Hochbett No. 3

Ich habe keine Ahnung, wie ich in die alten Routinen zurückkomme. Ich habe keine Ahnung, ob ich das überhaupt will (eher nicht, oder eher nur die Rosinen).

Ein paar neue haben sich schon etabliert, wenige alte sind neu in Angriff genommen worden, womit ich ganz glücklich bin & die Hoffnung geben, weil: Ein halbes Jahr stand das Rad in der Ecke, vernachlässigt nur wegen des Plattfusses, langsam Staub und Rost ansetzend – und kaum war es wieder fit gemacht, hat es auch schon tausend Kilometer auf dem Zähler. Wiederbelebung funktioniert also.

Neu dazugekommen ist das Schwimmen: Während ich mich in den Berliner Anfangsjahren vehement weigerte, in Süsswasser zu baden, kam dies später dank dem Hund und den Grunewaldseen schon öfter vor (& wäre jetzt de jure nicht mehr möglich). Doch das war Spass und Planscherei, regelmässig belohnt mit Hundekrallenkratzern auf den Oberschenkeln.

Durch Herrndorf kam ich auf die Idee mit dem Plötzensee (und durch die mangelnde Fitness, die mir im Frühjahr furchtbaren Rücken bescherte & mich beim Umzug erstaunt feststellen liess, dass Waschmaschinen tragen früher viel leichter war). Seitdem mindestens alle zwei Tage eine ernsthafte Runde im keine zwei Kilometer entfernten Plötzensee, möglichst früh, um die knapp über der Wasseroberfläche segelnden Schwalben auf dem Rücken treibend beobachten zu können & sich für einen Moment als einen Teil des großen Ganzen (& glücklich) zu fühlen.

Dann für zwei Tage, nachdem der gröbste Umzugsstress bewältigt war & das Hochbett stand (das dritte, welches ich in Berlin errichtete) wieder dorthin, wo es zum Jahreswechsel so toll war. Auch im Sommer nahezu perfekt, dank einem Kanal, in den man vor dem Frühstück springen konnte, um ein paar Runden zu drehen. Und der vielen Seen drumherum, auf denen wir viel zu wenig paddelten, aber immerhin.

Natürlich war ein Hund dabei, der ausgiebig bespielt, bespasst und bepuschelt wurde, reine Ersatzhandlungen. Natürlich dachte ich mir, wie es gewesen wäre, wenn…

Der Höhepunkt war sicherlich der Abend, die Nacht in der Heide. in der Dämmerung losmarschiert, um die Sternschnuppen zu erhaschen, mit Blicken und Wünschen. Irgendwann kamen sie, nachdem wir lange den sich nur allmählich herausbildenden Sternenhimmel beobachteten. Die Erkenntnis: Man müsste viel öfter mit dem Rücken im Gras und den Augen nach oben einfach so in der nächtlichen Natur liegen, ob mit Perseiden oder ohne.

Das Rad hat die Gepäck-Feuerprobe bestanden, jetzt ruft die Ostsee & ich kann es kaum abwarten, diesem Ruf zu folgen. Auch wenn die Wiedereinführung alter Gewohnheiten dadurch noch weiter hinausgezögert werden wird.

Sommersplitter – Balkonien und der Rest vom Haus

Es ist ein Wettlauf: Werden die Früchte noch reif, bevor die Tomatenpflanzen verrecken? Sie sehen schon länger nicht mehr wirklich gut aus: Schwarzfleckige Blätter, immer mehr verwelkte Triebe. Ich schiebe es auf den Dreck vom Nachbarhaus: Die Fassadensanierung. Erst der feine Staub vom abgeklopften Putz, dann die Styroporkügelchen von der Dämmung. Die werden sich unweigerlich in der Blumenerde angesammelt und aufgelöst haben, jetzt verrecken erst die Pflanzen, und dann wahrscheinlich ich, wenn ich die kümmerliche Ernte verzehrt habe.

Eine Sache allerdings hat mich dann doch positiv überrascht: Auch wenn ich es mit dem Gras auf dem Balkon dieses Jahr gelassen habe (Gerüst vorm Nachbarhaus, zu viele neue Leute über und unter mir), auch die Tomaten, die eine Sorte jedenfalls, wucherte auf über zwei Meter. Irgendwann wusste ich dann auch, was ausgeizen ist und wie man das macht. Einer der Triebe, die weichen mussten, war schon ziemlich gross, sogar ein paar Blütenansätze waren zu erkennen. Ich steckte ihn in ein altes Gurkenglas voller Wasser. Einige Tage später trieben tatsächlich Wurzeln aus; ich wollte noch etwas warten und die Pflanze dann in einen Topf umsetzen. Daraus ist nur nichts geworden: Der Trieb steht jetzt seit Wochen in dem Gurkenglas, immerhin giesse ich ihn regelmässig, das weisse Wurzelgeflecht hat inzwischen seinen eigenen Dschungel gebildet. Und das Erstaunlichste: Aus den kleinen Blütenansätzen haben sich tatsächlich Früchte entwickelt – nur im Wasserglas stehend. Diese famose Natur, selbst hier auf dem Balkon mitten in der Stadt. Von Weizenfeldern, die gerade abgeerntet werden, bekommt man hier ja leider nichts mit. Was schon etwas schmerzt.

