgewicht zu den good news der Werbepausen geben muss. Bei dieser eigentlich guten Nachricht vermute ich allerdings andere Beweggründe, warum sie es nicht in die Tagesschau schaffte.

Also bleibt nur der Rückzug in die innere Emigration, oder in die Wälder, zur Not auch in die inneren. Das passt gut, denn es wird sowieso mal wieder Zeit, hier durchzukehren. Diese Pappelpollen (was für ein schönes Wort für eine so nervige, aber eben auch schöne Angelegenheit – ab in die Überschrift damit) haben ihre Zeit ja nun wohl hinter sich. Die Berliner Polizei twitterte immerhin live über deren Ableben. Und auch sonst gibt es die eine oder andere Veränderung, hier auf der Spielwiese und im Kiez. Das mit der Spielwiese, das Experimentieren, wie ich es genannt habe: ich habe das Gefühl, das klappt ganz gut. Im Sinne des Herumprobierens, möglichst ohne Scheu und Rücksichten. Vielleicht ergibt sich daraus ja dann irgendwann eine Linie, vielleicht auch nicht.

Ich kann mich also eigentlich keineswegs beklagen: Das Wetter passt, ich komme ausgiebig zum Lesen und zum Schreiben gar, und auch mit dem Blog sollte ich zufrieden sein. So ganz falsch läuft es also gar nicht, wenn man liest, was es so für kluge Ratschläge gibt. Jeder der erwähnten Aspekte hat allerdings auch einen kleinen Haken. Das Gelesene wartet auf einem immer größer werdenden Stapel darauf, dass die angestrichenen Sachen aus ihm herausgeschrieben werden. Das Schreiben ist großartig, führt aber doch dazu, dass hier im Blog – Punkt 3 also – Schmalhans mal wieder als Küchenmeister eingestellt wird und es hauptsächlich Aufgewärmtes aus der Tiefkühltruhe gibt. Was ja nicht immer schlecht sein muss, schon klar. So komme ich also nur zu kleinen Justierungen: daMax neue Adresse wird – längt überfällig – in der Blogroll angepasst, und dort kommen endlich auch die Schrottpresse und berlin:street rein.

Überraschungen gibt es natürlich auch allerorten: Da musste erst jemand, die seit knapp zehn Jahren viel zu weit weg in Australien wohnt, für viel zu kurze zwei Wochen vorbeikommen, damit ich mal wieder – auch gefühlt seit zehn Jahren – in den Prater Biergarten gehe. Und mir dann dort erklären lassen, dass die Eisenbahnmarkthalle jetzt (wieder) Markthalle IX heisst und weltweit really famous ist für ihren food market. Ich habe  sie immer mit Herrn Lehmann verbunden, für den es dort, im Weltrestaurant, in der Markthalle und im Privatklub die Premierenfeier gab, die mir aus mehreren Gründen immer in guter Erinnerung bleiben wird, auch, weil sie so gelungen war.

Eine weitere Überraschung – wir sind bei der obligatorischen Literatur-Abteilung angekommen – hat die Mit-Fauser-Jüngerin Katja Kullmann aufgetan. Da gibt es als Sahnehäubchen noch einen alten Text vom Captain Ploog dazu. Wer es lieber zeitgenössischer mag: Die Frau Bukowski haut ein Kleinod nach dem nächsten raus, da werden  sämtlichen Jurys dieses Landes die Ohren schlackern, oder die Augen nervös beim Lesen zucken. Auch auf rocknroulette gab es kürzlich eine sehr feine Serie, falls wer mehr Zeit zum Lesen hat.  Oder bei Glumm, natürlich. Es mag ja bereits angeklungen sein, dass ich den für ziemlich famos halte. Manchmal bin auch ich nicht vor Fanboytum gefeit, deshalb ging es mir ungefähr so wie der wolkenbeobachterin, als hier vor einiger Zeit ein Sternchen aus Solingen eintrudelte. Da ich aus Erfahrungen lernte, ist meine Bewunderung meist eine stille, die eben gerade nicht auf möglichst große Nähe aus ist – ich befürchte bzw. erlebte, dass Menschen, die große Kunst schufen, als Menschen trotzdem Arschlöcher sein können. (Wer weiss, wie ich so von anderen gesehen werde: ich jedenfalls nicht…).

