Was noch übrig war

Viel zu wenig Bilder habe ich von der Kreuzberger Wohnung gemacht, rückblickend betrachtet. Und vieles, was noch auf dem Film war, der während der Umzugs bis jetzt in der Kamera lag, ist leider misslungen. Trotzdem ein paar Eindrücke von den letzten Kiezstreifzügen und Wohnungsbesichtigungsexpeditionen, aus einer Zeit, die schon ewig her scheint und doch gerade mal einen Monat in der Vergangenheit liegt.

Blick aus dem Fenster auf ein Hinterhaus, verfallend

Der Blick aus dem Küchenfenster auf das Hinterhaus – an dem Haus musste wirklich was gemacht werden, in dieser Ecke stürzte bei Regen immer ein veritabler Wasserfall in den Hof (und in einige offene Fenster…). Aber es hätte auch anders gemacht werden können. Jetzt wohnt in diesem Teil des Hauses niemand mehr.

Blick aus dem Fenster auf ein Haus auf der anderen Strassenseite, dort ein Banner: Wir helfen hier Flüchtlingen, wann hilft der Senat (Gitschiner 15)

Der Blick auf die Strasse, hier auf die Häuser gegenüber, leider klemmte der Film wohl etwas. Das Banner (Wir helfen hier Flüchtlingen, wann hilft der Senat?) hing schon wochenlang, bevor ich auszog. Einiges aus unserer Wohnung konnte dort noch gebraucht werden, so hatte der Umzug auch sein Gutes, immerhin.

Schriftzug in einem Hauseingang: alles muss kaputt sein

Gesammelte Botschaften von Hauseingängen und Häuserfronten I

Schriftzug an einer Häuserwand: Don't stop Art!

Gesammelte Botschaften von Hauseingängen und Häuserfronten II

Schriftzug in einem Hauseingang: Die Häuser denen, die sie brauchen

Und immer wieder das EINE Thema, schön wär’s…

Graue Neubauwand mit dem Schriftzug "Solidarischer Kiez"

Eine Frage, die sich mir immer wieder stellt: Warum dieses hässliche Grau? Hier im Bild irgendwo in Neukölln, aber ebenso & noch hässlicher schon gesehen beim Neubau auf dem Gelände der alten Filmfabrik in Köpenick: links und rechts ein paar alte Backsteinmauern, der Neubau in der Mitte hässlichgrau, aber dafür 2000 Euro kalt für die 130qm-Dachetage.

Die Fortsetzung aus Neukölln:

Graue Neubauwand mit dem Schriftzug "statt Gated Community" (Fortsetzung vom Bild gated1)

Zwei Strassen weiter, die Aussage etwas künstlerischer gestaltet:

Streetart an einer Backsteinmauer: Ein stilisierter Hund (Dobermann) mit der Aufschrift "Real Estate Speculators"

Eine Botschaft aus dem neuen Kiez:

Street Art auf einem Stromkasten: Ein Konterfei eines Menschen, darunter steht"Your Mind is a Prison"

Zum Schluss: Der King ist natürlich mit umgezogen und tanzt jetzt am Waschtag im Wedding statt in Kreuzberg…

Elvis-Wackeldackel in dem Bullauge einer Waschmaschine

Nachgereicht: Expeditionsbilder

Nun, das Zeichen kam nicht, dafür soeben die Absage für die Wohnung, die ich wirklich gerne bezogen hätte. Immerhin hat sich dadurch der Titel des letzten Beitrags bewahrheitet.

Mit den Bildern, die auf den Erkundungstouren entstanden sind, bin ich auch nicht wirklich zufrieden, aber was solls: ich nehme, was ich bekomme; das sollte ich mir generell zum Motto machen (und darauf hoffen, dass ich überhaupt etwas bekomme).

Zuerst ein Nachtrag zu dem letzten Bilder-Posting – noch einmal Daily Smile:

Street Art Daily Smile: Paste up eines Fallschirmspringers in Häftlingskleidung mit einem karierten Fallschirm

Auf einer Expedition sind Wegweiser immer gerne gesehen:

Ein auf eine Matratze gemalter Wegweiser auf einer Brücke in Kreuzberg

 

Ansonsten steht auf Hauswänden auch oft, wo es langgeht und was gerade angesagt ist:

Schriftzug an einer Häuserwand: Revolution ist die einzige Lösung

Schriftzug an einer Hauswand, oben unter dem Dach: Rotfront

Graffiti an einem verrammelten Ladenfenster: We fucken love the Crisis. - Greece

An anderen Wänden gibt es Kunst statt Text:

Street Art an einer Hofeinfahrt: Eine Frau mit Basecap, Sonnenbrille und Dreieckstuch vor dem Mund, auf Rollschuhen

Wandbild an einer Brandmauer mit weisser Farbe: Silhouette einer Frau, die ein Baby in der Hand hält

