Lagebericht

Samstagnachmittag, die Stadt dampft noch; oder wieder – jedenfalls ein letztes Aufbäumen des Sommers, wenn man dem Wetterbericht vertraut. Politik war hier lange absent, beabsichtigt. Sprachlosigkeit allerorten angesichts der erschreckenden, überspitzten Parallelen, die sich zum Anfang der 90er Jahre auftun wie Abgründe. Statt alle paar Wochen brennt jetzt jeden Tag irgendwo eine Unterkunft von Asylsuchenden. Andererseits: Beständig, mindestens seit Anfang der 90er Jahre. Und schon viel länger, fürchterlich fruchtbarer Schoß, könnte man fast eine anthropologische Konstante dahinter vermuten.

Auf dem Weg zum 20jährigen Geburtstag des Schöneberger Jugendmuseums, dreissig Prozent Lust, siebzig Prozent Pflicht, sich langsam umkehrend im Laufe des Abends. Mit dem Rad durch Moabit, Tiergarten, Schöneberg  – die Eisenacher vom Anfang bis zum Ende. Viel öfter jetzt durch den Tiergarten als früher, obwohl er da viel näher dran war. Die Else, auf dem Rückweg immer noch ungleich schöner, in der Abendsonne, die von Tag zu Tag besser wird. Herbstvorfreude.

Freigehalten, trotz der alles andere als lästigen Verpflichtungen, hatte ich mir den Film, der so gar nicht zu der Feierlaune passte. Und sich doch gut in den Abend einfügte – nicht ohne Grund wurde dieses Museum vor 20 Jahren genau so aufgezogen, mit diesem IntegrationsInklusionsWasauchimmer-Ansatz. Der sich durchaus bewährt hat, vieles wurde richtig gemacht, vieles gemacht überhaupt. Auf der anderen Seite (und einer anderen Baustelle) versucht ebenjener Bezirk gerade, das älteste selbstverwaltete Jugendzentrum der Stadt aus den angestammten Räumen zu drängen.

Deshalb also – und natürlich wegen der schockstarren Aktualität – passte „Solingen 93/13“ so gut in das Festprogramm, wenn auch mit hartem Schnitt. Der Film ist zwanzig Jahre nach Solingen entstanden, etwas über eine halbe Stunde lang und besteht hauptsächlich aus Interviews und Gedankenmonologen des Regisseurs Mirza Odabaşı. Der im Übrigen den Film fast komplett selbst gestemmt hat, bis zur Finanzierung. Die im Abspann so schön zu lesende Förderung durch den nordrhein-westfälischen Integrationsrat kam – wie er nach der Vorführung trocken bemerkte – erst im Nachhinein.

Es ist das Werk eines (wenn ich mich recht erinnere) Fünfundzwanzigjährigen – und dafür recht beachtlich, nicht zuletzt wegen der Gesprächspartner, die er gewinnen konnte. Eine gute Mischung, das Spektrum reicht von Afrob bis Michel Friedman, der so gar nicht auf Krawall gebürstet war und bedächtig-kluge Sachen sagte. Höhepunkt des Films ist fraglos das Interview mit Mevlüde Genç, der Frau, die durch den rassistsichen Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor, vor ihren Augen. Schon allein deshalb ist er sehenswert.

Sicherlich, Mirza Odabaşı hätte weiter gehen können. Vergiss nicht, Thilo Sarrazin ist kein Mitglied einer rechtsradikalen Partei. gibt er zu bedenken – dass Sarrazin immer noch SPD-Mitglied ist, hätte man durchaus erwähnen können, auch um die gesellschaftliche Verfasstheit dieses Landes richtig auszuleuchten.

Doch seine Interviewpartner übernehmen diesen Schritt teilweise für ihn, etwa wenn Cem Özdemir von Trauer zweiter Klasse spricht, oder Michel Friedman meint: Ich habe im Deutschunterricht das Wort untersensibel nie gelernt, also gibt es das Wort übersensibel auch nicht. Es gibt sensibel oder nicht sensibel.

Ich konnte nach dem Film nicht mehr lange still, nicht mehr lange sitzen bleiben, musste raus in die Spätsommerabendluft tauchen, noch ein Getränk und dann durch die Nacht nach Hause fahren. Dachte mir noch, dass der Film gut war, aber dass Glumms Solingen-Erinnerungen mich noch mehr gefesselt hatten. Dass man vielleicht beides zusammen bringen sollte, und noch viel mehr. Doch wann ist ein Bild komplett? Und dass immer noch – ich hab es schon öfters erwähnt, ich weiss – The Truth Lies in Rostock derjenige Film ist, der mir zum Thema am heftigsten den Stecker zieht. Subjektiv, natürlich, und begründet.

Und dass es schon schön ist, dass so viele Leute sich an so einem heissen Abend zusammendrängen in schlechter Luft und solche Filme ansehen, aber sie ja in der Zeit auch irgendwo konkret Hilfe leisten könnten. Doch kurz bevor ich unter der Schering-Werbung abbog, die schon lange vom Mutterkonzern geschluckt wurde, verwarf ich diesen Gedanken gleich wieder, weil ich in den letzten Wochen – neben den Abgründen – auch erstaunlich viel Hilfsbereitschaft und Empathie aus den überraschendsten und unterschiedlichsten Ecken mitbekommen habe, meist ganz still & wie selbstverständlich geleistet. Und wusste dann nicht genau, ob es an der Spätsommernacht lag, dass ich auf einmal fast in versöhnlicher Stimmung war. Oder ob es wirklich Hoffnung gibt. An der neuen Haustür klebte ein Zettel mit dem allgegenwärtigen Refugees welcome-Logo und einem Aufruf, Schulsachen zu spenden. Die Ferien sind vorbei.

Mirza Odabaşı: Solingen 93/13, vom Regisseur dankenswerterweise selbst auf Youtube zur Verfügung gestellt.

KBKLKB*

Ich werde wohl nicht umhin kommen, eine Film-Rubrik einzurichten. Das war so nicht geplant (Andererseits: Diesen Film hätte ich nun wirklich nicht verpassen dürfen.). Wieder ein Dokumentarfilm, wieder spielt Gentrifizierung eine gewisse Rolle. Überraschung!

