In alten Gefilden

Eigentlich war ein alter Bekannter, Nachbar und temporärer Mitbewohner schuld. Lange verschollen und jetzt das erste Mal seit fünf Jahren wieder im Lande, zu Besuch von den Inseln, die unser Wetter machen. Er hat ein etwas seltsames Verhältnis zu seinem etwas seltsamen Hund. Und schaut etwas zu laut seine seltsamen ARD-Vorabendserien, gestreamt, nebenan im Wohnzimmer, weil er drüben kein Netz hat.
Also schmiedete ich Fluchtpläne, und siehe da: In der Schankwirtschaft eines anderen alten Freundes, den ich ebenfalls viel zu lange nicht mehr gesehen hatte, gab es so eine Art Lesung. Ein günstiger Zufall.
Sowieso: Schon Monate nicht mehr im Prenzlauer Berg gewesen! Kein Regen in Sicht und die letzte Spätsommerabendluft in der Nase, mit dem Rad über die Fischerinsel mit Blick auf den in der viel zu frühen Dämmerung angeleuchteten Dom, über die Spree, die hier fast einen Hauch von Hamburg versprüht.
Ich kannte den Laden schon, als es ihn noch gar nicht gab, nur im Kopf des zukünftigen Wirtes. Inzwischen musste er unter großem Getöse umziehen, hat dafür aber jetzt seine eigenen vier Wände. Das Konzept ist immer noch das Gleiche, im Grunde stammt es von der alten, selbstverwalteten Kneipe drei Ecke weiter, wo wir uns damals um Kopf und Kragen kickerten und kifften: Im Angebot waren Kultur, Politik und Alkohol, in unterschiedlichen Dosierungen, aber immer möglichst preiswert. Natürlich ist auch hier die Kultur meist am billigsten, oft sogar umsonst. Beim Alkohol kommt das nur in Ausnahmefällen in Frage.
Seit je her wehte hier ein schwacher Hauch der alten Prenzlauer Berg-Bohème, oder dem, was noch davon übrig ist. So auch an diesem Abend. Eine Zeitschrift wurde vorgestellt, genauer die vierte Ausgabe derselben. Subkultur, natürlich. Gibt es auch noch, so etwas, zum Glück. Ich wies ja schon vor einer Weile auf ein anderes Blatt hin und mache das auch jetzt gerne wieder . Wie viele weitere gute Underground-Mags derweil unerkannt an mir vorbeirauschen, kann ich natürlich nicht wissen; eine Menge, wahrscheinlich, hoffentlich.
Der Saal war noch leer, so konnten wir in Ruhe am Tresen die Ereignisse der letzten Wochen und Monate abgleichen. Der Überfall letztens – auch die verschiedensten Meldungen darüber weckten meine Neugier und bewogen mich an diesem Abend hier her zu fahren – war weit weniger dramatisch als von den einschlägigen Quellen behauptet. Ein Plastikaschenbecher musste dran glauben, das war’s. Den größten Schaden richtete die Staatsmacht an, besser gesagt ihr Pfefferspray in Kombination mit dem Deckenventilator. Also alles halb so wild.
Pünktlich eine halbe Stunde nach dem angekündigten Beginn ging es dann los, ein wenig mehr Publikum war inzwischen auch eingetroffen, trotzdem nahmen die Autoren der vorzustellenden Zeitschrift auch jetzt noch den Großteil der Stühle in Beschlag.
Für Brasch, Have- und Biermann bin selbst ich viel zu jung, aber hier saßen Leute, die damals dabei waren, zumindest hätten dabei sein können. Und – von dem was ich über diese Zeit weiss, darüber gelesen habe – viel anders war es jetzt&hier auch nicht. Ohne Begrüßung las man erst einmal drauf los, ein kosovarisches Gedicht, wie sich herausstellte.
Erst danach wurde die Runde und der genaue Ablauf der nächsten Stunde vorgestellt. Und ab da war wirklich erst einmal kein Unterschied zu den späten 70ern erkennbar: Auf Heiner Müller-Lyrik folgten Victor-Jara-Nachdichtungen, deren Originale daraufhin zur Gitarre gesungen wurden, von jemanden, der ein wenig wie eine Mischung aus Müller und Wim Wenders aussah. Übrigens ziemlich gut gesungen, hatte ja aber auch genug Zeit, der gute Mann, zu üben und zu beobachten, wie was am besten ankam. In all den Jahren.
Schon bei den Müller-Gedichten fiel mir mal wieder auf, dass Gedichte zu schreiben ein Klacks ist, verglichen damit, Gedichte zu lesen(unter bestimmten Umständen jedenfalls – über den feedreader zum Beispiel), oder gar vorgelesen zu bekommen. Daher auch meine Verweigerung dem Vorlesen gegenüber – das sollte man können. Andersrum wird ja auch in den seltensten Fällen erwartet, dass Schauspieler gute Stücke schreiben. Nicht umsonst gab es früher Vortragskünstler. Kurzum: Bis auf wenige Ausnahmen lese ich mir Gedichte am liebsten selbst stumm in meinem Kopf vor, bevorzugt von Papier.
Ganz ähnlich erging es mir, als die zeitgenössische, selbstverfasste Literatur an der Reihe war. Nur selten drang bei der vorgelesenen Austellungskritik (Alltag in der DDR) durch, wie gut sich der Text vielleicht lesen lässt (Diese Ausstellung muss genauso gegen den Strich gelesen werden wie das ND zu DDR-Zeiten.).
Ein alter Profi und Ostpunkexperte brachte dann etwas Schwung in die Veranstaltung. Erst berichtete er von den unwissenden Studenten, mit denen er sich gerade in einer Gastvorlesung herumschlagen musste (sowas kommt immer gut an), dann beschwor er wort- und stimmgewaltig vergangene Beatpoetenabende mit Wolfgang Hilbig, Leipzig anno 79. Da war er wieder, der Fluch des Vergangenen, er schien über diesem Abend zu liegen, aber dieser Abend war dann auch schon vorbei und selbst vergangen.
Als Zugabe, nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung, gab der Wirt noch eine Improvisation im Notenständer-Zusammenklappen (eine Spende des Konzerthauses, ob freiwillig oder nicht habe ich nicht herausgehört). Womit er leicht einen der Höhepunkte des Abends ablieferte, was nichts zur Qualität der Texte oder der Zeitschrift sagen soll. Die werde ich mir nämlich noch mal in Ruhe selbst vorlesen; stumm, in meinem Kopf.
Eine Lesung. Wer weiss, vielleicht berichte ich ja demnächst von einer anderen.

Vor dem Gesetz

23.03.04

 

Der Richter hob seinen Blick knapp über die halben Gläser der Brille und sah ihm direkt ins Gesicht. „Herr Sperber – das ist doch ihr bürgerlicher Name? – das ist eine vielleicht etwas intime Frage, aber bitte, schildern Sie uns doch mal ihr Verhältnis zur Sexualität, so allgemein.“

„Euer Ehren, mit allgemeinen Sachverhalten kann ich nicht dienen. Wenn es um Sexualität geht, bitte: Mit 13 Jahren habe ich das erste Mal onaniert, in der Badewanne, unter Zuhilfenahme von Kernseife. Als Vorlage diente mir dabei eine Szene des Buches `Gullivers Reisen´, in der Gulliver am Hofe der Riesen von den Hofdamen zu deren Belustigung zwischen ihre eingeschnürten Brüste gesteckt wird. Diese Vorstellung prägte, wie ich jetzt weiss, mein späteres Sexualverhalten enorm, da ich mich immer zu Frauen mit grossen Busen hingezogen fühlte.

Allerdings konnte ich nie eine langfristige Beziehung zu einer Frau aufbauen. Es fing damit an, dass ich im Alter von sechzehn Jahren, nach meinen ersten enttäuschenden Erfahrungen, in einer Zeitung eine Anzeige für Telefonsex fand. Da meine Eltern nicht im Haus waren und aufgrund meiner Erregtheit mein Denkvermögen einigermaßen eingeschränkt war, rief ich umgehend die angegebene Nummer an und sprach stundenlang mit den unterschiedlichsten Frauen in unflätigster Art und Weise.

Diese Art der Konversation fesselte mich ungemein, um es schonend auszudrücken. Ehrlich gesagt wurde ich in einem rauschartigen Anfall wie besessen davon, ich musste es immer wieder machen.