Zum Abschluss gibt es noch einen kurzen, starken Text von tikerscherk  und eine Serie vom Kiezneurotiker zu Rock im Park (der es natürlich nicht nötig hat, von hier verlinkt zu werden, sondern dem für das Verlinken zu danken ist. Nur, dass diese Ausschläge nach oben in der Blogstatistik den Rest immer so kümmerlich aussehen lassen … Wie auch immer, für das „Kann nicht wenigstens mal jemand auf den Boden spucken?“ musste ich einen Link setzen.)

Wem das alles zu viel Text ist, hier sind ein paar Bilder.

Köpenick, Kanal & Co.

Dieses Fotolabor scheint jeden Brückentag mitzunehmen. Das hat mal wieder etwas länger als erwartet gedauert, aber dafür war – im Gegensatz zu den letzten beiden drei Versuchen – die freudige Überraschung ob des Ergebnisses umso größer. Und Freude gehört geteilt, selbst wenn es vielleicht ein bisschen viel ist:

Dieses Scannen kann einen übrigens kirre machen; scannen, zurechtschneiden, 36 Bilder lang mit der alten Möhre. Allerdings habe ich dabei, im Rahmen der Routine, wenigstens gute Musik gehört, und zwar mit dem antiken CD-Wechsler, um die Möhre zu schonen. Und bin auf folgenden Soundtrack gestossen: Die Antwoord hat was, durchaus;  schon längere Zeit kann ich die beiden drei ab und zu ganz gut leiden. Letztendlich sind sie aber nur eine traurige 2010er Version von The Prodigy. Die ich eben in dem CD-Wechsler entdeckte. Sag ich mal als Laie.  Den Vergleich ziehen lustigerweise auch andere, viel berufenere Federn. (Auf die Kusturica-Story hätte ich auch selber kommen können müssen)  Es sollen immerhin 28 Grad werden, oder so. Und noch dazu Karneval der Kulturen. Prost Neujahr, sozusagen! (Fuck, waren die geil, damals in Roskilde…)

(Nicht auf den Bildern, aber zur gleichen Zeit passiert: Wie die alte Hundedame und ich an der Köpenicker Promenade Rocky trafen, mit seinem ganz und gar rockyuntypischen Collie. Eben:  kein Pitti, kein Rottweiler und – scnr – auch kein Boxer. So drehten wir zu viert eine kleine Hunderunde miteinander. Kein unsympathischer Mensch, ganz im Gegenteil. Am Katzengrabensteg trennten sich unsere Wege, und natürlich hat die eingebildete, wunderliche alte Hundedame den in voller Hormonblüte [no pun intended] stehenden Collierüden nicht mit dem Arsch angeguckt.)

Mozzarellafresser

22.05.03

(Der Vollständigkeit halber; oder wie man Literatur beim Entstehen zuschauen kann: Als Otto Sperber noch keinen Namen hatte.)

Früher hingen hier in den Hinterhöfen Schilder wie „Betteln, Hausieren und Ballspielen verboten“. Früher gab es hier Großfamilien mit Berliner Schnauze und wenig Geld.

Heute würde kein Mensch daran denken, hier Ball zu spielen. Dafür gibt es Parks. Schließlich spielt ja auch kein Kind mehr im Rinnstein, jedenfalls wohl nicht mit Zustimmung der Eltern.

