KBKLKB*

Ich werde wohl nicht umhin kommen, eine Film-Rubrik einzurichten. Das war so nicht geplant (Andererseits: Diesen Film hätte ich nun wirklich nicht verpassen dürfen.). Wieder ein Dokumentarfilm, wieder spielt Gentrifizierung eine gewisse Rolle. Überraschung!

Ausserdem: Das Babylon hatte ich auch sehr lange nicht besucht. Also der denkbar beste Abschluss für ein langes Feiertagswochenende: Die Premiere von Baiz bleibt…woanders; auf einer großen Leinwand, in einem ziemlich großen Saal. Der – das kann schonmal vorweggenommen werden – wenn auch nicht ausverkauft, so doch sehr gut gefüllt war. Fast hätte ich den Termin vergessen, wäre ich nicht nochmal daran erinnert worden. Deshalb gab es hier auch keinen Hinweis, mea culpa.

Der Filmemacher Jochen Wisotzki, Autor und Dramaturg von flüstern & SCHREIEN,  traf 2013 auf die/das Baiz, das zehnte Jubiläum stand bevor. Zehn Jahre bedeutete aber auch, dass der Pachtvertrag auslief. Eine fabelhafte Möglichkeit für die neue Eigentümer-Investorengruppe, dieses laute linke Unruhenest loszuwerden. Die Wohnungen in dem Haus lassen sich mit leisen Büros drunter natürlich viel besser verkaufen, direkt an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Mitte. Kulturelles Umfeld gerne, kann man ja auch gut mit werben als Heuschrecke (Zitat Ahne, oder war es Gott…?), aber bitte nicht im eigenen Haus.

Als Wisotzki mit seinen Aufnahmen begann stand längst fest, dass nichts mehr zu machen ist, dass das Baiz definitiv aus dem Haus raus muss. Baiz bleibt! – der Slogan, der zu dem Zeitpunkt schon zahlreiche Widerstandsaktionen  begleitet hatte, der immer noch an vielen einschlägigen Wänden klebt – galt da schon nicht mehr. Stattdessen war das einzig Sichere die Zehnjahresfeier im Dezember, und danach eine ungewisse Zukunft. Klar: Es sollte weitergehen, irgendwie, irgendwo.

Über eine Stunde begleitet der Film die Baiz-Crew bei der Suche nach einer neuen Bleibe. Er zeigt aber auch, und das sehr gelungen, dass eine Kneipe – diese Kneipe – so etwas wie die Seele des Kiezes (oder dessen, was noch davon übrig ist) sein kann. Er zeigt, was für ein Schatz verloren gehen würde, was für eine Institution solch ein Ort sein kann. In der relativ kurzen Drehzeit konnte Wisotzki einen guten Überblick über das breite Spektrum einfangen, dass das Baiz bot:

Vom klaren politischen Anspruch der linken Schülerzeitung Zeitung einer linken Jugendgruppe („Wir schreiben ja auch für Arbeiter und Lehrer!“)  bis zur Altherrenschachrunde trafen sich hier die unterschiedlichsten Menschen. Über 20 Veranstaltungen im Monat gab es durchschnittlich, viele davon von Gästen und Umfeld selbst organisiert.

Der Film zeigt Ausschnitte von Auftritten der Schauspielsparte aus Weissensee bis zu Ahne (der mit einem Baiz-Zwiegespräche-mit Gott-Special vertreten ist) und Leander Sukov ebenso wie Konzerte vom Singenden Tresen über Piet Botha bis zu YOK(pocketpunkQuetschenpaua). Wobei diese Aufzählung reichlich unvollständig ist.

Und dann wirklich: Neue, brauchbare Räume sind zu haben, keinen Kilometer entfernt. Großartigerweise braucht man dank der breiten Unterstützung von Kundschaft und Freunden nicht mal eine Bank zur Finanzierung, das wäre ja auch noch schöner… Zwar muss die Viertelmillion über die nächsten 15 Jahre irgendwie zurückgezahlt werden, aber: Niemand schmeisst uns mehr raus! 