Doch umgehend wurden mir auch die Konsequenzen meines Handelns bewusst. Die erste Telefonrechnung konnte ich noch abfangen. Nach anderthalb Monaten allerdings bemerkte mein Vater Otto Unregelmäßigkeiten auf seinem Kontoauszug. Er erwähnte es nebenbei am Abendbrotstisch, ohne vorwurfsvollen Unterton. Daher war ich mir sicher, dass er noch keinen konkreten Verdacht geschöpft hatte. Aber wie ich ihn kannte, würde er so schnell wie möglich weitere Nachforschungen anstellen, da die abweichende Summe, er nannte keinen genauen Betrag, scheinbar nicht ganz unerheblich war.

Tags darauf packte ich meine Sachen und machte mich aus dem Staub. Die ganze Angelegenheit war mir unendlich peinlich. Ich wäre lieber, verzeihen Sie mir die Ausdrucksweise, doch ich weiß inzwischen wovon ich spreche, ich wäre lieber in den Höllenschlund gesprungen, als dass ich meinem Vater, einem einstmals vorbildlichen Angestellten, Rede und Antwort über die erhöhte Telefonrechnung hätte stehen müssen. Ich sah meine Eltern nie wieder.

Nach Jahren des Herumtreibens in den verschiedensten geografischen und sozialen Milieus ließ ich mich dann letztendlich mit Anfang zwanzig in einer Großstadt nieder. Bis dahin hatte ich es nicht gewagt, meiner Sexualität wieder freien Lauf zu lassen. Ich war immer noch geschockt von dem unbändigen Potential, das dabei freigesetzt wurde. Mir war durchaus bewusst, dass ich ein Problem hatte, doch ich wollte einen letzten Versuch unternehmen.

Sie müssen wissen, zu dieser Zeit fingen die Frauen an, sich enorm freizügig zu kleiden. Überhaupt schien die gesamte Gesellschaft in höchstem Maße sexualisiert zu sein. Ehemalige Erotikdarstellerinnen machten Wahlkampf für eine ehemalige Regierungspartei. Es gab kaum mehr einen Unterschied zwischen Musikvideos und Pornofilmen. Von jedem Plakat und aus jeder Gasse brüllte einen der Sex geradezu ins Gesicht. Ich war jung, ich wohnte mit anderen jungen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammen und es wurde viel geteilt. Es gab philosophische Gespräche in der Gemeinschaftsküche, aber auch in ihnen drängte sich die Sexualität immer mehr in den Vordergrund. Spätestens seitdem die Franzosen wieder in Mode kamen, Foucault, Houellebecq. Ich fühlte mich einem gewissen Druck ausgesetzt.

Eines Abends ging ich in das Zimmer meines Mitbewohners, der gerade in einem Cafe dem Müßiggang nachhing, um an seinem Computer meine E-Mails nachzuschauen. Ich stieß zufällig auf einen Ordner mit pornografischen Fotos und Filmen, mich überkam ein unsägliches Verlangen nach Selbstbefriedigung, dem ich schließlich nachgab. Dann schaltete ich schnellstmöglich den Computer aus und begab mich in mein Zimmer.

Ich quälte mich die ganze Nacht mit Zweifeln über die Normalität meines Sexualverhaltens, wusste andererseits aber auch nicht, wie es zu bewerten war, dass mein Mitbewohner solches Material auf seinem Computer gespeichert hatte. Am nächsten Morgen schleppte ich mich dann müde und wie gerädert zur Universität, um dort im Computersaal noch mal mein Postfach abzufragen, das hatte ich am Abend zuvor nämlich vergessen. Wie ich in solchen Momenten immer alles um mich herum vergaß. Auf dem Weg dorthin, schon auf den Fluren der Alma Mater, fand ich eine dieser neuen Digitalkameras. Das stimmte mich etwas froh, ein wertvoller Fund, als Student hatte ich ständig Geldsorgen. Ich zog mich auf eine Toilette zurück, um mir das Gerät näher anzuschauen.

Es war ein sehr modernes Modell, das LCD-Display zeigte ein ganz passables Bild und das Menü bot unzählige Funktionen. Dann öffnete ich den Ordner, in dem die bisher aufgenommenen Bilder gespeichert waren, und ich erkannte drei meiner Kommilitonen, wie sie sich in unterschiedlichsten Positionen unbekleidet miteinander vergnügten.

In diesem Moment beschloss ich, mich von dieser Gesellschaft los zu sagen. Ich machte unverzüglich kehrt und trat noch am gleichen Tag dem Orden des heiligen Franz bei. Das war vor fünf Jahren. Daher kann ich ihnen über Sexualität, so im Allgemeinen, nicht viel sagen. Praktisch gesehen, im wortwörtlichen Sinne. Und ich bin, rückblickend betrachtet, auch sehr glücklich über diese Entscheidung, wenn ich ehrlich sein soll, und darum geht es hier ja, nicht wahr? Allerdings, Euer Ehren, wenn ich Ihnen auch eine Frage stellen dürfte: Es geht hier doch um einen Verkehrsunfall, wieso stellen Sie mir solche Fragen?“

Spätsommersplitter – Obey Mehringplatz

Als meine schwäbische Mitbewohnerin noch ganz frisch in der Stadt war, noch nicht im Bermudadreieck aus Goldenem Hahn, Franken und Trinkteufel verschollen, kam sie eines Tages aufgeregt von einer Erkundungstour zurück und erzählte, dass sie irgendwelche Schauspieler Darsteller irgendeiner Vorabendserie getroffen hätte. Wobei mir weder die Namen noch die Serie irgendetwas sagten. Doch ich konnte ihre Aufregung nachvollziehen, mit einem milden, wissenden Lächeln auf den Lippen natürlich.

Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, dass einem hier die Gesichter aus den Illustrierten vor der Nase herumlaufen. Was der Schwäbin spätestens klar wurde, als Pete Doherty vor ihrer Stammkneipe rumrandalierte wie jeder andere Säufer auch. Irgendwann gehört es jedenfalls zum Alltag, von dem die Berliner, deren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt sich in Mahlsdorf-Süd befindet, freilich auch nichts mitbekommen. Obwohl: Die haben immerhin Frank Schöbel als Nachbarn.

Ich gehöre – das wollte ich damit sagen – nicht zu den Menschen, die sich für jeden dahergelaufenen Prominenten kreischend auf den roten Teppich am Potsdamer Platz stellen. Ich laufe ihnen eher zufällig über den Weg. Am letzten Wochenende machte ich allerdings eine Ausnahme.

Dank des Internets erfuhr ich, dass Shepard Fairey gerade dabei war, gleich bei mir um die Ecke, im Herzen meines Kernkiezes, eine Wand anzumalen. Ich mag Street Art sehr, doch auch hier versuche ich, möglichst jeglichen Personenkult zu vermeiden. Es geht schliesslich um die Kunst, nicht um den Künstler (Dass dies nicht wirklich zu trennen ist, ist eine andere Geschichte). So kannte ich zwar das 2008er Hope-Poster, aber der Name und das Gesicht des Künstlers dahinter blieben mir bis zum Banksy-Film verborgen. Banksy war eine lange Zeit der einzige (berühmte) Street Artist, den ich namentlich kannte.

Ich halte Faireys Kunst größtenteils für ganz gelungen. Trotz meiner innigen Feindschaft zur Werbeindustrie, die wohl für einen Großteil seines inzwischen vermutlich beträchtlichen Vermögens verantwortlich ist. Auch in Berlin war er nicht nur, um eine Wand zu bemalen, sondern auch wegen der Präsentation einer von ihm gestalteten Schnapsflasche. Da hätten wir es wieder, das Dilemma: Guernica gibt es nicht ohne Guernica, Warhol nicht ohne Campbells Tomatensuppe, den großartigen Clip zu Heart Shaped Box von Anton Corbijn (und dessen Karriere als Regiesseur) nicht ohne MTV.

Also: Ich mag Faireys Kunst, aber nicht die Verpackung drum herum, sozusagen. Ich teile vieles von der Kritik an ihm.  Banksys Linie sagt mir mehr zu, kommt mir durchdachter vor. Allerdings verkenne ich auch nicht die Umstände, das Wie sie wurden, was sie sind. Banksy kommt aus dem England der Eisernen Lady. Fairey aus den USA, studierte in Kalifornien; ihm dürfte auch die Kalifornische Ideologie nicht ganz fremd sein. The Clash vs. Bad Religion. Wobei nicht vergessen werden sollte, dass die Skateboarder- und Hip-Hop-Szene der USA dort eben auch eine gewisse Zeit lang als Ausgeburt der Hölle, des Teufels und der Commies betrachtet wurde, bis eben die Verwertbarkeit in den kapitalistischen Konsumtempeln die Abscheu vor den fremdartigen Langhaarigen mit ihren Rollbrettern unter den Füßen überwog.

