Klagelied des Dichters wider die idealistischen Aktivisten

09/07/14

Ja seid ihr denn verrückt,
Recht auf Rausch,
schön & gut,
aber bitte:
rezeptfreie Verkaufsstellen,
wo kommen wir denn
da hin?!

Möglichst steril und
sozialverträglich, sauberes
Apothekenschalterneonlicht
statt verdreckter Kanülen.
Eingepreist in den Regelsatz.

Wer hat denn sowas
schon gehört?!
Oder gelesen?
Und eben:

Was soll man denn
darüber für Geschichten schreiben,
über geregelte legale Drogenabgabe,
ohne Knarren, Dreck & Deals?
Kann sich doch keiner ausdenken,
sowas!

oT 12 (Normalnull)

12.08.15

Seit Wochen meilenweit
entfernt von Normalnull.
Schwankend, von beiden,
von allen Seiten.
Schwankend sowieso
viel zu oft in letzter Zeit,
soviel Ehrlichkeit muss sein.

Keine Perspektive gehabt.
Pure Verzweiflung war eine Option;
für eine Weile, schien es
die einzige.

Doch dann weitete sich,
neben den Blutgefäßen
der Horizont. Alles
schien möglich.
Ausser Normalnull.
Und das Glück prasselte nur so
auf mich ein.

Die alten Rituale, meilenweit entfernt,
ein vertrauter Ort, weg von der Stadt,
zum runterkommen.

Auf dem Rücken treibend, die Schwalben
beobachten, wie sie ihre Beute
knapp über der Wasseroberfläche
wegfangen; ein neues, vielversprechendes
Ritual.

Auf dem Rücken liegend auch später,
nachts, in der Heide, nur Fledermäuse
und der Himmel über uns, wegen dem
wir hier waren, eigentlich.

Viel zu lange her,
viel zu selten gemacht,
viel zu viele Möglichkeiten
und Glück.

Was liegen blieb: Anfang Dezember 15

Natürlich war auch dieses wieder ein Scheissjahr, ist ja schliesslich auch eine Scheisswelt, wie soll das sonst auch anders sein?!

Doch während in der Welt da draussen der Wahnsinn heuer besonders brodelnd kochte, ging es bei mir sogar mit ihm. Klar, vieles ist liegen geblieben – & ich auch viel zu oft. Trotzdem: Hätte man mir vor einem Jahr gesagt “Du wirst umziehen, du wirst dieses und jenes und eine Weiterbildung machen, du wirst neue Freunde finden, beste sogar, du wirst lachen, dir wird nach weinen zumute sein, dein Hund wird sterben, du wirst dich ganz viel unter Menschen begeben, mit ihnen arbeiten und Spass haben, du wirst wieder in ein Kollektiv gehen, es wird ein Familiendrama geben, und dann ist auch schon wieder Weihnachten!”  – Nichts davon hätte ich geglaubt, fast nichts, denn der Hund war wirklich alt.

So war es mir am letzten Mittwoch auch scheissegal, ob das nun der Tag war, an dem Beate Zschäpe ihr Schweigen brechen würde oder der Tag, an dem Angela Merkel zur Person of the year gewählt wurde – für mich war es der Tag, an dem die Chaussee der Enthusiasten ihre letzte Vorstellung gab. Die grossartig war. Neben den ganzen Erinnerungen an die gute, alte Lesebühnenzeit um die Jahrtausendwende herum, als alles noch in Butter war in meiner kleinen Welt und in der grossen drumherum Deutschland kaum Krieg führte, wurde beim Aftershowbier in der Baiz (2 Fliegen mit 1 Klappe, die neue Lage zahlt sich aus) noch fachkundig über die Unterschiede zwischen Nieder- und Obersorbisch geplänkelt.

Keine neue Liebe zwar, aber ein neues Leben, das schon irgendwie. Allerdings  noch nicht sicher, wie ich mich in dieser Rolle fühle, ob all die Kontakte, all die sozialen Bindungen wirklich richtig sind für mich. Wie soll ich denn mit anderen klarkommen, wenn ich immer noch nicht genau weiss, wie ich mit mir überhaupt klarkomme? In den dunklen Momenten lache ich mich selbst hämisch aus für diese alberne Flucht unter Leute, das Stürzen ins Getümmel. Und da die Realität einen zweifelhaften Humor hat, bietet sie mir am Ende des Jahres auch noch einigen Grund dazu.

Vor all dem und nach der Chaussee der Enthusiasten – wenn schon mal Kultur, dann richtig – besuchte ich noch die Beckmann-Ausstellung und stellte mal wieder fest, dass ich viel zu selten Kunst anschauen gehe. Schon mal ein lächerlicher Vorsatz mehr fürs nächste Jahr. Es folgten einige Zeiteinheiten, die mit Tagen nur unzureichend beschrieben wären, die ineinander übergingen, kurze Unterbrechungen und Ortswechsel beinhalteten, wiederkehrende Elemente und Momente ebenso, aber ansonsten bar jeglicher klassischer Zeiteinteilung waren. Und Drogen hatten da nicht viel, nicht mehr als sonst mit zu tun – ein brennendroter Sonnenaufgang über Kreuzberg berauschte mich um einiges mehr, beispielsweise.

 

Nichts von Bedeutung

Vieles ist geschehen, kaum etwas hat sich verändert.
Es wird noch dauern, dafür die richtigen Worte zu finden.
Erfahrungen wurden gemacht, immerhin.
Und Bilder, wenn auch nur wenige:

 

Kräne am Hamburger Hafen
Februar, Hamburg

Brandruine des Goldenen Pudel in Hamburg mit Transparent
Februar, Hamburg, viel zu viele Häuser brannten in diesem Jahr

Blick von der Steilküste auf die Ostsee herab
April, Rügen, keine adäquaten Worte für ein paar grossartige Tage

Der Kreidefelsen auf Rügen
April, Rügen, nicht nur der Baum stand auf der Klippe auf der Kippe

Sonne kurz vorm Untergang über der Müritz
Juni, Müritz

Die Sonne blinzelt durch das Gras an der Müritz
Juni, Müritz, geblendet…

27

(Ein Jahr rum & vieles scheint so gleich. Dabei ist es nicht einmal ähnlich.)

27.01.15
Der 27. Januar
– aber das ist ein anderes Thema –
also erst,
und trotzdem schon so
fertig.

Der 27. Januar
also schon,
und doch erst so wenig
geschafft.

Ein anderes Thema, zum Glück;
sonst müsste man sich schämen,
für solche Belanglosigkeiten.

Durchbruch?

(06.12.15)
Monate inzwischen gearbeitet,
in allen Positionen.
Allen.

Trotz der kurzen Zeit
(&mit Berlinjahrzehnten auf dem Buckel,
traurig, aber wahr. &gar nicht traurig, eigentlich!) –
Alles schon gesehen.
Alles.

Doch nie wirklich aufgetaut.
Spass gehabt: sicherlich!
Fast alle Genres und Publikümer durch.

Nette&grossartige&überraschende Begegnungen
und versoffene Morgene,
mit Sternchen, die viel mehr brodeln als man denkt,
alten Punkrockern aus dem letzten Jahrtausend
&dem ganzen Rest: artertracks haben auch schon gedreht.

Aber: Das Eis knirschte nur, brach nicht.
Und sowieso: Ich tanze nicht!
Nie!

Unerwartet dann, nach grandiosen elf Tagen;
bei den Punkrockboys (in ihren Feinrippunterhemden)
(nicht beabsichtigt, aber passend wie Arsch auf Eimer –
wie die Punkrockboys auf die Bullen): Der Durchbruch.
Und ich tanzte.

Zuhause, nach der langen Nacht, zum runterfahren
(&weil ich bei der Recherche zum nun toten Stonetemplepilotssänger drauf kam,
auf diese eine tolle 90er Playlist, achwasbinichalt):
Erst das Creep-Cover von Eliza Dolittle – unbedingt & nur mit Kopfhörern natürlich!
Dann doch noch mal das Original, das letzte aufputschende Aufbäumen.
Und schliesslich pünktlich zum Sonnenaufgang total fertig ins Bett fallen.

Gefunden / Anfang, Mitte November

Inzwischen ist die Zeitumstellung längst Geschichte; vorbei auch die Zeiten, in denen ich morgens nach der Schicht im gleissenden Sonnenlicht mit dem Rad nach Hause fuhr und dabei ungläubig feststellte, dass der Sandstein des Reichstags im richtigen Licht beinahe so schön aussieht wie der in Jerusalem, ein unpassender, unangebrachter Vergleich natürlich. Doch zuerst das Wichtige, Drängende – ich hatte ja bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen & kann dies jetzt mit Bild und Ton wiederholen:

Zeit, mal wieder Häuser zu besetzen, na klar. Viele Projekte in dieser Stadt feierten gerade ihr 25jähriges Bestehen, oder tun das demnächst. Was als Utopie in einer unfertigen Möchtgernmetropole begann, muss nun nach einem Vierteljahrhundert Realität oft den Verwertungsinteressen weichen. Dann bleibt vielleicht nicht viel mehr, als Filme darüber zu drehen.

Jetzt sitze ich hier und beobachte das erste Schneetreiben des Winters durch die Fensterscheiben. Das Wetter war es auch, in seiner windig-nasskalten Variante, was dazu führte, dass der Heimweg in letzter Zeit meist mit dem N6er angetreten wurde. Diese Runde wird auch immer größer; ich bin nicht der letzte, der in den Wedding ziehen musste.

Nach dem Verschwinden des Rucksacks begann ich, den König David Bericht zu lesen, das nächste Buch auf dem Noch-zu-lesen-Stapel. Versuchte hie und da, Bruchstücke und Textfragmente des Notizbuchs aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, worin ich noch nie gut war. Vor allem schmerzte der Verlust der seitenlangen Notizen & Ideen für den einen und den anderen langen Text.

Der Rucksack samt aller darin enthaltener Schätze wurde mir dann eine halbe Woche später ausgehändigt: Er lag einfach in einer dunklen Ecke eines dunklen Zimmers unter einem Haufen schwarzer Klamotten – kein Wunder also, dass ich ihn beim oberflächlichen Suchen nicht fand.

Verzwickt wie die Mühle, anders kann ich es nicht erklären. Mein Rhythmus ist komplett im Arsch, auf den Nachtschichtmodus eingestellt für die halbe Woche. Allerdings habe ich es mir ja selbst so ausgesucht: Mir die Nächte um die Ohren zu schlagen, Ideen & Eindrücke sammeln, für deren Niederschrift kaum Zeit bleibt. Zu dem Teil gehören, der nicht aus Spass auf Konzerten ist – oder nicht nur – sondern zum Arbeiten. Auch wenn man es selten so nennt & empfindet, sondern einfach als anstrengendes Vergnügen. Ich bin im Feld, immerhin.

Vieles gelingt, vieles auch nicht. Zu viele Menschen, zu viel Menschliches. Erkenntnisse reifen, Entscheidungen fallen. Manches geht nach hinten los, manchmal geht das Kairos an einem vorbei, lässt man es ungenutzt vorbeiziehen. Perfekte Tage sind Hirngespinste, perfekte Momente aber durchaus möglich. Vieles, was ich in diesem Jahr erledigen wollte, liegt in weiter Ferne. Trotzdem wurde Einiges geschafft, auch Unerwartetes. Loslassen und Neues wagen.

[Meta]

Im Gegensatz zu vor einem Jahr habe ich aber auch viel weniger Möglichkeiten, einfach rumzusitzen & auf dumme Gedanken zu kommen – dafür treibe ich mich viel zu sehr rum und habe viel zu viel zu tun, vergleichsweise. Das kann natürlich auch zu Zweifeln und Missmut führen; ich habe es weder nach Hamburg noch an die Ostsee geschafft, beispielsweise.

Dass Abstriche gemacht werden müssen, sieht man hier ziemlich deutlich, wenn man sich die Mühe macht, und die Blogseiten des letzten Herbstes anschaut. Da gab es vielfältigere Texte, und viel mehr sowieso. Gerne hätte ich mal wieder eine Linkliste rausgehauen, doch dafür hätte ich viel mehr Blogs lesen müssen – zwei Vorhaben, die ich wohl in diesem Jahr nicht mehr umsetzen werde.

Ebenso steht es um die nächste Ladung Bilder – dass hier noch gewartet werden muss, kann ich wenigstens auf das schlechte Wetter in der letzten Zeit schieben. Doch dafür kommt demnächst wohl eine neue Kategorie hinzu (ganz zu schweigen von der nötigen Feinabstimmung, die hinter den Kulissen dringend nötig ist): Der Noch-zu-lesen-Bücherstapel hat immerhin ordentlich abgenommen, dementsprechend sind die Stapel gewachsen, aus denen die angestrichenen Zeilen und am Rand hingekritzelten Notizen abgeschrieben werden müssen. So könnte es also sein, dass ich ab und zu, wenn ich denn dazu komme, das eine oder andere Zitat veröffentlichen werde, denn schliesslich dient mir das Blog auch als eine Art Notizbuch.

Wobei das mit der Wiedergabe fremder Inhalte, umschreiben wir es mal so, ja nie leicht ist, man sich irgendwie immer auf unsicherem Terrain bewegt. Ich glaubte eigentlich, mich halbwegs auszukennen: Man darf strenggenommen nicht mal jemanden ohne sein vorheriges Einverständnis fotografieren, wenn er wiedererkennbar ist. So habe ich es gelernt, das letzte mal erst vor einem halben Jahr, ganz offiziell von einem Anwalt. Es sei denn, so eine der wenigen Ausnahmen, die fotografierte Person ist Teil einer öffentlichen Veranstaltung (sobald diese allerdings kommerziell ist, können die Bildrechte mit dem Ticket am Eingang abgegeben werden). Dass aber selbst das Filmen politischer Veranstaltungen zu Komplikationen (und zu einer überraschend interessanten Geschichte über das Netz) führen kann, zeigt The Story of Technoviking – ja, damals galt die Fuckparade noch als politische Veranstaltung; und ja, damals gab es noch verdammt viele verfallene Häuser in Mitte. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte und hier ist erst mal Schluss.

The Story Of Technoviking – Kurzfassung – Deutsche UT from Matthias Fritsch on Vimeo.

 

Verloren / Mitte, Ende Oktober

Die verrückte Log-Lady ist tot! sagte sie.

Das ist aber ein komischer Spitzname für Karasek, dachte ich, aber nicht ganz unpassend.

Es ist schon eine Weile her – das lässt der Titel ja erahnen – doch ich weiss noch, dass dies ungefähr die letzten Zeilen waren, die ich in mein Notizbuch schrieb. Ungefähr deshalb, weil ich es nicht genau sagen kann, weil es nämlich weg ist, das Notizbuch. Zusammen mit den Erinnerungen Walter Jankas, fast ausgelesen, einer Filmdose und den Sanddornbonbons. Mehr war zum Glück nicht drin im Rucksack, doch das reicht vollkommen aus für die nächste Sinnkrise.

Modellflieger im Garten

Der letzte Film ist entwickelt & hat nichts mit dem Text zu tun

Es hätte ja auch die Kamera, Geld und wasweissichnochalles verloren sein können, Scherereien ohne Ende. Dass es „nur“ das Notizbuch war – und Janka – schon wieder ein Zeichen?! Vor allem, wo ich doch gar nicht an sowas glaube?

Schliesslich beschäftigte ich mich mit Janka indirekt schon vor Jahren, seit Jahren, über einem Dutzend an der Zahl, erschreckenderweise. Indirekt deshalb, weil es über Bande geht, weil es hauptsächlich, immer mal wieder, Harich ist, der mir im Kopf rumspukt. Harich ohne Janka geht nun mal aber nicht, und dessen Autobiographie fand ich im Frühjahr auf dem Flohmarkt.

Graffiti, Text um einen Anker: Fuck Austerity, Refugees welcome

Die Parolen im neuen Kiez, kein großer Unterschied zum alten

Als der Rucksack sich verabschiedete, war ich kurz vor dem Schluss angelangt, kurz vor der vermuteten Generalabrechnung mit seinem einstigen „Mitverschwörer“ – dank häufigerer Bahnfahrten wegen des beschissenen Wetters in der letzten Zeit las sich das recht schnell und interessant.

Graffiti an einer Brandmauer: Fuck Frontex

…nur manchmal etwas grösser…

Ärgerlich, doch noch weitaus ärgerlicher ist natürlich die Sache mit dem Notizbuch. Da sollte man auf alle Fälle vermeiden, ein Zeichen zu erkennen; das könnte nur ein Menetekel werden: So viele Fragmente, angefangene Texte, fertige Verse. Und kaum etwas davon übertragen, irgendwo anders gesichert. Das, was mir bisher, vor allem in der letzten Zeit, als viel zu wenig vorkam, viel mehr hätte sein müssen, erschien auf einmal als ein unglaublich wertvoller Schatz, der nun verloren gegangen ist.

Stencil an einer Hauswand unter der Klingelleiste: Mach deine Hausaufgaben, Wolgang

…oder unverständlicher, oder witziger…

Zugegeben, diese ausufernde Thematisierung von Notizbüchern in der Literatur – vor allem natürlich derjenigen, die nach Maulwurfspelz klingen und nur beim Markennamen genannt werden – stört mich oft, selbst bei Herrndorf ein klitzekleines bisschen. Allerdings: Ich bin auch nicht so der haptische Typ, sondern eher der Praktische. Und kann jetzt nur verzweifelt lächelnd & unter Pein zustimmen, wenn ich (bei der mäandernden Recherche zu „Moleskine“) in Arbeit und Struktur lese:

Ich trage als erstes meinen Namen und 50 Euro Finderlohn vorne ein, wenig später mache ich eine 1 davor: 150 Euro. Irgendwas in meinem Innern sagt mir: Ich darf das auf keinen Fall mehr verlieren.

Das Gegenteil eines Wermutstropfens – ein Tröpfchen Manna in dem Zuber Wermut sozusagen, angesichts des befürchteten Verlusts – war der ganz und gar großartige Abend. Mehr als gelungen, überall zufriedene und meist zutiefst berauschte Gesichter; nur sehr lang, sehr früh erst vorbei. Mit dem Sonnenaufgang im Rücken, der überraschend spät einsetzt – es ist noch etwas Zeit bis zur Zeitumstellung – und einer sich diesig verabschiedenden Nacht voraus dann endlich das Durchatmen und Durchtreten der Pedalen, versuchen den Rucksack und alle anderen Probleme aus dem Kopf zu bekommen.

...vielleicht sollte ich mal mit anderen Objektiven experimentieren, doch dazu komme ich eh nicht.

…vielleicht sollte ich mal mit anderen Objektiven experimentieren, doch dazu komme ich eh nicht.

Nil nisi bene

Anfang Oktober, kaum Spätsommer, dafür Schmuddelherbst zur Genüge.

Keine Ahnung, was die auf diesen ganzen Baustellen genau machen, aber in den letzten Nächten, immer wenn ich die Friedrichstrasse entlang fuhr, zurück in den Wedding, hatte ich den Geruch des stinkenden Schlamms vom Toten Meer in der Nase. Vielleicht war es aber auch nur die Sehnsucht, oder die Vorfreude.

Die Hinwege fallen gerade meist leichter, was nicht allein daran liegt, dass es Richtung alte Heimat geht: Am Ufer entlang, kurz bevor die Sonne untergeht, immer noch einen Blick über die Schulter werfen, auf das Abendrot über den letzten Ruinen an der anderen Seite des Ufers. Hauptsächlich sind es aber wirklich die Menschen, wegen denen ich den Weg gerne auf mich nehme, erstaunlicherweise. Vielleicht sogar ein spezieller Mensch.

Immer wieder Überraschungen & neue Welten: Erst tauchte auf der rasanten Abfahrt, genau dort, wo es scharf & eng um die Ecke geht, kurz vor dem Anstieg zum Schiffbauerdamm, wie aus einem Zeitloch gesprungen ein Hochradfahrer auf. Knapp zweieinhalb Meter über dem Boden sitzend, komplett in Frack und Zylinder.

Das Highlight später am Abend wartete dann in dem (sowieso schon spektakulären) blinkenden Merchkoffer der Schweizer Surfband: Eine Art Fanzine, so sagen sie, aber eigentlich ist es ein großartiger kleiner Fotoband über die Punkszene in Indonesien. Wo sie Inseln besetzen, um Konzerte zu feiern, als ob es kein Morgen gäbe. Wobei das Heft angenehm an das Gestern erinnert, an die Little Mags, an die Zeit, als mich das noch viel mehr beschäftigte, als ich dafür zur Minipressenmesse fuhr und mir von Hadayatullah Hübsch ebendiese Welt erklären liess.

Jetzt also ein Neuanfang, das kann man wohl inzwischen so sagen, da gibt es kein Drumherum mehr. War natürlich nicht so geplant & schon gar nicht abzusehen, aber das ist bei Neuanfängen ja ein Allgemeinplatz. Trotzdem schön.

Ganz im Gegensatz zu einem anderen Kapitel, was sich geschlossen hat, leider endgültig. Viel zu selten war ich in den letzten Wochen, sogar Monaten dort, und daran war nicht nur die Sommerpause schuld. Sondern auch der Neuanfang, zugegeben. Da hilft es jetzt auch nichts mehr, sich wieder öfter an diesem Tresen blicken lassen zu wollen: Udo wird nie wieder dahinter stehen. Was ziemlich beschissen ist.

Auf diesen faulen Zauber hätte ich gut verzichten können, Anfang hin oder her.

Zwei Fragmente, oder: Eine Art Antwort

I. Früher, vor über zwei Monaten
Der Krieg hängt schief, nur noch durch eine Reißzwecke mit der Wand verbunden, und flattert im Wind. Ich hatte ihn aus Hamburg mitgebracht, das Plakat zur Dix-Aussstellung, von allen für gruselig befunden, auch von der Garderobenfrau der Kunsthalle, die mir half, es graulegal einfach von der Wand zu nehmen; sie mochte es sowieso nicht.

Und jetzt, von den allabendlichen Stürmen, die vor den Gewittern kommen, wurde der Krieg zerzaust, hängt nur noch an einem Knopf an der Wand, als ob er wüsste, dass es hier zuende geht, er sowieso bald in der Umzugskiste verschwinden würde. Und ausserdem: Krieg ist ja eh gerade genug, gar so viel, dass er nurmehr zur Kenntnis genommen wird.

II. Derzeit
Irgendwie komplett aus der Bahn, passend zur Gesamtsituation. Schreiben versteckt sich noch, wartet in einer verstaubten Spinnenwebenecke darauf, abgeholt zu werden. Mit dem Lesen ist es auch nicht viel besser.

Obwohl: Die alten Titanic-Jahrgänge, geerbt & mitgenommen, nach und nach: Perfekte Klolektüre. Mit viel infantilem Müll, aber auch Perlen. Sogar etwas gelernt: Ich musste es ungläubig nachschlagen, aber es stimmt: Das Innenministerium in Ungarn heisst in der Landessprache Belügyminisztérium. Passend, irgendwie. Das ist alles so absurd.

Nicht mal geschafft, bei den zwei, drei Lieblingsblogs nach und nach wieder auf den neuesten Stand zu kommen. Spiegel online, mal kurz nachgeschaut, das war das Maximum in den letzten Wochen. Und die bringen gefühlt jeden Tag einen Artikel über Keith Richards – da läuft doch garantiert irgendein Deal mit dem Management dachte ich mir, wen zur Hölle interessiert denn noch Keith Richards? Täglich?

Ansonsten hatten sie noch eine Knallermeldung zur Drogenszene in Ulm: Es wurden acht Dealer mit insgesamt 250 Gramm Gras hops genommen. Woanders würde das unter Eigenbedarf verbucht werden, Einunddreissigeinviertelgramm pro Nase.

Am selben Tag, abends, oder am nächsten morgens, in der Realität, die mir viel zu viel Zeit stiehlt gerade (aber ich habe es mir ja selbst ausgesucht), eine Erinnerung aufgefrischt, die schon bald Jahrzehnte im Archiv lag: Menschen, die so betrunken sind, dass sie sich unbedingt prügeln wollen. Die sich dann auch nach langem Hin und Her ein paar einfangen. Und es hat mich nicht mal aufgeregt, Adrenalin hatte schon Feierabend, halb Fünf war’s.

SNC00094

Lagebericht

Samstagnachmittag, die Stadt dampft noch; oder wieder – jedenfalls ein letztes Aufbäumen des Sommers, wenn man dem Wetterbericht vertraut. Politik war hier lange absent, beabsichtigt. Sprachlosigkeit allerorten angesichts der erschreckenden, überspitzten Parallelen, die sich zum Anfang der 90er Jahre auftun wie Abgründe. Statt alle paar Wochen brennt jetzt jeden Tag irgendwo eine Unterkunft von Asylsuchenden. Andererseits: Beständig, mindestens seit Anfang der 90er Jahre. Und schon viel länger, fürchterlich fruchtbarer Schoß, könnte man fast eine anthropologische Konstante dahinter vermuten.