Ausserdem: Das Babylon hatte ich auch sehr lange nicht besucht. Also der denkbar beste Abschluss für ein langes Feiertagswochenende: Die Premiere von Baiz bleibt…woanders; auf einer großen Leinwand, in einem ziemlich großen Saal. Der – das kann schonmal vorweggenommen werden – wenn auch nicht ausverkauft, so doch sehr gut gefüllt war. Fast hätte ich den Termin vergessen, wäre ich nicht nochmal daran erinnert worden. Deshalb gab es hier auch keinen Hinweis, mea culpa.

Der Filmemacher Jochen Wisotzki, Autor und Dramaturg von flüstern & SCHREIEN,  traf 2013 auf die/das Baiz, das zehnte Jubiläum stand bevor. Zehn Jahre bedeutete aber auch, dass der Pachtvertrag auslief. Eine fabelhafte Möglichkeit für die neue Eigentümer-Investorengruppe, dieses laute linke Unruhenest loszuwerden. Die Wohnungen in dem Haus lassen sich mit leisen Büros drunter natürlich viel besser verkaufen, direkt an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Mitte. Kulturelles Umfeld gerne, kann man ja auch gut mit werben als Heuschrecke (Zitat Ahne, oder war es Gott…?), aber bitte nicht im eigenen Haus.

Als Wisotzki mit seinen Aufnahmen begann stand längst fest, dass nichts mehr zu machen ist, dass das Baiz definitiv aus dem Haus raus muss. Baiz bleibt! – der Slogan, der zu dem Zeitpunkt schon zahlreiche Widerstandsaktionen  begleitet hatte, der immer noch an vielen einschlägigen Wänden klebt – galt da schon nicht mehr. Stattdessen war das einzig Sichere die Zehnjahresfeier im Dezember, und danach eine ungewisse Zukunft. Klar: Es sollte weitergehen, irgendwie, irgendwo.

Über eine Stunde begleitet der Film die Baiz-Crew bei der Suche nach einer neuen Bleibe. Er zeigt aber auch, und das sehr gelungen, dass eine Kneipe – diese Kneipe – so etwas wie die Seele des Kiezes (oder dessen, was noch davon übrig ist) sein kann. Er zeigt, was für ein Schatz verloren gehen würde, was für eine Institution solch ein Ort sein kann. In der relativ kurzen Drehzeit konnte Wisotzki einen guten Überblick über das breite Spektrum einfangen, dass das Baiz bot:

Vom klaren politischen Anspruch der linken Schülerzeitung Zeitung einer linken Jugendgruppe („Wir schreiben ja auch für Arbeiter und Lehrer!“)  bis zur Altherrenschachrunde trafen sich hier die unterschiedlichsten Menschen. Über 20 Veranstaltungen im Monat gab es durchschnittlich, viele davon von Gästen und Umfeld selbst organisiert.

Der Film zeigt Ausschnitte von Auftritten der Schauspielsparte aus Weissensee bis zu Ahne (der mit einem Baiz-Zwiegespräche-mit Gott-Special vertreten ist) und Leander Sukov ebenso wie Konzerte vom Singenden Tresen über Piet Botha bis zu YOK(pocketpunkQuetschenpaua). Wobei diese Aufzählung reichlich unvollständig ist.

Und dann wirklich: Neue, brauchbare Räume sind zu haben, keinen Kilometer entfernt. Großartigerweise braucht man dank der breiten Unterstützung von Kundschaft und Freunden nicht mal eine Bank zur Finanzierung, das wäre ja auch noch schöner… Zwar muss die Viertelmillion über die nächsten 15 Jahre irgendwie zurückgezahlt werden, aber: Niemand schmeisst uns mehr raus! 

Umbau und Umzug werden geplant. Die Idee wächst, aus Letzterem ein eindrucksvolles Symbol gegen den Ausverkauf der Stadt zu machen. An die Umzugsmenschenkette, die sich im Februar letzten Jahres die Schönhauser Allee hochschlängelte (und sich als roter Faden auch durch den Film zieht), mag sich vielleicht der eine oder andere noch erinnern. Immerhin: an ihr kam am Ende nicht einmal die Abendschau vorbei.

Diese Bilder, trefflich kombiniert mit der Musik, sind sicherlich einer der Höhepunkte des Films. Finale und Happy End schliesslich genau vor einem Jahr: Die Neueröffnung. So in etwa könnte eine Kurzbesprechung von Baiz bleibt…woanders aussehen. Vielleicht müsste noch etwas rumgekrittelt werden; der Musikeinsatz war oft gelungen bis hervorragend, der Ton manchmal nicht so sehr. Kann die Unschärfe als charakteristischer Charme ausgelegt werden? Gab es da nicht zwei oder drei Szenen, auf die man auch hätte verzichten können?

Keine Frage jedoch, dass der Film unbedingt zu empfehlen ist – derzeit leider nur auf DVD, hoffentlich bald auch wieder vor größerem Publikum.

***

Doch ich kann kein unvoreingenommenes Urteil zum Baiz und zum Baizfilm liefern – im Gegenteil, ich wüsste gern, welchen Eindruck man gewinnt, wenn man keinen Bezug zu dem Laden hat.

Nachdem ich ein halbes Jahr wieder in Berlin wohnte, war es das Zehnjährige, zu dem ich mich das erste Mal wieder halbwegs unter Leute begab. Schon allein deshalb, und natürlich wegen dem Gentrifizierungsscheiss. Doch eigentlich muss ich noch weiter ausholen, kurz eine Geschichte von noch viel früher erzählen, der Vollständigkeit halber:

Auf dem Weg von der Uni nach Hause landete ich als frischgebackener Student ziemlich schnell ziemlich oft im Bandito, und blieb dort meist sehr lange hängen. Billiges Bier, Kulturprogramm und Vokü, aber vor allem ein Umsonstkicker. Durchweg überzeugende Argumente; soweit, so toll. Der Kicker hatte allerdings einen Haken, der auch oft hinter dem Tresen stand und überhaupt ein netter Zeitgenosse war. Bald nannten wir ihn – nur halb im Scherz – den Meister.