ein sonniger Balkon mit lauter grünen Pflanzen drauf :-)
(Der letzte Sommer auf dem Balkon: Schön grün)

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Aber eigentlich geht es im Haus gerade um wichtigere Sachen. Zahlen spuken durch die Köpfe und Flure. „Was ist dein Preis?“ heisst es überall, mal ausgesprochen, mal nur gedacht.

Nach circa einem halben Jahr Ruhe setzte die Hausverwaltung eine zweiwöchige Frist, um Keller, Hof und Dachboden leerzuräumen. Dreizehn Tage vor Ablauf der Frist begannen Johnny & Co damit, lautstark den Sperrmüll vom Dachbodenfenster in den Hof zu schmeissen: „Hi, ich bin Johnny, your new Hausmeister. Do you smoke weed man?“ So stellte er sich vor, der Johnny aus Nigeria, der jetzt unser neuer Hausmeister ist. Was die Hausverwaltung uns bis heute nicht mitgeteilt hat, aber die wissen ja eh nichts von dem, was die neuen Eigentümer so alles machen.

Also mal wieder eine Hausgemeinschaftsversammlung: Über kurz oder lang, das ist klar, werden sie was tun. Das einzige, was wir tun können, ist auf ein paar Regeln bestehen: Fristen einhalten, Formalitäten beachten. Einer der neuen Eigentümer geht durchs Haus und verteilt Angebote, spricht aber auch von locker 300 Euro mehr Miete, wenn alles fertig ist. Gepriesen sei die energetische Sanierung, wenn die kommt, sind wir sowieso alle gefickt.

Zu Modernisieren gibt es natürlich auch eine Menge – da hat sich einiges angesammelt in den letzten 120 Jahren, klar. Doch so wie sie bisher mit den inzwischen zwei, ab nächstem Monat drei freien Wohnungen umgegangen sind, geht es ihnen nicht um die Hege und Pflege der Bausubstanz. Hauptsache schnell fertig werden und Teppichboden über die Dielen tackern, damit das nächste Dutzend Tellerwäschersklaven aus dem Gastro-Imperium einziehen kann.

Wir üben uns jetzt also in Politik – etwas, was wir alle eigentlich seit Ende der Neunziger hinter uns geglaubt hatten, nur die eine WG ist ja noch wirklich aktiv, was meist belächelt wird und manchmal unangenehm aufstösst. Nun aber müssen alle wieder ran: Standpunkt benennen (Gehen oder Bleiben), Strategie finden (Füsse stillhalten oder auf Konfrontation gehen), Informationen sammeln (Kompromat zu den Eigentümern, Anwalt vom Mieterverein zum Hausbesuch bitten zur Erläuterung der gesetzlichen Vorgaben), Vernetzungsarbeit („Die haben da und da und da noch andere Häuser, wo es grad genauso aussieht, lass doch mal mit denen zusammensetzen.“).

Erst mal wird ein E-Mail-Verteiler eingerichtet, eine Chronologie erstellt und Fotos gesammelt. „Zur Not“ meinte die Gastgeberin mit der Fabriketage vom dritten Hinterhof, „müssen wir dann halt an die Öffentlichkeit, ein Blog machen oder so. Kennt sich jemand damit aus?“ Glücklicherweise antwortete der Abgesandte der Antifa-WG schneller, als ich überhaupt überlegen konnte, ob ich mir das jetzt an den Hals kette oder nicht: „Erst mal der E-Mail-Verteiler, dann sehen wir weiter. Dieses ganze überstürzte ‚Wir machen jetzt gleich mal ein Wiki oder ein Blog oder was auch immer’ bringt zum Anfang gar nichts ausser verplemperte Zeit.“ Ein Lob den Aktivisten, die wissen Bescheid.

In der Nacht nach dem Treffen dann die erste Mail mit dem Hinweis auf die ARD-Doku. Am Morgen trudelten die ersten Antworten ein, deren Tenor überall der Gleiche war: Doku gesehen. Ach du Scheisse!

Ein Hausflur mit vielen Graffitis und einem Plakat: Ordnungsamt Fuck off(Inzwischen sieht es schon etwas schmucker aus, und bald wohl noch mehr)