Auf dem Weg zum 20jährigen Geburtstag des Schöneberger Jugendmuseums, dreissig Prozent Lust, siebzig Prozent Pflicht, sich langsam umkehrend im Laufe des Abends. Mit dem Rad durch Moabit, Tiergarten, Schöneberg  – die Eisenacher vom Anfang bis zum Ende. Viel öfter jetzt durch den Tiergarten als früher, obwohl er da viel näher dran war. Die Else, auf dem Rückweg immer noch ungleich schöner, in der Abendsonne, die von Tag zu Tag besser wird. Herbstvorfreude.

Freigehalten, trotz der alles andere als lästigen Verpflichtungen, hatte ich mir den Film, der so gar nicht zu der Feierlaune passte. Und sich doch gut in den Abend einfügte – nicht ohne Grund wurde dieses Museum vor 20 Jahren genau so aufgezogen, mit diesem IntegrationsInklusionsWasauchimmer-Ansatz. Der sich durchaus bewährt hat, vieles wurde richtig gemacht, vieles gemacht überhaupt. Auf der anderen Seite (und einer anderen Baustelle) versucht ebenjener Bezirk gerade, das älteste selbstverwaltete Jugendzentrum der Stadt aus den angestammten Räumen zu drängen.

Deshalb also – und natürlich wegen der schockstarren Aktualität – passte „Solingen 93/13“ so gut in das Festprogramm, wenn auch mit hartem Schnitt. Der Film ist zwanzig Jahre nach Solingen entstanden, etwas über eine halbe Stunde lang und besteht hauptsächlich aus Interviews und Gedankenmonologen des Regisseurs Mirza Odabaşı. Der im Übrigen den Film fast komplett selbst gestemmt hat, bis zur Finanzierung. Die im Abspann so schön zu lesende Förderung durch den nordrhein-westfälischen Integrationsrat kam – wie er nach der Vorführung trocken bemerkte – erst im Nachhinein.

Es ist das Werk eines (wenn ich mich recht erinnere) Fünfundzwanzigjährigen – und dafür recht beachtlich, nicht zuletzt wegen der Gesprächspartner, die er gewinnen konnte. Eine gute Mischung, das Spektrum reicht von Afrob bis Michel Friedman, der so gar nicht auf Krawall gebürstet war und bedächtig-kluge Sachen sagte. Höhepunkt des Films ist fraglos das Interview mit Mevlüde Genç, der Frau, die durch den rassistsichen Anschlag zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor, vor ihren Augen. Schon allein deshalb ist er sehenswert.

Sicherlich, Mirza Odabaşı hätte weiter gehen können. Vergiss nicht, Thilo Sarrazin ist kein Mitglied einer rechtsradikalen Partei. gibt er zu bedenken – dass Sarrazin immer noch SPD-Mitglied ist, hätte man durchaus erwähnen können, auch um die gesellschaftliche Verfasstheit dieses Landes richtig auszuleuchten.

Doch seine Interviewpartner übernehmen diesen Schritt teilweise für ihn, etwa wenn Cem Özdemir von Trauer zweiter Klasse spricht, oder Michel Friedman meint: Ich habe im Deutschunterricht das Wort untersensibel nie gelernt, also gibt es das Wort übersensibel auch nicht. Es gibt sensibel oder nicht sensibel.

Ich konnte nach dem Film nicht mehr lange still, nicht mehr lange sitzen bleiben, musste raus in die Spätsommerabendluft tauchen, noch ein Getränk und dann durch die Nacht nach Hause fahren. Dachte mir noch, dass der Film gut war, aber dass Glumms Solingen-Erinnerungen mich noch mehr gefesselt hatten. Dass man vielleicht beides zusammen bringen sollte, und noch viel mehr. Doch wann ist ein Bild komplett? Und dass immer noch – ich hab es schon öfters erwähnt, ich weiss – The Truth Lies in Rostock derjenige Film ist, der mir zum Thema am heftigsten den Stecker zieht. Subjektiv, natürlich, und begründet.

Und dass es schon schön ist, dass so viele Leute sich an so einem heissen Abend zusammendrängen in schlechter Luft und solche Filme ansehen, aber sie ja in der Zeit auch irgendwo konkret Hilfe leisten könnten. Doch kurz bevor ich unter der Schering-Werbung abbog, die schon lange vom Mutterkonzern geschluckt wurde, verwarf ich diesen Gedanken gleich wieder, weil ich in den letzten Wochen – neben den Abgründen – auch erstaunlich viel Hilfsbereitschaft und Empathie aus den überraschendsten und unterschiedlichsten Ecken mitbekommen habe, meist ganz still & wie selbstverständlich geleistet. Und wusste dann nicht genau, ob es an der Spätsommernacht lag, dass ich auf einmal fast in versöhnlicher Stimmung war. Oder ob es wirklich Hoffnung gibt. An der neuen Haustür klebte ein Zettel mit dem allgegenwärtigen Refugees welcome-Logo und einem Aufruf, Schulsachen zu spenden. Die Ferien sind vorbei.

Mirza Odabaşı: Solingen 93/13, vom Regisseur dankenswerterweise selbst auf Youtube zur Verfügung gestellt.

Hochbett No. 3

Ich habe keine Ahnung, wie ich in die alten Routinen zurückkomme. Ich habe keine Ahnung, ob ich das überhaupt will (eher nicht, oder eher nur die Rosinen).

Ein paar neue haben sich schon etabliert, wenige alte sind neu in Angriff genommen worden, womit ich ganz glücklich bin & die Hoffnung geben, weil: Ein halbes Jahr stand das Rad in der Ecke, vernachlässigt nur wegen des Plattfusses, langsam Staub und Rost ansetzend – und kaum war es wieder fit gemacht, hat es auch schon tausend Kilometer auf dem Zähler. Wiederbelebung funktioniert also.

Neu dazugekommen ist das Schwimmen: Während ich mich in den Berliner Anfangsjahren vehement weigerte, in Süsswasser zu baden, kam dies später dank dem Hund und den Grunewaldseen schon öfter vor (& wäre jetzt de jure nicht mehr möglich). Doch das war Spass und Planscherei, regelmässig belohnt mit Hundekrallenkratzern auf den Oberschenkeln.

Durch Herrndorf kam ich auf die Idee mit dem Plötzensee (und durch die mangelnde Fitness, die mir im Frühjahr furchtbaren Rücken bescherte & mich beim Umzug erstaunt feststellen liess, dass Waschmaschinen tragen früher viel leichter war). Seitdem mindestens alle zwei Tage eine ernsthafte Runde im keine zwei Kilometer entfernten Plötzensee, möglichst früh, um die knapp über der Wasseroberfläche segelnden Schwalben auf dem Rücken treibend beobachten zu können & sich für einen Moment als einen Teil des großen Ganzen (& glücklich) zu fühlen.

Dann für zwei Tage, nachdem der gröbste Umzugsstress bewältigt war & das Hochbett stand (das dritte, welches ich in Berlin errichtete) wieder dorthin, wo es zum Jahreswechsel so toll war. Auch im Sommer nahezu perfekt, dank einem Kanal, in den man vor dem Frühstück springen konnte, um ein paar Runden zu drehen. Und der vielen Seen drumherum, auf denen wir viel zu wenig paddelten, aber immerhin.

Natürlich war ein Hund dabei, der ausgiebig bespielt, bespasst und bepuschelt wurde, reine Ersatzhandlungen. Natürlich dachte ich mir, wie es gewesen wäre, wenn…

Der Höhepunkt war sicherlich der Abend, die Nacht in der Heide. in der Dämmerung losmarschiert, um die Sternschnuppen zu erhaschen, mit Blicken und Wünschen. Irgendwann kamen sie, nachdem wir lange den sich nur allmählich herausbildenden Sternenhimmel beobachteten. Die Erkenntnis: Man müsste viel öfter mit dem Rücken im Gras und den Augen nach oben einfach so in der nächtlichen Natur liegen, ob mit Perseiden oder ohne.

Das Rad hat die Gepäck-Feuerprobe bestanden, jetzt ruft die Ostsee & ich kann es kaum abwarten, diesem Ruf zu folgen. Auch wenn die Wiedereinführung alter Gewohnheiten dadurch noch weiter hinausgezögert werden wird.

Unfassbar, noch

Sechs Jahre sind vergangen, seit wir die letzte Party geschmissen haben. Geschmissen werden hier in letzter Zeit eher wackersteingrosse Putzbrocken. Aus den obersten Fenstern. In den Innenhof. Ohne dass da irgendwer steht und aufpasst. Die neuen Eigentümer lassen keinen Zweifel daran, dass sie die wenigen verbliebenen Leute aus dem Haus haben wollen, so oder so.

Trotzdem wir aus der Übung waren, lief der Abschied ganz gut & würdig ab. Sagen die, die sich daran erinnern können. Inzwischen ist es die zweite Nacht in der neuen Wohnung, begreifen kann ich das noch längst nicht, das wird wohl mindestens so lange dauern wie das Auspacken der Kisten. Vorsorglich hatte ich gestern am Tresen Bescheid gegeben, dass sie mich – wenn ich losfahre und falls mein Zustand es nahelegt – darauf hinweisen, nicht in Richtung Kreuzberg zu fahren.

Der Heimweg hat sich um enorme fünf Kilometer verkürzt, doch dank der garstigen Weddinger Wurzeln habe ich mich zur Premiere erst mal amtlich mit dem Rad auf die Fresse gepackt. Immerhin: Die Wegbierflasche blieb unversehrt; ich eher nicht, im Allgemeinen wie im Speziellen. Licht und Schatten.

Als nach der Party der Umzug vorbereitet wurde, saugte ich den Kreuzberger Hauptstrassenhochbahndreck leidlich von den Möbeln – zumindest den werde ich nicht vermissen, ebensowenig wie die unvermeidlichen Schichten feinster Kohleofenasche. Nachdem ich allerdings die Couch ausklappte und mir gleich drei große Hundehaarwollmäuse entgegenwehten, zog es mir doch nochmal den Boden unter den Füssen weg.

Wedding also. Da wusste ich wohl vor vier Monaten mehr als vor drei Wochen.

Nett hier. Natürlich muss die Gegend erst noch ausführlich erkundet werden & die Wohnung eingelebt (von eingeräumt mal ganz zu schweigen), bevor ich mir ein erstes Urteil erlauben (und meine Gedanken endlich um neue oder zumindest andere Themen kreisen lassen) kann. Aber ich deute es als gutes Omen, dass mir, als ich in die Kneipenrunde fragte, was es denn in der Gegend so Empfehlenswertes gäbe, ein Italiener in Reinickendorf ans Herz gelegt wurde. „Dit hat der Kleene im Internet gelesen und erzählt’s jetzt Jedem, der es nicht hören will. Jaja, wissen wir alle: Supertext, Superessen, blabla. Reinickendorf, Alta! Nicht dein Ernst, oder?!“ meinte die Frau hinter der Bar dazu nur. Und: „Noch ’nen Kurzen auf den Einzug?“

Gute Leute.

Endlich einmal ist auch irgendwann mal vorbei

(Von der Berg- und Talfahrt der letzten Tage nun die Talfahrt. Und damit abschliessend das Ende jedweder Ära.)

Ich hatte schon im November abgeschlossen, zumindest ernsthaft damit angefangen; Nierenversagen, das hörte sich nicht so an, als ob da noch viel zu machen sei, vor allem bei dem Alter und der Vorgeschichte. Und dann schaffte sie es doch über die Nacht. Ich bin damals nicht hingefahren, und ich weiss nicht, ob ich es jetzt machen werde. Doch ich weiss jetzt, dass es zu Ende geht. Die Spritze ist bestellt.

Vor einem Jahr habe ich sie das letzte Mal gesehen. Noch einen schönen halben Sommer mit ihr gehabt, am Kanal und im Grunewald. Ihre alten Reviere; Westentasche. Den einen hohlen Baumstamm am Trimm-Dich-Pfad, der selbst im heissesten Sommer wenigstens immer noch ein bisschen Modderwasser für sie übrig hatte – sofort wiedergefunden. Und das, obwohl sich ihr Revier zu dem Zeitpunkt schon zwei Jahre lang am Rhein erstreckte. Davor pendelte sie, danach ebenfalls, ein Jahr noch als Scheidungskindhund. Bis zum letzten Sommer, als sie langsam schwächer wurde.

Dann beschlossen wir, dass es besser für sie wäre, an einem Ort zu bleiben, und die Vernunft sprach gegen Berlin. Entgegen den Erwartungen hat sie es doch über den Jahreswechsel geschafft, im Frühling sogar noch ihren Fünfzehnten erreicht. Sicher, sie baute merklich ab, ich konnte das nur aus der Ferne verfolgen. Das schmerzte. Anfangs sehr, dann (dachte ich – und war überrascht) nicht mehr so sehr. Dann dachte ich genau darüber nach und fand heraus, dass es noch genauso weh tat, ich nur nicht mehr ganz so oft an sie dachte.

Es mag verrückt klingen, aber es gab nichts und niemanden,den ich mehr geliebt hätte als diesen Hund. So bedingungslos, ohne jeden Groll. Nichts tat mir mehr weh und nichts machte mich ohnmächtiger als ihre gelegentlichen Panikattacken, Verletzungen, Unfälle. Sie hat nicht viel ausgelassen. Kaum etwas machte mich glücklicher, als ihr dabei zuzuschauen, wie sie sich im Schnee oder im Strandsand wälzte, wie sie spielte, rannte, träumte – und vor allem schwamm. Das wäre mein Wunsch gewesen, hätte ich einen frei gehabt: Zu wissen, wo die Angst herkommt. Wo der Schmerz sitzt. Warum sie wie irre geworden Gras frisst. Wie sich das anfühlt, mit allen Vieren in der Luft auf dem Rücken rumzuzappeln, im Gras oder im Sand, oder in einem toten Fisch.

Natürlich kann man einem Hund nichts erklären, und doch macht man es manchmal. Schlimmer ist es aber umgekehrt: Wer weiss, wie oft der Hund vergebens versuchte, einem etwas mitzuteilen. Trotz aller Hundeflüsterertips und jahrelanger Verhaltensforschung: Hunde können Menschen tausendmal besser lesen als umgekehrt. Encyclopaedia Britannica versus Räuber Hotzenplotz. Nur einmal wissen, was in diesem Kopf vorging…

Eigentlich bin ich ganz arglos und rein aus Interesse dabei geblieben, als bei der Hündin von unseren Freunden die Wehen einsetzten. Und dann war plötzlich dieses braune Fellbündel da. Und jetzt ist es weg. Bis dahin war ihre Mutter mein einziger Bezugshund: aus einem schrecklichen Haushalt gerettet, für den sie nicht Rottweiler genug war & wo sie mehr gelassen hat als ihren Schwanz, der gleich als erstes abkam. Ein großartiger Hund, die beste Mutter und viel zu früh gestorben – bei ihr schlug der Krebs mit sechs Jahren zu, ihre letzten beiden Kinder wurden erst jetzt von ihm erwischt. Neun Jahre von oben.

Endlich einmal ist auch irgendwann mal vorbei. Es ist schwer, passende Worte zu finden, doch dazu schweigen würde ihr nicht gerecht werden. Ich hoffe, ich konnte ihr mehr als einen Namen geben. Bei all dem, was ich von ihr und durch sie bekam, wäre ich froh, hätte ich ihr nur einen Bruchteil der Freude zurückgegeben, die sie mir schenkte.

tollsterhundderwelt
(15:30)

Kreuzberg adé!

Bei 60 habe ich aufgehört zu zählen, deshalb kann ich nur grob überschlagen: gute zweieinhalb Monate dauerte die Suche, es gab Wochen, in denen ich an drei oder vier Tagen fünf oder mehr Besichtigungen hatte – 80 Wohnungen waren es sicher, wahrscheinlich sogar über 100. Seit knapp einem Monat absolvierte ich die Termine meist mit dem frisch überholten Fahrrad, der Kilometerzähler hat die 500 überschritten.

Und dann war es irgendwann doch soweit, als die Zweifel schon immer größer wurden, als längst die Erkenntnis eingesetzt hatte, dass dies eine reine Lotterie war: Irgendwann ist alles in der Bewerbung drin, was man rausholen bzw. reinstecken kann; irgendwann weiss man, welche Termine man sich sparen kann, weil dort prinzipiell nicht an arme Menschen vermietet wird; irgendwann erkennt man, dass es auch eine Glückssache ist – es kann nach einer Woche klappen, oder nach einundfünfzig.

Wie bei anderen Glücksspielen auch versucht man, die beeinflussbaren Faktoren so gut wie möglich zu steuern: Der Radius wird vergrössert (Lichtenberg, Niederschöneweide, Neukölln ist sehr gross…), die günstigsten Zeiten werden abgepasst, Anzeigen werden auch jenseits der ausgetretenen Pfade gesucht.

Die eine oder andere Überraschung gab es natürlich auch: Immer noch Wohnungen mit Ofenheizungen, diversester Art sogar: Vom klassischen Kachelofen bis zur Forster Heizung, Nachtspeicheröfen und auch einige Gamats. Gamate. Wie auch immer. Ich war in Häusern, in denen vor knapp zwanzig Jahren Freunde wohnten und die bis heute nicht saniert wurden. Ich habe Schimmel dessen sich nicht geschämt wurde gesehen und totsanierte Wohnungen, wo aus 25 Quadratmetern alles rausgeholt wurde, bis auf einen Platz für die Waschmaschine.

Und dann erreichten mich an einem Tag gleich zwei gute Nachrichten (schlechte gab es jeden Tag, wenn überhaupt): Bei einer Wohnung war ich in der Runde der letzten Fünf, die andere hätte ich sicher. Natürlich wählte ich die sichere Variante, wenn dadurch auch eine mögliche Genossenschaftsmitgliedschaft verloren ging – Unsicherheit hatte ich genug gehabt in letzter Zeit. Sonst nahmen sie sich nicht viel, im Gegenteil. Und das Beste daran: Ich wohne jetzt ziemlich genau da, wo ich hinwollte, wo ich schon vor gut sechs Wochen kaum zu hoffen wagte, wohnen zu dürfen. Von Kanal zu Kanal, keine 300 Meter vom Deichgraf entfernt, was ich natürlich sofort genau mit dem Fahrrad nachgemessen habe. Danke also für all die guten Wünschen und das Daumendrücken – ich habe schon fast nicht mehr daran geglaubt, jedenfalls nicht an die Ermutigung von Rob, dass ich weiter versuchen sollte, in dieser Gegend etwas zu finden.

Wie sich herausstellte, schliesst sich damit sogar ein etwas skurriler Kreis: Die Strasse ist nach einem Adelsgeschlecht benannt, für das sich mein Urgroßvater einst auf deren Gut verdingte.

Eine sentimentale Abschiedstour werde ich mir nicht verkneifen können, zum Tabakladen, zum Getränkehändler um die Ecke, zum Casolare und zur Eisbude am Kanal. Doch es war andererseits auch längst kein Spass mehr: Die Bauarbeiten sind in vollem Gange, in den drei Hausflügeln sind nur noch sechs Wohnungen bewohnt. Sie haben gewonnen.

Natürlich werde ich weiterhin regelmässig mein zweites Wohnzimmer aufsuchen; Kreuzberg wird immer ein besonderer Ort für mich bleiben, und wer weiss, vielleicht ist genau jetzt Zeit, zu gehen. Für mich. Gestern kamen wir drauf, in der Kneipe im Wedding, in die ich jetzt schon viel zu oft gehe: Wir wohnten beide mal in der O-Strasse, Ende der Neunziger, und waren uns einig, dass das jetzt die Hölle wäre.

Ich bin also froh darüber, dass ich für zwei Zimmer (und 50qm) weniger 50 Euro mehr Miete zahle. Ehrlich glücklich. Weil ich es viel schlimmer hätte erwischen können. Verrückte Welt.

Ein sinkendes Schiff

In einer Woche, habe ich mir vorgenommen, darf ich in Panik verfallen, vorher nicht. Bis dahin wird der Plan abgearbeitet, wie jeden Tag in den letzten zwei Monaten; Lottospielen als Vollzeitbeschäftigung: Inserate durchforsten, Termine ausmachen, dort auftauchen und wissen: Es muss nicht mal einer von den 30 Leuten sein, die hier rumstehen. Gut möglich, dass die denen alle nicht passen, dann steht die Anzeige halt in zwei Wochen wieder drin, alles schon gehabt.

Der Feedreader und das Lesen von Blogs (immer und bei jeder passenden Gelegenheit von mir gepriesen) – seit Wochen nichts. Unmotiviert, kraftlos, sinnlos, so kommt mir das alles gerade vor. Da ich gerade noch so merke, dass sich das auch auf meine Bloggerei auswirkt – immer die gleiche Leier & dann auch noch so monoton – sollte hier wohl erst mal Ruhe sein.

Jedoch: Ab und zu gibt es auch Lichtblicke. Letztens, auf dem Weg ins zweite Wohnzimmer, am Anfang der Friedrichstraße beispielsweise. Ein typischer, tiefergelegter und breitbereifter BMW, aus dem die Bässe wummerten. Allerdings nicht die erwarteten Gangsterrapbässe, sondern die der Zeckenrap-Ansage. Welch eine positive Überraschung, vor allem, da ich ein paar Tage zuvor gerade viel Spass mit den Zeckenrappern hatte, in ebenjenem zweiten Wohnzimmer.

Noch ein kurzer, wichtiger Hinweis bevor ich euch hier mit meinem bevorzugten Musikvideo aus dem Genre allein lasse & in den Sommer schicke:

Der Baiz-Film, über den ich an anderer Stelle schrieb, läuft am 21.08. um 21 Uhr in der Freilichtbühne Weissensee. Danke, Matthias! (Nicht, dass ich vor hätte, solange Pause zu machen, aber sicher ist sicher…)

PS. & Update: Meine Scheuklappen haben zugeschlagen, nur noch auf eine Sache fokussiert… Sonst hätte ich sicher darauf hingewiesen, dass es (in Berlin) heute gestern eine (leider sehr mäßig besuchte) Gelegenheit gab, gegen die Asylrechtsverschärfung zu demonstrieren und danach/dabei Zeckenrap zu hören. Zum Glück morgen heute auch nochmal.

Nachgereicht: Expeditionsbilder

Nun, das Zeichen kam nicht, dafür soeben die Absage für die Wohnung, die ich wirklich gerne bezogen hätte. Immerhin hat sich dadurch der Titel des letzten Beitrags bewahrheitet.

Mit den Bildern, die auf den Erkundungstouren entstanden sind, bin ich auch nicht wirklich zufrieden, aber was solls: ich nehme, was ich bekomme; das sollte ich mir generell zum Motto machen (und darauf hoffen, dass ich überhaupt etwas bekomme).

Zuerst ein Nachtrag zu dem letzten Bilder-Posting – noch einmal Daily Smile:

Street Art Daily Smile: Paste up eines Fallschirmspringers in Häftlingskleidung mit einem karierten Fallschirm

Auf einer Expedition sind Wegweiser immer gerne gesehen:

Ein auf eine Matratze gemalter Wegweiser auf einer Brücke in Kreuzberg

 

Ansonsten steht auf Hauswänden auch oft, wo es langgeht und was gerade angesagt ist:

Schriftzug an einer Häuserwand: Revolution ist die einzige Lösung

Schriftzug an einer Hauswand, oben unter dem Dach: Rotfront

Graffiti an einem verrammelten Ladenfenster: We fucken love the Crisis. - Greece

An anderen Wänden gibt es Kunst statt Text:

Street Art an einer Hofeinfahrt: Eine Frau mit Basecap, Sonnenbrille und Dreieckstuch vor dem Mund, auf Rollschuhen

Wandbild an einer Brandmauer mit weisser Farbe: Silhouette einer Frau, die ein Baby in der Hand hält

Diverse Graffitti an einem Haus/Geschäftseingang, unter anderem auch ein Wasserhahn, aus dem Wasser läuft

Und manchmal sind sie auch einfach nur so für sich allein schön, die Wände, mit etwas Grünzeug garniert:

Rückseite eines Wohnhauses, komplett eingewachsen und grün, die schmale Seite des Hauses ist blau, davor eine Brachfläche

Wobei: Schönheit kann natürlich auch rau sein…

Eine Hausfassade an einer breiten Strasse, die unteren Fenster sind mit Holz vernagelt, über die Hausfront ein Graffiti mit einem eher abstrakten Gesicht und dem Schriftzug "Schönheit ist rauh"

Zum Schluss: Hier hätte es sein können…

Ein Mülleimer mit mehren Aufklebern amn einem Kanal, im Hintergrund eine Brücke

Grundlos optimistisch

Schon früh um neun waren vereinzelte Dortmundfans unterwegs, selbst hier, oben an der Grenze Wedding/Prenzlauer Berg, immer noch irgendwie im Niemands- oder zumindest Hinterland; Wolken fegten über den Himmel. Frisch, aber ganz angenehm.

Die Stimmung ist ähnlich wechselhaft, aber deutlich im Aufwind. Keine Ahnung, weshalb. Noch vor einer Woche zog ich eine bittere Bilanz, dachte mir, über die letzten zehn Jahre betrachtet, wo soll denn da der Tiefpunkt sein, wenn nicht hier & jetzt; ist doch nichts mehr übrig. Doch eben: Genug davon.