Über die Jahre machten wir so manches Mal mit ihm den Laden zu und versackten noch irgendwo anders in der Gegend. Über die Jahre kam es auch manchmal – ganz selten – vor, dass wir gegen ihn gewannen. Mal verbrachten wir mehr Zeit dort, mal weniger. Leute gingen, Leute kamen, Leuten kamen wieder, Leute blieben weg. Auch wir.

Irgendwann meinte Matthias (der inzwischen seltener kickerte, weil er wie wir alle älter wurde, und ein paar Jahre Vorsprung hatte er ja sowieso), dass es vielleicht einen Versuch wert wäre, zusammen mit einem anderem Freund aus dem Haus direkt um die Ecke eine weitere gute Kneipe aufzumachen, oder besser gesagt: Überhaupt eine Kneipe. Oder besser gesagt: Eine Kultur- und Schankwirtschaft. Denn das Bandito teilten sich die unterschiedlichsten Gruppen an den verschiedenen Tagen, selbstverwaltet und so weiter.

Also: Schon kommerziell, doch so niedrigschwellig wie möglich. Und auf alle Fälle ein ambitioniertes, breites Kulturprogramm, Politik ja sowieso. Wieso sollte man das nicht einfach mal wagen?!

Nicht viel später standen wir mit Farbe und Pinsel in den Räumen Christinen- Ecke Tor. Und inzwischen – eigentlich kommt es mir auch gar nicht so viel später vor, auch weil meine Besuchsfrequenz in letzter Zeit sehr zu niedrig ist – hat dieser Laden ein zehnjähriges plus ein einjähriges Jubiläum auf dem Buckel, eine Verdrängung überstanden und ihr sowas von den Mittelfinger gezeigt. Kann man eigentlich gar nicht glauben. Muss man gesehen haben.

* KBKLKB – Kein Bex, kein Latte, kein Bullshit. Singt Yok und stand auf der alten Baiz-Markise. Und dann auch noch Selbstbedienung.

Widerwillig; Splitter und Links

Aufkleber auf einer gefliesten Kneipenklowand: KvU bleibt!
(auch schön, und viel schärfer ist dieses Bild zum Thema)

Im Moment: Viel zu viel Leben für viel zu wenig Zeit.

Vereinzelt gab es Nachfragen, warum es hier denn so ruhig sei.  Der Duderich fasst es in treffende Worte (und hat eine wunderbarpassende Begleitmusik dazu): Ah…, wenn man lange nichts gepostet hat, dann ist es schwer die Relevanz zu finden, die es wert ist, das eigene bleierne Schweigen zu durchbrechen. Selbstverständlich scheitere ich daran, aber ich kann mich gut leiden und habe Verständnis für mich.

Wobei mir der letzte Satz noch nicht über die Lippen kommt, aber auch das ist etwas besser geworden im neuen Jahr. Etwas. Manchmal. Jedenfalls: Dieser Artikel liegt hier seit dem 28. Januar rum, immer wieder wird ein bisschen dran rumgefeilt und ergänzt – und sich dann gedacht: Wirklich? Warum?

Die Veränderungen kamen schleichend, der Vorsatz nur bei genauerem Betrachten hinter einem Schleier erkennbar. Oder gar nicht, weil purer Zufall: Seit der letzten Erkältung Anfang Dezember morgens statt der Kanne Kaffee eine Kanne Tee – und einfach dabei geblieben. Seit der Scheidungskindhund im Westen ist keine langen Podcasts mehr gehört. Aber auch viel zu wenig Bewegung und Struktur, was geändert gehört, ich arbeite daran, immerhin. Doch vor allem: Rausgegangen, sehr oft; Menschen getroffen, ganz schön viele; Zeit verschwendet, mal nicht alleine. Konzerte, Geburtstage, Morgengrauen. Am Ende trotzdem – trotz dem Spass, trotz des Spasses, den es machte – das Gefühl: Ich bin zuviel rumgerannt und es ist doch nichts passiert.

Dabei blieb natürlich einiges auf der Strecke, man kann halt nicht alles haben. Schreibblockade mal anders, wenigstens aus einem guten, triftigen Grund kaum was zu Papier gebracht. Und wenn ich lese, dass Marcus Kluges Pause von 1989 bis 2013 dauerte und er dann innerhalb kurzer Zeit so viel Gutes geschrieben & gesammelt hat, dann besteht ja vielleicht doch Hoffnung.

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Hier beisst sich übrigens die Katze in den Schwanz: Wir befinden uns ja gerade – falls sich wer fragt – am Anfang einer kleinen Linksammlung. Ab und an finden sich in diesen Sammelsurien auch Veranstaltungshinweise – und der Herr Kluge plant, ebenso wie die fabelhaften Candy Bukowski, Sabine Wirsching und Monsieur Manie in absehbarer Zeit eine Lesung. Noch mehr Grund zum rumrennen (& rausreden). Zu allem Überfluss dann noch die Berlinale.

Eigentlich wäre sie sang- und klanglos an mir vorbeigezogen (auch was Neues, früher wälzte ich Programmhefte noch und nöcher). Dann rief aber jemand an und fragte, ob ich nicht mitkommen möchte, zu ein oder zwei Filmen. Also doch, und also doch im Programm gestöbert. Der Kurt-Cobain-Film wäre naheliegend gewesen, klappte jedoch leider nicht. Den kann man sich aber garantiert später und bei anderen Gelegenheiten anschauen – und das war doch immer das Berlinalefilmhauptauswahlkriterium: Etwas schauen, was man höchstwahrscheinlich nie wieder zu Gesicht bekommt. Nun lief eines der ausgewählten Werke im Delphi, das schöne, alte Delphi mit den schönen, alten Geschichten. Wo Madame arbeitete und ich seitdem nicht mehr war. Es ging gut, ich habe wohl langsam meinen Frieden gemacht, jedenfalls die ersten Waffenstillstandsverhandlungen erfolgreich überstanden. Beate Uhse ist scheinbar schon lange weggezogen, dafür kampieren ein paar mehr Obdachlose vor dem Ullrich unter den S-Bahn-Bögen.