Umbau und Umzug werden geplant. Die Idee wächst, aus Letzterem ein eindrucksvolles Symbol gegen den Ausverkauf der Stadt zu machen. An die Umzugsmenschenkette, die sich im Februar letzten Jahres die Schönhauser Allee hochschlängelte (und sich als roter Faden auch durch den Film zieht), mag sich vielleicht der eine oder andere noch erinnern. Immerhin: an ihr kam am Ende nicht einmal die Abendschau vorbei.

Diese Bilder, trefflich kombiniert mit der Musik, sind sicherlich einer der Höhepunkte des Films. Finale und Happy End schliesslich genau vor einem Jahr: Die Neueröffnung. So in etwa könnte eine Kurzbesprechung von Baiz bleibt…woanders aussehen. Vielleicht müsste noch etwas rumgekrittelt werden; der Musikeinsatz war oft gelungen bis hervorragend, der Ton manchmal nicht so sehr. Kann die Unschärfe als charakteristischer Charme ausgelegt werden? Gab es da nicht zwei oder drei Szenen, auf die man auch hätte verzichten können?

Keine Frage jedoch, dass der Film unbedingt zu empfehlen ist – derzeit leider nur auf DVD, hoffentlich bald auch wieder vor größerem Publikum.

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Doch ich kann kein unvoreingenommenes Urteil zum Baiz und zum Baizfilm liefern – im Gegenteil, ich wüsste gern, welchen Eindruck man gewinnt, wenn man keinen Bezug zu dem Laden hat.

Nachdem ich ein halbes Jahr wieder in Berlin wohnte, war es das Zehnjährige, zu dem ich mich das erste Mal wieder halbwegs unter Leute begab. Schon allein deshalb, und natürlich wegen dem Gentrifizierungsscheiss. Doch eigentlich muss ich noch weiter ausholen, kurz eine Geschichte von noch viel früher erzählen, der Vollständigkeit halber:

Auf dem Weg von der Uni nach Hause landete ich als frischgebackener Student ziemlich schnell ziemlich oft im Bandito, und blieb dort meist sehr lange hängen. Billiges Bier, Kulturprogramm und Vokü, aber vor allem ein Umsonstkicker. Durchweg überzeugende Argumente; soweit, so toll. Der Kicker hatte allerdings einen Haken, der auch oft hinter dem Tresen stand und überhaupt ein netter Zeitgenosse war. Bald nannten wir ihn – nur halb im Scherz – den Meister.

Über die Jahre machten wir so manches Mal mit ihm den Laden zu und versackten noch irgendwo anders in der Gegend. Über die Jahre kam es auch manchmal – ganz selten – vor, dass wir gegen ihn gewannen. Mal verbrachten wir mehr Zeit dort, mal weniger. Leute gingen, Leute kamen, Leuten kamen wieder, Leute blieben weg. Auch wir.

Irgendwann meinte Matthias (der inzwischen seltener kickerte, weil er wie wir alle älter wurde, und ein paar Jahre Vorsprung hatte er ja sowieso), dass es vielleicht einen Versuch wert wäre, zusammen mit einem anderem Freund aus dem Haus direkt um die Ecke eine weitere gute Kneipe aufzumachen, oder besser gesagt: Überhaupt eine Kneipe. Oder besser gesagt: Eine Kultur- und Schankwirtschaft. Denn das Bandito teilten sich die unterschiedlichsten Gruppen an den verschiedenen Tagen, selbstverwaltet und so weiter.

Also: Schon kommerziell, doch so niedrigschwellig wie möglich. Und auf alle Fälle ein ambitioniertes, breites Kulturprogramm, Politik ja sowieso. Wieso sollte man das nicht einfach mal wagen?!