Am Mehringplatz angekommen,  setzte ich mich in einiger Entfernung vom Schauplatz des Geschehens auf eine der Bänke im äußeren Kreis, um noch schnell einen neuen Film in die Kamera zu legen. Ganz in der Nähe befand sich der Treffpunkt der örtlichen Trunkenbolde, und so dauerte es auch nicht lange, bis einer von ihnen auf mich zukam und etwas Tabak schnorren wollte. Er hätte keine Zeit, welchen zu kaufen und ausserdem machte die Frau schon wieder Stress, da müsse er erstmal hin und die ruhigstellen. Sagte er und hielt seine Hand auf. Auch im Knast schien er es eilig gehabt zu haben, von der ACAB-Tätowierung auf den Fingern waren nur die ersten beiden Buchstaben fertig geworden.

Ich schüttete etwas Tabak in seine hohle Hand und fragte ihn scherzhaft, ob er zur Crew gehörte. Natürlich wusste er nicht, wovon ich redete. Er hatte sich bei dem letzten Besuch auf dem Slubicer Markt wohl nicht viele Gedanken darüber gemacht, was es mit dem OBEY-Hoodie auf sich hatte, das er dort wahrscheinlich für fünfzehn Euro gekauft hatte und jetzt trug. Als ich ihm in kurzen Zügen die Geschichte erzählte und meinte, dass ebendieser Typ jetzt um die Ecke eine Wand anmalt, konnte er es kaum abwarten, mit dieser brandheissen Neuigkeit vor seinen Saufkumpanen zu glänzen. Die nervende Frau war längst vergessen.

Ungefähr eine Stunde lang schaute ich Fairey und seinen Helfern bei der Arbeit zu. Ich hatte es mir auf der Brüstung des U-Bahn-Eingangs bequem gemacht, fotografierte ein wenig und wechselte hier und da ein paar Worte mit denen, die für ihn filmten und fotografierten. Ich fragte mich, ob der Publikumsverkehr in der Sixtinsichen Kapelle auch so achtlos an Michelangelo vorbeiströmte wie die gehetzten U-Bahn-Passagiere, die in regelmässigen Schüben von der Rolltreppe ans Tageslicht gespuckt wurden. Ein unzulässiger Vergleich natürlich, aber dieser Gedankengang wurde sowieso gleich darauf von der örtlichen Nachwuchsgang unterbrochen. Fünf viertelstarke Kreuzberger Jungs, maximal zwölf, würde ich schätzen, kamen um die Ecke gebogen und kickten eine halbvolle Wasserflasche vor sich her und schliesslich die Rolltreppe entgegen der Fahrtrichtung hinunter. Woraufhin sie allesamt hinterherstürzten.

Nicht der  ziemlich berühmte und trotzdem von den meisten Passanten ignorierte Künstler, sondern die fünf Jungs waren in den nächsten zwanzig Minuten die Hauptattraktion: Sie stürmten die Rolltreppe rauf und runter, übten den Moonwalk und ein paar Pässe mit inzwischen zwei Wasserflaschen. Die in Mitleidenschaft gezogenen Rolltreppenfahrer machten einen ziemlich genervten Eindruck, vor allem, da die Rolltreppe aufgrund des Krawalls in schöner Regelmässigkeit stoppte. Die Künstler wirkten dagegen sogar ein wenig verängstigt, nicht nur wegen der Sorge um die wertvolle und eilends von der Brüstung eingesammelte Technik, sondern auch wegen der Lautstärke und der fremden Sprache; Deutsch an sich soll für fremde Ohren ja schon eine gewisse Agressivität in sich bergen – das der Kreuzberger Kids, kombiniert mit ihrem unbändigen Bewegungsdrang, war jedenfalls eine arge Nervenprobe für Fairey und seine Crew. Sie übernachteten im Friedrichshain, da gab es sowas nicht. Ich überlegte kurz, ob ich ihnen  Die kommen aus Kreuzberg, ihr Muschis! samt Kontext übersetzen sollte, beliess es dann aber doch bei einer simplen Beruhigung.

Zum Glück war der Spuk kurz darauf ganz schnell vorbei – und das Bild sowieso fast fertig. Einer der Jungs hatte wohl etwas grösseren Mist unten auf dem Bahnsteig gebaut und jemandem war der Kragen endgültig geplatzt, jedenfalls kam der Übeltäter schnell wie nie die Rolltreppe hochgelaufen, schmiss seinen Kumpels ein „Scheisse, die haben die Bullen gerufen!“ vor die Füsse und verschwand in dem nächsten Hochhaustunnel. Die vier anderen Rabauken natürlich direkt hinterher und schon kehrte wieder die ignorante Ruhe der alltäglichen Betriebsamkeit ein. Ich schoss noch ein paar Bilder von dem fertigen Bild und packte wie die Künstler auch meine Sachen zusammen. Als sich unsere Wege am anderen Ende des Platzes trennten und ich mich mit einem „Nice to have you here“ verabschiedete, sah man in der Ferne zwei ratlose Polizisten um den U-Bahn-Eingang herumlaufen.

Weitere Bilder und Hintergründe zu dem Mural gibt es bei Sebastian Hartmann (noch einer, der längst in die Blogroll gehört) . Ich bin dann noch ein bisschen durch die Gegend geschlendert, der Film musste ja auch voll werden, und habe den Rest des großartigen Nachmittags in dem großartigen Kiez genossen.

Shepard Fairey und ein Mitarbeiter bei der Fertigstellung seines Murals (Make Love not war) am Mehringplatz

Detailaufnahme Shepard Fairey bei der Fertigstellung seines Murals (Make Love not war) am Mehringplatz

Eine beinahe fensterlose Wohnhausfassade, Brandwand, der Putz bröckelt ab, unten an der Wand ein Graffti: Morgen ist auch noch ein Tag

Blick auf die Lindenstrasse, im Hintergrund ist der Fernsehturm zu erkennen

Fassade des von der Sonne angestrahlten Jüdischen Museums in Berlin, davor kreuzen einige Passanten die Strasse

Recht hat er…

…der Kiezneurotiker. Und Felix Schwenzel auch. Und ihnen wird Gehör geschenkt, und dann wird wieder auf die Leute gehört, die auf sie hörten. Und dann … ist irgendwann das Internet voll mit von Hand kuratierten Linklisten. Da kann ich natürlich nicht aussen vor bleiben, die letzte Linkammlung hier ist ja auch schon eine ganze Weile her.

Nun dauerte das Durchforsten der abgelegten Lesezeichen mal wieder besonders lange: Alles nochmal lesen, abwägen, ob es sich lohnt und/oder sich thematisch überhaupt einfügen lässt in das Gesamtkunstwerk Linkliste – und nicht zuletzt nachschauen, ob man diesen oder jenen Inhalt nicht schon einmal verwurstet hatte. Da sich also einiges angesammelt hat im Laufe der Zeit gibt es jetzt sogar – trommelwirbel – Kategorien:

Sachen, die wahrscheinlich eh schon jeder kennt, die es aber wert sind, bis ins Unendliche verlinkt zu werden

Ein Musikvideo, gleich zum Anfang. Um die Stimmung aufzulockern, es für die kommende, vielleicht schwere Kost der Textlinks leichter erträglich zu machen? Eher nicht, obwohl dieses Video durchaus gute Laune machen kann. Also – ich hatte vor einiger Zeit in den Kommentaren schon mal auf den Song „Der Tag wird kommen“ von Marcus Wiebusch hingewiesen. (Standardfloskel: Früher war der viel besser). Jetzt ist das Video dazu da, mit 30.000 Crowdfunding-Euros gedreht, wenn ich das richtig verstanden habe. (Wobei es auch wieder komisch ist, kurz vorher eine Summer of the 90’s-Doku auf arte gesehen zu haben, in der es um die Millionenbudgets für die Clips damals ging) Das Ergebnis kann sich sehen lassen, ganz gut gemacht, schönes Konzept, wie ich finde:

Dazu noch ein paar kurze Anmerkungen: Das Video zeigt sehr schön, dass das Internet nicht gut oder böse, sondern mindestens beides ist (ich mag diese Kategorien ja sowieso nicht besonders). Einerseits: Das crowdfunding, das in diesem Falle geklappt hat. Andererseits: Die schamlosen homophoben Kommentare darunter. Es gibt also noch einiges zu tun und zeigt, wie nötig dieser Song (und dieses Video) sind. Ob es was bringt? Nun, meine Kristallkugel ist gerade nicht griffbereit und auch ansonsten bin ich ja eher ein Pessimist. Trotzdem sollte man es natürlich immer wieder versuchen. Sisyphos halt. Manchmal klappt es vielleicht sogar. Und wenn nicht, gibt es immer noch tolle Videos.  Dieses hier, um ein weiteres Beispiel zu nennen, zu einem ganz anderen Zweck produziert.