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Der letzte Kinobesuch, ich hatte es ja vor zwei Beiträgen ( und drei Wochen…) kurz angesprochen, war deutlich unangenehmer. Nicht nur des Themas oder der Umsetzung wegen. Hauptsächlich war es das Kino, welches allein aufgrund der günstigen Lage und des passenden Zeitpunkts gewählt wurde: Es lag halbwegs in der Mitte unserer Wege und wir wollten danach noch ins Baiz – also Kulturbrauerei. Welch Fehler, vor allem blauäugig zwei Bier zu bestellen. Da war der zweite Zehner weg. Ich hab mir danach sagen lassen, das wäre eins der angenehmeren Multiplexe, aber zwei große Bier brauchte es schon, um erträglich zu sein.

Die Nischenpressenkritik und die Leute um mich rum hatten an Wir sind jung, wir sind stark (durchaus berechtigt) rumzukritteln. Zur Vorbereitung ignorierte ich zwar sämtliche Besprechungen, sah mir aber am Abend vorher nochmal the truth lies in rostock komplett an. Keine Frage, dass der die Geschichte viel besser, tiefer und genauer erzählt. Und krasser. So ein Anspruch ist bei Spielfilmen allerdings auch schwierig zu erfüllen (und schlechterdings zu fordern).

Da ich mit dem flauen Gefühl im Magen nicht schlafen gehen wollte, schaute ich mir danach endlich Fraktus an, der verstaubte schon länger auf der Festplatte. Ich war ganz angetan und es klappte gut mit dem Schlafen danach, was nicht zuletzt an Devid Striesow lag. Umso überraschter war ich am nächsten Abend im Kino, ihm schon wieder zuschauen zu dürfen – ich hatte im Vorfeld wirklich nichts gelesen zu dem Film. Also, mein Laienfazit: Gute Schauspieler und gute Bilder. Die Story hat den Nachteil, dass sie sich entscheiden muss – zwischen Vietnamesen und Roma – und das in diesem Fall ganz klar tut. Oder zwischen dem persönlichen und dem politischen Handlungsstrang, und beide nur in Andeutungen erzählt. Da hätte man sicherlich einiges besser machen können, aber es wurde immerhin gemacht. Als Spielfilm, der nicht an Dokumentarfilmkriterien gemessen werden sollte. Deswegen fand ich auch das „metaphorisch überhöhte Ende“ nicht schlimm.

Das Geld, welches ich zuhauf im Kino ausgab, holte ich vorher aus der gleichen Bank, die ich vor knapp einem Jahr schon besuchte. Die selbe ist es nicht mehr: Kein Obdachloser weit und breit, dafür schreckliche Musik. Erst einen Tag später erfuhr ich, dass es sich dabei um das neue Konzept zur Steigerung der Kundenfreundlichkeit im Kampf gegen die Armen handelt.

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Zu den Nachrichten: Die DDR-Herkunft schlägt sich bei mir auch in seltsamen Sportbegeisterungspräferenzen nieder. Ein weiteres Bekenntnis: Ich schaue Skispringen. Am vergangenen Wochenende fand nun auf der (derzeit noch) größten Schanze der Welt, dem Vikersundbakken, ein Skifliegen statt. Gundula Gause verkündetete dazu am Sonntagabend im heute journal (wörtliches, komplettes Zitat aus der Mediathek):

Beim Skiflugweltcup im norwegischen Vikersund hat Severin Freund seinen fünften Saisonsieg gefeiert. Auf der größten Schanze der Welt, dem berüchtigten Monsterbakken, segelte der 26jährige über 237 und 245 Meter weit und gewann damit überlegen vor dem Norweger Fannemel. Eine perfekte Generalprobe für die am Mittwoch beginnende WM. 

Ganz schön viele Informationen für eine so kurze Meldung, eigentlich. Wie sich das für eine seriöse Nachrichtensendung gehört. Allerdings: Was zählt, ist allein das Deutsche. Der Rest ist irrelevant, wurde schliesslich – wie in diesem Fall Anders Fannemel – überlegen geschlagen. Da hilft es ihm auch nicht, dass er im ersten Durchgang noch vor Freund führte. Weil er 251,5 Meter weit geflogen ist – und damit einen neuen Weltrekord aufstellte (Die 250 Meter fielen erstmals am Vortag, und vor gerade einmal 15 Jahren knackte der Goldberger Andi die 225 Meter, aber ich schweife ab…). Was dem heute journal nicht mal einen Nebensatz wert ist, so ein neuer Weltrekord. Wäre ich zynisch, würde ich bezweifeln wollen, dass der Aktuellen Kamera so ein Fehler (in der Tat fehlt ja etwas) unterlaufen wäre, selbst wenn der neue Weltrekordler aus der BRD gekommen wäre. Und dabei ist Fannemel Norweger und nicht mal Russe (der stand seine 254 Meter leider nicht…)

Klar, das ist nur eine Kleinigkeit aus einer Randgruppensportart. Trotzdem bezeichnend. Ich könnte natürlich auch grössere Fässer aufmachen, aber deren Inhalt ist ja allgemein bekannt, bis zur Ignoranz bekannt sozusagen. Im Großen wie im Kleinen. An dem einen Tag wird Lügenpresse zum Unwort des Jahres gekürt, am folgenden echauffiert sich der  ARD-Nachrichtenchef darüber, bei einer Inszenierung ertappt worden zu sein. Er schreibt, nachdem das entlarvende Bild durch das Netz ging: Aber es ist doch so:  Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung, jede Pressekonferenz ist eine Inszenierung. 