Denn andererseits bekam ich in den letzten Tagen auch so viele schöne unentdeckte Ecken zu Gesicht, und auch einige Wohnungen, die Hoffnung machten. Unbegründet, aber trotzdem.

Mit etwas Glück passt zwischen die Besichtigungstermine immer etwas Freiraum für Erkundungstouren, heute sollte es das Kreuz sein. Die Wohnung davor war fast perfekt, unter den gegebenen Umständen. Und den Rest würde die sehr angenehme Umgebung wettmachen; dürfte nicht allzu schwer sein, hier heimisch zu werden. Wieder ein schöner Kanal um die Ecke, zum Beispiel. Und dort, wo ich schon so oft mit dem Rad langfuhr, suchte ich nun also nach dem Kreuz. Ich hätte vorher nochmal nachlesen sollen, wie Herrndorf die Stelle genau beschreibt.

Eigentlich dachte ich mir schon, dass ich sie nicht finden würde & war auch ganz froh darüber, denn was hätte ich denn dann tun sollen? So bleiben eine Handvoll spannende Vermutungen – und die flüchtige Bekanntschaft mit zwei Anglern, die sich derart häuslich eingerichtet hatten, dass einer von ihnen direkt vor Ort seinen Räucherofen betrieb.

Eigentlich ging es nur darum, die Erinnerungen wieder aufzufrischen, die Gegend einzuatmen, zu probieren, ob das gehen würde. Und ganz schnell zu merken, wie gut das gehen würde, selbst mit der anderen Wohnung, die ein bisschen weiter weg war. Und zu würdigen, dass in den letzten Tagen immerhin auch wieder ein paar hundert Wörter zusammengekommen sind, ein paar Entwürfe rumliegen. Das würde alles sehr gut passen. Wenn ich dran glauben würde, könnte ich so ein Zeichen jetzt gut gebrauchen.

rein subjektiv

Gestern wurde der neue Mietspiegel für Berlin vorgestellt, nachdem am 11. Mai der Berliner Mietspiegel an sich vom Amtsgericht Charlottenburg als unwissenschaftlich abgekanzelt & gekippt wurde. Passt alles sehr gut zusammen, vor allem, wenn man bedenkt, dass zum 01.06. die Mietpreisbremse in Kraft treten sollte – die sich wiederum nach dem Mietspiegel richtet. Aber hey – gesetzliche Vorgaben und der Mietmarkt in Berlin, das ist sowieso eher so eine lockere on-off-Beziehung, typisch Metropole halt.

Energieausweise zum Beispiel sollte inzwischen auch jeder Vermieter vorweisen, ansonsten, so hörte ich gestern nebenbei, können Strafen bis zu 15.000 Euro verhängt werden. Nun, ich sehe derzeit immer wieder Anzeigen, in denen kein Energieausweis vorhanden (oder derzeit noch in Bearbeitung) ist.

Zusammen mit der Mietpreisbremse soll auch das sogenannte Bestellerprinzip eingeführt werden – Maklerprovisionen dürfen dann nicht mehr auf die zukünftigen Mieter abgewälzt werden. Theoretisch. In einigen Anzeigen kann man jetzt schon unter der Rubrik „Provision“ lesen, sinngemäß: Hierbei handelt es sich nicht um eine Provision, sondern um eine Bearbeitungsgebühr, die bei Abschluss des Vertrages vom Mieter zu entrichten ist.

Der frisch der Öffentlichkeit vorgestellte Mietspiegel geht übrigens von einem Durchschnittswert von 5,84 Euro/qm aus. Durchschnitt heisst ja, die Hälfte ist teurer und die andere Hälfte billiger. So ganz grob. Ich persönlich habe bisher kaum Wohnungen unter 10 Euro/qm gefunden. Ein paar waren dabei, doch, sicherlich. Erdgeschoss Vorderhaus Seestrasse, da kann man Glück haben und mit 7-8 Euro davonkommen. Staffelmiete meistens.

Und nirgends und niemals sind es unter 20 Leute: Dienstag morgens um 8: 20+. Sonntag morgen um 9, gegenüber dem RAW: 30 Leute. Nur kein Makler, was auch die Vormieterin wunderte.

Das versammelte Potpourri ist auch fast immer gleich: Geschniegelte Anzug- oder Kostümträgerinnen, die von allen anderen zuerst für die Makler gehalten werden, bevor sie sich brav schweigend in die Wartemasse stellen. Bärtig-tätowierte Hipster mit müden Gesichtern und plattgelegenen Haaren, englisch, spanisch oder italienisch parlierend. Frischgebackene Studenten mit Mama, Papa und Bürgschaft an der Hand. Berliner Ureinwohner mit Migrationshintergrund, die von sechsmonatiger, trotz Bürgen und dicker Kohle auf dem Konto erfolgloser Wohnungssuche berichten. Und alle checken sich gegenseitig ab, wer wohl rein sozialdarwinistisch auf welcher Stufe steht. Ganz selten sind auch Geflüchtete in Begleitung dabei. Ein Wahnsinnsspass. Nur falls sich wer fragt, warum es hier so still war. Für Depressionen, Texte schreiben oder die Fantasie schweifen lassen ist gerade keine Zeit. Was erstere nicht immer einsehen.

Nach dem Umzug ist vor dem Umzug

Ohne viele Worte geht es hier nun anschluss- und hoffentlich reibungslos weiter. Bleibt zu wünschen, dass der andere Umzug ebenso sanft vonstatten gehen wird. Ich habe da allerdings so meine Zweifel – andauernd werde ich daran erinnert, was mir alles fehlen wird, sollte ich den Kiez verlassen müssen. Die Tomaten auf dem Balkon fehlen mir jetzt schon, angesichts der Umstände verzichtete ich darauf, sie für ein paar Wochen und vielleicht zweieinhalb unreife Früchte überhaupt erst zu pflanzen…

Die beiden werde ich auch vermissen, wie sie da thronen über den Hipstermassen, wenn diese sich in die U1 drängeln, die jetzt wieder U12 heisst und mit den blöden lauten quadratischen U2-Waggons fährt.

zwei Schaufensterpuppen stehen hoch oben in einem bunten, verwinkelten Glas-Stahl-Treppenaufgang

 

Erst vor Kurzem ist mir Daily Smile aufgefallen: mein neues Lieblings-Kiez-Street-Art-Projekt. Wird mir auch fehlen, wie er oder sie immer wieder die vorhandene Substanz mit in die Kunst einbindet….

Street Art paste up: Ein Propellerflugzeug mit fröhlichem Piloten darin, der Propeller ist ein Lüftungsschacht o.ä. an der Hauswand

Street Art Paste Up: Ein Comicmännchen mit gestreifter Sträflingskleidung rennt weg von einem vergitterten Fenster und zeigt diesem eine lange Nase

Street Art Paste Up: Eine Bewag-Plakette dient als Jojo, der von einer Hand/den Fingerspitzen gehalten und bewegt wird

Street Art Paste Up: Diesmal dient die Bewag-Plakette als Einrag, auf der eine Art Comicclown jongliert

 

Woanders – ich muss mich ja langsam mal in anderen Kiezen umschauen – werden Türstehergesichter großflächig an die Hauswände gemalt, weil ein Jeanshersteller seine Reputation auffrischen wollte:

Gesicht

 

Ansonsten: Im Fernseher nur Müll.

Ein alter Röhrenfernseher liegt neben einer Strassenlaterne, die Röhre ist zerbrochen und im so entstehenden Hohlraum hat sich einiger Unrat angesammelt

 

Früher war halt alles besser, vor zwei Tagen war zB. noch Wochenende…

Werbeplakat für Nenas Oldschool-Album, auf einem Betonsockel stehend, auf dem Sockel ein Zitat von Jane Fonda: Wir gehen mit der Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum

 

Die Nena-Tickets für das Konzert im SO36 sollen ab 79 Euro gekostet haben. Ziemlich oldschool…und dass sie die da überhaupt reingelassen haben. Dann doch lieber den Kopf zerbrechen über das Jane-Fonda-Zitat, und damit ist auch schon wieder Schluss:

Street Art an einer Mauer: Eine auf einem Würfel sitzende Person, die als Kopf eine Art Blüte hat

 

 

 

Umzüge etc.

Samstag: Nach der Arbeit, spontan freiwillig ausgeholfen und komplikationslos absolviert, endlich dazu gekommen, die urls zu mieten. Demnächst wird es hier ernst, dunkel und eventuell erst einmal etwas stiller. Wenigstens ein Umzug, dem ich mit Freude entgegensehe: Endlich das umsetzen, womit ich mich schon fast zwei Monate werktags beschäftige, warum ich unter der Woche so viel zu tun habe & zu so wenig komme.

Aber Samstag, also Wochenende: Rucksack in die Ecke und wieder raus. Den Nachbarjungen, der auf dem Skateboard aus der Einfahrt schiesst, noch kurz abgeklatscht, am Hoffmann vorbei und aus der Ferne gegrüsst. Für den längeren Weg Richtung O-Platz entschieden, dafür aber komplett den alten, zugeschütteten Kanal lang gelaufen. Sonnenuntergang.

Schon von weitem sind die Bässe zu spüren. Je näher ich komme, desto mehr Leute um mich rum. Immerhin ist es also noch nicht ganz vorbei. Noch ein paar Schritte, dann kann man alles, was von der Bühne kommt, gut verstehen. Im Moment: Redebeiträge. Ich drehe eine halbe Runde um den gut gefüllten Platz, bis zum Brunnen, auf der Suche nach meiner Bezugsgruppe. Wir hatten uns lose verabredet; wenn, dann würden sie wohl hier ihr Lager aufschlagen.

Ein paar bekannte Gesichter ausgemacht, ein paar Schwätzchen gehalten. Die Bezugsgruppe meldet per SMS, dass sie noch im Hahn sitzen. Nein, denke ich mir, das wär mir grad zu rauchig und eng, da bleibe ich lieber hier. Ebenso eng bisweilen, je näher man zur Bühne kommt jedenfalls, und interessant riechende Rauchschwaden, klar – aber frische Luft, nette, friedliche Menschen und die Musik setzt auch wieder ein, nach einem Appell zur besonders unschönen Lage der geflüchteten Frauen, der mit den Worten „Herzlich willkommen zu einer weiteren sexistischen Veranstaltung“ eingeleitet wurde.

Doch die Musik ist nicht der einzige Grund, warum ich hier bin: Der Oranienplatz war der Stachel inmitten der Stadt, Symbol für die versagende Asylpolitik. Jeder von denen, die an diesem Ort vor Jahren ihr Lager aufschlugen, stand für werweisswieviele, die auf dem Weg hierher auf der Strecke blieben. Kurz zuvor hörte man wieder von  400 Ertrunkenen, in der Nacht darauf sollten mindestens 700 weitere dazu kommen. Nicht die, die es schaffen, sind das Problem, sondern die, die auf der Strecke bleiben – oder besser: Das Warum des auf der Strecke Bleibens, die Gründe für die Flucht und ihres vielfältigen Scheiterns sind das Problem, und dessen Ursachen liegen bei uns, zuhauf.

Aus den kurzen Gesprächen beim Rundgang war zu erfahren, dass ich sowohl Peter Fox als auch Zugezogen Maskulin verpasst hatte. Blieben also noch Irie Révoltés. Die spielten allerdings für Zehn und rissen die locker auf eine fünfstellige Zahl angewachsene Menge gut mit. Zu „Antifaschist“, wenn ich mich recht erinnere, gab es dann eine ausgeklügelte ortstypische Choreografie mit Feuerwerk und Transpis vom Dach, mittlerweile war es dunkel, passte alles. Und auf das Dach der Bushaltestelle passten 25 hüpfende Menschen.

Dann das übliche Spontandemo-Katz-und-Maus-Spiel, Zivis mit rasierten Köpfen, was den Knopf im Ohr gut erkennbar macht. Wir schauten uns das von der Seitenlinie aus eine Weile an, bis die Füße in den Chucks kalt wurden.

Der Hahn war nur über Umwege zu erreichen, ansonsten wie immer & erwartet. Deshalb (und auch, weil ich keinen Barhocker mehr erwischte) trieb es mich nach nicht allzu langer Zeit wieder nach draussen, frische Luft schnappen. Allerdings erschienen direkt hinter der geöffneten Tür ziemlich viele ziemlich breite uniformierte Rücken. Ich blieb dann doch erst mal in der Kneipe, dafür stürmte eine andere Fraktion aufgekratzt aus der Tür. Bedeutete: Einen Sitzplatz für mich.

Als das Geschehen sich etwas später verlagert hatte, nahm ich doch noch mal draussen auf den Stufen Platz, die Sirenen kamen aus Richtung Skalitzer, wo sich auch die schmalen Menschenströme hinbewegten, in der lauen Kreuzberger Frühlingsnacht. Der betrunkene Mann neben mir fragte, was denn gerade abgehe, irgendwer meinte wohl, heute würde der Kiez noch Kopf stehen, er hätte nichts mitbekommen, musste ja die ganze Zeit hinterm Tresen stehen.

Ich gab ihm eine Zusammenfassung von dem Wenigen, was ich berichten konnte, das „Eigentlich wie immer“ zum Schluss hätte vollkommen ausgereicht, eigentlich. Aber er wollte es ja genau wissen. „Den Ku’damm müsste man mal wieder platt machen“ sagte er, „jetzt, wo sie den wieder so schön aufpoliert haben. So wie damals in den 80ern, das ging ruck-zuck, von der TU-Mensa aus!“

„Jedenfalls besser als die O-Strasse…“ versuchte ich mich diplomatisch zu geben, und wollte eigentlich noch ein „Die Zeiten sind eh vorbei.“ nachschieben, aber er redete schon munter weiter. „Damals brauchtest du nur drei vernünftige Leute oben auf der Bühne, und die 2.500 unten kamen mit zum Ku’damm. Das dürfte doch kein Problem sein, ein paar Leute zusammen zu kriegen, mit der Technik heutzutage. Den Ku’damm müsste man mal wieder platt machen!“

Als ich wieder zur Tür rein kam, wurde gerade einem anderen betrunkenen Kerl ein Glas Leitungswasser quer über den Tresen ins Gesicht geschüttet, mit ordentlich Schwung. Wohl wegen penetranter sexistischer Kackscheisse.

Blöd eigentlich, dass da noch ein anderer Umzug ansteht.

Dialog

„Was ist?“ fragt sie.

„Nichts, wieso?“ sagst du.

Nur so, weil du so grinst…“ sagt sie.

„Achso, nein, ich freu mich für dich, wirklich….“ sagst du.

„Ah ja, wieso das denn?“ fragt sie.

„Naja, was ist denn passiert? Du strahlst so!“ sagst du.

„Wie meinst du das?“ fragt sie.

„Keine Ahnung.“ sagst du. „Was ist denn nun mit T.?“ fragst du.

„Achso.“ sagt sie.

„Na dann…“ sagst du.

„Willst du das wirklich wissen?“ fragt sie.

„Klar!“ sagst du.

„Ich hab was Verrücktes gemacht: Ich bin mit ihm rausgegangen, B. kam uns hinterher, und als wir ihn endlich losgeworden sind, hab ich ihn geküsst.“ sagt sie.

„Und dann?“ fragst du.

„Dann hab ich gesagt, ich muss mal schnell rüber, und bin gegangen.“ sagt sie.

„Echt?!“ fragst du.

„Ja, wieso?“ fragt sie.

„Nur so…“ sagst du, deutest auf dein Handgelenk, wo sich noch nie eine Uhr befand, und sagst: „Wurde ja auch mal Zeit!“ Und denkst: Verdammt, jetzt hat sie ihn wirklich geküsst, wieso ist das damals bei uns nicht so weit gekommen? Wieso kam sie nie auf die Idee, mich zu küssen?

Und du lächelst freundlich, und du merkst, dass du dich trotz allem für sie freust. Und, dass aus diesem wohligen Schauer, den dir ihr das ganze Gesicht zum Strahlen, zum Glühen bringendes Lächeln immer über den Rücken jagte, ein kleiner, stechender Schmerz geworden ist. Weil das Glühen nicht mehr dir gilt.

Verschwiegenheit und andere Klauseln – Das Ende einer Ära I

Er freute sich wirklich sehr über das Geschenk. Ich dachte, wenn ich schon seinen Geburtstag vergessen hatte (wie es nun mal meine Art ist, er nahm mir das nicht krumm, er kannte mich recht gut inzwischen, wusste, mich zu nehmen), dann wenigstens ein Geschenk, das das wettmacht. Sein Anblick beim Auspacken, sein Erstaunen & seine Freude waren ein Geschenk für mich.

Wie angedacht saßen wir lange rum, redeten und tranken dabei die kleinen Flaschen isländischen Wodka, die er mitgebracht hatte. Die Gespräche drehten sich um nichts Konkretes und das große Ganze. Wie immer, wenn wir uns trafen & füreinander Zeit hatte. Wie immer schön.

Irgendwann später am Abend druckste er rum. „Ich habe morgen einen Termin mit B…“ sagte er schliesslich, „Ich hab ihn angerufen, er meinte, das Angebot gilt noch, nicht mehr und nicht weniger.“ So leise wie die Worte seinen Mund verliessen, schaute er mich auch an, erwartungsvoll zweifelnd und ängstlich.

„Klar“ sagte ich, „irgendwann musst du dich ja mal entscheiden, war doch so abgemacht: Ende des Monats, nach dem Urlaub.“ Zögerlich begann seine Miene sich aufzuhellen: „Ich werde wohl annehmen… Ich will einfach nur nicht, dass sich bei uns was verändert, dass du sauer auf mich bist…“ Es klang fast wie eine Frage. „Begeistert bin ich nicht, aber ich mach dir keinen Vorwurf, habe ich dir doch schon tausendmal gesagt. Ich finde es Mist, was hier passiert, im Großen wie im Kleinen. Dass sie jetzt um die Ecke wahnsinnigerweise ein Hotel bauen, oder dass du eben die Kohle nimmst und den Stress vermeidest. Aber das ist nichts Persönliches, das weisst du!“

Ein kurzes, unangenehmes Schweigen war trotzdem unvermeidlich. Doch wir fanden wieder zurück in die Spur, kamen vom Hundertsten ins Tausendste, von den Kriegen um uns rum, die unsere psychiatrischen Notaufnahmen mit traumatisierten Flüchtlingen fluten und überfordern, über die Systemfrage (natürlich!), bis zu der Erkenntnis, dass Maggie Thatcher mit ihrem Unwillen gegenüber der Deutschen Einheit recht behalten hatte: Kein Großdeutschland, nur ein wirklich vereintes Europa hätte die Großkotzigkeit, die wir jetzt wieder an den Tag legen, verhindern können.

Ganz viele Urlaubsgeschichten auch, da führte kein Weg dran vorbei – doch Böhmermanns Stinkefingergate konnten sie selbst auf dieser abgelegenen Vulkaninsel nicht entkommen. Und da fand ich heraus, dass er Olli Schulz nicht kannte. Ich konnte es nicht fassen. „Böhmermann, naja, diese Radiosendung mit Olli Schulz, die hab ich früher gern mal gehört.“ Sagte ich. „Was für ein Olli Schulz?“ fragte er. Keine Ahnung, gar nicht! Weder von dem alten „Hund Marie“-Olli Schulz noch von Charles Schulzkowski. Und das, wo er in Hamburg wohnt! Da kam ich nicht umhin, ihm „Koks & Nutten“ vorzuspielen. Danach saßen wir noch eine ganze Weile ergriffen rum.

Am nächsten Abend sah er ziemlich durch den Wind aus, als er nach Hause kam. „Ich habe unterschrieben.“ sagte er zerknirscht, „Der Typ hat mich voll an die Wand gequatscht.“ Vielleicht wurde es auch langsam Zeit: Zur Sonnenfinsternis in das Haus gezogen, zur Sonnenfinsternis die Entscheidung getroffen, wieder auszuziehen.

Der letzte Punkt in seinem Aufhebungsvertrag besteht aus einer Verschwiegenheitserklärung. „Die Bösen haben gewonnen“ dachte ich mir, „und man darf nicht mal darüber reden.“ Am nächsten Tag, einem Samstag, ging der Architekt durch das Haus und verteilte die Modernisierungsankündigungen. Für uns gab es keine mehr, für die anderen soll sich die Miete verdoppeln bis verdreifachen. Dafür habe ich jetzt andere Sorgen.

Wenn, dann wird es wohl Wedding werden

Gemerkt, dass man nicht alles haben kann: lesen, schreiben und leben. Jedenfalls nicht, wenn noch täglich acht Stunden mit geregelter Tätigkeit verbracht werden, die zwingend frühaufstehen voraussetzt und anderthalb Stunden bahnfahren als Dreingabe bietet. Deswegen zieht das Lesen den Kürzeren, es reicht gerade mal, um morgens kurz den feedreader zu durchforsten und alles Interessante in die Lesezeichenliste zu packen. Sonntagmorgen fragt der Browser dann, ob ich wirklich 76 Tabs öffnen will. Ja, habe ich denn eine Wahl?!

***

Angesichts der morgendlichen Massen in der U7 war ich kurz davor, wieder mit den längeren Podcasts anzufangen, da ich nun wirklich nicht im Stehen und von allen Seiten bedrängt lesen mag. Doch dann probierte ich als Alternative die Ringbahn aus, und dort gibt es, entgegen dem schlechten Ruf der S-Bahn, immer einen Sitzplatz für mich. So konnte ich mit Kischs „Marktplatz der Sensationen“ anfangen, Aufbau Verlag, 1981 – damals 3,80 Mark (der DDR), letzte Woche blind für einen Euro gekauft. Läuft das schon unter Wertsteigerung?

Jedenfalls: Blind gekauft, wie gesagt, ich vermutete eine Sammlung bunt zusammengewürfelter Reportagen, doch eigentlich ist es eine Art loser Selbst- und Weltbeschreibung. Erinnert mich in Vielem an Zweigs „Erinnerungen eines Europäers“, das ich vor knapp einem Jahr las.

Was mir bei beiden Büchern durch den Kopf ging – und in ihrem Vergleich, ihrem Zusammenspiel noch mehr auffällt: Dass wir heute die deutschsprachige Literatur (und, gottbewahre, gar die deutschsprachige Kultur) jenseits der Landesgrenzen so gut wie komplett ausgeblendet haben. Wie Zweig das k.u.k.-Wien beschreibt, komplementär dazu Kischs k.u.k.-Prag, da bekommt man eine leichte Ahnung davon, wie vielfältig und reich die deutschsprachige Literatur mal war. Was wissen wir heute über die österreichische oder gar schweizerische Kulturszene? Eigentlich gilt nur noch Berlin – als Gegenstimme aus den Provinzen gibt es ein paar Krimis, das war es dann aber auch. Ansonsten: Frankfurt bzw. Leipzig, wenn mal wieder Messe ist (und ich mich, zumindest bei letzterer, wieder ärgere, dass ich es nicht dorthin schaffe. Aber immerhin hatte ich gestern Abend eine Messebesucherin im U-Bahn-Waggon, die in ihrem lautstark geführten Telefonat eine kostenlose lebensnahe Schilderung für alle Passagiere feilbot.)

***

Apropos Berlin: Ich meinte zu dem wankelmütigen, liebenswerten Hauptmieter-Mitbewohner, dass er sich doch mal entscheiden soll. Ich fürchte, er entscheidet sich für das Geld. Dann geht es wohl entweder in den Wedding, wo ich in letzter Zeit eh‘ relativ oft Bier trinken gehe, oder ganz weit weg. Ich wage nicht zu hoffen, in Kreuzberg bleiben zu können.

***

Einer der Höhepunkte dieser Woche: Meine Lieblingsfigur aus Breaking Bad (was ich, wie ich inzwischen festgestellt habe, viel zu schnell hintereinander schaute) – Mike Ehrmantraut – bekam beim Spin-off Better call Saul eine Episode nur für sich & seine Hintergrundgeschichte. Und mit dieser einen Folge hat er meiner bescheidenen Meinung nach alles an die Wand gespielt, was bisher aus dem BB-Universum zu uns vordrang.

Frühlingserwachen

Was für ein Wochenende – und was für ein Mist, dass mich pünktlich zum Beginn des lohnenswerten Wetters doch noch eine Erkältung erwischte. Freitag also vier Kannen Tee und Ruhe. Samstag dann früh um fünf aufgewacht; so richtig klappt das mit dem neuen Rhythmus noch nicht.

Dafür hatte ich lange was von dem schönen Tag, und da frische Luft ja auch  gesund sein soll, schnappte ich ein wenig davon. Unter anderem auf dem Bücherflohmarkt an der Museumsinsel – nicht meine Idee, aber keine schlechte. Lange nicht in dieser Gegend gewesen. Als ich hier vor langer Zeit studierte standen vor Merkels Haustür noch keine zwei verbeamteten Schlosswachen. Aber das war auch lange vor dem Frühstück in Wolfratshausen, und Gysi & de Maiziere (der Kleine aus dem Osten) hatten auch noch ihre Kanzlei im gleichen Haus. Richie Silberlocke (wie ihn der grosse Wolfgang Neuss nannte) selig residierte ebenfalls dort,  genau wie der ehemalige Uni-Präsident, der immer der erste war, der die Polizei rief, wenn die Party im Innenhof gerade anfing, gut zu werden.