Zum Abschluss und als Überleitung ein letztes Propagandavideo, dessen Anliegen ebenfalls nicht oft genug betont werden kann:

hard stuff

Hier scheint es also so, als ob der Protest etwas bewirkt hätte. Nur: Aaron Swartz hat sich aufgehängt. Das klingt nicht nach einem Sieg. Scheitern ist immer möglich. Womit wir schon beim nächsten Thema wären: Durch Robin Williams‘ Abschied wurde  mal wieder anderthalb Tage lang über Depression und Suizid gesprochen. Für Andreas Biermann ist in den Tagesthemen niemand auf den Tisch geklettert, doch auch er hat seinen Kampf verloren. Denn genau so sehe ich das: Es ist ein Kampf, viele schaffen es, wenigstens ein Unentschieden rauszuholen, aber es kann durchaus auch schiefgehen, wenn die Dunkle Fee (die dir den einen Wunsch erfüllen kann) plötzlich aus dem Hinterhalt einen Überraschungsangriff startet. Ich würde jedenfalls in diesen anderthalb Tagen, die alle Jahre wiederkehren, gerne mehr komplexere Beiträge lesen anstatt – wie allzu oft – immer nur den Verweis auf den Werther-Effekt, damit kann ich nämlich eher wenig anfangen. Immerhin besser als die Abscheulichkeiten der Presse anlässlich des Suizids von Virginia Woolf. Letztlich muss das jeder mit sich selbst ausfechten: Der, der gehen will, und die, die übrig bleiben. Beides beschissene Situationen. Und bisher ging es ja nur und unzulässigerweise generalisierend um die Themen Depression und Suizid. Das lässt sich natürlich viel breiter auffächern: Intros und Extros, Autismus und so vieles mehr vom Krieg mit sich selbst müsste noch besprochen werden, allein – es fehlt die Zeit und die nächste Kategorie drängelt schon:

Einfach nur tolle Texte … und ein bisschen Literatur

Auch in diese Gefilde soll eine kleine Brücke führen: Der Mythos von Genie und Wahnsinn hält sich ja hartnäckig, wohl nicht ganz ohne Grund. Wenn einem der Wahnsinn bestimmte Filter nimmt, schlägt sich das mitunter in genialen Resultaten nieder. Nachhelfen kann man da – auch aus medizinischen Gründen – mit diversen Drogen. Oder man kauft sich das falsche Steak. Doch sollen die erzählen, die sich damit auskennen: Bei Herbert Volkmann und Andreas Glumm scheint das ohne Zweifel der Fall zu sein.

Mit Letzterem sind wir dann auch schon mitten in den tollen Texten, die sich bei ihm zuhauf finden lassen (sagte ich das bereits?).  Falls man sich je von diesen lösen kann, schlage ich vor, die Reise von Glumms Solingen in Richtung Thorges Hamburg fortzusetzen, sozusagen. Erst zu einem aus den Fugen geratenene Konzert der Beginner, dann dorthin, wo Berlin und Hamburg sich treffen.

Frau Haessys Reise führt dagegen mit dem Zug nach Bonn und Arno Frank verbrachte seine halbe Jugend auf einer Irrfahrt quer durch Europa. Auf Wirre Welt Berlin ist der Weg nicht ganz so weit, er führt lediglich das Treppenhaus runter in den Hof, spätnachts, weil es brennt. Stephanie Bart hat es da schon schwerer, eine Rikscha schiebend auf dem Oktoberfest.

Bei Nilzenburgers Geschichte zu Boris Becker spielt das Oktoberfest erstaunlicherweise keine Rolle, dafür führt er den Vorruf ein: Erlebnisse, die ich mit Persönlichkeiten hatte, die man vielleicht (mich eingeschlossen) ganz anders eingeschätzt hat. Fun Fact am Rande:  Für diese Rubrik fiel mir zuerst ein Erlebnis mit Frank Zander ein. Könnt ich wirklich mal aufschreiben, dachte ich. Dann las ich den ersten Kommentar…

Der Literaturbetrieb, der etablierte, der sich etwa bei dem Berliner Literaturfestival gerade selbst feiert (oder betrauert) ist ja vor allem auch durch Preise, Stipendien und Wettbewerbe gekennzeichnet. Tante Jay hat einen preisverdächtigen Text darüber geschrieben, wie man einen Literaturpreis erringt.

Distinktion ist hierzulande in dieser Branche ja besonders wichtig, das U&E sozusagen. Da wäre es natürlich vermessen, Literatur mit Fussballspielberichterstattung oder Drehbuchschreiben in Verbindung zu bringen und gar zu empfehlen, voneinander zu lernen. Deshalb lieber schnell zurück ins sichere Unterholz der anerkannten, weil kanonisierten und ordentlich gealterten Literatur. Zu der gehört inzwischen ohne Zweifel die sogenannte Beatliteratur, auch wenn man ehedem ein extra Vokabelverzeichnis dafür benötigte (was mich irgendwie an die alljährlichen Jugendwort-Listen erinnert, ich meine, bitch please, sowas können sich doch auch nur Leute mit Immatrikulationshintergrund ausdenken, oder?).

KGB – so lautet die griffige Ab- und Verkürzung zum Thema Beat. Dass es natürlich mehr als Kerouac, Ginsberg und Burroughs  in diesem Universum gibt, zeigt die Neuköllner Botschaft immer wieder (und demnächst mit einem eigenen Blog dazu). Katja Kullmann weist im Freitag auf die bedeutende, doch leider so gut wie vergessene Rolle von Diane di Prima innerhalb der Beatnik-Szene hin. Doch ganz ohne die namensgebenden Köpfe soll das Kapitel hier auch nicht enden: Holy Soul – eine Geschichte über den alten Allen Ginsberg.

Beobachten der Gedanken beim Entstehen…

…kann auch ein schönes Hobby sein. Jagdgebiete dafür gibt es einige, mein favorisiertes ist allerdings Georg Seeßlens Blog. Waidmanns Heil!

Nachrichten aus der Realität von früher und heute – und aus Berlin

Bevor es hässlich wird, bevor wir mit den Armen bis zum Ellenbogen in der Scheisse rühren, die sich da um uns herum abspielt, noch schnell etwas Nostalgie als Reiseproviant. Einiges erscheint dabei so anders und weit weg, aber: some things never change, Mortimer. Also: Fangen wir an mit einem WDR-Bericht über „Raubkopierer“ aus dem Jahr 1986 – ich erinnere mich noch gut an einige der gezeigten Spiele, und an das ewige Spulen mit dem  Kassettenlaufwerk.

Via Nante Berlin bin ich auf Starsky & Hutch aus dem Prenzlauer Berg, Berlin, Hauptstadt der DDR gestossen (aka Toto und Harry aus Ostberlin). Durchaus interessante Bilder aus dem Jahr 1985:

Nur ein paar Jahre später – genaugenommen knappe vier – und nur ein paar Strassen weiter eröffnet sich eine ganz andere Welt, festgehalten in einem Videodokument mit dem bezeichnenden Titel Kampftrinken Berlin ’89. Dessen Entstehung wird hier und hier näher beschrieben – ein schöner Kontrast zum realsozialistisch-piefigen Vopo-Ostberlin. Gewonnen hat übrigens Wolfgang Hogekamp, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Zehn Jahre nach diesem historischen Ereignis lernte ich Hogekamp als Spoken-Word-Aktivisten beim Bastard-Slam kennen. Inzwischen hat er sich wohl die Bezeichnung Veteran redlich verdient, auch wenn er immer noch aktiv ist.