Genau so isses, das braucht man den Leuten aber doch nicht erzählen, dass die Politiker da weit ab vom Schuss (pun not intended) einsam in der Gegend rumstehen. Oder, dass bei Bundestagssitzungen längst keine Gesetze mehr beschlossen werden. Wenn,  dann in den Ausschüssen vorher, und geschrieben werden sie in den Anwaltskanzleien der Lobbyverbände. Wer wird denn so etwas gleich verlogen nennen?! Anteilnahme kann man sagen, oder – wie im Falle der Berliner Olympia-Bewerbung, deren Logo sich ein Lokalfernsehsender gleich dauerhaft oben in die Ecke pappt –   Begeisterung! Selbst die BVG ist total verlogen begeistert, und mag auf einmal sogar Graffiti! Allerdings nur die mit dem richtigen Inhalt, so weit geht die Meinungsfreiheit dann doch nicht. Olympia sagen darf übrigens nur, wer bezahlt, selbst wenn er „Juhu, Olympia!“ sagen will.

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Kurzum: Nur, weil die anderen böse sind, müssen wir längst nicht die Guten sein (& überhaupt: Was zum Teufel machen wir hier eigentlich?). Gerade eher im Gegenteil, und bevor ich mich noch zu Folterberichten, Saudibegräbnissen, Pressefreiheit oder Blasphemieparagrafen äußern muss, über eine absurde Überwachungspolitik, die unangenehme Fragen aufkommen lässt, lieber zu etwas angenehmeren.

Schöne Texte zum Beispiel. Beim Durchblättern fiel mir auf, dass ich schon lange nichts mehr von Glumm verlinkt habe – das liegt einfach daran, dass man den immer lesen kann. Sollte. Den Mann mit dem Pudel. Ebenso lassen die Fauser-Huldigungen hier in letzter Zeit arg nach; die Seite Mein Harry Gelb, die sich dem Harry-Gelb-Streetart-Duo widmet, schafft da vielleicht Abhilfe. Ein interessanter Remix auf alle Fälle, aus einer Kunstfigur eine neue Kunstfigur in einem neuen Kontext zu schaffen. Das klappt auch ganz amüsant, wenn man sich die Frage stellt, wie Philosophen sich als Nerds so geben würden.

Worte sind ein merkwürdiges Tier, und manche können es überaus kunstvoll bändigen, mit digitaler Unterstützung sogar präzise auf 18 Wörter pro Satz. Andere, wie der Kiezschreiber, versuchen sich (unbeabsichtigt?) an der Variation von Klassikern, hier: die  Kuh Elsa. Zum Abschluss des Ausflugs in die Tierwelt noch eine amüsante Anekdote aus dem Dschungel vor der Supermarktkasse.

Die Bändigung kann genauso beeindruckend sein, wenn sie eher bedrückend statt amüsant vonstatten geht: Wie etwa bei Detlef Kuhlbrodt oder Peter Richter; Spaziergänge durch Kreuzberg, Dresden und das, was war und was ist. Umso schöner, ab und an eine freudige Überraschung zu erleben.

Musik: Asal hat ein Mixtape. Und etwas weiter im Osten wird sich mit noch fernöstlicherer Musik beschäftigt.

— endet hier.

Premiere, doppelt

Seit langer, langer Zeit war ich mal wieder im Kino. Früher passierte das ständig, dort war schliesslich der Arbeitsplatz der Beinaheangetrauten und in irgendeinem der Yorck-Kinos lief immer was Besseres als im Fernsehen. Da ich nun aber nicht mehr über die magische Freie-Eintritt-Karte verfüge, das Internetstreaming ganz vernünftig läuft und ich Unterhaltungsfilmen alleine nicht viel abgewinnen kann – im Gegensatz zu Serien – verzichtete ich seit mindestens zwei Jahren auf jeglichen Kinobesuch.

Es war auch eher ein Zufall – ein glücklicher, wie sich herausstellte (wie immer erst im Nachhinein, vorher ist man ja nie schlauer): Eine Freundin meldete sich spontan, und da ich sie in den letzten Wochen sträflich vernachlässigt hatte, suchte ich in den einschlägigen Programmen nach einer kulturellen Abendveranstaltung. In die engere Auswahl kam ein Konzert im Schokoladen oder … Moment, das klingt gut, da würde ich sogar alleine hingehen: Ein Dokumentarfilm zur Gentrifizierung, Premiere an diesem Abend im Moviemento.

Verdrängung hat viele Gesichter lautete der Titel, den Inhalt habe ich nur kurz überflogen; wo das Thema gerade Konjunktur hat, nehme ich besser alles dazu mit, bevor es in den Mottenkisten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten verschwindet. Als ich am Telefon die Karten reservierte, fiel mir auf, dass ich noch nie im Moviemento war: Wir schafften es früher immer nur ins Yorck, zum Rollberg, Passage oder Babylon – oder eben in das tolle alte Kino in Charlottenburg, wo Madame arbeitete und Buck manchmal verknautscht aus seinem Büro lugte.

Vor dem Kino angekommen, das dank seiner Ecklage und trotz des Schildes leicht zu übersehen ist, versammelte sich ein Publikum vor der Tür (Raucher, klar), wie man es in Kreuzberg nicht anders erwartete: Unterschiedlichste Altersgruppen, aber durchgehend bunt und mal mehr, mal weniger aus dem Rahmen gefallen. Und durch die Maschen des sozialen Netzes auch, hier war ich Gleicher unter Gleichen. Passend dazu näherte sich vom Kotti her eine Ein-Mann-Demonstration, zuerst nur akustisch wahrzunehmen: Ein älterer Mann, ein Türke vielleicht, fuhr gemächlich auf seinem über und über mit Plakaten geschmückten Fahrrad den Kottbusser Damm entlang und hielt dabei ein Megafon Richtung Bürgersteig, aus dem von Band abgespielte Wortfetzen zu hören waren – der Verkehr auf der vierspurigen Strasse und die verstärkten Doppelauspuffrohre des örtlichen Macho-Nachwuchses liessen mich nur etwas von „Bleiberecht für alle Flüchtlinge“ verstehen.