Erstaunlicherweise waren von den zwölf Büchern, die ich am Ende des Nachmittags im Rucksack hatte, sogar drei auf einer meiner unzähligen Noch-zu-lesen-Listen.

Der Sonntag begann ähnlich gemütlich: Der traditionelle Familien-Frauentagsausflug stand an. Da auf dem Bahnhof Warschauer Strasse ein Koffer mutterseelenallein rumstand, meinte die Staatsmacht, dass da kein Platz mehr für die Bahnreisewilligen wäre, jedenfalls kein sicherer. Früher ™ rief man die Polizei, wenn man eine Tasche vermisste. Heute, wenn man eine zuviel hat. Also die Revaler langgelaufen, komplett, wollte ich sowieso schon längst mal machen. Hinten, jenseits der Modersohnbrücke, die gruselige Aufhübschung des Viertels hautnah angeschaut und nicht nur wie sonst immer aus dem S-Bahn-Fenster. Vorne sieht es zwar noch einladend uneinladend aus, aber rentabel ist es schon: von vier Millionen auf 20 Millionen in knapp acht Jahren – und die Leute schimpfen über die armen Seelen von Grasverkäufern, deren Rendite wahrscheinlich weit geringer ist.

(Und die mich – das nur nebenbei – mit ihrer Anquatscherei weit weniger nerven als der ganze Werbemüll, der einen von Plakatwänden und der O2-Blinktafel ebenso ungefragt belästigt.)

Im Spandau des Ostens dann das erste Eis des Jahres gegessen, dafür in einer langen Schlange lange angestanden und zum Schluss  Krokusse im Schlosspark bewundert. Der Weg zurück in die Stadt war nicht mehr ganz so entspannt: Während die Unionfans auf dem Hinweg noch zivilisiert und halbwegs nüchtern waren, gar einem eingeschüchtertem Rentnerehepaar Sitzplätze anboten, sah das jetzt deutlich anders & unfreundlicher aus. Freiwild-Shirts, Weinrote Scheisse-Gegröle und Rauchen in der Bahn waren dabei noch die harmloseren Vorkomnisse. Gefährlicher waren diejenigen mit kleinkarierten Hemden, Millimeterseitenscheitel und klugen, bösen Augen. Burschis, Jura und nicht nur auf dem Paukboden schlagend, wie ihre Unterhaltungsfetzen über die letzte Begegnung mit irgendwelchen BFC-Hools verriet.

Dann fing die Woche auch schon an, gar nicht so schlecht. Langsam wieder gemerkt, wie ich das früher geschafft habe: Mit Leuten zusammenarbeiten können, obwohl ich das eigentlich weder mag noch will. Ab und zu sogar Spass haben (& das auch zugeben können). Wiedereinmal sehen und staunen, wie viele verschiedene Lebenswege es gibt.

Heute kam es mir allerdings eher so vor, als hätte ich geträumt: … der Winter wär vorbei/du warst hier und wir war’n frei/und die Morgensonne schien…

 

Ansonsten: Ein paar Fragmente zu Papier gebracht. Aber eben auch nur ein paar Fragmente, und nur Papier. Bisher. Doch das ist ja geduldig. Immerhin.

Allet neu macht der März

Die nicht gefassten Vorsätze konkretisieren sich, werden umgesetzt. Und ihr hier habt darunter zu leiden.

Um Struktur zurückzugewinnen und neue Erfahrungen zu sammeln stehe ich neuerdings  zu Zeiten auf, zu denen ich bis letzte Woche schlafen ging. Was morgens gut klappt, trotz maximal fünf Stunden Schlaf (die Umstellung dauert wohl noch eine Weile), zieht mir am späten Nachmittag den Boden unter den Füßen weg, so dass ich auf der Couch lande, Beine nach oben. Die nächtliche Rumtreiberei leidet darunter (fast) ebenso wie das Bloggen.

Dafür höre ich jetzt täglich acht Stunden Leuten zu, die mir was vom Pferd Bloggen und der Netzwelt erzählen. Unter anderem. Schon auf der ersten Folie tauchte das Nicht-nicht-kommunizieren-Zitat auf. Dass der „Ich muss hier raus“-Reflex so schnell kommt, hätte ich nicht vermutet. Kurz darauf wurde „Das Netz vergisst nichts“ auf ein Flipchart geschrieben. Später meinte einer bei der Fragerunde, dass er Print gar nicht mehr lese, bis auf das Compact-Magazin, hätte er kürzlich entdeckt, sehr interessant und aussergewöhlich.

Die Leute um mich rum haben massenhaft Abschlüsse, Familien, Kinder und Blogs. Keine Ahnung, wie die das alles unter einen Hut bekommen. Ich könnte das nicht. Deswegen bleibt es hier wohl leider bis mindestens Ende des Monats etwas ruhiger. Es sei denn, ich finde die Veranstaltung so nichtssagend wie gerade eben…

Erwischt

Es ist nicht die Spanish Inquisition, aber ebenso unerwartet. Sollte ich das jetzt persönlich nehmen? Sollte ich mich freuen, oder sollte ich mir eher Gedanken machen, wo das hinführen könnte? Egal, da bin ich jetzt egoistisch, kommt selten genug vor (aus meiner Sicht jedenfalls^^): Jemand kommentierte dieses Blog – nicht hier, sondern in der Kohlenstoffwelt, wie man so sagt. Da hab ich mich wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt, das die eine Realität von der anderen trennt. Selber schuld.

Klowand mit Stickern übersät, zwei Schriftzüge: Jemand liest Dein Blog...Darunter: Echt? Cool!

Ich habe das Partyklo-Schild natürlich wieder ordnungsgemäß befestigt, und der Kommentar zum Kommentar stammt nicht von mir, meine Narrenhände beschmieren meist nur virtuelle Klowände (id est: Ich habe selten einen Edding dabei.). Da sich noch jemand anderes angesprochen fühlte, kann es ja auch sein, dass dies gar nicht mir galt. Ich nehm‘ es trotzdem mal persönlich…

Die richtige Entscheidung

Ein altes DDR-Ferienlager, größtenteils im Originalzustand.

Die Gruppe schläft zusammen in einem Raum, Doppelstockbetten.

Ein Zwei-Stunden-Spaziergang durch den Wald, dann über den alten Truppenübungsplatz, die Hunde viel zu beschäftigt, um sich den Weg zu merken.

Verlassene Schiessstände, kleine Betonbaracken, zugetaggt.

In einem Größeren ein ausgeschlachteter Trabi.

Der Schnee schmilzt, doch noch ist genug von ihm da.

Das Holz, im Wald aus dem Schnee gefischt, gibt doch ein gutes, ein schönes, ein perfektes Lagerfeuer. Stundenlang.

Knisterndes Feuer, verpasste Gelegenheiten. Stundenlang. Dann Nebel.

Die Stadt weit genug weg: kein Lärm, kein Knallen, keine pünktlich terminierte Fröhlichkeit.

Und doch: Irgendwoher taucht die obligatorische Magnumsektflasche auf, die keiner trinken will & die dann doch irgendwann leer ist.

 

Aufgeweckt von der Sonne, die den Schnee verscheuchte. Auch in diesem Jahr hat jede Medaille also mindestens zwei Seiten und der Hof ist voller Pfützen.

Erste kleine Dramen, erste Beruhigungen.

Zum Bus, schon wieder im Dunkeln, schon wieder Frost. Glatteis statt Schnee auf den Wegen.

An der Haltestelle Knöpfe, die man drücken muss, will man mitgenommen werden. Was trotz unserer inkompetenten Bedienung funktioniert.

Die Stadt empfängt uns in ihren Vororten mit absurd blinkenden Vorgartenschmuck. Lichtvöllerei.

Tagelang noch das Gefühl, nicht angekommen zu sein, weder im Raum, noch in der Zeit.

Es war gut, es war die richtige Entscheidung.

Zu einfach

„Sich nur mit einfachen Leuten zu umgeben, das ist ja auch ganz schön einfach.“ sagte ich, als der Mitbewohner sein Augenbrauenrunzeln wegen der Paranoia der Nachbarin über das gesamte Gesicht verteilte. Sie sah in jedem vor der Tür parkenden Auto einen Schnüffler der Hauseigentümer, abgehört werden wir auch, natürlich.

„Versteh ich nicht.“ Meinte der Mitbewohner. Ich erklärte ihm, dass die gute Frau zweifelsohne einen Knall hat, also beileibe nicht einfach sei, ganz im Gegenteil, aber doch trotzdem unsere Unterstützung verdient. Klar, ein paar Wahnvorstellungen, wortreich ausgeschmückt und gepaart mit dem naiven Rassismus der geborenen Kreuzbergerin mit italienischem Vater, das alles in einem Redefluss, der gerade tosend einen Felsabgrund herunterstürzt – das kann einen durchaus sprachlos machen, nicht nur, weil man eh nie zum Zuge kommt. Aber es kann auch eine Herausforderung sein: Den Rassismus bloßzustellen und zu dekonstruieren, auf eine Erkenntnis hoffend; ähnlich vergeblich wie die Verschwörungstheorien und Privatsendernews zu entkräften.

Hat man nur Leute um sich, die nicht den geringsten Widerspruch in einem auslösen, dann entgehen einem all die Möglichkeiten, andere und sich selbst zu hinterfragen. Erklärungen zu finden und zu liefern. Vor Augen geführt zu bekommen, was in manchen Köpfen so für Gedanken rumschwirren, bei denen man annahm, dass auf soetwas ja wohl wirklich niemand reinfallen könnte.

Sicher, die Geduld reicht nicht immer aus, und jeden Tag das Gleiche zum gleichen Thema erzählt zu bekommen, hat mich in letzter Zeit sowieso dünnhäutig und missmutig werden lassen. Vor allem, da ihr Konterpart aus dem Stock drüber ebenfalls täglich zum gleichen Thema vorspricht. Viel elaborierter, mit grundsolidem intellektuellen Fundament, etwas zu selbstgefällig vorgetragen und angestrengt schlau daherkommend, aber eben genau so ausführlich wie die Paranoia-Verdächtigungen.

Sie wissen, glaube ich, wie sie es zu nehmen haben, wenn ich mich wie kürzlich dem ewiggleichen Thema verweigerte, deutlich sagte, dass es mich anwidert, vor allem, da nichts passiert, da nur spekuliert wird. Sie nahm es auch nicht krumm, dass ich vor Monaten nur knapp meinte „Vergiss das ganz schnell, das ist Schwachsinn, wirklich. Glaub mir.“ Damals wurde noch über dies und das gesprochen, in besagtem Fall, so machte es den Eindruck, hatte sie gerade Galileo geschaut und ist dabei irgendwie auf den Chemtrail-Trichter gekommen. Immerhin erst vor ein paar Monaten.

Also: Sich immer nur mit einfachen Menschen zu umgeben, das wäre doch zu einfach, oder? Oder liegt es daran, dass sie bei ihren beinahe täglichen Besuchen die besten Grastüten weit und breit mitbringt?

Sommersplitter, letzter Akt (nachgereicht)

Ich hab ihn letztens in der U-Bahn getroffen, als bei der U6 dieser blöde Pendelverkehr war und man vom Mehringdamm bis Tempelhof dreimal umsteigen musste und ne halbe Stunde gebraucht hat. Der sah ganz schön verpeilt aus und schien gar nicht klarzukommen. Meinte, er wäre schon zweimal in die falsche Richtung gefahren. Kifft wahrscheinlich immer noch zu viel. Hat erzählt, seine Frau hätte ihn sitzengelassen und er ist jetzt wieder in Berlin.

So ungefähr könnte C. es ihnen erzählen, es wäre ihm nicht zu verübeln. Ich war an diesem Tag wirklich schlecht drauf. Wieso also sollte ich das machen, in die alte Heimat fahren? Dort wohnt niemand mehr, der mir wichtig wäre. Oder andersrum. Eher. Und eben, C. meinte, O. würde jetzt wieder dort wohnen, im alten Haus der Eltern. Nur der Landschaft und des Meeres wegen zieht es mich nicht dort hin, da mag es noch so viel Sommer sein, das reicht nicht, das zieht nicht.

Heimat? Ich habe den Verdacht, es geht eher darum, in überzuckerten Erinnerungen zu schwelgen und zu recht verflossenen Gelegenheiten noch eine Chance geben zu wollen. Zeitverschwendung. Um die andere Heimat kümmerst du dich ja auch nicht, sagt das Teufelchen auf der rechten Schulter, eigentlich kümmerst du dich doch um so etwas nie, für gewöhnlich. Und die ist schliesslich um die Ecke, die andere Heimat, da könnte man mit dem Rad hinfahren. Was du ja auch mal gemacht hast, als noch jemand dort wohnte, im Familienstammsitz. Mal ganz abgesehen davon, dass da auch einige Gräber schon jahrelang auf deinen Besuch warten. Aber eben keine Verflossenen, deswegen denkst du da auch nicht mal ansatzweise drüber nach.

Das unverhofft auftauchende Boateng-Wandbild (Ach hier war das!) unterbrach dann zum Glück diese Gedankenspiele und setzte neue in Gang. Die WM war gerade mal einen Monat vorbei, besoffen von dem Titel war längst keiner mehr. Mit einer so schnellen Ernüchterung hätte ich nicht gerechnet, dieser unspektakulär schnelle Übergang zum Tagesgeschäft überraschte mich. Sollte es wirklich noch fünf Monate Ruhe geben, bis die ganzen ‘Schland-Idioten in den Jahresrückblicken wieder ins Bild dürfen?

Über das Boateng-Mural freue ich mich immer wieder, nicht nur, weil ich nie genau weiss, wo es ist und daher jedes Mal aufs Neue überrascht bin. Sondern auch, weil ich dabei immer leise skeptisch denke, das sind wirklich unsere Jungs, die kennen das dreckige, das Guten Morgen Berlin, du kannst so schön hässlich sein-Berlin. Und dass wenigstens einer von ihnen Weltmeister geworden ist, freut mich wirklich. Ebenso wie der Gedanke daran, dass er in 30, 40 Jahren als älterer Herr, mit kleinem Bierbauch vielleicht, ganz selbstverständlich im Aktuellen Sportstudio aus dem Nähkästchen der Erinnerung plaudern wird. Mit viel Glück werden die Zuschauer dann ungläubig den Kopf schütteln und sich denken: Bananen auf das Spielfeld geworfen? Wirklich?! Wie dumm ist das denn?!

Vom Schreiben I

Mein Großvater war schon tot, als ich mit dem Schreiben anfing. Und doch war er der Grund dafür. Ich weiss das noch so genau, weil es frühmorgens war. Ich schlich aus dem Haus, bevor Großmutter wenig später den Hof betrat, um die Hühner und Karnickel zu füttern. Das war vorher seine Aufgabe.

Vor dem Haus stand eine Haselnuss, die mir knapp zwei Jahrzehnte später eine veritable Allergie bescheren sollte. Gleich neben der Schaukel und dem Sandkasten, der eigentlich ein großer, alter Traktorreifen war. Dort stießen wir, wenn wir tief genug gruben, immer mal wieder auf verwitterte Nazimünzen. Was Großvater als kriegserfahrenen Kommunisten jedes Mal aufregte, wenn  er fand, was wir vor ihm verstecken wollten.  Von seinen Funden auf diesem Grund und Boden hat er uns zeitlebens nichts erzählt: Wir waren wohl noch zu jung für die Geschichten über Pistolen und Dolche mit eingravierten Hakenkreuzen, die er nach dem Hauskauf entdeckte, gar nicht mal so gut versteckt. Natürlich wurde er in dieser Angelegenheit sofort auf der Kreisleitung vorstellig und bereinigte sie.

Noch vor Sonnenaufgang wollte ich auf der Astgabel des Haselnussbaums sein, meinem Lieblingsplatz. Von hier aus hatte man den besten Überblick über die Umgebung: Die Wiese vor dem Haus, links davon die Gemüsebeete, dahinter die Heuwiese. Die durften wir Kinder nicht betreten, dafür war sie bunt gefärbt von den vielen Blüten, bis Großmutter mit Sense und Sichel das Grünfutter erntete. Geradezu, hinter der Hecke und den Obstbäumen, führte der Weg an den Schuppen vorbei zur Garage und zur Werkstatt, bis er an den Ställen und vor dem Hühnerhof endete. Selbst die kleine Laube ganz hinten an der Grenze zum Uhrmacher-Nachbarn war von hier aus über die Kirschbäume hinweg gut zu erkennen. Rechts von dem Weg bildete eine Reihe Blumenbeete die Begrenzung zum anderen Nachbargrundstück, das so gross und auch ein wenig hügelig war, dass man das Haus nicht mal von meinem Ausguck aus sehen konnte.

Ich hatte einen Bleistift dabei und eines der grobfaserigen blassgrünen Schulhefte, blau liniert. Und konnte es gar nicht erwarten, dass die Natur im Gleichklang mit der Sonne aufwachte, was ich dann sogleich protokollieren würde, genau so, wie ich es in meinem damaligen Lieblingsbuch gelesen hatte. Dessen Titel habe ich längst vergessen, die meisten Tier- und Pflanzennamen, die ich damals aus dem Effeff beherrschte und zuordnen konnte, ebenfalls. Doch ich weiss noch, dass das der Moment war, in dem ich anfing, zu schreiben. Weil ich Bücher liebte, und Geschichten. Und die besten davon erzählte mein Großvater, einige schrieb er sogar für uns Enkel auf: Erst handschriftlich auf Briefpapier, dann tippte er sie mit der Erika-Schreibmaschine ab. In ihnen hörte ich zum ersten Mal von den Möwen und dem Meer, an dem ich bald darauf wohnen würde. Eine Zeit lang – die Seemannsgeschichten waren wohl schuld – dachte ich, mit den Schreibmaschinen sei das wie mit den Schiffen, was die Namensgebung betraf: Meine Großmutter hiess Erika, also benannte mein Großvater seine Schreibmaschine dementsprechend.

Er war also schuld daran, dass ich anfing, zu schreiben. Obwohl ich doch wegen ihm eigentlich Oberförster im Lieschenpark werden wollte. Trotz des Namens handelt es sich hier durchaus um einen Wald, in dem sich sogar ein kleiner Angelteich befindet. Als Revier für einen Oberförster wäre er aber wohl wirklich etwas klein gewesen. Ich weiss nicht viel von meinem Großvater, das wenigste davon aus seinem Mund: Er war der Sohn eines Melkers, geriet bei El Alamein glücklich in amerikanische Kriegsgefangenschaft (Huntsville, Texas) studierte Agrarwissenschaften, war LPG-Vorsitzender und starb, als ich sechs Jahre alt war. Mir ist er jedoch hauptsächlich als Geschichtenerzähler in Erinnerung, und viele seiner Geschichten spielten in den Wäldern um uns herum, in denen er als Jäger unterwegs war und wo er die unglaublichsten Sachen erlebte.

So hatte er sich beispielsweise einmal verlaufen, nach einigem Umherirren stieß er auf eine kleine Brücke, von der aus der Waldweg direkt zu einer Hütte führte, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um das Haus des Weihnachtsmanns. Als wir Kinder leise Zweifel daran hegten, dass der nun ausgerechnet bei uns um die Ecke wohnen würde, nahm er uns eines Tages – wie so oft, aber doch viel zu selten – mit, um uns die Hütte zu zeigen. Es war leider Sommer, und der Weihnachtsmann samt Helfern im Urlaub. So las er es vor, von dem Schild, das in dem verstaubten Fenster der Hütte hing. Unsere Zweifel waren zerstreut, schliesslich standen wir vor der Hütte und konnten die Botschaft des Weihnachtsmanns mit eigenen Augen sehen, auch wenn wir noch nicht lesen konnten. Ich liebte diese Geschichten, liebte es, mich durch die Wälder und über Wiesen und Felder treiben zu lassen und die Tiere zu beobachten: Oberförster also, keine Frage.

Doch dann fing ich an diesem einen Morgen mit dem Schreiben an und habe bis heute nicht damit aufhören können. Vorher stieg ich allerdings nochmal von meinem Lieblingsplatz in der Astgabel des Haselnussbaums herunter und ging in den grünen Schuppen, den Futterschuppen. Von hier aus ließ Großvater ein paar Jahre zuvor einen selbstgebastelten Osterhasen an einer Seilwinde zum Hühnerhof laufen, er hatte sogar eine Weidenkiepe auf dem Rücken, wenn ich mich recht erinnere. Wir Kinder bestaunten dieses Schauspiel mit verschlafenen Augen vom Küchenfenster aus. Unser Großvater kannte also nicht nur den Weihnachtsmann persönlich, sondern sorgte auch dafür, dass wir die einzigen waren, die im Kindergarten stolz berichten konnten, den Osterhasen tatsächlich bei der Arbeit  beobachtet zu haben.

Meine Großmutter kippte gerade das Futter für die Hühner und die Karnickel zusammen. Ich half ihr immer wieder gerne beim morgendlichen Füttern, es war eine meiner liebsten Tätigkeiten im Haushalt: Die frische klare Luft um diese Zeit, besonders im Winter, noch unschuldig vom Dreck des Tages. Die gerade erwachende Sonne und die Ruhe, selbst die Hühner schliefen manchmal noch und mussten von uns erst geweckt werden. Meine Aufgabe war es, trockenes Brot mit Wasser und Getreide zu vermanschen und danach die gelegten Eier einzusammeln. „Weisst du noch, der Osterhase….?“ Fragte ich Großmutter, während wir vom Stall zurück Richtung Haus gingen. „Ist schon gut, mein Junge.“ Sagte sie. Ich kletterte zurück auf die Astgabel und schrieb eine Geschichte über den Eisvogel, der in den riesigen Birken des Nachbargrundstücks wohnte.

Ein Haus, vom Hof aus gesehen, davor ein Haselnussbaum, davor eine Schaukel auf der zwei Kinder klettern

Botschaften

Am Kanal hängen Zettel, eine Wohnung wird angeboten: Knappe 150 Quadratmeter, knappe 1.500 Euro Miete. So weit, so schlecht. Doch wer sich das leisten kann und will: Es gibt noch einen kleinen Haken, Abstand genannt. Läppische 95.000 Euro. Was sagt uns das?

Eine andere Botschaft hängt in Köpenick, diesmal hatte ich wenigstens das Mobiltelefon dabei und konnte sie mehr schlecht als recht fotografieren. Dort wurde am Wochenende das Bürgerbüro des NPD-Europaabgeordneten Voigt eröffnet. Vorher gab es für das Haus, in dem auch die Parteizentrale residiert, noch einen neuen Anstrich und ein neues Klingelschild. Auch zwei Häuser weiter wird an der Fassade gearbeitet:

SNC00053a

Die Nähe des Gerüstbauobjekts zur Parteizentrale ist bestimmt nur geographisch und ansonsten rein zufällig. Und die Antifaspinner bauschen das wahrscheinlich alles auf, um rechtschaffene, hart arbeitende deutsche Männer zu verunglimpfen. Ostdeutsche, da legen die glaube ich wert drauf, während sie auf ihren Mopeds durch die Gegend fahren und unpolitischen Rechtsrock hören.

Bei der Gelegenheit fand ich – als Antwort, sozusagen – noch ein weiteres Bild auf dem Mobiltelefon. Von jemanden, der auch ganz schön scheisse gesungen hat.

Und wo wir schon mal bei Musik mit Aussage sind, bitteschön:

Mehr habe ich derzeit nicht zu sagen.

Zu viele Rhabbis in Hamburch

Ich war da, bei der Bloggerlesung in Hamburg. Und es war toll, keine Frage. Fragen habe ich allerdings noch so einige. Zum Beispiel, warum ich es nicht mehr geschafft habe, mit Glumm noch ein Bier zu trinken. Die Rhabbis waren wohl schuld, nachdem die Mexikaner für nicht so dolle befunden wurden. Also lieber Rharbarberschnaps. Die Jury bestand neben mir noch aus einem anderen fachkundigen Berliner Gaumen, der in Begleitung einer zukünftigen Erfolgsschriftstellerin angereist war. Irgendwann schleppte ich mich dann frühmorgens aus dem Jolly Rogers (keine Ahnung, wie wir dahin gekommen sind….) in meine Unterkunft.

Also: Danke an Candy, Sabine und Glumm, es hat viel Spass gemacht.Und nächstes Mal verlieren wir uns hoffentlich nicht so schnell aus den Augen – dass es ein nächstes Mal geben wird, geben muss, das ist eigentlich auch keine Frage. Doch jetzt geht es erst mal zurück nach Berlin, beladen mit schönen Erinnerungen und ein paar Büchern mehr – passenderweise war in der Flora nämlich auch noch die radical bookfair. Danke Hamburg und danke Candy, für die Idee und für die Umsetzung. Ein durch und durch gelungenes Wochenende.