Nicht viel später standen wir mit Farbe und Pinsel in den Räumen Christinen- Ecke Tor. Und inzwischen – eigentlich kommt es mir auch gar nicht so viel später vor, auch weil meine Besuchsfrequenz in letzter Zeit sehr zu niedrig ist – hat dieser Laden ein zehnjähriges plus ein einjähriges Jubiläum auf dem Buckel, eine Verdrängung überstanden und ihr sowas von den Mittelfinger gezeigt. Kann man eigentlich gar nicht glauben. Muss man gesehen haben.

* KBKLKB – Kein Bex, kein Latte, kein Bullshit. Singt Yok und stand auf der alten Baiz-Markise. Und dann auch noch Selbstbedienung.

Premiere, doppelt

Seit langer, langer Zeit war ich mal wieder im Kino. Früher passierte das ständig, dort war schliesslich der Arbeitsplatz der Beinaheangetrauten und in irgendeinem der Yorck-Kinos lief immer was Besseres als im Fernsehen. Da ich nun aber nicht mehr über die magische Freie-Eintritt-Karte verfüge, das Internetstreaming ganz vernünftig läuft und ich Unterhaltungsfilmen alleine nicht viel abgewinnen kann – im Gegensatz zu Serien – verzichtete ich seit mindestens zwei Jahren auf jeglichen Kinobesuch.

Es war auch eher ein Zufall – ein glücklicher, wie sich herausstellte (wie immer erst im Nachhinein, vorher ist man ja nie schlauer): Eine Freundin meldete sich spontan, und da ich sie in den letzten Wochen sträflich vernachlässigt hatte, suchte ich in den einschlägigen Programmen nach einer kulturellen Abendveranstaltung. In die engere Auswahl kam ein Konzert im Schokoladen oder … Moment, das klingt gut, da würde ich sogar alleine hingehen: Ein Dokumentarfilm zur Gentrifizierung, Premiere an diesem Abend im Moviemento.

Verdrängung hat viele Gesichter lautete der Titel, den Inhalt habe ich nur kurz überflogen; wo das Thema gerade Konjunktur hat, nehme ich besser alles dazu mit, bevor es in den Mottenkisten der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten verschwindet. Als ich am Telefon die Karten reservierte, fiel mir auf, dass ich noch nie im Moviemento war: Wir schafften es früher immer nur ins Yorck, zum Rollberg, Passage oder Babylon – oder eben in das tolle alte Kino in Charlottenburg, wo Madame arbeitete und Buck manchmal verknautscht aus seinem Büro lugte.

Vor dem Kino angekommen, das dank seiner Ecklage und trotz des Schildes leicht zu übersehen ist, versammelte sich ein Publikum vor der Tür (Raucher, klar), wie man es in Kreuzberg nicht anders erwartete: Unterschiedlichste Altersgruppen, aber durchgehend bunt und mal mehr, mal weniger aus dem Rahmen gefallen. Und durch die Maschen des sozialen Netzes auch, hier war ich Gleicher unter Gleichen. Passend dazu näherte sich vom Kotti her eine Ein-Mann-Demonstration, zuerst nur akustisch wahrzunehmen: Ein älterer Mann, ein Türke vielleicht, fuhr gemächlich auf seinem über und über mit Plakaten geschmückten Fahrrad den Kottbusser Damm entlang und hielt dabei ein Megafon Richtung Bürgersteig, aus dem von Band abgespielte Wortfetzen zu hören waren – der Verkehr auf der vierspurigen Strasse und die verstärkten Doppelauspuffrohre des örtlichen Macho-Nachwuchses liessen mich nur etwas von „Bleiberecht für alle Flüchtlinge“ verstehen.

Verglichen mit den anderen Gentrifizierungs-Dokumentationen ist diese schon speziell: Relativ schnell wird klar, dass es sich hier nicht um den üblichen, professionellen Reportage-Journalismus handelt. Die eigene Betroffenheit scheint sowohl Auslöser als auch Themenschwerpunkt zu sein, Verdrängung hat viele Gesichter  wurde von einem Kollektiv geschaffen, von Menschen, die zwischen Ost und West, zwischen Kreuzberg und Friedrichshain wohnen  – irgendwo in dem Zipfelchen Treptow, das längst aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist und jetzt von Baugruppen erobert wird.