Verglichen mit den anderen Gentrifizierungs-Dokumentationen ist diese schon speziell: Relativ schnell wird klar, dass es sich hier nicht um den üblichen, professionellen Reportage-Journalismus handelt. Die eigene Betroffenheit scheint sowohl Auslöser als auch Themenschwerpunkt zu sein, Verdrängung hat viele Gesichter  wurde von einem Kollektiv geschaffen, von Menschen, die zwischen Ost und West, zwischen Kreuzberg und Friedrichshain wohnen  – irgendwo in dem Zipfelchen Treptow, das längst aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist und jetzt von Baugruppen erobert wird.

Das ist eine zweite, angenehme Überraschung: Nicht der große Blick, der möglichst alle Aspekte darstellen will, sondern ein kleines Phänomen, welches auf den ersten Blick auch gar nicht problematisch scheint, wird hier thematisiert. Menschen, die früher vielleicht selbst mal Häuser besetzt haben, sich überwiegend als linksalternativ verstehen und verwundert zur Kenntnis nehmen müssen, jetzt auf einmal die Bösen sein zu sollen, wo sie doch selbst nur den steigenden Mieten, die sie sich in zehn Jahren in der Gegend nicht mehr leisten können werden, entgehen wollen. Deshalb suchen sie den Ausweg im Modell der Baugruppe – keine Hedgefonds, sondern kleinteilige Zusammenschlüsse privater Investoren, die sich ihre eigenen vier Wände bauen. Was kann denn daran schlimm sein, fragen sie und wahrscheinlich auch viele aus dem Publikum, die sich mit diesem Thema noch nicht näher beschäftigt haben.

Obwohl der Film klar Stellung bezieht, wird niemand über die Maßen vorgeführt oder blossgestellt und es werden eben auch solche Fragen zugelassen, jedoch nicht, ohne eine Antwort darauf zu geben:  Zuerst einmal das auch von einigen Protagonisten der „Gegenseite“ schliesslich erkannte Eingeständnis, dass sie vom puren Egoismus getrieben sind, selbst nicht unter die Räder zu kommen und es in diesem Falle eben ein Kollateralschaden ist, wenn dies anderen passiert; Hauptsache Sicherheit, auch in zehn Jahren noch. Dabei gibt es auch andere, sozialere Möglichkeiten, wenn man schon neu bauen möchte: Genossenschaftliche Modelle oder das Mietshäusersyndikat bieten hier Alternativen abseits von Wohneigentum, genauso sicher und planbar, nur kann man in Zukunft halt keinen Reibach damit machen. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Stärke des Films sind die Geschichten der Porträtierten, egal, welchem Lager sie angehören: Das Dilemma der Baugruppenmitglieder wird ebenso deutlich wie die Absurdität der Politik und die Ausweglosigkeit der betroffenen Anwohner – ob das nun der stille, trotz seiner Situation erstaunlich unverzweifelte Buchhändler ist oder die Berliner Pflanze Moni, Jahrgang ’56 und seitdem mit großer Klappe und großem Herz im Kiez unterwegs. Die in einem Nebensatz ganz dezent darauf hinweist, dass das, was jetzt gerade um sie herum passiert, beileibe nicht die erste Verdrängung ist: Man erinnere sich nur mal an die Umstellung der Ostmieten auf das Westniveau, kombiniert mit dem Verlust des Einkommens durch Arbeitslosigkeit wurden dadurch schon damals nicht wenige an den Rand der Stadt und der Gesellschaft gedrängt.

Es ist müßig, auf alle großartig gelungenen Szenen (die Schuhe des Baustadtrats!) einzugehen, und selbstverständlich hat auch dieser Film seine Schwächen (Ich glaube, das, was ich persönlich am Meisten zu kritisieren habe firmiert unter dem Begriff Sounddesign). Da sich das Filmkollektiv auf die eigene kleine Lebenswelt konzentrierte, fehlt auch die große Anklage: Die Systemfrage wird nicht gestellt. Wenn ich mich recht erinnere, taucht das Wort Kapitalismus nicht ein einziges Mal in dem Film auf – ein bisschen schade, denn solange mit Grund und Boden spekuliert werden darf und daraus teils astronomische Gewinne erwirtschaftet werden, führt kein Weg daran vorbei, dass wirklich jeder Schuld ist an der Gentrifizierung.

Der Tiger von Sabrodt – revisited

Der Sonntagabend-Tatort (auch wenn es ein Polizeiruf ist): ein Ritual aus längst vergangenen Zeiten, man tut es, auch wenn man vorher schon weiss, dass es eigentlich nichts bringt. Genauso wie das Wählen in der Postdemokratie.

Nun begehe ich dieses Ritual, zugegeben nicht ganz so regelmässig wie früher, meist still und ohne Klage, jedenfalls nicht hier, also in der Öffentlichkeit. Das tun Andere besser. Seit einiger Zeit gehört zu meinem persönlichen Ritual auch dazu, mindestens eine dieser Klagen, namentlich die Dell’sche Kritik beim Freitag, nachzulesen. Geschmackssache und polarisierend, aber gerade das ist das Interessante daran, und das putzige Abarbeiten seiner Kritiker an Text, Stil und Person, die ihm jede Woche auf`s Neue die gleichen Sachen vorwerfen.

Warum also nun eine Wortmeldung zu diesem Thema? Um es im Dell-Duktus zu formulieren: This time it`s something personal, denn vordergründig ging es um Wölfe in der Lausitz.

Da ich ja hier vorhatte, persönlicher zu werden, fang ich doch gleich mal damit an: Dieser Landstrich ist eine meiner Heimaten, um es mal so ausdrücken. Nicht nur geographisch, sondern auch und vor allem ideell. Und da der Heimatdichter dieser Gegend sein Hauptwerk nur ein Dorf weiter spielen liess (das Leben tat es, nicht er, so würde er es wohl sagen), war mir der „Tiger von Sabrodt“ natürlich ein Begriff:

Der alte Müller kommt aus dem Ursorbischen und ist von der anderen Kreisseite nach Bossdom zugezogen. Er kommt aus Sabrodt. Das strohgedeckte Müllerhaus und die Windmühle hat er gekauft. Den Dofnamen Sabrodt kennt im Kreise Grodk jedes Kind. Dort lebte einstmals ein  Tiger, der Geflügel und Zickel riß und einmal sogar ein Fohlen aufgebrochen haben soll. Einige Leute hatten ihn huschen, aber niemals richtig gesehen. Man sah nur den Schaden, den er stiftete. Dem Tiger selbst begegnete man am häufigsten in Artikeln, die im Spremberger Anzeiger über ihn geschrieben wurden.