Spätsommersplitter – Obey Mehringplatz

Als meine schwäbische Mitbewohnerin noch ganz frisch in der Stadt war, noch nicht im Bermudadreieck aus Goldenem Hahn, Franken und Trinkteufel verschollen, kam sie eines Tages aufgeregt von einer Erkundungstour zurück und erzählte, dass sie irgendwelche Schauspieler Darsteller irgendeiner Vorabendserie getroffen hätte. Wobei mir weder die Namen noch die Serie irgendetwas sagten. Doch ich konnte ihre Aufregung nachvollziehen, mit einem milden, wissenden Lächeln auf den Lippen natürlich.

Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, dass einem hier die Gesichter aus den Illustrierten vor der Nase herumlaufen. Was der Schwäbin spätestens klar wurde, als Pete Doherty vor ihrer Stammkneipe rumrandalierte wie jeder andere Säufer auch. Irgendwann gehört es jedenfalls zum Alltag, von dem die Berliner, deren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt sich in Mahlsdorf-Süd befindet, freilich auch nichts mitbekommen. Obwohl: Die haben immerhin Frank Schöbel als Nachbarn.

Ich gehöre – das wollte ich damit sagen – nicht zu den Menschen, die sich für jeden dahergelaufenen Prominenten kreischend auf den roten Teppich am Potsdamer Platz stellen. Ich laufe ihnen eher zufällig über den Weg. Am letzten Wochenende machte ich allerdings eine Ausnahme.

Dank des Internets erfuhr ich, dass Shepard Fairey gerade dabei war, gleich bei mir um die Ecke, im Herzen meines Kernkiezes, eine Wand anzumalen. Ich mag Street Art sehr, doch auch hier versuche ich, möglichst jeglichen Personenkult zu vermeiden. Es geht schliesslich um die Kunst, nicht um den Künstler (Dass dies nicht wirklich zu trennen ist, ist eine andere Geschichte). So kannte ich zwar das 2008er Hope-Poster, aber der Name und das Gesicht des Künstlers dahinter blieben mir bis zum Banksy-Film verborgen. Banksy war eine lange Zeit der einzige (berühmte) Street Artist, den ich namentlich kannte.

Ich halte Faireys Kunst größtenteils für ganz gelungen. Trotz meiner innigen Feindschaft zur Werbeindustrie, die wohl für einen Großteil seines inzwischen vermutlich beträchtlichen Vermögens verantwortlich ist. Auch in Berlin war er nicht nur, um eine Wand zu bemalen, sondern auch wegen der Präsentation einer von ihm gestalteten Schnapsflasche. Da hätten wir es wieder, das Dilemma: Guernica gibt es nicht ohne Guernica, Warhol nicht ohne Campbells Tomatensuppe, den großartigen Clip zu Heart Shaped Box von Anton Corbijn (und dessen Karriere als Regiesseur) nicht ohne MTV.

Also: Ich mag Faireys Kunst, aber nicht die Verpackung drum herum, sozusagen. Ich teile vieles von der Kritik an ihm.  Banksys Linie sagt mir mehr zu, kommt mir durchdachter vor. Allerdings verkenne ich auch nicht die Umstände, das Wie sie wurden, was sie sind. Banksy kommt aus dem England der Eisernen Lady. Fairey aus den USA, studierte in Kalifornien; ihm dürfte auch die Kalifornische Ideologie nicht ganz fremd sein. The Clash vs. Bad Religion. Wobei nicht vergessen werden sollte, dass die Skateboarder- und Hip-Hop-Szene der USA dort eben auch eine gewisse Zeit lang als Ausgeburt der Hölle, des Teufels und der Commies betrachtet wurde, bis eben die Verwertbarkeit in den kapitalistischen Konsumtempeln die Abscheu vor den fremdartigen Langhaarigen mit ihren Rollbrettern unter den Füßen überwog.

Am Mehringplatz angekommen,  setzte ich mich in einiger Entfernung vom Schauplatz des Geschehens auf eine der Bänke im äußeren Kreis, um noch schnell einen neuen Film in die Kamera zu legen. Ganz in der Nähe befand sich der Treffpunkt der örtlichen Trunkenbolde, und so dauerte es auch nicht lange, bis einer von ihnen auf mich zukam und etwas Tabak schnorren wollte. Er hätte keine Zeit, welchen zu kaufen und ausserdem machte die Frau schon wieder Stress, da müsse er erstmal hin und die ruhigstellen. Sagte er und hielt seine Hand auf. Auch im Knast schien er es eilig gehabt zu haben, von der ACAB-Tätowierung auf den Fingern waren nur die ersten beiden Buchstaben fertig geworden.

Ich schüttete etwas Tabak in seine hohle Hand und fragte ihn scherzhaft, ob er zur Crew gehörte. Natürlich wusste er nicht, wovon ich redete. Er hatte sich bei dem letzten Besuch auf dem Slubicer Markt wohl nicht viele Gedanken darüber gemacht, was es mit dem OBEY-Hoodie auf sich hatte, das er dort wahrscheinlich für fünfzehn Euro gekauft hatte und jetzt trug. Als ich ihm in kurzen Zügen die Geschichte erzählte und meinte, dass ebendieser Typ jetzt um die Ecke eine Wand anmalt, konnte er es kaum abwarten, mit dieser brandheissen Neuigkeit vor seinen Saufkumpanen zu glänzen. Die nervende Frau war längst vergessen.

Ungefähr eine Stunde lang schaute ich Fairey und seinen Helfern bei der Arbeit zu. Ich hatte es mir auf der Brüstung des U-Bahn-Eingangs bequem gemacht, fotografierte ein wenig und wechselte hier und da ein paar Worte mit denen, die für ihn filmten und fotografierten. Ich fragte mich, ob der Publikumsverkehr in der Sixtinsichen Kapelle auch so achtlos an Michelangelo vorbeiströmte wie die gehetzten U-Bahn-Passagiere, die in regelmässigen Schüben von der Rolltreppe ans Tageslicht gespuckt wurden. Ein unzulässiger Vergleich natürlich, aber dieser Gedankengang wurde sowieso gleich darauf von der örtlichen Nachwuchsgang unterbrochen. Fünf viertelstarke Kreuzberger Jungs, maximal zwölf, würde ich schätzen, kamen um die Ecke gebogen und kickten eine halbvolle Wasserflasche vor sich her und schliesslich die Rolltreppe entgegen der Fahrtrichtung hinunter. Woraufhin sie allesamt hinterherstürzten.

Nicht der  ziemlich berühmte und trotzdem von den meisten Passanten ignorierte Künstler, sondern die fünf Jungs waren in den nächsten zwanzig Minuten die Hauptattraktion: Sie stürmten die Rolltreppe rauf und runter, übten den Moonwalk und ein paar Pässe mit inzwischen zwei Wasserflaschen. Die in Mitleidenschaft gezogenen Rolltreppenfahrer machten einen ziemlich genervten Eindruck, vor allem, da die Rolltreppe aufgrund des Krawalls in schöner Regelmässigkeit stoppte. Die Künstler wirkten dagegen sogar ein wenig verängstigt, nicht nur wegen der Sorge um die wertvolle und eilends von der Brüstung eingesammelte Technik, sondern auch wegen der Lautstärke und der fremden Sprache; Deutsch an sich soll für fremde Ohren ja schon eine gewisse Agressivität in sich bergen – das der Kreuzberger Kids, kombiniert mit ihrem unbändigen Bewegungsdrang, war jedenfalls eine arge Nervenprobe für Fairey und seine Crew. Sie übernachteten im Friedrichshain, da gab es sowas nicht. Ich überlegte kurz, ob ich ihnen  Die kommen aus Kreuzberg, ihr Muschis! samt Kontext übersetzen sollte, beliess es dann aber doch bei einer simplen Beruhigung.

Zum Glück war der Spuk kurz darauf ganz schnell vorbei – und das Bild sowieso fast fertig. Einer der Jungs hatte wohl etwas grösseren Mist unten auf dem Bahnsteig gebaut und jemandem war der Kragen endgültig geplatzt, jedenfalls kam der Übeltäter schnell wie nie die Rolltreppe hochgelaufen, schmiss seinen Kumpels ein „Scheisse, die haben die Bullen gerufen!“ vor die Füsse und verschwand in dem nächsten Hochhaustunnel. Die vier anderen Rabauken natürlich direkt hinterher und schon kehrte wieder die ignorante Ruhe der alltäglichen Betriebsamkeit ein. Ich schoss noch ein paar Bilder von dem fertigen Bild und packte wie die Künstler auch meine Sachen zusammen. Als sich unsere Wege am anderen Ende des Platzes trennten und ich mich mit einem „Nice to have you here“ verabschiedete, sah man in der Ferne zwei ratlose Polizisten um den U-Bahn-Eingang herumlaufen.

Weitere Bilder und Hintergründe zu dem Mural gibt es bei Sebastian Hartmann (noch einer, der längst in die Blogroll gehört) . Ich bin dann noch ein bisschen durch die Gegend geschlendert, der Film musste ja auch voll werden, und habe den Rest des großartigen Nachmittags in dem großartigen Kiez genossen.

Shepard Fairey und ein Mitarbeiter bei der Fertigstellung seines Murals (Make Love not war) am Mehringplatz

Detailaufnahme Shepard Fairey bei der Fertigstellung seines Murals (Make Love not war) am Mehringplatz

Eine beinahe fensterlose Wohnhausfassade, Brandwand, der Putz bröckelt ab, unten an der Wand ein Graffti: Morgen ist auch noch ein Tag

Blick auf die Lindenstrasse, im Hintergrund ist der Fernsehturm zu erkennen

Fassade des von der Sonne angestrahlten Jüdischen Museums in Berlin, davor kreuzen einige Passanten die Strasse

Ein Zeichen

Jetzt ist es klar, da ist kein Platz mehr für Missverständnisse. Sicher, es gab Indizien, ich berichtete ja auch darüber: Wie sich die Gentrifizierung um die Strassenecke schlängelt; nach und nach neue Läden und Geschäfte in der unmittelbaren Umgebung aufmachen; dass die Fassade des Nachbarhauses gerade schluderig, aber energetisch saniert wurde. Zur Fussball-WM gab es sogar direkt gegenüber vom Getränkemarkt ein temporäreres Hipster-Public-Viewing-Venue (sagt man das so?), inklusive Skaterbahn auf dem Dach. Und nicht zuletzt die durchs Haus geisternden Pläne der neuen Eigentümer, nicht ausgesprochen, höchstens unter vier Augen und dem Siegel der Verschwiegenheit, garniert mit einer minimalen Auszugsprämie – doch schriftlich war bisher nichts Greifbares vorhanden.

Aber jetzt ist es klar: Hier steppt demnächst der gentrifizierte Hipsterbär, aber sowas von! Woher ich das weiss? Ich hatte gestern, das erste Mal in den 15 Jahren, die ich (mit kurzer Unterbrechung) in diesem Haus wohne, einen Manufactum-Katalog im Briefkasten. So hat das damals im Prenzlauer Berg auch angefangen. Ho-Ho-Holzspielzeug!

PS. Eine wirklich feine Ironie fand ich ja schon immer, dass Manufactum – wenn man klischeehafte Typisierungen mag – als das IKEA der überdurchschnittlich gut verdienenden Grünen Mittelschicht galt: Die Oberstudienrätin, die mit dem seit Jahren auf eine Professur wartenden Dr.phil.habil. in wilder Ehe samt Linus und Marie im eigenen Eigentum zusammen wohnt und auf gute, möglichst fleischlose und nachhaltig produzierte Ernährung achtet. Da passt Manufactum-Kram gut rein, in so eine Wohnung. Wo jetzt die Ironie ist?

Die liegt darin, dass der Gründer von Manufactum (er hat den Laden inzwischen an Otto verkauft….) nicht nur  nordrheinwestfälischer Grünen-Geschäftsführer war, sondern dass er einer der Propagandisten wider dem Grünen Gutmenschentum ist. (wie gesagt, wenn man Typisierungen mag; ich habe bis heute nicht verstanden, was daran schlecht sein soll, ein guter Mensch zu sein).

Und zwar nicht erst, seit das modern ist. Obwohl er da natürlich gern mitmischt und mitverdient, ist halt ein cleverer Geschäftsmann, der Herr Hoof: Der aktuelle Bestseller von Manuscriptum, seinem Spartenverlag, erschien in der Edition Sonderwege, die betreut wird von einem der Protagonisten des neurechten Ideologielimbos (Lichtschlag heisst der Kerl, und Typisierung klappt auch hier nur bedingt: Die grosse Klammer ist die Junge Freiheit, für die auch Lichtschlag gerne schreibt, aber eigentlich ist er so eine Art Nationallibertärer – eigentümlich frei heisst deshalb auch sein durchaus populäres Medienprodukt):  Also, der Bestseller ist Akif Pirinçcis „Deutschland von Sinnen“.

Doch Herr Hoof schreibt auch gerne selber, zum Beispiel zur „Lage 2012“ in der konkret der Neuen Rechten, die dort Sezession heisst und die vermeintlichen Vordenker und klugen Köpfe dieser Strömung im Institut für Staatspolitik versammelt. Ihre Säulenheiligen sind die Vertreter der Konservativen Revolution, die sich ein anderer ihrer Säulenheiligen, der Jünger-Sekretär Armin Mohler, für seine Dissertation bei Jaspers ausgedacht hat.

Soviel dazu, wer will, der kann sich mit den paar Informationshäppchen hier jetzt bequem eine Recherche aufbauen, die Jahre in Anspruch nehmen wird und zu dem Schluss kommt, dass die Neue Rechte genauso albern, zersplittert, bedeutungslos und undefinierbar ist wie die Linke. Aber immerhin haben sie Manufactum und damit jahrelang ihre spiegelbildnerischen Counterparts von links gemolken.

[Erste Rechercheansätze finden sich beim Spiegel, der Zeit und beim VVN – doch ich wiederhole meine Warnung und spreche aus Erfahrung: Die Beschäftigung mit dem Thema kann zu starkem ungläubigen Kopfschütteln führen. Sich den Wahnvorstellungen anderer zu widmen kann einen verrückt machen.]

Sommersplitter – Balkonien und der Rest vom Haus

Es ist ein Wettlauf: Werden die Früchte noch reif, bevor die Tomatenpflanzen verrecken? Sie sehen schon länger nicht mehr wirklich gut aus: Schwarzfleckige Blätter, immer mehr verwelkte Triebe. Ich schiebe es auf den Dreck vom Nachbarhaus: Die Fassadensanierung. Erst der feine Staub vom abgeklopften Putz, dann die Styroporkügelchen von der Dämmung. Die werden sich unweigerlich in der Blumenerde angesammelt und aufgelöst haben, jetzt verrecken erst die Pflanzen, und dann wahrscheinlich ich, wenn ich die kümmerliche Ernte verzehrt habe.

Eine Sache allerdings hat mich dann doch positiv überrascht: Auch wenn ich es mit dem Gras auf dem Balkon dieses Jahr gelassen habe (Gerüst vorm Nachbarhaus, zu viele neue Leute über und unter mir), auch die Tomaten, die eine Sorte jedenfalls, wucherte auf über zwei Meter. Irgendwann wusste ich dann auch, was ausgeizen ist und wie man das macht. Einer der Triebe, die weichen mussten, war schon ziemlich gross, sogar ein paar Blütenansätze waren zu erkennen. Ich steckte ihn in ein altes Gurkenglas voller Wasser. Einige Tage später trieben tatsächlich Wurzeln aus; ich wollte noch etwas warten und die Pflanze dann in einen Topf umsetzen. Daraus ist nur nichts geworden: Der Trieb steht jetzt seit Wochen in dem Gurkenglas, immerhin giesse ich ihn regelmässig, das weisse Wurzelgeflecht hat inzwischen seinen eigenen Dschungel gebildet. Und das Erstaunlichste: Aus den kleinen Blütenansätzen haben sich tatsächlich Früchte entwickelt – nur im Wasserglas stehend. Diese famose Natur, selbst hier auf dem Balkon mitten in der Stadt. Von Weizenfeldern, die gerade abgeerntet werden, bekommt man hier ja leider nichts mit. Was schon etwas schmerzt.

ein sonniger Balkon mit lauter grünen Pflanzen drauf :-)
(Der letzte Sommer auf dem Balkon: Schön grün)

***

Aber eigentlich geht es im Haus gerade um wichtigere Sachen. Zahlen spuken durch die Köpfe und Flure. „Was ist dein Preis?“ heisst es überall, mal ausgesprochen, mal nur gedacht.

Nach circa einem halben Jahr Ruhe setzte die Hausverwaltung eine zweiwöchige Frist, um Keller, Hof und Dachboden leerzuräumen. Dreizehn Tage vor Ablauf der Frist begannen Johnny & Co damit, lautstark den Sperrmüll vom Dachbodenfenster in den Hof zu schmeissen: „Hi, ich bin Johnny, your new Hausmeister. Do you smoke weed man?“ So stellte er sich vor, der Johnny aus Nigeria, der jetzt unser neuer Hausmeister ist. Was die Hausverwaltung uns bis heute nicht mitgeteilt hat, aber die wissen ja eh nichts von dem, was die neuen Eigentümer so alles machen.

Also mal wieder eine Hausgemeinschaftsversammlung: Über kurz oder lang, das ist klar, werden sie was tun. Das einzige, was wir tun können, ist auf ein paar Regeln bestehen: Fristen einhalten, Formalitäten beachten. Einer der neuen Eigentümer geht durchs Haus und verteilt Angebote, spricht aber auch von locker 300 Euro mehr Miete, wenn alles fertig ist. Gepriesen sei die energetische Sanierung, wenn die kommt, sind wir sowieso alle gefickt.

Zu Modernisieren gibt es natürlich auch eine Menge – da hat sich einiges angesammelt in den letzten 120 Jahren, klar. Doch so wie sie bisher mit den inzwischen zwei, ab nächstem Monat drei freien Wohnungen umgegangen sind, geht es ihnen nicht um die Hege und Pflege der Bausubstanz. Hauptsache schnell fertig werden und Teppichboden über die Dielen tackern, damit das nächste Dutzend Tellerwäschersklaven aus dem Gastro-Imperium einziehen kann.

Wir üben uns jetzt also in Politik – etwas, was wir alle eigentlich seit Ende der Neunziger hinter uns geglaubt hatten, nur die eine WG ist ja noch wirklich aktiv, was meist belächelt wird und manchmal unangenehm aufstösst. Nun aber müssen alle wieder ran: Standpunkt benennen (Gehen oder Bleiben), Strategie finden (Füsse stillhalten oder auf Konfrontation gehen), Informationen sammeln (Kompromat zu den Eigentümern, Anwalt vom Mieterverein zum Hausbesuch bitten zur Erläuterung der gesetzlichen Vorgaben), Vernetzungsarbeit („Die haben da und da und da noch andere Häuser, wo es grad genauso aussieht, lass doch mal mit denen zusammensetzen.“).

Erst mal wird ein E-Mail-Verteiler eingerichtet, eine Chronologie erstellt und Fotos gesammelt. „Zur Not“ meinte die Gastgeberin mit der Fabriketage vom dritten Hinterhof, „müssen wir dann halt an die Öffentlichkeit, ein Blog machen oder so. Kennt sich jemand damit aus?“ Glücklicherweise antwortete der Abgesandte der Antifa-WG schneller, als ich überhaupt überlegen konnte, ob ich mir das jetzt an den Hals kette oder nicht: „Erst mal der E-Mail-Verteiler, dann sehen wir weiter. Dieses ganze überstürzte ‚Wir machen jetzt gleich mal ein Wiki oder ein Blog oder was auch immer’ bringt zum Anfang gar nichts ausser verplemperte Zeit.“ Ein Lob den Aktivisten, die wissen Bescheid.

In der Nacht nach dem Treffen dann die erste Mail mit dem Hinweis auf die ARD-Doku. Am Morgen trudelten die ersten Antworten ein, deren Tenor überall der Gleiche war: Doku gesehen. Ach du Scheisse!

Ein Hausflur mit vielen Graffitis und einem Plakat: Ordnungsamt Fuck off(Inzwischen sieht es schon etwas schmucker aus, und bald wohl noch mehr)

Sommersplitter – Expertenrunde

Nachts um halb drei standen wir angetrunken vor der Moschee, neben dem fancy koreanischen Restaurant. Der Wirt wollte schon vor Stunden Schluss machen, irgendwann sahen auch wir ein, dass es besser wäre, zu gehen. Zu dritt diskutierten wir im leichten Nieselregen die aktuelle Weltlage, wobei einer von uns noch betrunkener war als die anderen beiden und eigentlich nicht mehr mitreden konnte, aber trotzdem wollte. Was gekonnt ignoriert wurde.

Natürlich ging es um Israel und Palästina. Um antisemitischen Müll auf facebook und auf der Strasse. Einer von uns konnte mit dem Hass seines tunesischen Migrationshintergrundsumfelds nichts anfangen. Der andere fand es komisch, dass er sich kaum um seine Mischpoche sorgte, auf Luftschutzkeller, Abwehrschirm und die Stochastik vertrauend. Der Dritte suchte eine Wohnung in Hamburg.

Ich war empört, dass der nicht ganz so Betrunkene eine so hohe Meinung von Mascolo hatte. Hörte mich Geheimdienstkontakte anklagen und brachte im Zuge dessen sogar Leyendecker in Verbindung mit der BND-Payroll. Musst du nur mal im Internet nachgucken, sagte ich. Ach komm, das ist doch jetzt schon ne arge Verschwörungstheorie, sagte er. Leyendecker, die machen sssuper Fenssster oder ssso, sagte der Betrunkene. Dann gingen wir zum Glück nach Hause.

Sommersplitter – Irrenhaus

Immer im Sommer kommen die Irren raus, Bonnys Ranch* entlässt sie zur Ferienfreizeit in die große Stadt. Das war schon damals im selbstverwalteten Ausschankbetrieb aka Unicafe nicht anders: So sicher wie zum Semesterende der Sommeranfang nahte, tauchten um dieselbe Zeit der Exhibitionist, der Tabakschnorrer und der Brüller auf der Bildfläche auf.**

Jetzt war es eben einer, der zwei Seiten des Gästebuchs vollschrieb, psychiatrieerfahren auch er, wie er freimütig einräumte, in einem Nebenstrang des handlungslosen Werkes. Er erzählte etwas davon, dass Mühsam hier ermordet worden wäre, was Quatsch ist. Konnte er natürlich nicht wissen, er hat sich ja nichts angesehen. Kam rein, setzte sich hin, schrieb seinen Stiefel runter und ging wieder. Zwischendurch wischte er sich kurz mit dem T-Shirt den Schweiß aus dem Gesicht, wobei sein überaus fleischiger Körper zum Vorschein kam. Die Hitze! Eigentlich ging es ihm aber darum, dass Wasser ja ein Gedächtnis hat und deswegen auch alle Kleidungsstücke oder Brillen, die wir tragen, letztlich Holocaustopfern gehörten, womit wir schwingungstechnisch mit ihnen verbunden wären, sie aber eben auch weiter schändeten und ausbeuten würden. Sieht man ja auch an der Beutekunst. So etwa in der Art.

Später auf dem S-Bahnsteig versuchte einer, die Aufmerksamkeit zweier auf dem Boden sitzender junger Frauen zu erlangen. Indem er sich auch auf den Boden setzte, den beiden mit der Zwei-Finger-Richtung-eigene-Augen-Geste aber vorher unmissverständlich bedeutete, ihn genau zu beobachten. Als er dann saß, klemmte er sich den rechten Fuß hinter den Kopf und begann, seine Asianudeln zu essen. Eher abgestossen als interessiert standen die Mädels auf und gingen. Enttäuscht tat er es ihnen gleich, erhob sich mit dem Bein hinterm Kopf und hüpfte ein paar unbeholfene Sätze, bis er neue Opfer fand.

Da es Sonntag war, lag der sonst sehr belebte S-Bahnhofsvorplatz ganz ruhig und friedlich in der Gegend rum, die Einkaufszentren hatten geschlossen, selbst von den vietnamesischen Zigarettenhändlern keine Spur. Bevor ich unverhofft und mit sehr mulmigem Gefühl durch ein imposantes Spalier aus Rockernazis vor ihrer Parteizentrale laufen durfte, las ich mir noch die signalrote Kundeninformation im Woolworth-Schaufenster durch. Wegen der hohen Qualitätsansprüche, mit denen giftige Farbstoffe nun mal nicht zu vereinbaren sind, werden WM-Schminkstifte zurückgerufen. Drei Wochen nach dem Finale. Nicht nur mit Dummheit geschlagen, sondern jetzt auch noch von Krebs bedroht, könnten einem fast leid tun.