Diverse Graffitti an einem Haus/Geschäftseingang, unter anderem auch ein Wasserhahn, aus dem Wasser läuft

Und manchmal sind sie auch einfach nur so für sich allein schön, die Wände, mit etwas Grünzeug garniert:

Rückseite eines Wohnhauses, komplett eingewachsen und grün, die schmale Seite des Hauses ist blau, davor eine Brachfläche

Wobei: Schönheit kann natürlich auch rau sein…

Eine Hausfassade an einer breiten Strasse, die unteren Fenster sind mit Holz vernagelt, über die Hausfront ein Graffiti mit einem eher abstrakten Gesicht und dem Schriftzug "Schönheit ist rauh"

Zum Schluss: Hier hätte es sein können…

Ein Mülleimer mit mehren Aufklebern amn einem Kanal, im Hintergrund eine Brücke

Statusupdate

Während ich für den Kohlenstofflebenumzug gerade die ersten Kisten packe (immer noch ohne zu wissen, wohin es gehen wird), scheinen hier jetzt die letzten Kisten ausgepackt und alles fein säuberlich in die Regale eingeräumt zu sein.

Der RSS-Feed wurde ergänzt, die Weiterleitungen und die Umleitung von der .wordpress.com-Seite scheinen zu funktionieren & auch die paar Follower konnte ich wohl mitnehmen (noch habe ich keine Problemberichte empfangen…), Euch allen also nochmal ein „Herzlich Willkommen!“.

Zwei, drei andere Spielereien im Hintergrund habe ich auch schon durchprobiert & wieder abgestellt, jetzt müsste erst einmal alles reibungslos laufen – bis zum nächsten Update jedenfalls. Fehlen also nur noch neue Texte oder Bilder. Tja. Bis die zustande kommen, muss ich wohl immer mal wieder ins Archiv gehen. 2013 ist auch schon zwei Jahre her, und die Fassade dieses kleinen Häuschens am Landwehrkanal hat seitdem den einen oder anderen Neuanstrich bekommen. Veränderungen, wohin man schaut…

Das mit der Galerie lass ich glaube ich, derzeit gefällt mir die einfache Variante besser.

Fassade eines kleinen Hauses am Landwehrkanal, Nahaufnahme der Tür und der Wand daneben, beide mit Street Art Bildern verziert: Auf der Wand ein Gesicht mit dem Schriftzug Self Portrait drunter, auf der Tür eine Art Sprayer-Rotkäppchen mit dem Korb voller Farbdosen

 

Detailaufnahme der Tür: eine Art Sprayer-Rotkäppchen mit dem Korb voller Farbdosen, darüber das Gesicht eines kleinen Kindes mit dicken Kopfhörern

Nach dem Umzug ist vor dem Umzug

Ohne viele Worte geht es hier nun anschluss- und hoffentlich reibungslos weiter. Bleibt zu wünschen, dass der andere Umzug ebenso sanft vonstatten gehen wird. Ich habe da allerdings so meine Zweifel – andauernd werde ich daran erinnert, was mir alles fehlen wird, sollte ich den Kiez verlassen müssen. Die Tomaten auf dem Balkon fehlen mir jetzt schon, angesichts der Umstände verzichtete ich darauf, sie für ein paar Wochen und vielleicht zweieinhalb unreife Früchte überhaupt erst zu pflanzen…

Die beiden werde ich auch vermissen, wie sie da thronen über den Hipstermassen, wenn diese sich in die U1 drängeln, die jetzt wieder U12 heisst und mit den blöden lauten quadratischen U2-Waggons fährt.

zwei Schaufensterpuppen stehen hoch oben in einem bunten, verwinkelten Glas-Stahl-Treppenaufgang

 

Erst vor Kurzem ist mir Daily Smile aufgefallen: mein neues Lieblings-Kiez-Street-Art-Projekt. Wird mir auch fehlen, wie er oder sie immer wieder die vorhandene Substanz mit in die Kunst einbindet….

Street Art paste up: Ein Propellerflugzeug mit fröhlichem Piloten darin, der Propeller ist ein Lüftungsschacht o.ä. an der Hauswand

Street Art Paste Up: Ein Comicmännchen mit gestreifter Sträflingskleidung rennt weg von einem vergitterten Fenster und zeigt diesem eine lange Nase

Street Art Paste Up: Eine Bewag-Plakette dient als Jojo, der von einer Hand/den Fingerspitzen gehalten und bewegt wird

Street Art Paste Up: Diesmal dient die Bewag-Plakette als Einrag, auf der eine Art Comicclown jongliert

 

Woanders – ich muss mich ja langsam mal in anderen Kiezen umschauen – werden Türstehergesichter großflächig an die Hauswände gemalt, weil ein Jeanshersteller seine Reputation auffrischen wollte:

Gesicht

 

Ansonsten: Im Fernseher nur Müll.