Man setzte eine Treibjagd an; es war schon ein kleiner Krieg. Gendarmen, Förster und Militär marschierten auf. Der alte Müller nahm als Treiber an diesem Krieg teil. Er hätte eigentlich eine Kriegsauszeichnung bekommen müssen, weil er zu denen gehörte, die den Tiger aufbrachten und vor die Flinten der Soldaten trieben.

Und als der Tiger endlich tot dalag, sah man, daß es ein Wolf war, ein aus Polen zugewanderter Wolf. In allen Zeitungen, bis nach Berlin hin, machte man sich über den Tiger von Sabrodt lustig. Wir im Kreise Grodk blieben ernst, stopften den falschen Tiger aus und stellten ihn ins Schloß-Museum. Dort sah ich ihn. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht, vielleicht trugen ihn die Motten fort, vielleicht der letzte große Krieg, vielleicht steht er noch heute dort. Ich muß einmal hinfahren und nachsehen. (Der Laden, Bd. I, S.353)

Er steht immer noch dort, glaubt man Wikipedia. Und Sabrodt heisst wieder Sabrodt und nicht mehr „Wolfsfurt“, wie von den Nazis befohlen – im Gegensatz zu vielen dutzend anderen wendischen Orten, die ihre Nazi-Namen behielten.

Was war nun also mit dem Polizeiruf, „Wolfsland“ genannt und mit Fabian Hinrichs erwartungsvoll besetzt? Nicht viel, um ehrlich zu sein. Denn es ging eigentlich gar nicht um die Wölfe, sondern wie so oft, um die finstere Vergangenheit in Dunkeldeutschland:

Der Andi hat mit dreizehn die Fluchtpläne der Familie seines Banknachbarn Stefan verraten und ist deshalb trotz Viererschnitt auf die EOS gekommen. Deswegen hat ihn der Stefan dann Jahrzehnte später, wo er wegen seiner Wölfe zufällig vor Ort war, mit einem Ast erschlagen. Der Stefan tat übrigens so, als ob er damals gar nicht viel wusste von den Plänen seiner Eltern, im Gegensatz zu Andi. Dafür kann der Stefan jetzt eine ausgewachsene und erschossene Wolfsfehe kilometerweit durch den märkischen Heidesand tragen, und zwar über die Arme gelegt vor der Brust, um sie dann vorwurfsvoll vor dem Herrensitz der adligen Dame niederzuwerfen (Manch ein Besitzer mittelgroßer Hunde mag ob dieser Kraft ungläubig staunen). Diese ist natürlich aus dem Westen zurückgekommen und brachte alles wieder unter ihre Knute, so scheint es. Und sie hasst Wölfe. Nicht, weil die Tiere ihr Geschäft mit dem Jagdtourismus kaputt machen, sondern weil die Wölfe die Überreste ihres Bruders, der 14jährig im Volkssturm fiel, vertilgten. Die bösen Russen haben ihn, slawisch unzivilisiert wie sie waren, einfach liegengelassen, womöglich nur verletzt.

Da hat sich jemand eine ganz schöne Schauergeschichte ausgedacht. Ich weiss nicht, was ich unglaubwürdiger finden soll: Dass anno 45 Wölfe östlich der Oder die Schlachtfelder heimsuchten, wo doch schon der Tiger von Sabrodt so eine seltene Erscheinung war, dass die Leute eben eher mit einem aus Zoo oder Zirkus ausgebrochenen Tiger rechneten als mit einem wilden Wolf (vor dieser Episode war der letzte freilebende Wolf hundert Jahre zuvor erlegt worden, also um 1804) – oder dass ein 13jähriger mit Viererschnitt einen Platz an der EOS bekommt, weil er eine Republikflucht verhindert.

Sei es drum, es ist Fiktion und Krimi und Sonntagabendunterhaltung, schon klar. Doch es werden bestimmte Bilder, Klischees und Vorstellungen verstärkt bzw. geprägt durch die Institution Tatort. Nicht umsonst behandelt man hier immer wieder Themen wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr oder Geheimdienstmauscheleien – und manchmal gelingt das sogar früher und besser als in der „seriösen“ Tages- und Wochenpresse. Doch schon allein, dass der „Polizeiruf 110“ innerhalb des Sonntagabendkrimis (der eigentlich „letzter freier Abend vor dem nächsten ordentlichen Werktag-Krimi“ heissen müsste, falls sich wer fragt, warum zu Ostern oder Weihnachten gern mal montags gesendet wird) ungefähr genausoviel eignenes (ostdeutsches) Profil hat wie Bündnis 90 bei den Grünen, spricht Bände.

Die deutsch-deutschen Befindlichkeiten neu zu beleuchten, hätte man also sowieso nicht erwarten dürfen. Schade ist es allerdings um das Thema „Wolfsansiedlungen in Deutschland“, wenn zu den unstrittig schönen Bildern des Films eben auch die gehören, in denen der Wolf des Nachts durch den durchaus bewohnten Ort, namentlich die Hauptstrasse spaziert. Man müsste mal die Experten fragen, was sie davon hielten. Und sie viel mehr unterstützen. Denn mir sind die Wölfe in Deutschland lieber als die meisten Menschen. Fabian Hinrichs – Waldner (nomen est omen, oha) – hat zumindest einen schönen Satz drei schöne Sätze in den Mund gelegt bekommen(frei aus der Erinnerung zitiert): Man sagt ja, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Aber das stimmt nicht, das können sie vergessen. Wölfe machen sowas nicht.