Der letzte Verrückte des Tages begegnete mir auf der abendlichen Hunderunde. Gerade, als ich mir einen wirren Zettel durchlas, der behauptete, am oder im Kanal gäbe es einen MORD, und die Polizei würde natürlich nichts tun, sah ich ein paar Meter weiter einen Typen auf dem Gehweg knien und etwas auf den Boden kritzeln. Dann stand er auf, ging ein paar Meter weiter und wiederholte das Ganze. Hä? Stand auf den Kanaldeckeln, mehrfach. Als ich ihn ansprach, sah ich in seiner Tasche neben mehreren Eddings auch noch ein paar der MORD-Zettel in Klarsichthüllen. Wie, Häh? Fragte ich ihn, das interessierte mich schon. Ob ich mich noch nie gefragt hätte, was das hier sei? Antwortete er und deutete auf die Deckel. Na so Einstiege, Kanalisation und so weiter, meinte ich. Aber es waren ihm zu viele auf einen Haufen, und überhaupt. Er stelle ja nur Fragen, aber das sei doch schon alles sehr verdächtig. Sprach’s und kritzelte weiter auf die nächsten Deckel, in jede der vier Ecken ein grünes Häh?. Ich versuchte es noch mit dem Argument, dass schliesslich direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite ein Pumpwerk sei und deshalb so viele Kanäle und Deckel dazu gar nicht so ungewöhnlich in dessen Nachbarschaft, aber er liess sich nicht beirren. Ich überlegte noch kurz, ob ich ihn auf das Thema Chemtrails und was er so davon hält ansprechen sollte, ging dann aber lieber meiner Wege.

Der Wahnsinn, der mir aber viel mehr Angst macht (neben dem eigenen, natürlich), ist, dass es im nächstgelegenen Einkaufszentrum (nur wegen des Optikers, alle Jubeljahre mal), also in der Shopping Mall, jetzt eine Brow Bar gibt. Man fällt von der Rolltreppe fast drauf, könnte auch gut eine Saftbar sein, auf den ersten Blick. Aber da verdienen Menschen ihr Geld, das ihrer Chefs, der Sekretärin und die Miete für den Stand damit, vor aller Augen anderen Leuten die Brauen zu zupfen. Die einzige Kundin, die ich ausmachen konnte, trug eine dieser Porno-Jeans-Hotpants. Mit den deutlich sichtbaren Hosentaschen. Was ja eben Mode sein mag, aber auch eine Aussage in sich birgt. Vor allem, wenn dieses Hosentaschenfutter neongrün ist.

‚cause inside out is wiggida wiggida wiggida wack

 

* Aus einem ca. 10-15 Jahre alten Briefwechsel, als ich mit den Gepflogenheiten in Berlin noch nicht so vertraut war:

 

übrigens, mal kurz vom thema abschweifend: als ich noch ziemlich neu in Berlin war, fragte mich jemand in der U-Bahn, ob „Bonnys Ranch“ schon vorbei war. Ich kombinierte ziemlich schnell, dass dieser Mensch eine Station meinte, und schaute auf den Plan, der in der Bahn hing. Ich fand aber beim besten Willen kein Station mit dem Namen „Bonnys Ranch“ und zuckte mit den Schultern. Dann blickte mich der Typ an und sagte „Na du bist wohl nicht von hier, wa?!“. Als ich dann die Karte näher betrachtete, wusste ich, was er meinte: die Dietrich-Bonhoeffer-Nervenklinik. Bonnys Ranch!

** Aus einem ungefähr genauso altem Text, das Thema beschäftigt mich also schon länger:

Normalerweise wacht man dann in der Friedrichstrasse auf, zum Beispiel, weil da so viel Leute ein- und aussteigen. Und in der ganzen in den Waggon quellenden Masse sind auch immer ein paar Verrückte. Letztens war eine Frau dabei, die vor jeder Station laut und voller Überzeugung sachlich richtig die nächstfolgende Station ansagte. Man konnte das genau auf dem Display und anhand der Tonbandstimme, die Zehntelsekunden nach dem die verwirrte Frau ihr Statement beendet hatte, anfing zu scheppern, überprüfen. Komisch nur, dass die Tonbandstimme und das Display von Niemanden für verrückt gehalten wurden, schließlich hätte die verwirrte Frau ja auch das neue Kundenerfreungskonzept der BVG sein können.

Nachdem ich dann am Alex ausgestiegen bin, der wohl auch nicht mehr lange so bleibt wie er ist, nämlich ziemlich hässlich, sondern noch hässlicher werden soll, begegnen mir noch mehr Verrückte.

Ein Mann steht im Novemberwinterwetter mitten auf dem kahlen Platz, entsprechend gekleidet, also auch kahl, splitterfasernackt, und ruft abwechselnd zwei Sätze in die Rostbratwurstluft: „Ich bin Jesus“ womit er sich einig ist mit vielen anderen Berlinern, und „Kein schwuler Bürgermeister für Berlin“ – dort dürfte die Einigkeit nicht ganz so ausgeprägt sein wie bei seinem ersten Satz. Ich frage mich, ob das in anderen Großstädten Deutschlands auch so ist. Vielleicht liegt es aber auch an den Streckmaterialien Berliner zwischeninstanzlicher Drogenverschneider. Schließlich gibt es hier kaum kriminelle, also bedrohliche Verrückte, sie sind eher alle lustig, als ob sie Klone von Dieter Kunzelmann wären. Wenn man die wöchentlichen Spiegel-TV Berichte über den Drogenstandort Hamburg im Hinterkopf hat, dann ist Berlin doch ein harmloses Variete der Minderbemittelten – es wird einem ja nichts gestohlen hier, sondern eher etwas geboten.

 

(Die Pause geht übrigens weiter, das war nur eine kleine Unterbrechung.)

So wenig Sommerloch war selten…

…oder bekomme ich das nur nicht mehr mit? Seeungeheuer, dackelfressende Welse und Killerschildkröten haben es schwer, wenn Kriege toben. Trotzdem, oder gerade deswegen, schliesse ich mich dem Mainstream an und mache eine (kleine?) Pause, falls sich wer fragte. Urlaub? Hahaha!

Wo Wahnsinn und Waffen so laut sprechen, sind schwer Worte und Gedanken zu finden und zu ordnen. Und überhaupt. Hier, ein Fahrrad an einer Wand: An einer rotgestrichenen Mauer hängt in halber Höhe ein Damenfahrrad mit gefüllten Körben vor dem Lenker und auf dem Gepäckträger

Gehabt euch wohl, bleibt am Leben, geniesst den Sommer.

Hinterm Zaun

An der Rückseite des Prinzenbads, zum Kanal hin, stehen zwei kleine Jungs und wollen ihren scheinbar frisch erworbenen Wortschatz praktisch anwenden. Jeden Tag was Neues, denk ich mir, gestern sind an der gleichen Stellen zwei über den Zaun geklettert. Die waren allerdings ein paar Jährchen älter. Deswegen wurden sie bei ihrer Ankunft auch gleich von Bahars und Lisas umschwärmt, die aber erstmal zum Mische holen geschickt wurden, weil Ali der Spast schon wieder alles weggeraucht hat.

Das einzige, was jeden Tag gleich bleibt, seit es so eine Hitze ist, sind die viertelstündlichen, genervten Durchsagen, dass das Reinschubsen und vom Rand Springen aus Unfallschutzgründen nicht gestattet ist.

Heute also das Ganze in jünger, ohne Mädchenschwarm drumherum, die sind wahrscheinlich noch eklig in dem Alter. Aber sie arbeiten schon mal an ihrem Vokabular, immerhin:

– Hat der einen Penis? Fragt der Mutigere von den Beiden.

Ich war übrigens mit dem Hund unterwegs. Deswegen – das konnte man ihnen an den verschwitzten Nasenspitzen ansehen – waren sie auch ganz froh, auf der anderen Seite des Zauns zu stehen.

– Nein, das ist ein Mädchen. Antworte ich belustigt im Vorbeigehen.

– Dann hat sie eine Muschi! Der Kleine strahlt stolz übers ganze Gesicht ob seiner Erkenntnis, der Grössere kichert sich Einen.

– Genau, gut kombiniert! Lobe ich ihn. Die Köpfe der beiden sind inzwischen so rot, wie es meine Balkontomaten wohl nie sein werden.

Prinzenbad. Der Bademeister meinte noch Die Olsenbande da hinten links kann mal bitte ganz schnell nach vorne kommen, der Hund stolperte fast über die Zunge und als wir um die Ecke rum waren musste ich immer noch grinsen.

Kein Glück gehabt

I wish you could read this, Joe: about a
tough guy and
another guy
who just thought he was
tough.

Charles Bukowski: Joe. Gargoyle #35

 

So verabschiedete sich der Erste von links vom Ersten von rechts. Gegen einen Truck hat niemand eine Chance, schrieb er auch noch.

Bukowski und Fauser trinken einen an der Flughafenbar
Das war’s dann auch erst mal wieder zu diesem Thema. Ist halt blöd, wenn Geburts- und Todestage so eng beieinander liegen…

Dialog, während sich die Wellen langsam wieder glätten

Ach ja, wir haben uns ja noch gar nicht gesehen. ‚Schlaand und so… Begrüsste mich der Dicke beim Getränkemarkt. Wir hatten es beide befürchtet, am Freitag.

Während er das Leergut wegsortierte, nach diesem historischen Wochenende, präzisierte er seinen Standpunkt: Ist ja alles schön und gut, jetzt haben sie ihren Titel, von mir aus auch verdient. Aber dieses ganze Geschminke und Gegröle und die Fahnen überall, damit können die ja nun langsam mal aufhören.

Ganz meine Meinung, also pflichtete ich ihm bei: Stimmt schon. Aber ich habe vorhin gesehen, dass die Franzosen immer noch Militärparaden abhalten zu ihrem Nationalfeiertag. Das ist ja auch schon krass. Stell dir das hier mal vor, Militärparade zum 3. Oktober….

Er war nicht ganz überzeugt: Ach, das nennen die nur anders. Schützenumzug oder so. Geh mal zur Fanmeile, das ist keine Militärparade, das ist schon Krieg!

 

(Link zum Thema: Maybe not the greatest song text in the world, but a stunning tribute)

 

Ganz schön viel geschafft…

…denke ich, und dann lasse ich die noch offenen Tabs vor meinen Augen vorbeifliegen. Immer noch über 30. Ganz schlechte Idee. Nebenan, im Kohlenstoffleben, machen die Grünen endgültig klar, warum es ein Fehler war, sie zu wählen. Schon immer. Uli Zelle berichtet natürlich live aus dem Berliner Gefahrengebiet. Ärgerlich und absurd.

Fußball-Fifa-WM. Hm. Kommt man nicht drum rum, also ich nicht. Hab ich früher schon mal was drüber geschrieben, erspare ich der geneigten Leserschaft aber lieber. Erspart habe ich mir bisher auch das Rudelgucken, zum Glück kenne ich niemanden, der mich dazu überreden wollen würde. Vielleicht mal ins Yaam, obwohl…

Und wieder: Was bin ich doch für ein Hipster: Mein erstes Public Viewing war zur EM 1996. Circa 20-50.000 Leute. Roskilde-Festival, wo wir immer mindestens zwei Tage vor Festivalbeginn eintrudelten, schon allein wegen des obligatorischen Abstechers nach Christiania. Und deshalb in freundlicher Atmosphäre die Halbfinals auf der orangenen Bühne sehen konnten, wenn ich mich recht erinnere. Vorbei, lange, lange her.

Zu allem Überfluss wurde gerade das Nebenhaus eingerüstet und der Putz wird abgekloppt. Feine Staubschichten überall auf dem Balkon. Ich glaube, selbst in meinem Kopf. Besser aufhören.

Wochenrückblick

Eine miese Woche, eine von den üblichen miesen Wochen, kein großes Ding.

Das Wetter passte gut dazu. Praktischerweise.
Beschissen, verkackt: Kann man schon sagen, auch wegen des Gasthunds,
der auf Kurzurlaub hier war (und natürlich auch toll ist, obwohl jedes Sirenengeheul beantwortet wird);
eine Weile alleine – also zu zweit – gelassen und geplündert, was es so zu plündern gab.

Die Bescherung kam später,
dann im Zweistundenrhythmus.

Viel zu wenig Schlaf,
viel zu wenig Zeit,
viel zu viel zu lesen,
viel zu viel Blues.

An Schreiben gar nicht zu denken;
wenn überhaupt mal kurz alte Texte durchgehen,
sie erst fast gut genug,
beim zweiten Mal aber schrecklich finden.

Es nicht mit Fassung tragen können.
Auch, dass Kriegshetzer bloßzustellen
jetzt schon für Nazivergleiche taugt.
Immer noch und immer wieder entsetzt.

Und auf einmal kam dann doch
die Sonne wieder raus, mehr Zeit auch.
Perfekt für den Wald,wo ungelogen
inmitten der Bäume zwei Leute Saxophon spielten.
(auld lang syne)

Schonmal nicht schlecht.
Aber erst, als ich noch mal widerwillig los musste,
und erkannte, dass mir gegenüber an der Ampel wartend
die von mir am meisten bewunderte Kreuzberger Nachbarin
(Sängerin, Dichterin, Hippiegöttin)
fröhlich mit ihrem Kind im Lastenfahrrad ansteckend scherzte;
da wusste ich:  doch keine so miese Woche, doch eigentlich ganz schön hier.

Pappelpollen

Es hat eine Weile gedauert: Viele Texte waren zu lesen, andauernd kamen neue dazu. „Ach komm, das wäre doch auch noch was für die nächste Linkliste…“ Dachte ich mir oft, setzte ein Bookmark, auf dass ich den Beitrag in einem ruhigen Moment lese und eben eventuell in die nächste Linkliste aufnehme. (Um die es sich hier übrigens handelt, falls sich wer fragt…) Dann kam auch noch das gute Wetter dazwischen, diverse Seen im Grunewald wollten besucht werden, in Kreuzberg vor der Haustür wurde sorgsam der nächste zerbrochene-Bier-Mate-MiniHugo(!)-Flaschen-Slalom aufgebaut, das heimliche Highlight jeder Großveranstaltung.

Und dann trotzdem der obligatorische Karnevalsbesuch: Erst, weil die Tomaten wirklich dringend umgetopft werden mussten – Dienstag wäre zu spät gewesen, da führte kein Weg dran vorbei, sondern also direkt zur Domäne, wo es die billige Blumenerde gibt. Spassige Sache, Karnevalssamstag um 16 Uhr einen 40l-Sack so schnell wie möglich durch das Gewusel auf die andere Straßenseite zu schleppen, wo es wenigstens etwas ruhiger ist. Abends dann aber wirklich, zwei Fliegen mit einer Klappe, mindestens: Das neue Yaam in der alten Maria wollte ich mir sowieso schon längst angeschaut haben, ausserdem hatte ein guter Freund, der noch vernünftig verabschiedet gehörte vor seinem langen Urlaub, eine +1 auf der Gästeliste frei. Die Band, mit der er verbandelt ist und wegen der wir da waren, ging gut ab, der Rest drumherum eher nicht so. Dafür schien es aber in der Zwischenzeit draussen auf der Strasse ordentlich gekracht zu haben, die Brücke war gesperrt und mit ziemlich vielen Polizeifahrzeugen zugestellt. Obwohl es weit nach Mitternacht war, halfen bei der Absperrung Jünglinge in Uniform, die eigentlich längst ins Bett gehörten. Schnupperpraktikum, kurz bevor es in die Oberstufe geht, dachte ich. Und: Ganz okay, das neue Yaam, dachte ich auch. Klar war das alte Gelände besser, aber immerhin haben sie jetzt mindestens zehn Jahre Planungssicherheit.

Wo wir gerade schon mal bei der Polizei sind: Die twitterte in Berlin 24 Stunden lang jeden Einsatz live. Diese eine, vielbeschriene Seite des Netzes geht mir ziemlich weit am Hinterteil vorbei. Mit sozialen Netzwerken kann ich nicht viel anfangen, der GooglePlus-Account, der mir mal mit einer Betaphaseneinladung aufgeschwatzt wurde, liegt seit Jahren brach und taugt nur noch zur Überraschung über die regelmäßig hereinflatternden Vorschläge, wen man vielleicht kennt (erschreckend genau manchmal). Facebook nutze ich seit Jahren, allerdings nur, um mit Freunden und Bekannten zu kommunizieren, die weiter weg wohnen: Australien, Südafrika, USA, Uruguay, jenseits der Bergmannstrasse, so in der Art. Ich habe dort vielleicht zwei Dutzend Freunde, und noch nie hat einer von denen Essensbilder oder Selfies gepostet. Irgendwas muss ich scheinbar richtig gemacht haben.

Twitter hat mich nie gereizt, ich konsumiere diesbezüglich einzig und allein die monatlichen Lieblingstweet-Listen diverser Blogs. Aber es ist nicht nur die Berliner Polizei – selbst die CIA hat sich jetzt mit einem heissdiskutierten ersten Tweet zu Wort gemeldet. Ich finde das alles andere als witzig: Die eklige, abstossende Seite der Staatsmacht versucht es jetzt also mit Ironie. Ihr mögt mich nicht, weil ich diese ganze Demokratiegeschichte mit meiner Totalüberwachung kaputtgemacht habe? Dann spiele ich jetzt halt den lustigen Klassenclown. So kommt mir das vor, im Jahr 2 nach Snowden. Absurdes Theater, aber nur zum Heulen, nicht komisch. Klar konnte man das alles schon längst wissen, wusste es sogar, verdrängte es aber, bis es eben irgendwann doch durch die Bewusstseins-Oberfläche durchbrach.

Verdammt, und  schon hat sich die Politik hinterhältig eingeschlichen. Dabei will das doch kein Mensch lesen: Atomabfälle vor Afrikas Küsten verklappen und sich dann über Piraten beschweren. Sowas passt einfach nicht, ausserdem ist doch bald WM (und wehe, da krittelt jemand an der diesbezüglichen Gute-Laune-Berichterstattung mit menschelndem Wohlfühlfaktor rum). Dafür werden selbst die Kriege kurz auf Pause gestellt, nicht auf den Schlachtfeldern in der Ukraine oder in Syrien, aber immerhin in den Medien. Nicht mal um den Verbleib des goldenen Brötchens wird sich journalistisch gekümmert, eine Schande! Aber wieso sollte sich auch jemand für eine halbwegs differenzierte Darstellung der Gegenwart interessieren, wenn das nicht mal mit der Vergangenheit funktioniert? Wer es differenzierter will, soll halt ins Museum gehen. Letztens las ich irgendwo die Theorie, dass es in den Nachrichtensendungen so viele bad news gibt, weil es ein Gleichgewicht zu den good news der Werbepausen geben muss. Bei dieser eigentlich guten Nachricht vermute ich allerdings andere Beweggründe, warum sie es nicht in die Tagesschau schaffte.

Also bleibt nur der Rückzug in die innere Emigration, oder in die Wälder, zur Not auch in die inneren. Das passt gut, denn es wird sowieso mal wieder Zeit, hier durchzukehren. Diese Pappelpollen (was für ein schönes Wort für eine so nervige, aber eben auch schöne Angelegenheit – ab in die Überschrift damit) haben ihre Zeit ja nun wohl hinter sich. Die Berliner Polizei twitterte immerhin live über deren Ableben. Und auch sonst gibt es die eine oder andere Veränderung, hier auf der Spielwiese und im Kiez. Das mit der Spielwiese, das Experimentieren, wie ich es genannt habe: ich habe das Gefühl, das klappt ganz gut. Im Sinne des Herumprobierens, möglichst ohne Scheu und Rücksichten. Vielleicht ergibt sich daraus ja dann irgendwann eine Linie, vielleicht auch nicht.

Ich kann mich also eigentlich keineswegs beklagen: Das Wetter passt, ich komme ausgiebig zum Lesen und zum Schreiben gar, und auch mit dem Blog sollte ich zufrieden sein. So ganz falsch läuft es also gar nicht, wenn man liest, was es so für kluge Ratschläge gibt. Jeder der erwähnten Aspekte hat allerdings auch einen kleinen Haken. Das Gelesene wartet auf einem immer größer werdenden Stapel darauf, dass die angestrichenen Sachen aus ihm herausgeschrieben werden. Das Schreiben ist großartig, führt aber doch dazu, dass hier im Blog – Punkt 3 also – Schmalhans mal wieder als Küchenmeister eingestellt wird und es hauptsächlich Aufgewärmtes aus der Tiefkühltruhe gibt. Was ja nicht immer schlecht sein muss, schon klar. So komme ich also nur zu kleinen Justierungen: daMax neue Adresse wird – längt überfällig – in der Blogroll angepasst, und dort kommen endlich auch die Schrottpresse und berlin:street rein.

Überraschungen gibt es natürlich auch allerorten: Da musste erst jemand, die seit knapp zehn Jahren viel zu weit weg in Australien wohnt, für viel zu kurze zwei Wochen vorbeikommen, damit ich mal wieder – auch gefühlt seit zehn Jahren – in den Prater Biergarten gehe. Und mir dann dort erklären lassen, dass die Eisenbahnmarkthalle jetzt (wieder) Markthalle IX heisst und weltweit really famous ist für ihren food market. Ich habe  sie immer mit Herrn Lehmann verbunden, für den es dort, im Weltrestaurant, in der Markthalle und im Privatklub die Premierenfeier gab, die mir aus mehreren Gründen immer in guter Erinnerung bleiben wird, auch, weil sie so gelungen war.

Eine weitere Überraschung – wir sind bei der obligatorischen Literatur-Abteilung angekommen – hat die Mit-Fauser-Jüngerin Katja Kullmann aufgetan. Da gibt es als Sahnehäubchen noch einen alten Text vom Captain Ploog dazu. Wer es lieber zeitgenössischer mag: Die Frau Bukowski haut ein Kleinod nach dem nächsten raus, da werden  sämtlichen Jurys dieses Landes die Ohren schlackern, oder die Augen nervös beim Lesen zucken. Auch auf rocknroulette gab es kürzlich eine sehr feine Serie, falls wer mehr Zeit zum Lesen hat.  Oder bei Glumm, natürlich. Es mag ja bereits angeklungen sein, dass ich den für ziemlich famos halte. Manchmal bin auch ich nicht vor Fanboytum gefeit, deshalb ging es mir ungefähr so wie der wolkenbeobachterin, als hier vor einiger Zeit ein Sternchen aus Solingen eintrudelte. Da ich aus Erfahrungen lernte, ist meine Bewunderung meist eine stille, die eben gerade nicht auf möglichst große Nähe aus ist – ich befürchte bzw. erlebte, dass Menschen, die große Kunst schufen, als Menschen trotzdem Arschlöcher sein können. (Wer weiss, wie ich so von anderen gesehen werde: ich jedenfalls nicht…).

Zum Abschluss gibt es noch einen kurzen, starken Text von tikerscherk  und eine Serie vom Kiezneurotiker zu Rock im Park (der es natürlich nicht nötig hat, von hier verlinkt zu werden, sondern dem für das Verlinken zu danken ist. Nur, dass diese Ausschläge nach oben in der Blogstatistik den Rest immer so kümmerlich aussehen lassen … Wie auch immer, für das „Kann nicht wenigstens mal jemand auf den Boden spucken?“ musste ich einen Link setzen.)

Wem das alles zu viel Text ist, hier sind ein paar Bilder.

Köpenick, Kanal & Co.

Dieses Fotolabor scheint jeden Brückentag mitzunehmen. Das hat mal wieder etwas länger als erwartet gedauert, aber dafür war – im Gegensatz zu den letzten beiden drei Versuchen – die freudige Überraschung ob des Ergebnisses umso größer. Und Freude gehört geteilt, selbst wenn es vielleicht ein bisschen viel ist:

Dieses Scannen kann einen übrigens kirre machen; scannen, zurechtschneiden, 36 Bilder lang mit der alten Möhre. Allerdings habe ich dabei, im Rahmen der Routine, wenigstens gute Musik gehört, und zwar mit dem antiken CD-Wechsler, um die Möhre zu schonen. Und bin auf folgenden Soundtrack gestossen: Die Antwoord hat was, durchaus;  schon längere Zeit kann ich die beiden drei ab und zu ganz gut leiden. Letztendlich sind sie aber nur eine traurige 2010er Version von The Prodigy. Die ich eben in dem CD-Wechsler entdeckte. Sag ich mal als Laie.  Den Vergleich ziehen lustigerweise auch andere, viel berufenere Federn. (Auf die Kusturica-Story hätte ich auch selber kommen können müssen)  Es sollen immerhin 28 Grad werden, oder so. Und noch dazu Karneval der Kulturen. Prost Neujahr, sozusagen! (Fuck, waren die geil, damals in Roskilde…)

(Nicht auf den Bildern, aber zur gleichen Zeit passiert: Wie die alte Hundedame und ich an der Köpenicker Promenade Rocky trafen, mit seinem ganz und gar rockyuntypischen Collie. Eben:  kein Pitti, kein Rottweiler und – scnr – auch kein Boxer. So drehten wir zu viert eine kleine Hunderunde miteinander. Kein unsympathischer Mensch, ganz im Gegenteil. Am Katzengrabensteg trennten sich unsere Wege, und natürlich hat die eingebildete, wunderliche alte Hundedame den in voller Hormonblüte [no pun intended] stehenden Collierüden nicht mit dem Arsch angeguckt.)