Die 90er kamen und gingen, ein neues Jahrtausend brach an und in Berlin grölten die Säufer wie eh und je, wahre Poesie. Berlin bleibt eben Berlin, im Guten wie im Schlechten. Wie weit ist denn etwa die Cuvrybrache von Barackia entfernt? Besser wird es jedenfalls nicht, weder in Berlin noch generell, mit der Technik, den Neuen Medien und dem Tonfilm.

Nun denn, wir kommen ja nicht drum herum: Die harte Realität also. In der das Kopfwaschen mittels Eiswasser als große Tat zelebriert wird. Zum Glück ist dazu schon alles gesagt bzw. geschrieben worden. So können wir uns den wichtigen Dingen zuwenden: Irgendwo in diesem Land hingen mal wieder eine Weile lang ununterscheidbare Plakate an Laternenmasten – es waren Wahlen. Die Aktion Doppelstimme hatte leider einen wohl etwas unerwarteten Ausgang und so sitzen demnächst jede Menge sauerkrautfurzender Kartoffelfressen in den Parlamenten. What’s new?! Deren Anhänger natürlich genauso wenig Nazis sind, wie diejenigen, die unpolitischen Rechtsrock hören. Kein Scheiss!

Ansonsten? Der Krieg feiert Geburtstag und allerorten fröhlich Urständ, Volker Strübing macht sich dazu Gedanken und ein paar sehr schöne Collagen. Viel zu selten wird der Empfehlung Klaus Baums Beachtung geschenkt, viel zu wenige versuchen sich in Detailarbeit – aber alle schimpfen auf die Presse, die Lügenpresse, die Propagandapresse, die Systempresse; aus allen Blick- und Schussrichtungen natürlich. Dabei aber immer sicher auf dem Sofa oder vor dem Schreibtisch sitzend, an der Front – dort, wo gestorben, wo elendig verreckt wird –  sind andere, unter ihnen auch Journalisten und Fotografen. Mit ganz viel Glück entstehen dann aus dem Elend ganz großartige Bilder, ein altes Dilemma der Kunst. Oder stumpfe Propagandafilme.

Bei allem berechtigten Journalisten(darsteller)bashing, aber auch in der Blogwelt, in der Alternativen zum Holzmedienjournalismus längst angepackt sind, fehlt es meist an einem wichtigen Aspekt, wie sich auch gerade an den  sehr bedauerlichen Vorgängen rund um Carta zeigt: Die Systemfrage. Bei der landet man über kurz oder lang immer wieder, sorry. Wenn das Ziel Gewinnmaximierung ist, dann ist das eben so, deal with it. Oder kritisiere es, kurz und knackig oder gern auch etwas ausführlicher.

Es ist zum Verzweifeln, keine Frage, da kann man auch schon mal etwas expliziter werden in der Sprache. Ob ich eine Lösung habe? Klar:

via.

 

PS./Update: Kurz nachdem ich auf Publish klickte, meldete sich Carta in meinem Feedreader zurück. Zum Neustart werden die Leser im zweiten Satz mit folgenden Worten begrüsst: Wir konnten lästige Bugs im Front- und Backend beseitigen und freuen uns, dass sich nun Arbeitsprozesse vereinfachen lassen und Inhalte schneller online gehen können.

Klar, es geht um die technischen Details in diesem Begrüssungstext. Und nur um die. Seltsam genug. Sonst würde man ja dem Postillon Konkurrenz machen.

Update/PS. noch ein letzter, aber verdammt relevanter Link (via wonko): If you’ve ever wondered what depression feels like, this is pretty damn spot on. It isn’t really being sad, but just being…empty. Den Nagel auf den Kopf getroffen.

Und der Kreis gehört natürlich mit einem Musikvideo geschlossen. Wer es bis hier geschafft hat, hat den jungen, engelsgleichen Eddie Vedder verdient. Mit einem Song, der generell und speziell ganz gut passt, ganz gut den Bogen schlägt. Und den Sack jetzt endgültig zumacht.

 

 

Das andere HH

23.08.10

Hier fliesst die Rur,
ganz in der Nähe
der anderen,
nur ohne H.

Hier gibt es Tauben,
die nicht dreckig, grau und
räudig sind, sondern bunt und stolz.
Wie ihre Besitzer, die sie nämlich haben.

Nachts sieht man richtig viele Sterne,
und ab und zu auch fallende.
Statt Großstadtlichter brennen hier
höchstens mal Strohfeuer.

Selbst die Fliegen sind nicht grau,
sondern glitzern grün und schillernd,
und freitags gibt’s auf dem Markt
lekker Fisch vom Holländer.

Der wohnt wirklich gleich
um die Ecke,
und auch der nächste Ikea
ist von hier aus dort, und billiger.

Trotzdem, und auch wenn ich dort keine
Terrasse, Ruhe oder dunklen Nächte
habe:
Ich vermisse dich,
Berlin.

Freundschaft. Ein Versuch.

Wir gingen zusammen zur Schule, von der achten bis zur zwölften Klasse. Damals, an der Küste, nachdem der eine Staat verschwunden war und der aktuelle eben auch die Schule neu organisieren musste. Was bedeutete, dass ich nicht wie geplant bis zur zehnten Klasse auf der alten POS bleiben konnte. Jedenfalls nicht, wenn man vorhatte, etwas aus sich (bzw. dem Kind) zu machen: Denn hier würden demnächst nur noch Realschüler die Zeit totschlagen, wer mehr wollte, musste auf ein Gymnasium. So war das jetzt, dafür gab es aber immerhin keine langweiligen Pioniernachmittage und Freundschaftsratssitzungen mehr.

In meiner Stadt wurden drei Gymnasien eingerichtet. Zwei davon kamen für mich in Frage, das dritte lag zu weit weg von der Altstadt, in der ich wohnte, draussen in einem der Plattenbauviertel. Aber ich wollte ja sowieso auf die altehrwürdige Backstein-Eliteschule kurz vor der Stadtmauer und somit nur fünf Minuten Fussweg entfernt – wenn schon, denn schon. Die Sache hatte nur einen Haken: Die Schulen versuchten, sich ein Profil zu geben – und die von mir auserwählte wollte nun unbedingt ein musisches Gymnasium sein. Für die klassisch-deutsche humanistische Lehranstalt gab es wohl einfach noch nicht genügend Latein- und Griechischlehrer, schätze ich mal. Man muss ja mit dem Menschenmaterial arbeiten, was da ist, ein Jahr nach dem Systemwechsel. Deshalb hatten wir auch bis zur zwölften Klasse Russischunterricht.

Jedenfalls konnte ich meine musischen Fähigkeiten realistisch genug einschätzen (nicht vorhanden), um zu wissen, dass meine Karten nicht die besten waren. Zum Glück hatte aber meine Musiklehrerin einen Narren an mir gefressen – ich wurde in dieser Schule eingeschult, war aber zwischendurch lange Zeit woanders und erst vor einem Jahr wieder zurückgekehrt, worüber sie sich unerklärlicherweise sehr freute. In diesem kompletten Jahr konnte ich meine Musik-Legasthenie dank vorgegaukeltem Stimmbruch ganz passabel verschleiern, wenn es hart wurde half mir mein spielmannszuggestählter Banknachbar dabei, irgendwelche Takte vorzuklopfen oder ähnliches. So kam ich zu meiner Empfehlung, ebenso wie mein heimlicher Helfer. Insgesamt gingen aus unserer 27-Köpfe-Klasse vier aufs Gymnasium.

Was ich bei meinen ganzen praktischen Überlegungen zur Entferrnung zwischen Wohnort und Lernort, dem Ruf, der Architektur und so weiter nicht bedacht hatte, war der Lehrplan. Damit hatte ich mich null auseinandergesetzt, schliesslich war ich jung und es waren Sommerferien. Aufgrund des euphorischen Schreibens meiner ehemaligen (und- wie sich herausstellen sollte – zukünftigen) Musiklehrerin fand ich mich am ersten Schultag in der musisch ausgerichteten Klasse wieder – denn das war es auch schon mit dem Profil: pro Jahrgang eine Spezialklasse. Zusammen mit zwei anderen Jungs und 25 Mädchen. So weit, so gut (und beängstigend auch irgendwie). Als die Klassenlehrerin dann allerdings den Stundenplan erklärte und es dort dank der musischen Spezialisierung nur so von Kunst- und Musikstunden wimmelte, wurde ich etwas panisch. Eine glückliche Fügung liess kurz darauf den Kopf einer anderen Klassenlehrerin im Türspalt erscheinen, mit der Frage, ob vielleicht noch jemand in eine normale Klasse wechseln möchte, sie hätte noch drei freie Plätze. Ich meldete mich sofort, mein alter Banknachbar zog mit, obwohl seine Fähigkeiten hier gut aufgehoben gewesen wären. Der einzig übriggebliebene Junge in der 8 a(m) – wobei das m jetzt unter der Hand für Mädchen stand – wurde in den nächsten Jahren regelmäßig verprügelt, irgendwann war er nicht mehr da.