Aber es gibt trotzdem noch einiges zu sehen. Das vermitteln jedenfalls die beiden Frührentner im vierten Stock, die jeden Tag von 9 bis 13 Uhr und von 20 bis 21 Uhr ordnungsgemäß ihren Platz einnehmen. Der ist auf dem Fensterbrett, Vorderhaus, dort wo die Kissen liegen. Wäre der vierspurige Straßenlärm nicht so laut, dann würden Sie bestimmt ab und zu auch mal eine Zurechtweisung brüllen, so was wie „Mann, Steppke, wie alt bist du denn? Weeß deine Mutter eijentlich, dit du roochst, oder soll ick ehr mal Bescheid sahgn?“

Doch die beiden Alten haben Glück, dass der Verkehr so laut ist. Denn die Zeiten haben sich geändert, die Antwort auf diese Frage würde wohl der eilends herbeigeholte große Bruder des Steppkes geben, der innerhalb weniger Minuten dank eines 3er BMWs jedem seiner Familienmitglieder sehr schnell zur Seite stehen kann. Und die Antwort würde nicht sehr nett ausfallen und irgendwas mit „Willst du Ärger oder was?“ zu tun haben.

Also sitzen sie stumm am Fenster. Im Gegensatz zu anderen Bewohnern dieser Straße. Wenn man spät abends, wenn nur noch wenige Autos fahren, manchmal hier lang geht, dann hört man jemanden Kontrabass spielen, auf dem Balkon. Vielleicht übt er ja für seine Arbeit: Hier in der Gegend wohnen keine Sinfonieorchestermitglieder, eher einer der U-Bahnmusiker. Bald wird die BVG die kompletten Flohmarktbestände der Betteln-und-Hausieren-Schilder aufkaufen und an ihre Waggons pappen.

Ab und zu fallen ein paar Brocken Putz von der Fassade des Hauses. Fünf Stunden später wird dann der Bürgersteig gesperrt. Sicher ist sicher, vielleicht rutscht ja jemand auf den Putzstücken aus. Als Zeugen, so was wird polizeilich aufgenommen, stehen die beiden Frührentner gerne zur Verfügung. Andere Leute beschäftigen sich lieber mit ihren Balkonpflanzen, wenn auch mit interessiertem, auf der Autobahn geübten Schaulustigen-Seitenblick.

Wenn man schon immer im Biomarkt einkauft, bekommt man irgendwann das Bedürfnis, selbst was zu tun. Also kann man ja wenigstens ein bisschen Petersilie, Schnittlauch und – Achtung, darf auf keinen Balkon fehlen – Basilikum anbauen. Man tut was man kann, und irgendwie schmeckt der glückliche-Büffel-Büffelmilch-Mozzarella mit dem selbstgezogenen Basilikum auch viel besser als mit dem von Kaisers, der auch immer sofort nach dem ersten Blätterabzupfen eingeht. Vielleicht hat dieser besondere Geschmack ja aber auch was mit den schätzungsweise 30.000 Autos zu tun, die hier täglich langfahren.

Wer auf Basilikum mit Mozzarella abfährt, der ist gemeinhin auch Experte, was die Crema betrifft. Früher konnte ein stinknormaler deutscher Filterkaffeehersteller sein Produkt noch „Krönung“ nennen. Heute würde das als Scherz aufgefasst werden, im besten Falle. Heute gibt es ernsthafte Überlegungen, die Herstellung von Filtertüten ganz einzustellen, weil diese Art von Kaffeezubereitung hipnessmäßig nur noch in Bahnhofskneipen durchgeht.

Espresso, Lavazza, Macchiato, Latte, Capuccino. Wieso immer Italien? Weil Crema so geil klingt? Eine richtige Crema kann man übrigens nicht weg rühren. Da sind die wichtigsten Stoffe drin. Und ihre Konsistenz ist natürlich ganz von der Sorte der Bohne abhängig. Dieses Wissen wird vorzugsweise in Bordmagazinen verbreitet.

Die Frührentner finden Espresso zu bitter und Mozzarella labberig und nichtsschmeckend. Bei ihnen liegt eher ein Harzer Roller im Kühlschrank. Wenn sie mal über eine Crema diskutieren, dann geht es eher darum, dass er meint, es hätte heute morgen, als er pisste, ganz schön geschäumt.

Das hört sich hart an, ist aber die Wahrheit. Und wahr ist auch, dass es die Mozzarellafresser vor gar nicht allzu langer Zeit ziemlich trendy fanden, die Geheimnisse des Morgenurins auf eine ganz andere Art zu erkunden.