Nächster Halt Tempelhof

S-Bahn. Nächste Station: Tempelhof.
Rüstiger Rentner mit Rucksack: „Na, der bleibt uns ja jetzt noch eine Weile erhalten.“
Ich schau ihn an, neben dem Rucksack hat er noch einen grossen Koffer dabei. Ein Reisender. „Nein, das ist Tegel, was sie meinen. Hier fliegt schon eine ganze Weile nichts mehr.“
„Jaa, nee, schon klar. Ich meine das Feld, das bleibt uns erhalten.“
„Achso, ja. Zum Glück.“
„Tegel, klar, der bleibt.“
„Jo, den werden die nie zumachen. Von wegen: Schönefeld!“
„Genau, eher machen sie Tempelhof wieder auf.“
Allgemeines Gelächter im halben Waggon. Die Türen öffnen sich. Ich steige aus. Ick steh uff Balin.

(Stimmt, das Zitat ist von Annette Humpe, die ihr Berlin auch noch mal neu vertont hat. Aber gerade passt mir Pierre besser in den Kram. Der passt mir eigentlich immer in den Kram.)

Ins Blaue

tür

„Und was blieb denn übrig, was haben Sie gelernt in ihrem Geschichtsstudium? Dass die Menschen nun mal so sind?“ fragte die weinende Frau, die aus dem Naziknast kam, die ihren Rundgang abbrechen musste.

„Ja, ich fürchte schon.“ sagte ich nach einigem Zögern.

*

Eigentlich wäre das doch eine tolle Sache: Europa. Eine zwingende sogar. Muss man nicht mal Zweig für bemühen. Doch ich bin es müde geworden: Letztendlich braucht es immer eine Bedrohung. Etwas, womit man den Leuten Angst machen kann, etwas Fremdes von aussen.

Es wäre also ein Leichtes: Einfach eine Gefahr konstruieren, die von so weit aussen kommt, dass sie schon nicht mehr von dieser Welt ist. Klappte mit Gott doch auch ganz gut. Es müssen ja nicht gleich Aliens sein, nicht unbedingt. Wäre auch unwahrscheinlich, leider: Denn das Argument, dass man besser nicht zu denen gehört, die entdeckt werden, sondern lieber zu denen, die entdecken, ist einfach zu schön, zu bestechend. Doch setzt man Zeit – unsere Wimpernschlagexistenz von bisher grob 100.000 Jahren (und nocheinmal so viele werden es schwerlich werden) verglichen mit den wahrscheinlich 7-10 Mrd. Jahren, in denen solch eine Existenz prinzipiell möglich wäre im Universum, ebenfalls bisher – in ein Verhältnis mit den ebenso gedankensprengenden Ausmaßen des  zu überwindenden Raums, dann ist eben der Kontakt mit außerirdischer Intelligenz leider sehr unwahrscheinlich.

Höchst wahrscheinlich ist dagegen, dass ein Stein-, Staub- oder Eisbrocken uns treffen wird. Uns wieder treffen wird, früher oder später. Das taugt also eigentlich, um klar zu machen, dass Grenzen, Wirtschaftskriege und diese ganze alberne Kapitalismus-Unterdrückungs- und Konkurrenzgeschichte jetzt mal langsam ausgespielt haben und es an der Zeit wäre, so nah es nur geht zusammenzurücken, alle Ressourcen gemeinsam zu nutzen, wirklich Wert auf Bildung zu legen. Weil es uns alle und jeden einzelnen treffen könnte, jederzeit und überall. Mutig, wagemutig zusammen in die Zukunft zu schauen, selbstbewusst, mit der Stirn im Wind, weil man eben zusammen auch so etwas meistern kann, das ginge schon. Mit all den Möglichkeiten, die wir haben. Also: Wäre eigentlich ein Klacks, das mit Europa. Da ist viel mehr drin, da müsste doch viel mehr drin sein, wie kann denn das sein, dass da nicht mal ein anständig vereintes Europa drin ist?

Es ist eben so. Sicher ist jeder Einzelne, dem nahegebracht werden kann, dass Menschen prinzipiell und überhaupt gleich sind, ein Gewinn. Wo stehen wir denn heute? Es ist nämlich auch so: Genau wir, jetzt und hier – wir hätten doch die Möglichkeiten. Bei uns stapeln sich nicht die Leichenberge am Straßenrand, gerade mal nicht. Es kommt näher, keine Frage, und es war wohl immer irgendwo da. Doch es geht darum: Dass wir wirklich was machen könnten, schon seit Jahren was hätten machen können, aber es eben nicht tun, meistens, seit Jahren. Von aussen betrachtet kann das doch nur eine haarsträubende Absurdität sein: Nicht diese Wahl jetzt, nicht diese Politik, nicht diese Wirtschaft und nicht diese Landschaftszubetoniererei – sondern wirklich unsere gesamte Existenz. So ist es, und da kann man dann gerne noch mal 300, 500 oder 3500 Jahre drüber philosophieren, aber letztendlich ist es so. So einfach. Von daher ist es ganz gut, dass diese bisherigen 100.000 Jahre – und von mir aus auch noch mal 100.000 drauf – aber eben mit großer Wahrscheinlichkeit viel weniger – wirklich nur ein Wimpernschlag sind. Höchstens eine Fussnote wert, wenn man mich fragt.

Subjektiv betrachtet mag das anders sein. Trotzdem. Wozu noch mehr Argumente, genügend Phantasie reicht vollkommen aus. Und überhaupt: Wo ist denn da eigentlich der Unterschied, bitteschön?

 

Du bist Beute, leg dir schon mal ein schickes Nervenkostüm zurecht.
Pollesch (aus unzureichender Erinnerung zitiert)

Andererseits war es großartig, vorgestern Abend im Biergarten zu sitzen und gestern Abend am Kanal. Zu erkennen, dass es drei Reiher sind, mindestens, und nicht nur einer, wie von mir naiverweise gedacht. Und unglaublich viele Schwäne inzwischen auch, von den Menschen ganz zu schweigen. Dass mindestens zwei von den Reihern sichtlich die Show genossen, die sie abzogen, während sie tief und gemächlich ihre Runden drehten. Dass es also schon so magische Abende gibt. Nebensächlichkeiten. Wenn ich liege, dann liege ich.

PS. Es spricht natürlich nichts dagegen, eine Rede zu halten. Eine gute zumal, eine wirklich gute, kluge und wohl auch wichtige Rede. Wenn aber der Gegenstand ebendieser tagtäglich in Abrede gestellt wird, an so vielen und immer mehr Stellen nicht mehr existiert: Dann ist das auch eine Totenrede. Kaddish.

Entschuldigungszettel

Damit hätte ich nicht gerechnet: Beim Festplattenaufräumen einen Text zu finden, der gar nicht allzu alt, schon ein paar Seiten stark und überraschend interessant ist. Und unzweifelhaft von einem selber, auch wenn man das erst auf den zweiten Blick erkannt hat.
Da hab ich also vielleicht was Lohnendes zu tun, mal sehen. Könnte man eigentlich gebührend feiern, mit einem guten Essen. Letztens kam ein sehr einfaches Rezept in meinen Feedreader geflattert, wenn man sich die Zutatenliste so anschaut…

fischgulasch

Ja, wir hatten ja nichts, damals. Nur Zwiebeln, Zwiebeln im Überfluss, die haben uns die Russen Sowjetmenschen gnädigerweise gelassen…
Viel Freizeit wird es also nicht geben, vor allem, da ich auch noch zwei überraschende Untermieter habe, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Requiem für Harry Gelb

(eigentlich wollte ich als nächstes einen anderen alten Text hier einstellen. Die letzten Kommentare erinnerten mich aber an die folgenden – ebenso alten – Worte und ich kramte sie aus dem Archiv:)

19/07/06

Nachts um drei
mit Rohstoff fertig.
Mal wieder.

An Drogen:
seit einer Woche nur noch Bier.
Selbst das:
ab Werk mit Zitronenlimonade gestreckt.

Versucht, die Fauser-Gedichte
aus dem Regal zu holen
und dabei kräftig
über Stühle gestürzt.

Kaputtes Knie, kaputtes Leben.
Der Alkohol wirkt also doch.
Und Fauser sowieso.

 

Randnotizen

Aus Gründen fahre ich neuerdings regelmässig nach Köpenick. Davor war es Reinickendorf, da war die Strecke mit dem Rad schöner, fast immer durchs Grüne und am Wasser lang (auch wenn es der Hohenzollernkanal war…). Im Gegensatz dazu ist der Weg jetzt nur bis zur Rummelsburger Bucht wirklich angenehm, obwohl die Industriearchitektur in der Gegend von Nalepastrasse und Klingenberg zugegebenermassen auch etwas hat.

Wie auch immer, in der letzten Zeit bin ich sowieso meist mit der Bahn gefahren. Und da muss ich wohl oder übel die Warschauer Brücke überqueren. Als Verbindungsglied von Kreuzberg und Friedrichshain scheint sich hier alles zu konzentrieren, was an Klischees über den Doppelbezirk so im Umlauf ist. Hipster, Hippies, Anzugträger – Gentirifizierer und Gentrifizierte. Und Touristen natürlich. Was soll ich sagen: Ich finde das gut. Ich versuche in letzter Zeit verstärkt, gelassen zu sein. Nicht zu hassen. Natürlich weiterhin mit kritischem Blick, aber eben ohne die saure Galle. Ein wenig komme ich mir dabei manchmal wie Mr. Burns nach seiner freitäglichen medizinischen Behandlung vor – trotzdem:  Ist es nicht auch toll, dass alle diese verschiedenen Menschen dort auf dieser Brücke entlanglaufen und sich kaum aneinander stören? Kann man es nicht auch mal einfach gut finden, für wen und was alles in dieser tollen Stadt Platz ist?

Nicht ganz so toll ist allerdings, dass dann später in Köpenick auch Platz für die NPD-Bundeszentrale ist. Normalerweise macht diese einen bewusst unauffällig-verrammelten Eindruck, es gibt nur ein kleines Metallschild im Hauseingang. Nun hat aber auch bei den Nazis der Wahlkampf für das EU-Parlament begonnen, und das nach dem Großspender C.-A. Bühring benannte Haus wurde in ein Banner gehüllt: „Festung Europa schaffen – Asylflut stoppen“ prangt dort in großen Lettern. Jetzt ist es allerdings so, dass diese Losung nicht die unoriginelle Antwort auf die der politischen Gegner ist, der lediglich ein „ab“ vor dem „schaffen“ gestrichen wurde. Denn Nazis für dumm zu halten heisst, sie zu unterschätzen. Es gibt durchaus kluge Nazis, das ist kein Oxymoron. (Morons sind sie, klar.) Und ich kann mir gut vorstellen, dass einige von ihnen wissen, woher das Gerede von der „Festung Europa“ kommt.

Mir ist es kürzlich bei der (schon erwähnten) Lektüre der Kellner-Tagebücher aufgefallen. Dort berichtet Friedrich Kellner immer wieder, wie in den Presseerzeugnissen der Nazis die „Festung Europa“ gefeiert wurde, uneinnehmbar für Amerikaner und Engländer. Seine Notiz dazu vom 25.04.1943:

Der „Atlantik-Wall“ ist z.Z. ein sehr beliebtes Agitationsthema in der Presse und im Rundfunk. Dem Spießbürger wird beigebracht, daß er sich in der „Festung Europa“ vollkommen geborgen fühlen kann. (Bd. I, S. 406)

Kurz darauf wollten die Nazis dann allerdings  nicht mehr von der „Festung Europa“ sprechen. Als der Feind näher rückte, klang das zu sehr nach der Belagerung, die sich ja auch in der Realität abzeichnete. Auch vom Krim-Schild las ich bei Kellner und dachte mir, dass es sowas bestimmt bald wieder geben wird. Es muss nur noch ausgefochten werden, welche Seite ihn stiften darf. (Wo ich schon mal beim Thema bin: Rosa Luxemburg fand übrigens weder das Selbstbestimmungsrecht der Völker noch die Ukraine als Nationalsstaat besonder toll.)

Was mir beim Lesen der Tagebücher noch auffiel: Wie gerne Hitler und die Seinen das Wort „zwangsläufig“ verwandten. Klingt ein wenig nach „alternativlos“… man sollte mal wieder LTI lesen. Gerade jetzt.

post scriptum

Eigentlich wollte ich dem vorherigen Text einfach nur einen Nachtrag in Linkform hinzufügen. Weil er passt und Wichtiges zum Literaturbetrieb sagt. Und dann stoße ich auf den deutschen Wikipedia-Artikel zu „Post Skriptum“ (schreibt man nie aus!):

Das Postskriptum stammt aus der Zeit der Briefe, als man alles von Hand schrieb. Es hatte den Vorteil, dass durch das Vergessen eines wichtigen Teiles nicht alles nochmals geschrieben werden musste, sondern man es einfach anhängen konnte. In der Zeit der E-Mail-Kommunikation wird es jedoch hauptsächlich dafür verwendet, um Dinge anzuhängen, die nichts direkt mit dem eigentlichen Thema zu tun haben.

Der erste Satz allein hat mich für eine halbe Stunde wehmütig-nostalgisch schluchzen lassen, nur unterbrochen von „Mein Gott, ich muss wirklich alt sein!“-Stoßseufzern. Fast.

Andererseits: Wikipedia und Wikipedianer und überhaupt … irgendwo müssen sie sich ja auch im Internet tummeln. Diejenigen, die früher – in der Zeit der Briefe, als man alles von Hand schrieb – in Kaninchenzüchter- und Kleingartenvereinen organisiert waren. Schönes Wochenende!

Draussengeschichten

16.03.14

Ich musste dringend mal raus. Raus aus dem Netz, raus aus der Wohnung – wieso also nicht auch raus aus dem Kiez, dachte ich mir und verabredete mich im Mauerpark. Am Vortag ging es mir schon ähnlich und ich an den Kanal. Keine Ahnung, ob es die Sonne und die frische Luft draussen oder das Halbdunkel und die muffige Luft drinnen (in der Wohnung und in meinem Kopf) waren, die mich dorthin streben liessen. Eine kleine Kanalrunde: Ein Eis auf der Brücke, vorm Urban lang. Der Schwänefütterer, der sein Lager unter dem Baum und auf dem Betonsockel hat, war da, wie immer. Ebenso die Krankenhausbewohner, die sich in ihren Rollstühlen an die Zigaretten und ihre Angehörigen klammerten.

Es gab noch ein paar andere, die hier langschlenderten, aber insgesamt viel weniger, als ich eigentlich erwartet hätte. Es wurde auch kühl, langsam, es war Anfang März und kurz nach fünf, die Sonnenstrahlen erreichten diese Kanalseite nicht mehr. Ich schlug den Kragen der Jacke hoch und ging weiter, während zwei ältere Damen auf ihren nigelnagelneuen Elektrorädern rätselten, ob das Restaurantschiff jetzt ausgebaut worden ist oder schon immer so gross war.

Die zwei Kugeln Eis, die ersten in diesem Jahr, wenn ich mich recht erinnere, waren aufgeschleckt, Zeit also für das obligatorische Augustiner aus dem Späti, der den Kanal wahrscheinlich bis oben hin füllen könnte mit der Kohle, die er Sommer für Sommer durch die ganzen Touristen hier machte. Wenn er nicht die wahrscheinlich ebenso gestiegene Ladenmiete bezahlen müsste. Vermute ich mal, ich habe ihn nicht gefragt. Auch auf der Admiralbrücke war nicht viel los, nur zwei Musiker, keine Verstärker, die Autos kamen noch problemlos durch.

Auf der anderen Seite des Kanals schien die Sonne noch, ich zog den Reissverschluss der Jacke auf und liess die Frühlingsabendluft rein. Auf dem Weg zu dem Baum, unter dem wir im letzten Sommer so oft sassen, tranken, redeten und rauchten begegnete ich dann doch noch den unvermeidlichen Hipstern: Einer lag quer über den staubigen Pfad, komplett eingerollt in ein grosses Leinentuch, und räkelte sich darin zeitlupenhaft. Drei andere standen drum herum und filmten und fotografierten das Geschehen. Kunst wahrscheinlich, doch dafür hatte ich keine Zeit, nicht für ihre. In meinem Kopf setzten sich schon seit ich das Urban passierte Zeilen zusammen. Also beachtete ich sie nicht weiter und sah zu, dass ich den Baum erreichte, der zum Glück noch frei war: Bier getrunken, Zigarette geraucht, Foto geschossen und Gedicht geschrieben, dann ging es zurück.

Und heute war dann der Prenzlauer Berg dran. Ich musste wirklich den digitalen Stadtplan zu Hilfe nehmen, um die Strassennamen auf der Karte in meinem Kopf zu vervollständigen, so lange war ich schon nicht mehr hier. Und das, obwohl ich mal gar nicht so weit weg wohnte.

Die erste Überraschung für mich war, dass der U-Bahnhof Eberswalder Strasse jetzt zwei Aufgänge hatte. Ich suchte die altbekannte Strecke, Schwedter oder Oderberger mussten es gewesen sein. Klar, der kürzere Weg wäre der gewesen, der die Eberswalder bis direkt vor die Tore des Parks führt, doch ich wollte mir die Ecke anschauen, in der es früher den ersten halbwegs vernünftigen Falafel der Gegend gab, gucken ob die Kneipe noch da war, in der A. manchmal mit ihrem neuen Freundeskreis feierte, damals. Die Oderberger war es, das erkannte ich immerhin noch. Doch inzwischen war in so gut wie jedem Haus unten eine Bar, ein Restaurant oder ein Klamottenladen, so dass ich Mühe hatte, die alte Kneipe auszumachen. Schliesslich entdeckte ich sie doch, sie war immer noch da.

Im Park selbst war glücklicher- und überraschenderweise gar nicht so viel los: Ein paar Sprayer an der Mauer, ein paar Kiffer auf der Bank und ein paar Familien auf dem Bauernhof. Die sahen alle so aus, als ob sie perfekt hier her gehören würden. Dazu wehte eine überaus steife Brise, was uns beiden recht gut gefiel, wir waren damit gross geworden. Man konnte fast meinen, die Luft würde auf einmal salziger schmecken. Nachdem wir die Runde beendet hatten, bekamen wir Hunger und mir wurde von einem Burgerschuppen um die Ecke erzählt. Ich befürchtete schlimmes, war aber trotzdem neugierig. Der Laden war voll, wir mussten uns deshalb nach draussen setzen, die Sonne schien noch eine Viertelstunde. Viel zu kurz, um in dem überfüllten Hipsterladen bedient zu werden. Immerhin kam das Servicepersonal ab und zu mal zu uns raus, allerdings nur, weil drinnen zu viel Lärm war, um mit ihren native-language-skills auf Englisch lautstark kundzutun, dass leider alles schon voll wäre. Der Burger selbst war okay, aber dieses ganze Gewese und die einsetzende Dämmerungskälte nicht wirklich wert.

Dank des hochpreisigen Burgers musste ich auf dem Rückweg noch Geld holen. Vor der Bank stand jemand stark schwankend mit einer Obdachlosenzeitschrift vor der Brust. Die Augen geschlossen, den Mund offen, ein paar Speichelfäden hangelten sich den struppigen Bart hinab. Allerdings kam er gar nicht auf die Idee, die Tür aufzumachen oder Ähnliches, wie es seine Kreuzberger Kollegen immer taten. Auch Geld interessierte ihn gerade nicht: Einzig und allein in der Vertikalen zu bleiben, das war sein höchstes, schier unerreichbares Ziel. Die Zeitung brauchte er wohl nur, um sich daran festzuhalten. Dabei wollte ich ihn nicht weiter stören und betrat das samstagnachmittägliche Bankfoyer. Dort hatten sich die beiden Kumpels des Pförtners ausgebreitet, es war draussen wohl zu windig. Schon gestern abend, als sie hier ihr Lager aufgeschlagen haben mussten. Ein paar leere Kornflaschen wurden durch die Windböe, die ich mit reinbrachte, durch den Raum gerollt. Die beiden Männer kümmerte das nicht weiter, sie lagen im Halbschlaf auf ihren Decken, neben ihnen standen halbleere Plastikflaschen, mit Wasser oder einer anderen klaren Flüssigkeit gefüllt. Einer blinzelte mir kurz zu, bis ihm der Wind die Zigarettenstummel, trockenen Blätter vom letzten Herbst und Plastikfolien entgegentrieb. Dann drehte er sich kopfschüttelnd um.

Komische Gegend, dachte ich, als mir auf dem Weg hoch zur U-Bahn eine Junggesellenabschiedsgang mit den obligatorischen Spassbrillen und identischen T-Shirts entgegenkam.

Schon längst…

…ist der Traum aus, möchte man gerade jetzt zynisch meinen. Und dann trifft man bei Soundtrackrecherchen zufällig wieder auf diesen Song. An diesem Ort. Zu dieser Zeit: „Der Traum ist aus“ vom unvergleichlichen Rio, mit lautstarker Publikumsunterstützung, gegeben in der Seelenbinderhalle zu Berlin, Hauptstadt der DDR, 1988. Kommt mir gar nicht als die Ewigkeit her vor, wie die 26 Jahre vielleicht suggerieren.

[Ich fass das alles nicht & bin erst mal wieder weg]

Ukrainische Krankenhäuser in Kreuzberg

Niemand scheint so richtig zu wissen, was in der Ukraine gerade passiert, und vor allem, wie die verschiedenen Akteure dort einzuordnen sind. Langsam wird auch hierzulande klar , dass die Nazis Nationalisten Nazis von der Swoboda um einiges mehr zu sagen haben als Klitschko, da kann er noch so sehr rudelweise mit den Mikrofonen deutscher Medien  bedrängt werden.

Ganz ehrlich frag ich mich ja manchmal mit leichtem Schaudern, wer wohl bei uns am besten organisiert (bzw. gerüstet)  wäre, wenn es zu ähnlichen Szenen kommen würde; rein hypothetisch natürlich.

Jedenfalls fiel mir heute folgender Aufkleber auf, der drei Häuser weiter an der Tür pappt:

maidan

Copy&Paste-freundlich steht da: дістала руїна та побори в лікарнях?  підтримай майдан!

Nun ist mein Ukrainisch ziemlich schlecht, sprich: es besteht aus rudimentären Schulrussischkenntnissen, aufgefrischt durch Konversationen mit der exilsowjetischen Diaspora. Immerhin komme ich mit Kyrillisch klar, auch wenn die Ukrainer da ein paar lateinische Buchstaben mit reinpacken – sie scheinen wirklich in allen Bereichen zerissen zu sein zwischen Ost und West, wenn mir eine Platitüde erlaubt ist.

Es geht um etwas „in Krankenhäusern“, vermutlich Zerstörung und Erpressung. Der Microsoft-Übersetzer will mir die ganze Zeit was von „gepimpt“ erzählen. Ganz unten steht „Unterstützt Maidan!“.

Falls jemand mehr weiss: Nur her mit den Infos!

Ansonsten verabschiede ich mich erst mal in eine Schreibpause, voraussichtlich. Ich weiss nur noch nicht genau, ob vom oder zum Schreiben.

Sendepause mit Testbild

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Ich lass einfach mal übers Wochenende nur ein Bild hier, da ich die nächsten Tage woanders als im Internet sein werde. Leider aber auch nicht da, wo das Foto aufgenommen wurde. Das war in der durchgentrifiziertesten Gegend Tel Avivs, zugleich dessen Keimzelle, sozusagen. Ein Musterbeispiel, wie aus Urban Decay in wenigen Jahren Immobiliengold geworden ist. Aber der älteste Kiosk des Kiezes, an dem dieses Piece zu finden ist, steht halt immer noch, und zwar mit den Spuren der Geschichte, im Gegensatz zum schick renovierten, angeblich ältesten Kiosk der Stadt am Rothschild Boulevard.  So, jetzt hab ich schon wieder mehr geschrieben, als ich wollte. Deswegen noch schnell der Kiosk in Gänze und dann ist Schluss.

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Momentaufnahmen

Thomas de Maiziere hat gesagt, wir sollen nicht soviel ins Internet stellen. Ha! (In memoriam Mrs. K) Sowieso ein entlarvendes Interview: „Es ist eine staatliche Aufgabe, Angriffe auf das Internet – von wem auch immer – besser zu schützen als bisher.“

Als ich im letzten Sommer wieder zurück nach Berlin kam, entdeckte ich das erste mal die Gegend um den Chamissoplatz. Dieser liegt von mir aus gesehen jenseits der Bergmannstrasse und gehörte daher nicht mehr wirklich zu „meinem“ Kiez, der ist in dieser Richtung eigentlich bei der Marheinekehalle zu Ende. Klar fahr ich auch mal zum Tempelhofer Feld oder zum Kreuzberg – aber die kleinen Nebenstrassen auf dem Weg dorthin hab ich meist links (bzw. rechts) liegen gelassen. Ich konnte mich nur daran erinnern, dass es dort damals schon relativ schick aussah, Ökobürgertum, welches man eben auch in der Markthalle oder der Bergmannstrasse traf. Mein ehemaliger Chef zog von Schöneberg hier her.