An diesem Tag war ich also für eine knappe Unterrichtststunde in der gleichen Klasse wie A. Kennenlernen sollten wir uns allerdings erst zwei Jahre später. Dazwischen lag eine komplizierte Zeit, diverse Jugendkulturen kämpften auch auf dem gymnasialen Pausenhof um die Lufthoheit, und zu dieser Zeit in dieser Region war es um das Überleben der Punks, zu denen A. von Anfang an zählte, nicht gut bestellt, manchmal wortwörtlich. Von ihr abgesehen stellte sich die Klasse, aus der ich mich retten konnte, als perfekte Vorstufe des späteren Germanistik-Seminars heraus: Höhere, meist blonde Töchter mit  Pferdeschwanz, Bratschenkoffer und der Nase ganz weit oben. A. trug ihr Haar damals grün, wenn ich mich recht erinnere.

Unser nächstes Zusammentreffen, das erste wahrnehmende, wenn auch noch nicht zur Initiation taugend, ereignete sich dann bei einem meiner ersten Ausflüge in den lokalen Underground. Direkt neben dem historischen Altstadttor, unweit der Schule, traf sich die alternative Szene der Stadt. Es waren nicht viele, der Raum auch nicht größer als ein Wohnzimmer. Aber es reichte, um billiges Bier zu trinken, laute Musik zu hören, vom einzigen Interim-Abo weit und breit zu profitieren und das erste Dope zu rauchen. Nachdem ich diesen Laden entdeckt hatte, und A. natürlich mittendrin, zum Mobiliar gehörend, wurde er mein Aufenthaltsort in den Schulpausen der nächsten Jahre.
Einer meiner besten Freunde, eigentlich noch viel zu sehr mit der eigenen Pubertät beschäftigt, ließ sich kurz darauf mit A ein. Sie hätte es nicht nötig gehabt, und er war der Sache nicht gewachsen, aber sie verstanden sich danach noch über Jahre sehr gut. Trotz der Peinlichkeiten, die damals unweigerlich passiert sein müssen.

Bei einer klassenübergreifenden Bildungsreise in die Bundeshauptstadt am Rhein stellten wir fest, dass ich der einzige war, der halbwegs vernünftige Joints drehen konnte und sie die einzige, die etwas zu Rauchen dabei hatte. Doch nicht nur das schweißte uns zusammen.
Keine Frage, sie sah auch damals schon toll aus: Gross – grösser als ich, was keine grosse Kunst ist. Kastanienkulleraugen mit einem gewaltigen Schalk hinter dem Vorhang, eine markante Nase und perfekte Lippen. Aber die unbestritten vorhandene erotische Spannung überliessen wir unserem Unterbewusstsein; wir redeten lieber über Gott und die Welt und Nietzsche, womit sich ersterer dann erledigt hatte. Sie war schliesslich mit meinem besten Freund zusammen, später dann mit einem kleinen Punk aus Bremen. Und auch ich hatte irgendwann mein Highschool Sweetheart gefunden.

Wir bauten etwas auf, dem der Begriff Freundschaft schlecht aufzudrücken ist. Wir steckten beide in Teenager-Beziehungen. Wir wollten zusammen keine sexuellen Herausforderungen annehmen, sondern geistige. Es war eigentlich von unserem ersten langen Gespräch an immer so, dass wir uns Wochen und Monate nicht über den Weg liefen, oder wenn, dann aneinander vorbei, um dann zum richtigen Zeitpunkt aufeinander zu treffen, an dem alles ist, als wäre nichts gewesen.

So ging das wohl etwa ein Jahr: Hier und dort traf man sich, fuhr zusammen zu Konzerten, an den Strand oder in die Indiedisco im Nachbarort. Dann kam die Oberstufe und damit zwei entscheidende Änderungen, auch was A. und mich betraf: Dank des Kurssystems hatten wir jetzt wieder zusammen Unterricht. Und wir bekamen einen Austauschschüler aus Washington, DC. Der zufällig am gleichen Tag Geburtstag hatte wie ich. Die magischen Momente begannen.

Ich weiss nicht mehr genau, wie und wann sich unser Dreierbund gründete. Wahrscheinlich war es an dem Abend, als wir uns zusammen den Doors-Film anschauten. Im sogenannten Kino-Klub, weil es kein Kino mehr gab in unserer Stadt.
Wir waren die jüngsten Mitglieder dieses Klubs, fühlten uns aber sehr wohl dort: Die Atmosphäre, gerade bei dem flackernden Projektorenlicht, war in den Räumen des mittelalterlichen Kontorhauses einfach einzigartig, vor allem wenn dazu eine Buñuel-Reihe lief, oder eben der Doors-Film.
Wir waren alle drei restlos begeistert von dem Film, liefen auf die Straße und genossen den Regen des ausklingenden Sommers. Als er uns nicht mehr genügte, weil er sich langsam verabschiedete, legten wir uns auf die umgischtete Mole und erwarteten zusammen den Sonnenaufgang. Wir redeten und rauchten und tranken und schwiegen die ganze Nacht durch.

Wir zeigten C. die Stadt, vor allem die dunklen Ecken. Wir zeigten ihm das Land und den Strand, voller unglaublich schöner Ecken. Und natürlich Berlin. Von dort ging auch der Flieger, der ihn nach einem Jahr wieder zurück nach Hause brachte. Er hasste den Abschied, deswegen wollte er ihn vermeiden. Klammheimlich hatte er sich aus dem Staub gemacht. A. rief mich aufgeregt an, wir müssten unbedingt nach Berlin. Wir liessen mit voller Unterstützung unserer Eltern die Schule sausen und versuchten, in brennendem Eifer, mehr Details über C.s Verbleib in Erfahrung zu bringen und eine Transportmöglichkeit nach Berlin zu organisieren. Von einer Unterkunft ganz zu Schweigen. In Ostberlin war das Telefonnetz immer noch sehr löchrig.

Der Flug sollte in zwei Tagen gehen und C. wohnte solange angeblich in einer Jugendherberge. Was aussichtslos klingt und uns auch so vorkam, ist doch gar nichts im Vergleich zu heute, wo es hunderte Hostels in Berlin gibt: Das Deutsche Jugendherbergswerk betrieb damals maximal fünf Filialen in der ehemaligen und zukünftigen Hauptstadt. Zur Not würden wir die eben alle nacheinander abklappern. Das Schicksal schien uns schliesslich wohl gesonnen: Wir hatten noch zwei volle Tage Zeit, und der grosse Bruder besagten Freundes, der mit seinen Kunsthochschulfreunden gerade zur Sommerfrische hier war, wollte am nächsten Morgen mit der ganzen Truppe zurück nach Berlin fahren, in dem orangebunt angemalten Toyotaklapperbus, der uns schon bei diversen Roskildefahrten gute Dienste geleistet hatte. Da waren noch zwei Plätze frei, genauso wie in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg. Das war doch schon mal ein guter Anfang!

Es war eine der vergnüglichsten Autofahrten, die ich je erlebte. A. und ich waren aufgeregt und aufgedreht, ihre sonst so abgeklärte Fassade hatte sie zu Hause gelassen. Die Kunststudenten kümmerten sich rührend um uns, so dass wir schon nach einer halben Stunde komplett zugekifft waren. Jemand kam auf die grandiose Idee, vor der Autobahn doch noch mal schnell in die Ostsee zu springen. Sie war kalt, wir waren nackt und die Villen in Heiligendamm waren noch grau und verfallen. Etwas ausgenüchtert ging es weiter, und je näher wir Berlin kamen, desto grösser wurde die Ernüchterung: Was, wenn die Jugendherbergsdrachen uns keine Auskunft geben würden? Wo sollten wir anfangen zu suchen?