Das ist eine zweite, angenehme Überraschung: Nicht der große Blick, der möglichst alle Aspekte darstellen will, sondern ein kleines Phänomen, welches auf den ersten Blick auch gar nicht problematisch scheint, wird hier thematisiert. Menschen, die früher vielleicht selbst mal Häuser besetzt haben, sich überwiegend als linksalternativ verstehen und verwundert zur Kenntnis nehmen müssen, jetzt auf einmal die Bösen sein zu sollen, wo sie doch selbst nur den steigenden Mieten, die sie sich in zehn Jahren in der Gegend nicht mehr leisten können werden, entgehen wollen. Deshalb suchen sie den Ausweg im Modell der Baugruppe – keine Hedgefonds, sondern kleinteilige Zusammenschlüsse privater Investoren, die sich ihre eigenen vier Wände bauen. Was kann denn daran schlimm sein, fragen sie und wahrscheinlich auch viele aus dem Publikum, die sich mit diesem Thema noch nicht näher beschäftigt haben.

Obwohl der Film klar Stellung bezieht, wird niemand über die Maßen vorgeführt oder blossgestellt und es werden eben auch solche Fragen zugelassen, jedoch nicht, ohne eine Antwort darauf zu geben:  Zuerst einmal das auch von einigen Protagonisten der „Gegenseite“ schliesslich erkannte Eingeständnis, dass sie vom puren Egoismus getrieben sind, selbst nicht unter die Räder zu kommen und es in diesem Falle eben ein Kollateralschaden ist, wenn dies anderen passiert; Hauptsache Sicherheit, auch in zehn Jahren noch. Dabei gibt es auch andere, sozialere Möglichkeiten, wenn man schon neu bauen möchte: Genossenschaftliche Modelle oder das Mietshäusersyndikat bieten hier Alternativen abseits von Wohneigentum, genauso sicher und planbar, nur kann man in Zukunft halt keinen Reibach damit machen. Um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Stärke des Films sind die Geschichten der Porträtierten, egal, welchem Lager sie angehören: Das Dilemma der Baugruppenmitglieder wird ebenso deutlich wie die Absurdität der Politik und die Ausweglosigkeit der betroffenen Anwohner – ob das nun der stille, trotz seiner Situation erstaunlich unverzweifelte Buchhändler ist oder die Berliner Pflanze Moni, Jahrgang ’56 und seitdem mit großer Klappe und großem Herz im Kiez unterwegs. Die in einem Nebensatz ganz dezent darauf hinweist, dass das, was jetzt gerade um sie herum passiert, beileibe nicht die erste Verdrängung ist: Man erinnere sich nur mal an die Umstellung der Ostmieten auf das Westniveau, kombiniert mit dem Verlust des Einkommens durch Arbeitslosigkeit wurden dadurch schon damals nicht wenige an den Rand der Stadt und der Gesellschaft gedrängt.

Es ist müßig, auf alle großartig gelungenen Szenen (die Schuhe des Baustadtrats!) einzugehen, und selbstverständlich hat auch dieser Film seine Schwächen (Ich glaube, das, was ich persönlich am Meisten zu kritisieren habe firmiert unter dem Begriff Sounddesign). Da sich das Filmkollektiv auf die eigene kleine Lebenswelt konzentrierte, fehlt auch die große Anklage: Die Systemfrage wird nicht gestellt. Wenn ich mich recht erinnere, taucht das Wort Kapitalismus nicht ein einziges Mal in dem Film auf – ein bisschen schade, denn solange mit Grund und Boden spekuliert werden darf und daraus teils astronomische Gewinne erwirtschaftet werden, führt kein Weg daran vorbei, dass wirklich jeder Schuld ist an der Gentrifizierung.