Nun lud mich also ein alter Freund ein, ihn bei einem Konzert im Wasserturm zu besuchen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich fragte „Wieso spielt ihr denn im Prenzlauer Berg?“ – Ich wusste wirklich nichts von einem Wasserturm in Kreuzberg. Mir wurde erklärt, dass es sich um ein Jugendzentrum handelt, und jener alte Freund hatte dort vor langer Zeit, in seiner Jugend eben, die ersten musikalischen Gehversuche unternommen. Die Veranstaltung jetzt wäre so eine Art Klassentreffen, viele von denen, die hier vor Jahrzehnten begannen, würden sich treffen und Konzerte geben. Grund genug für mich, mir das mal näher anzuschauen.

Da ich zu früh war, drehte ich ein paar Extrarunden, auch um etwas Essbares vor dem erwartbaren Alkoholkonsum in petto bzw. in ventro zu haben. So kam ich auch zweimal an folgendem Haus vorbei, und da das Motiv so verlockend und die Zeit noch da war, versuchte ich mit meinem altertümlichen Mobiltelefon ein paar Fotos zu machen:

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Man beachte die Korrespondenz zwischen den aufgemalten Sprüchen und dem aufgehängtem Banner. Im Hauseingang gab es dann noch ein paar weiterführende Informationen:

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Bisher hab ich den Astronauten nicht getroffen, sonst hätte ich ihn gefragt. Die Konzerte waren dann insgesamt so lala, was auch an der Akustik des mit Kreuzrippengewölbe versehenen Saales lag. Dafür waren die Gespräche drumherum umso besser: Einer der Sänger erzählte mir von seiner Schauspielerkarriere und seinen Drehs mit Bruno S. und Rummelsnuff. Mit letzterem konnte ich nun gar nichts anfangen, wer bitte? Er beschrieb ihn mir ausführlich: aus dem Osten, eher so Elektro-Volksmusik, Bodybuilder. Ich meinte, dass das sehr nach Stumpens kleinem Bruder klingt. Mit Knorkator konnte der Sänger nun wieder nichts anfangen, was mich etwas ungläubig zurückliess. (In der Zwischenzeit haben sowohl Rummelsnuff als auch die meiste Band der Welt neue Werke auf den Markt geworfen und sind mir daher öfter im Radio über den Weg gelaufen.)

Ein paar Wochen später war ich auf einer Party ein Stockwerk über mir. Dort fiel mir ein Typ auf, der wiederum der kleine Bruder von Rummelsnuff hätte sein können. War er aber nicht. Dafür hatte er eine Kutte an, auf der ein großer „Sons of Kreuzberg“-Aufnäher pappte. Das fand ich lustig, da in der Stammkneipe meiner zwischenzeitlichen Heimat ebenfalls das „Sons of Anarchy“-Logo -abgewandelt mit Fussball-Lokalkolorit – getragen wurde. Bei der Kreuzberger Variante ging es allerdings nicht nur um ein lustiges Bekleidungsstück, sondern um einen Film. Was er und meine (nunmehr ehemaligen) Nachbarn, die die Musik zum Film machen wollen, da so erzählten, klang recht spannend. Das Crowdfunding scheint aber erst mal nicht geklappt zu haben, schade.

In der Weihnachtszeit, als noch kein Winter war, stand ich dann mit offenem Mund staunend auf dem U-Bahnhof vor folgendem Plakat. Das Foto ist deutlich verwackelt, dewegen in der Vorschau nur klein und mit Transkription drunter:

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Der Berliner Theaterclub präsentiert Axel Zwingenberger. Und wie! „Die heißeste Musik, die für das Klavier je erfunden (!) wurde.“ Daniel Düsentrieb lässt grüssen. Und weiter: „Rollende Bässe, die Dynamik eines fauchendes Eisenbahnzuges [sind die dynamischer als die stillen, oder die brüllenden, oder die schnurrenden?], Sehnsuchtsvolle Bluesklänge, die ferne Erinnerungen heraufbeschwören. Das Publikum ist in den Bann gezogen, ein faszinierender, brillanter Abend mit Witz und Perfektion!“

Diese um kein Adjektiv verlegene PR-Sprache und das Plakat an sich liessen  in mir – es war schliesslich auch noch Weihnachten – ein wohliges „dit is Balin“-Gefühl aufkommen, ich weiss auch nicht genau, warum. Es hätte mich aber nicht gewundert, wenn auf einmal Uli Zelle und Harald Juhnke Arm in Arm die Treppe rauf gekommen wären.

Das neue Berlin, und zwar der gute Part davon, begegnete mir, als ich vor Kurzem auf der Suche nach einem neuen Vorderrad (das alte wurde mir – wer hätte sowas vermutet – auf dem Tommihaushinterhof geklaut) durch die Dresdener Strasse lief. Dort befindet sich nämlich eine Station des „Witchhunt“-Projekts von Various & Gould, und zwar schon seit letztem November, das war mir völlig durch die Lappen gegangen bis dahin:

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Als kleine Entschädigung, dass mir dieses Street-Art-Projekt mehr als einen Monat verborgen blieb (kleine Erinnerung, auch an mich selbst, damit das nicht wieder vorkommt: Unbedingt noch zu den Graphic Days gehen!), ging ich just an dem Tag hier vorbei, an dem die Freilassung von Nadeschda Tolokonnikowa (ich muss bei dem Namen immer irgendwie an die Tokoloshes von Madam&Eve denken…total off topic, schon klar) bekannt gegeben wurde. Stimmt zum Glück nicht mehr ganz, dachte ich bei mir, als ich den letzten Satz der Infotafel unter dem Bild las:

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Da mag ich eigentlich gar nichts weiter sagen, schon gar nicht zu Julia Engelmann. Muss ich aber. Pünktlich zwanzig Jahre nach seinem Auftauchen hierzulande macht der Begriff SlamPoetry also mal wieder eine größere Runde. Ich hatte ja schon am Rande darauf hingewiesen, dass dieses Thema mir eigentlich am Herzen liegt, aber es von Anfang an eine enttäuschte Liebe war, sozusagen. Ich hielt es da mit den Altrockern des SB, die natürlich auch nicht viel besser und ja überhaupt eigentlich Schuld dran waren. Wie Hadayatullah Hübsch vor zehn Jahren – auf dem ersten Slam-Poetry-Peak – schon sagte: „Früher gab es das Sechs-Tage-Rennen, da führten die Kerle ihre Frauen aus, tranken Bier und haben Bockwurst gegessen, und nebenbei sind ein paar Leute Rad gefahren, was kaum beachtet wurde. So ist Slam Poetry heute.“ Man kann es machen wie Nadia und Charlott von der Mädchenmannschaft, wie der Doktor oder wie Volker Strübing. Der hat nicht nur die beste Überschrift zum Thema, sondern auch das beste Resumee:

„Ich hoffe, die ganze Sache legt sich bald wieder. Und weder Julia noch der Poetry Slam an sich tragen irgendwelche Blessuren davon.
Eine Konsequenz der ganzen Sache wird sicher sein, dass man, wenn man sagt, man trete manchmal bei Slams auf, nicht mehr gefragt wird, was das sei („Irgenddwas mit Rap, oder?“). Stattdessen werden die Leute wissend nicken und sagen: „Ah ja, du machst sowas wie Julia Engelmann!“

PS: Herrje, ich hatte ja keinen blassen Schimmer (und Johnny Haeusler gefällt mir so gut wie lange nicht mehr). Nadia hat auch noch einen sehr guten Text nachgeschoben. Damit ist das Thema hoffentlich erledigt. Warum zur Abwechslung nicht mal in den nächsten Tagen eine schöne, klassische Rezension zu „Arbeit und Struktur“ lesen, oder etwas darüber, wie der Dings die Bums an den Haaren gezogen hat? Ich bin dann erst mal wieder weg…

Wirre Gedanken zum neuen Jahr

  • Wenn die Nazis von der CSU „Arschlöcher von der CDU“ (Zitat Regine Hildebrandt) jetzt die Roland-Koch-Gedenk-Ausländerhatz eröffnen und die Selektion erweitern wollen, können die Sozen denen dann wenigstens was aus dem Kreuz leiern dafür? Dass die Holländer keine Maut zahlen müssen zum Beispiel? Nur so zum Spass? Weil, ernst nehmen kann man das ja eh alles nicht mehr.
  • Die Studentenbewegung ™ fand ja zu Zeiten der grossen Koalition statt. (Irgendeine Theorie besagt, dass Revolutionen nicht unbedingt zu Zeiten der grössten Unterdrückung stattfinden – sprich Adenauer-Jahre – sondern dann, wenn die Zügel etwas gelockert werden und Morgenluft zu wittern ist.) Sollte man nicht vergessen. Manche sagen sogar, sie hat einiges zu deren Ablösung beigetragen. Rein parlamentarisch dürfte das auch dieses Mal schwer werden.
  • Über welche kognitive Dissonanz werde ich mich dieses Jahr wohl am meisten aufregen? Dass einige US-Staaten, Uruguay und Nordkorea uns in Sachen Graslegalisierung Lichtjahre voraus sind? Dass sozial ist und bleibt, was Arbeit schafft, egal welche? Dass völlig ironiefrei über die Anhebung von Pfandpreisen zur Bekämpfung der Altersarmut diskutiert wird? Dass der Pöbel sich wie eh und je gegen „Sozialschmarotzer“ aufhetzen lässt, aber Uli Hoeness und Michail Chordokowski als ehrenwerte Bürger ansieht?
  • Wie fies wäre es, wenn ich mit dem zweiten Teil von „Vom Leben…“, der schon fast fertig in der Schublade liegt, noch warten würde, bis irgendwann mal…vielleicht auf Papier gedruckt und gebunden – und hey, was ist das für ein Jahr, in dem ich auf so fiese Gedanken komme?
  • Wenn das mit den Paralleluniversen stimmt, dann hätte also irgendwo KT zu Guttenberg seine Doktorarbeit selbst geschrieben. Kann das stimmen?
  • Ob es das vielleicht halbwegs mit dem Winter war? Keine Kohlen mehr kaufen? Wie cool wär das denn?
  • Wie schlecht wird wohl die letzte Californication-Staffel werden?
  • Kommt dieses Jahr endlich der verdammte Asteroid, der dem Trauerspiel ein Ende setzt?

2013, das G-Wort und der ganze Rest – Ein Vorwort

Weihnachten ist nun also auch endlich vorbei. Es war ganz okay, aber das Jahr war an sich halt ziemlich beschissen und ich wäre eigentlich lieber allein geblieben und hätte den ganzen Kram am liebsten vergessen.

Eine Sache hat mich dann aber doch wieder ein wenig fröhlich und versöhnlich gestimmt: Als ich an den Feiertagen aus der Mitte Berlins zum ausgefransten Ostrand fuhr, dahin, wo es nicht nur Dorf heisst, sondern auch so aussieht und man mitten auf der Strasse gehen muss, weil es keine Bürgersteige gibt und die Leute trotzdem der Meinung sind, dass sie in Berlin leben würden, ja – die sogar glauben, dass das dort sogar eher Berlin ist als dieser ganze Kreuzköllnscheiss, von dem man immer hört, womit sie wahrscheinlich sogar ein wenig recht haben; jedenfalls:  ich habe in den letzten zwei Tagen während der Bahnfahrten also endlich „Tschick“ gelesen, wollte ich schon eine ganze Weile tun, die Liste ist aber lang. Und das hat mich sehr gut unterhalten und eben etwas fröhlich gestimmt. Es passte auch super zu der Strecke der Fahrt, und dem Publikum, welches so an den Weihnachtstagen zwischen Kotti und jottwede im Osten an der Tram 62 verkehrt, eine ganz andere Art Roadmovie. Einerseits.

Andererseits kam mir der Gedanke, dieses Buch doch endlich mal zu lesen, natürlich zuletzt anlässlich von Herrndorfs Tod in den Kopf. Zu dieser Zeit ging es mir auch grad nicht ganz so dolle, und ich fuhr ziemlich oft mit dem Rad am Hohenzollernkanal lang, Plötzensee, ist generell eine schöne Strecke, über den Friedhof, am Lehrter vorbei… Naja, als ich dann erstens hörte, dass er gestorben sei (so hiess es anfangs nur: gestorben, keine Erläuterungen) und zweitens Katrin Passigs Artikel oder Tweet oder was es auch immer war las, dachte ich „Kann ich sehr gut verstehen. Sehr gut.“ Aber auch: Verdammter Mist, es gibt so wenige von den Guten. Dabei hatte ich bis dahin nur sein Blog gelesen. Jetzt kann ich sagen, dass ich damit recht hatte. Jetzt geht es mir auch nicht mehr ganz so mies. Ganz ohne zu Grübeln kann ich den Weg immer noch nicht fahren.

Aber von vorne: Eigentlich gibt es nur einen Grund für dieses Blog hier. Wie gesagt, ich schrieb vorher woanders und hauptsächlich politisch, machte das dann aber zu. Ironie des Jahres: Damit könnte ich mich fast zum Trendsetter erklären. Stimmt aber nicht, lange vor mir machten der politblogger und andere zu, b like berlin sogar auf ewig, doch das ist eine andere Geschichte. Sollte man aber mal erwähnen, wenn jetzt nur wegen flatter und Mrs.Mop und und und die Klagelieder angestimmt werden. Kennt noch jemand Jacob Jung? [Ich schweife ab, ich weiss, aber das hat System, das bleibt auch so.]

Also: Ich machte das alte Blog eher aus persönlichen Gründen dicht, neben der generellen Resignation, was die Wirksamkeit und den Sinn aufrührerischer Politartikel betrifft.  Mehrere Sachen begannen sich mehr oder weniger dramatisch zu ändern, da passte das gut ins Konzept, und mir war sowieso wieder mehr nach Literatur. [Als ob man das auseinander halten könnte] Wobei, das Lustige daran ist: Vor über zehn Jahren, als ich schon an der gleichen Stelle stand, beschäftigte ich mich sehr mit unter dem Label Social Beat werkelnden Textarbeitern. Auch eine ganz andere Geschichte, an die sich wohl kaum noch wer erinnert, was schade ist, da eigentlich hochaktuell. Dort verabschiedete sich Tom de Toys nach gut zwei Jahren mit einer Analyse, die durchaus auf die Bloggerei angewendet bzw. abgewandelt werden kann:

„Als die A.L.O. (AußerLiterarische Opposition) im Berliner Sommer `93 während des 1.SB(Social Beat)-Festivals ausgerufen wurde, dachte Deutschlands literarischer Under­ground an eine undogmatische Bewegung mit vielen Schreibstilen und Präsentationsweisen. Doch schon bald zeugten gegenseitige Distanzierungen von unkollegialen Arbeitsmechanis­men, die dem etablierten Literaturbetrieb ähneln: Geld, Macht, Neid und Prestige spielten, seit die Medien sich interessierten, plötzlich eine größere Rolle als verbindende Gesellschaftswut und Glücksvisionen. Nach zahlreichen Zeitungsartikeln, TV-Berichten, Festivals und pro­grammatischen Publikationen lässt sich die Szene nun grob in drei Lager sortieren: ein fast sektirerischer (sic!) Hard-core-Kern orientiert sich mit seiner sogenannten „Pimmelprosa“ an amerikanischen Beat-Autoren, eine dadasophisch angehauchte Clique schwört mit ihren Ge­dichten auf den aktionistischen Performance-Charakter von LITERATUR GEGEN LANGEWEILE und dazwischen treiben jene Schreiberlinge und Zeitschriftenmacher, denen das Marketing-Konzept wichtiger scheint als der Inhalt.“ Presse-Erklärung des Instituts für Ganz & Garnix. September/Oktober 1995

Ein anderer grosser Hype der Netzgemeinde ™, von dem man nicht mehr allzu viel hört, waren die Postprivatisten der Spackerei feat. Jens Best gegen den Rest der Welt aka Google street view. Die taugen heute lediglich noch als Witzeprojektionsflächen für Holgi Klein oder Malte Welding. Und genau damit sind wir zurück beim Thema: Wenn ich jetzt also wieder ein Blog starte und das schreibe, was ich wollte und was raus muss, was aber eben dummerweise auch persönlich ist – will ich das wirklich, weiss ich, in welche Untiefen ich mich da begebe, wo sollte die Schere im Kopf am Besten ansetzen [ganz zu schweigen von dem NSA-Skandal, aber das ist ja wieder Politik und von daher am Thema vorbei und abgesehen davon sowieso total absurd]?

Doch es hilft nichts, wie gesagt: Es gibt einen Grund für dieses Blog, und ausserdem muss der Name ja noch erklärt werden. Wie ich also zurück in die harte Berliner Wirklichkeit geschleudert wurde, und wie das natürlich auch was Politisches hat – Stichwort Gentrifizierung:

Das Wort, was Andrej Holm in die Schlagzeilen, unter Terrorismusverdacht und in Untesuchungshaft gebracht hat. Als das passierte, war ich gerade in einer längeren Pause, was die studentischen Aktivitäten anbetraf. Ich wusste um das Konzept und hatte durchaus ein, zwei Veranstaltungen bei Häußermann gehabt. Aber das war es dann auch fast, wäre da nicht Polleschs „Stadt als Beute“ gewesen, was mich ehrlich gesagt sowohl auf der Bühne als auch zwei, drei Jahre später auf der Leinwand begeisterte. Als ich wieder zurück ging an die Uni, kam Andrej Holm gerade aus dem Knast, ich packte ihn in meine Blogroll (wie konnte ich das hier nur vergessen-) und fing an, mich wieder mehr mit Recht auf Stadt und Urban Studies, wie es jetzt hiess, zu beschäftigen. Allerdings nicht an dem Institut von Holm, sondern bei den Ethnologen. Wenn man so will, war das Thema längst in der brutalen PopkulturRealität angekommen. Und eben auch in meiner, jetzt ganz greifbar.

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Da ich ja nun keine Politbloggerei mehr betreiben wollte, was bleibt mir dann übrig? Ich kann darauf hinweisen, dass andere das besser und wirksamer machen als ich es je könnte. Ich kann meine Berlin-Geschichte aufschreiben. Ich muss. Es gibt ganz viele andere, die schönsten davon bei tikerscherk (die natürlich auch längst in die Blogroll gehört und – ganz ehrlich – für mich neben Andreas Glumm die Entdeckung des Jahres ist und mir die dunkle Jahreszeit ähnlich aufhellte wie Tschick), aber selbst Don Alphonso hat letztens eine sehr gute erzählt.

Sowieso – an jeder Ecke stolpert man inzwischen über Berichte aus Berlin, und immer spielt das G-Wort eine Rolle. Besserverdiener, die verzweifelt um Rat bitten, wie sie nicht zu bösen Gentrifizierern werden. Was schwierig werden könnte, liest man sich aktuelle Berichte von Wohnungssuchenden aus ähnlichen Milieus durch. Und dann gibt es noch diese Expat-Exilantenszene hier, die sich auf Englisch darüber aufregen, wie furchtbar das alles ist mit den ganzen Touristen. Die drehen da sogar krude Filme drüber. Und in Hamburg sieht es nicht besser aus. Inzwischen gibt es sogar – kein Scheiss – eine Gentrifizierungsoper. Auch am schönen Kollwitzplatz kann Kunst gegen Gentrifizierung bestaunt werden.

Also: Es folgt eine Geschichte, die viel länger geworden ist, als ich dachte. Aber wegen ihr hab ich dieses Blog  überhaupt aufgemacht – was also jetzt & im nächsten Jahr passiert, nachdem der Text nun (bald) hier steht, kann ich noch gar nicht sagen, ich bin aber gespannt. Irgendwie hatte ich jedenfalls das Gefühl, dass sie mal aufgeschrieben werden musste, manchmal ist das so:

„Mein Gehirn nahm ungeheuer Fahrt auf, und ich würde schätzungsweise fünfhundert Seiten brauchen, um aufzuschreiben, was mir in den nächsten fünf Minuten alles durch den Kopf ging. Es war wahrscheinlich auch nicht sehr spannend, es ist nur spannend, wenn man gerade drinsteckt in so einer Situation.“   Tschick

Sprachlos, irgendwie…

Mir fehlen gerade die Worte. Sie sind da, sie gehen durch meinen Kopf, ständig, aber sie wollen zur Zeit einfach nicht raus. Das ist nicht unüblich bei mir, zumal in dieser Jahreszeit: writers block plus Winterdepression, was davon jetzt was verursacht, ist so verworren wie diese ganze wirre Welt. But nevermind. Apropos:Kurt Cobain Mug Shot

(via alter boy ignored prayer)

Die Gedanken zu den Worten sind da, zuhauf: Wenn ich erst mal anfangen würde, über Journalisten, über „Journalisten“ und dieses ganze absurde Theater zu fabulieren, was sich da draussen abspielt, so leicht fände ich kein Ende. Später vielleicht. Dieses Jahr noch, bestimmt, der eine Text. Obwohl ich schon wieder zweifle, auf zwei Dritteln der Strecke: Zu persönlich? Will ich das, will ich damit an die Öffentlichkeit, wenn auch an die kleine hier?

Einstweilen nur das hier, zur Verdeutlichung, wie es einem die Sprache verschlagen kann: Bayern – sprich die CSU – wird nun doch keine historisch-kritische „Mein Kampf“-Ausgabe erarbeiten: Das Buch sei volksverhetzend. Wenn Verlage das Buch in Zukunft veröffentlichen wollten, werde die Staatsregierung Strafanzeige stellen.

Nun, Hauptsache sie haben die Maut für Ausländer durchgesetzt. Mehr will der CSU-Wähler nicht, schon gar nicht mit diesem österreichisch-böhmischen Gefreiten behelligt werden. Verbieten, ganz einfach verbieten und Strafanzeige stellen.

Früher

Da ich immer noch an dem längeren Text bastele (die Spannung steigt…), schwelge ich in letzter Zeit vermehrt in Erinnerungen. Das mag auch an dem Tag für Tag voranschreitenden Alter liegen, und natürlich am Berlin-November.

Meine Samstags-Aktivitäten taten ihr Übriges dazu: Erst war ich, aus familiären Gründen, im Kabarett. Der ewige Sidekick von Didi lud um 16 Uhr zur Rentnervorstellung, tief im Westen. Die Wilmersdorfer Witwen waren begeistert. Zu Recht. Auch wenn sie wohl nicht genau wussten, wovon die Rede war, als sich über Podcasts und Google instant lustig gemacht wurde.

Den Abend und die Nacht verbrachte ich dann im Wedding, sowas kommt eher selten vor. Der Grund dafür war eine sehr feine Hausparty: Eines der wenigen Relikte aus der alten Westberliner Hausbesetzerzeit feierte, wie jedes Jahr, den Beginn der Instandbesetzung – 30 Jahre ist das jetzt her. Die Hausgemeinschaft sorgte für eine sehr angenehme Atmosphäre, die Wohnungstüren standen weit auf, die Dekoration war angemessen, die Leute waren nett. Es war alles da, was mensch brauchte, um sich wohlzufühlen: Ein Kicker-Raum, einer mit Videospielen, in einer Wohnung gab es laute Stromgitarrenmusikonzerte, in anderen wurde meist gute Musik aufgelegt und natürlich gab es auch – selbst um 4.30 Uhr – leckeres Vokü-Essen. Eben – wie früher. Zum Glück gibt’s sowas noch in dieser Stadt.

Eigentlich wollte ich aber nur auf ein anderes Früher hinweisen: Heute vor 20 Jahren nahmen Nirvana in New York ihr unplugged-Album auf. Wat bin ich alt. Das kann ich jetzt auch als Entschuldigung dafür nehmen, dass es für mich wohl nichts mehr geben wird, was den dreien (zugegeben, hauptsächlich Kurt) je das Wasser reichen könnte. Auf reddit gibt es ein paar Anekdoten von jemanden, der live dabei war. Und sie scheinen genügend geübt zu haben, um „the man who sold the world“ zu spielen. Zum Glück, denn wie ein Kommentar zu dem Video unten schreibt:

„Thanks. That was a David Bowie song“. NOT ANYMORE.
Also stell ich jetzt mal den spanisch-untertitelten Youtube-Mitschnitt hier rein. Es ist der einzige, den ich auf die Schnelle gefunden hab. Good ol‘ times.

Gedenken zum Wochenende

Zwei Jahre, einen Monat und einen Tag ist es her.

 

occupy

Und viel mehr Leute, als auf diesem Bild zu sehen sind, waren auch nicht da (Immerhin, natürlich war der obilgatorische Ströbele mit dem obligatorischen Fahrrad anwesend, auch wenn er auf dem Bild nicht so einfach zu finden ist). Sollte man dieser Sache hinterhertrauern? Sollte man auf eine Wiederbelebung hoffen? Keine Ahnung, ich hab’s aufgegeben, längst. Und doch auch nicht, irgendwie.

Meine WG-Vorgängerin – oder wer auch immer es war – hängte an die Toilettenrollenhalterung einen Aphorismenband von Lichtenberg. Passend zu dem Bild (deswegen überhaupt das Posting hier) las ich darin heute morgen:

Die eine Hälfte unserer Landsleute ist mit in den großen kritischen Aufstand und in das Rezensieren omnium contra omnes so verwickelt, daß sie nicht hört, und die andere liegt in einem empfindlichen Schlummer und hört und sieht nicht, was um sie vorgeht…

Erstaunlich, wie lange es das Internet mit seinen Filterblasen schon gibt…