Als wir die Stadtgrenze passierten, vorbei an dem Bär, war schon längst Ruhe eingekehrt im Bus, der Kunststudentenspass machte müde. A. saß neben mir und hatte ihren Kopf an meinen gelehnt, wir teilten uns einen Kopfhörer und schauten zusammen aus dem Fenster in die Stadt, in die wir von Westen her kommend einfuhren. Seit gut einer halben Stunde schwiegen auch wir, gemeinsam, und hörten das Mixtape, das C. uns dagelassen hatte. Die erste Seite der schwarzen 90er-BASF-Kassette war so gut wie zu Ende, Fleas Gitarre läutete den letzten Song ein. Es sollte für eine Weile unser Song werden. Beim ersten Refrain standen wir an einer grossen Ampelkreuzung gleich hinter der Autobahn, es war Rot und direkt neben uns sass C. verträumt auf einer kleinen Mauer. Wenn das kein verdammtes Zeichen war, in einer Dreieinhalb-Millionen-Stadt!

Nachdem er sich wortreich entschuldigt und erklärt hatte mussten wir ihm versprechen, ihn wenigstens nicht zum Flughafen zu bringen. Dann genossen wir die letzten verbliebenen Stunden in vollen Zügen, nahmen alles mit, was die Gegend zwischen Senefelder Platz und Hackeschem Markt uns damals bieten konnte, und das war mehr, als wir vertrugen. Wir waren noch nicht mal ganz volljährig, genau genommen, und C. musste back home dann ja sogar noch drei Jahre mit dem Trinken warten, offiziell. Am Ende dieser langen Nacht war uns dreien klar, dass diese Trennung unsere Verbindung nicht kappen können würde und dass wir, wenn irgendwie möglich, alle nach Berlin gehörten.

Wo ich dann ja auch zwei Jahre später landete. Zwischendurch hatte ich C. besucht, was für uns beide überraschend und plötzlich kam, aber eine andere Geschichte ist. Nach Berlin würde er es jedenfalls in absehbarer Zeit nicht schaffen. A. dagegen war sich dessen nicht so sicher.

Auch wenn wir schon alleine durch die räumliche Trennung eher in einer Off-Phase waren, sahen wir uns doch ab und zu hier und da. Inzwischen war sie mit einem kleinen, sehr sympathischen schwedischen Punk zusammen, den sie im Hafen auf seiner Jolle aufgesammelt und mit nach Hause genommen hatte. Kurz bevor das zweite Semester anfing, bekam ich einen Anruf von ihr: Rate mal! Schallte mir ihre Stimme entgegen, ganz aufgedreht.

Sie hätte sich dann doch dazu durchgerungen, hat sich an der TU eingeschrieben und – das Beste überhaupt – eine Wohnung gleich um die Ecke, in der Rykestrasse. Dort und bei mir in der Christburger hatten wir zwei schöne Sommer und einen kalten Winter, bevor sich unsere Wege auch in Berlin langsam auseinander bewegten. Ich hatte mir den Politkram aufgehalst – und dann war da ja auch noch eine neue Frau an meiner Seite aufgetaucht. Die A. und mich allerdings auch wieder auf eine absurde Art verband: Sie kannten sich nämlich vom Sehen, von vor fünf Jahren circa, als A. mit dem Bremer Punk den westdeutschen Norden unsicher machte. Als die beiden das herausfanden, hatte ich erst mal stundenlang nichts zu sagen, und auch sonst kamen wir eigentlich alle gut miteinander klar. Wir beschlossen sogar, auf unsere alten Tage (wir waren damals noch nicht einmal Mitte 20) noch mal auf ein Festival zu fahren, so wie früher – also bis vor zwei Jahren – mit Roskilde. Zu dritt machten wir uns im kleinen blauen Fiesta auf den Weg nach Bocklemünd.

Da wir auf der Fahrt circa. elf Stunden zusammen in der Hitze verbrachten, leider meist stehend und somit ohne jeglichen kühlenden Fahrtwind, gingen wir auf dem Festival dann erst mal getrennte Wege, bevor wir uns bei den wirklich guten Konzerten und am Abschlussabend dann sowieso wieder in den Armen lagen: Selbst bei Danzig, Rancid und Monster Magnet, bei Portishead und PJ Harvey sowieso.

Ganz undramatisch eigentlich, das mit den Wegen, auch als wir wieder zurück in Berlin waren. Ausserdem kreuzten sie sich ja auch wieder: A. landete irgendwie recht schnell im Schwarzenberg-Umfeld, Berlin Mitte. Dort gab es durchaus nette Leute, auch ein paar Berührungspunkte. Doch mein Mitte war woanders. An der Uni, in den selbstverwalteten Läden mit weniger Künstlern und mehr Spinnern. Wenn man das so sagen kann. Einer von diesen Leuten war so nett zu ihr, dass sie mich eines Tages anrief und meinte, sie hätte eine grosse Bitte.

Es hatte wieder mit einer Autofahrt zu tun. Der sympathische schwedische Punk war immer noch aktuell, was sich unbedingt ändern sollte. Sein Besuch stand buchstäblich vor der Tür, seine Band war gerade dabei, ihre Polentournee zu beenden, dann wollte er nach Berlin kommen. Doch dort, hinter dieser Tür, lebte A. inzwischen mit einem anderen aufstrebenden Musiker und Puppenspieler mehr oder weniger zusammen. Also mussten wir unbedingt – an diesem Abend noch – ins tiefste polnische Hinterland, ich glaube es war Łódź, um dem armen, sympathischen schwedischen Punk die Situation zu erklären. Dummerweise hatten wir beide am nächsten Tag relativ früh wieder in Berlin irgendwelchen Verpflichtungen nachzukommen.

Nach einer unspektakulären Hinfahrt und einer alternativen Stadtführung durch die örtlichen Punks (Schau, hier haben wir die Hakenkreuze übermalt. Und hier. Und da drüber haben wir letzte Woche ordentlich auf die Fresse bekommen. Und in dem Haus dort hinten ist letztens [Polnischer Punkername] verreckt.) ging es dann am Abend im Jugendklub hoch her. Das Publikum war unglaublich jung, unglaublich begeistert, unglaublich aggressiv und unglaublich trinkfest. Wenn sie etwas gar nicht duldeten, dann, dass man nicht mittrank. Dass wir kein Interesse an ihren Schnüffeltüten hatten war die eine Sache, aber Wodka durfte hier keiner ablehnen.

Nach einigen Stunden und zwei Tumulten – einer wegen des Gerüchts eines bevorstehenden Naziüberfalls, der zweite, als A. dem Schweden erklärte, wie die Lage ist, und er zornig darauf bestand, trotzdem wie vereinbart (nicht mit mir, im Übrigen) noch in dieser Nacht mit nach Berlin zu kommen – saßen wir dann schliesslich stumm, wütend, fertig, ausgelaugt, durchgeschwitzt und betrunken zu dritt im Auto. Irgendwo hinter uns musste demnächst die Sonne aufgehen und wir hielten an der nächsten Raststätte, um Kaffee zu besorgen.

Bei der Gelegenheit sammelten wir einen verloren herumstehenden Polen ein, der nicht nur wie bestellt und nicht abgeholt aussah, sondern auch vorgab, es zu sein: Am nächsten Rastplatz würde sein LKW stehen und ein Kollege hätte ihn versetzt. Mir war ein weiterer Passagier ganz recht, die Stimmung im Auto war sowieso nicht die beste. Doch noch bevor wir den Parkplatz erreichten, wurden wir aus dem Verkehr gezogen. Vorher blitzte es kurz und der Pole meinte nur: Nicht gut.

Die Situation war brenzlig, vor allem, da wir zusammen gerade noch 30 Mark hatten, der Rest war im Tank verschwunden. Und sie wurde noch brenzliger, nachdem ich in das Alkoholtestgerät der polnischen Polizei pusten durfte. Da sich unsere Vergehen inzwischen auf grob 200 DM beliefen und wir auch ansonsten einen suspekten Eindruck machten – Es war halb sechs morgens mitten im polnischen Nirgendwo, A. war noch nicht in Berlin gemeldet, ich schon, dazu noch ein polnischer Trucker und ein fertiger schwedischer Punkmusiker, der steif und fest behauptet, gerade von einem Konzert zu kommen, aber weder eine Band noch Instrumente dabei hat – wurde bewogen, uns auf irgendeine Wache zu bringen, genauer zu überprüfen und zumindest den Fiesta als Pfand zu beschlagnahmen.