Schnipsel zum Wochenende II

Ich drück mich grad ein wenig vor dem langen Text, der immer länger wird. Unter anderem  deshalb hab ich mir jetzt endlich „Sonneborn rettet die Welt“ angeschaut. Zu Martin Sonneborn hab ich ein eher ambivalentes Verhältnis: Irgendwie ist er mir als Mensch nicht besonders sympathisch. Andererseits: Ich kenne ihn ja gar nicht persönlich, also ist das, was ich da unsympathisch finde – abgesehen davon, dass es sich sowieso nur um ein unbestimmtes Bauchgefühl handelt – auch nur ein durch Medien vermitteltes Bild.

Sonneborns Arbeit allerdings, soweit ich diese verfolgt habe, hat mir fast immer uneingeschränkten Respekt und Zustimmung abgenötigt, sowohl bei der Titanic, seinen Fernsehbeiträgen als auch mit der PARTEI – unsere Kneipenrunde überlegt derzeit ernsthaft, eine Schankwirtschaftsortsgruppe zu gründen. Endgültig überzeugt von seinem Schaffen hat mich Sonneborn mit dem Film „Heimatkunde“ – die unbestimmte Antipathie war hier fast völlig verschwunden.

Nun versucht sich der vielbeschäftigte Journalist und PARTEI-GröVaZ also auch noch als Weltenretter. Er lässt die Leute reden, und das ist nicht immer zu ihrem Vorteil, die Methode Dennis Mascarenas sozusagen. Der ehrwürdige Club of Rome schickt einen Professor vor`s Mikro, immerhin Ko-Autor vom vielbeachteten  „Grenzen des Wachstums“, der ernsthaft vorschlägt, Unmassen von Geld zu drucken und an die Armen zu verteilen, damit der Kapitalismus was zu tun bekommt und seine eigene Krise überwindet. Münchausen, der sich am Schopfe aus dem Sumpf zieht. Keine Rede vom Systemfehler, das erwähnt der Professor nicht, aber selbst die auf den ersten Blick vielleicht etwas skurril anmutenden Gestalten vom Friedrichshainer Schenkladen (eine der nächsten Stationen Sonneborns) haben das verstanden und sich über die Türe gepinselt. Das ist so einfach zu verstehen, da gibt es sogar ein Kinderlied drüber: Wenn der Topp aber nun ein Loch hat… dann kann man, um den Wasserstand zu halten, immer weiter nachkippen. Oder, wie in dem Lied, verzweifelte Flickversuche starten – letztendlich beisst sich die Katze in den Schwanz und man braucht, um den Topf zu flicken, einen Topf zum Wasserholen: Systemfehler.

Bemerkenswert – und wohl in dem „reden lassen“-Konzept begründet – ist, dass Sonneborns Gespräch mit Gysi eher farblos bleibt: die beiden Profis passen hier nicht. Was nicht heisst, dass mit dieser Besetzung keine Unterhaltung zu machen ist, im Gegenteil. Das Bloßstellen des gestellten Interviews mit dem Banker passt da schon eher, ganz zu Schweigen von der parallel geführten Strassenumfrage in Charlottenburg und Neukölln: Für mich der Höhepunkt der ganzen Sendung.

Nicht nur wegen der Schonungslosigkeit und der Schamlosigkeit, die einige Antworten entlarven. Sondern auch wegen der Szene ab 23:15: Erst das grandiose „Wat für`n Ding?“  – und dann der Ata-Moment: Die sukzessive Entblößung der Verzweiflung und Hilflosigkeit einer (gerade noch die perfekte „Dreieinhalb“-Armani-kostümierte Charaktermaske darstellenden) Zehlendorferin (vermute ich jetzt mal), und das nur wegen der einfachen Frage nach dem aktuell verwendeten Putzmittel. Soweit wäre sogar alles noch im Klischee, aber was folgt ist der wirkliche Schlüsselmoment: Irgendwann sagt die Dame „Ata“ – das kennt sie noch, und beide, Reporter und vermeintliches Opfer, wissen um die Komik und die Verschrobenheit, die dieser Antwort inneliegt. Weder die Charaktermaske „Sonneborn als kritischer Journalist“ noch die der reichen Dame aus der Villensiedlung, die putzen lässt, sind jetzt präsent, sondern zwei Menschen, die sich an Zeiten erinnern können, als es Ata noch gab, und viele, viele Annehmlichkeiten eben noch nicht. So sind beide ganz kurz in einem herzhaften  Lachen vereint, der klassische Comic Relief, mit dem der spannungsgeladenen Situation plötzlich komplett die Luft rausgelassen wird.

Sicher, da ist noch viel Luft nach oben für „Sonneborn rettet die Welt“. Es scheint trotzdem eines der guten Projekte zu werden und der Abspann offenbarte, dass der schon für „Heimatkunde“ verantwortliche Regisseur Andreas Coerper hier ebenfalls dabei war. Leider ist „Sonneborn rettet die Welt“aber auch eines der vielen guten Projekte, die samt und sonders in die Belanglosigkeit der öffentlich-rechtlichen Digitalkanäle verbannt werden. Nun ja, wenn diese durch Politik ferngesteuerten Programmdirektoren das so wollen, lassen wir sie doch in ihrer Zwanzigsten-Jahrhundert-Ecke ihr Spielchen weiter spielen, solange wir uns das Zeug im Netz anschauen können. Natürlich nicht.

Irgendwann werde ich mir also bestimmt auch die nächsten Weltrettungsversuche anschauen, jetzt jedoch erst mal die Sonne geniessen und vielleicht später ja sogar noch ein, zwei Seiten weiter schreiben. Übermorgen gehts nämlich schon wieder Richtung Sonnborner Kreuz und darüber hinaus, dann werde ich da nämlich nicht zu kommen … 🙂 Ein nettes Detail am Rande: Eingestellt wurde das Video auf Youtube von Max Utthoff. Einer, der den Abschied Georg Schramms etwas leichter macht, wo Olaf und ich grad beim Thema waren…

Wer für das Wochenende Thrill braucht, sollte sich diesen krassen, guten Text durchlesen (gefunden bei reportagen.fm). Aber dann nicht sagen, ich hätte niemanden gewarnt.