Bis Berlin waren es noch 200 Kilometer und A. musste um 9 Uhr in dem Mittecafé sein. Wir waren verzweifelt. Zum Glück verzweifelten daran dann die polnischen Polizisten, und ausserdem half uns das inzwischen auch bei polnischen Polizisten verbreitete kapitalistische Weltbild aus der Bredouille: Das ganze Prozedere und Hin und Her hatte sich schon gut eine halbe Stunde hingezogen, als den beiden Beamten auffiel, dass sie in dieser Zeit durch die geschickt platzierte Radarfalle genau die von uns geforderten 200 DM eingenommen hatten, durch zahlungskräftigere Opfer als uns. Da augenscheinlich bei uns wirklich nichts zu holen war ausser einer Menge Umstände und Scherereien, besann sich der Chef der beiden und gab mir meine Papiere mit den Worten Polnische Polizei gute Polizei zurück. Der LKW-Fahrer konnte es auch nicht fassen, er meinte, für ihn hätte das locker ein halbes bis ein Jahr Fahrverbot gegeben. Um halb neun kamen wir völlig erschöpft in Berlin an.

Diese Fahrt sollte unser letztes grosses gemeinsames Abenteuer gewesen sein. Die verschiedenen Welten, in denen wir uns inzwischen bewegten, trafen einfach zu selten aufeinander, selbst wenn wir die Welten wechselten. Ich verabschiedete mich vom Politbetrieb, zog nach Kreuzberg und versuchte mich in so etwas wie Familiengründung. A. lud uns noch ab und zu zu Auftritten des Puppenspielers ein, erst im Wohnzimmer, dann auf immer grösseren Bühnen. Auch er war ein wirklich netter und ziemlich schüchterner Kerl. Sie hatte da ein gutes Händchen und auch ein gewisses Muster entwickelt, inzwischen.

Die magischen Momente waren noch nicht ganz vorbei. Als wir uns nach einer längeren Pause wieder trafen, stellte sich heraus, dass A. auch nach Kreuzberg gezogen war, drei Häuser neben meine damalige Stammkneipe. Und wir hatten beide bei der gleichen verdammten Naturkatastrophe jeweils neugewonnene Freunde verloren. Ein paar mal trafen wir uns noch, A. hatte die Mitte-Szene und den Puppenspieler inzwischen verlassen und sich in Kreuzberg mit kontroversen kanadischen Expat-Musikern (das Muster!) eingelassen. Ich fing an, nach Westen zu pendeln. Und dann kam irgendwie der Sand, in dem alles verlaufen ist.

***

Wie ich nun darauf komme, wo das doch schon so lange her ist, fragt man sich vielleicht, falls überhaupt jemand bis hier her durchgehalten hat und sich noch was fragen kann. Das ist ganz einfach: Das Internet ist schuld. Klar, wer sonst?!
Eigentlich wollte ich diesen Text auch Berlin Mitte hat mir meine Freundin geklaut nennen, ganz internetadäquat zwar, aber eben nicht ganz wahr. In dessen unendlichen Weiten stolperte ich nämlich über einen zehn Jahre alten Film, der mich in ebendiesen alten Erinnerungen schwelgen liess und mir bisher komplett durch die Lappen gegangen war. Unerklärlich eigentlich, umso mehr zog er mich jetzt in seinen Bann. Es geht ungefähr um die Berlin-Mitte-Szene, in die A. abtauchte, und zwar genau zu der Zeit, als ich sie langsam aus den Augen verlor. Als es diese Szene auch schon nicht mehr gab und sie nur noch nostalgisch betrachtet wird. Keine Ahnung, wie ich diesen Film bei der Berlinale übersehen konnte.
Und jetzt, gut zehn Jahre später, zeigt er mir dreierlei: Dieses Mitte war wirklich verdammt vielfältig damals in den 90ern, und ich war viel öfter dort als ich eigentlich dachte (und jetzt schon ganz lange nicht mehr, seit dem Baizumzug spätestens). Zum Zeitpunkt der Interviews gab es dann einen Abgesang (von einigen), den man im nächsten Sommer (vor drei Jahren/mindestens aber schon gestern) gut zu Kreuzkölln halten könnte. Wobei es interessanterweise 2003 teilweise komplett nach Untergang und Langeweile klang, da schien die weltweit angesagteste Stadt noch nicht nur selten am Horizont durch, da wurde von London, New York und Paris meist noch ehrfürchtig gesprochen. Wer weiss, welche Zukunft es ist, die wir beim derzeitigen Abgesang noch nicht erkennen können. Und Drittens: Schade.

PS. Viertens: Ken Jebsen vor zehn Jahren. Damals schon scheisse, wie mir wieder bewusst wurde. Aber noch nicht so erschreckend durchgeknallt wie heute – oder etwa Xavier Naidoo, schon vor fünfzehn Jahren.

So kam es also, ich schaute mir diesen Film an, die Erinnerungen kamen hoch und ich dachte so bei mir: Eigentlich wäre meine Freundschaft mit A. eine eigene Geschichte wert, vielleicht sogar ein Buch. Und dann dachte ich: Wo ich so darüber nachdenke, warum nicht gleich damit anfangen? Wenigstens in groben Zügen, ein paar Skizzen, bevor ich es vergesse (ich habe schon viel zu viel vergessen, wie mir dabei auffiel). Und genau dafür ist dieses Blogding doch da (so, damit hat sich der Ein Jahr und etwas über 100 Beiträge-Artikel auch erübrigt).

Let it Rock! Von Frank Künster, 1h16min, 2003.

[vimeo http://vimeo.com/104087404]

Zu irgendwas muss diese Nazitante ja gut sein

10.07.14

Gestern habe ich
meine Wohnung verloren.
Was Quatsch ist,
denn dann hätte ich ja
gehen können und sie suchen,
hätte ich sie verloren.

 

Also rausgeschmissen,
ganz banal & legal,
mit Geld,
wie das heute nun mal ist,
auf dem Markt, der sich Leben nennt.
Bin ja längst nicht der Einzige,
ganz im Gegenteil.

 

Deswegen gehe ich morgen,
zusammen mit den Anderen,
zur Steinbach,
und ob sie will oder nicht,
machen wir dort dann
unser eigenes
Heimatvertriebenenchapter auf.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste. Und: Nicht alles, was hier steht, muss auch wirklich so passiert sein. Noch nicht. Trotzdem ist es wahr. 

Sommersplitter – Tischgespräche, draussen

Ich versuche, möglichst unbedarft auszusehen, als sie mich nach einem Geldschein fragt. Obwohl ich genau weiss, was kommt.

„Ich hab ’nen Fünfer oder ’nen Zwanziger“ sage ich.

„Nimm den Zwanziger, macht sich am Besten!“ empfiehlt der Chemiker und klopft an das Glasröhrchen. Ich gebe ihr den Schein, er gibt ihr das Röhrchen.

„Und du willst da echt nix für haben?“ fragt sie noch, bevor das weiße Pulver durch meinen Zwanziger in ihrer Nase verschwindet.

„Nicht doch, nie. Ist noch von letzter Woche übrig, diese Woche hab ich eh schon Neues gemacht, kein Thema.“ antwortet er.

„Ah ja“ mische ich mich wieder ein, „so Walter White-mäßig, was?“ Frage ich ihn, nicht ohne die Erklärung nachzuschieben, dass ich diese Serie noch nie gesehen hätte, aber dank des Internets die ganzen Memes dazu kenne.

„Genau!“ antwortet der Chemiker, „und das hast du echt noch nie gesehen? Musst du unbedingt machen, wirklich Klasse! Der Stoff ist natürlich die Hölle, da ist das hier Kindergarten gegen. Willst du auch?“ Die Frage ging an mich, ich lehne dankend ab.

„Hab ich mir gedacht“ sagt er lächelnd, und, and sie gerichtet: „Und?“

„Krass, man schmeckt wirklich kaum was.“

Ich stecke den Zwanziger wieder ein und den Joint wieder an. Sie gehen in die Panoramabar, ich werde nach Hause gehen. Oder doch zu N.? Ihre Einladung steht noch, daran erinnerte sie mich gerade vor einer halben Stunde wieder. In ihrem Tiefkühlfach liegt seit Jahren ein Stück getränktes Löschpapier, das ihr Robert Anton Wilson mal geschenkt hatte. Wäre auch eine Option.