Ein alter Röhrenfernseher liegt neben einer Strassenlaterne, die Röhre ist zerbrochen und im so entstehenden Hohlraum hat sich einiger Unrat angesammelt

 

Früher war halt alles besser, vor zwei Tagen war zB. noch Wochenende…

Werbeplakat für Nenas Oldschool-Album, auf einem Betonsockel stehend, auf dem Sockel ein Zitat von Jane Fonda: Wir gehen mit der Welt um, als hätten wir noch eine zweite im Kofferraum

 

Die Nena-Tickets für das Konzert im SO36 sollen ab 79 Euro gekostet haben. Ziemlich oldschool…und dass sie die da überhaupt reingelassen haben. Dann doch lieber den Kopf zerbrechen über das Jane-Fonda-Zitat, und damit ist auch schon wieder Schluss:

Street Art an einer Mauer: Eine auf einem Würfel sitzende Person, die als Kopf eine Art Blüte hat

 

 

 

Gar nicht so paradox

Dass ich derzeit so wenig zum Bloggen komme, liegt daran, dass ich mich im Moment so viel mit dem Bloggen beschäftige. Darüber gäbe es viel zu berichten, nur fehlt mir die Zeit, das alles aufzuschreiben. Später. Fest steht: Es wird sich einiges ändern, auch hier.

Noch ärger steht es mit dem Fotografieren. Ebenfalls schade, aber da hoffe ich auf den Frühling – wie generell.

Nicht zu vergessen: Lesen, lesen und nochmals lesen.

Da Ostern ist, habe ich sogar etwas Überraschendes gefunden: Ein paar Bilder aus den Straßen Düsseldorfs, anno 2012.

Street Art: Zettel an einem Ampelmast: Wo gehts denn hier zum Meer? Dr. N?

 

Street Art: Zettel an einem Ampelmast: Push the Button to reset your Life!

 

Street Art: Schablonenpostiv eines Gesichtes auf einem Strommast

 

Street Art auf einer massiven Kasemattenmauer: Ein kleines Mädchen schiebt einen Puppen-Kinderwagen

 

Street Art: Ein junges Mädchen sitzt in der Hocke und pflückt eine Blume

 

Street Art Bild: Ein kleines Mädchen streckt die Zunge raus, daneben ein Graffiti: Empört Euch!

 

Street Art: drei junge Mädchen in Kleidern stehen nebeneinander wie die Orgelpfeifen

 

Bunte Fassadenmalerei an einer Schule: Wie gehst du mit Fremden um?

 

Ein ausgeschnittener Zeitungsartikel auf einem rostigen Ampelmast geklebt: Rheinbahner erwischen junge Sprayer

Überbleibsel

Es ist ja so: Fängt ein Text mit „Es ist ja so“ an, dann erwartet man erst mal eine Ansage, etwas Konkretes. Tja.

Und ganz ähnlich ist das mit dem neuen Jahr und den ganzen Vorhaben, die man vor hat: Erst mal den Kater auskurieren, ausschlafen, halbwegs wieder in den Alltag zurückfinden, der genau der ist, den man dachte, mit dem vergangenen Jahr hinter sich gelassen zu haben. Tja.

Eigentlich schleppt man Jahr um Jahr mehr Ballast mit sich rum, und deshalb wird es Zeit, einiges davon loszuwerden. Neuer Ansatz, zwei Fliegen/eine Klappe: Eine Linkliste, willkürlich kombiniert mit den Analogfoto-Überbleibseln des letzten Jahres. Der Film war schon so lange im Apparat, dass sogar noch ein Gruß von der Hamburger Dachterasse drauf ist. Dabei ist diese Reise schon länger her, als noch Zeit vergeht bis zur nächsten, wenn alles klappt. Egal, Katzencontent:

Katzenstatue sitzend, ihr wurde ein Hut aufgesetzt

Beginnen wir mal ausnahmsweise am Anfang: Dort standen bei vielen westdeutsch sozialisierten Menschen oft drei Fragezeichen. Also: Die drei Fragezeichen. Sowas gab es bei uns im Osten natürlich nicht, da gab es nur Ausrufezeichen. Und im Satz, den sie beendeten, stand meist irgendwas von Sozialismus und Sieg und Solidarität. Trotzdem würde ich, hätte ich Kinder, wohl die gleiche Wahl treffen, die bei Perspektiefe mit all ihren Fährnissen anschaulich geschildert wird (& was für ein schöner Titel!). Vor allem, wenn ich so höre, was die Kinder in meinem Umfeld so hören. Meist geht es um reiche Mädchen und Pferde. Immerhin kann einer der Kleinen noch den halben Tag (wortwörtlich) total begeistert mit dem Mobiltelefon rumlaufen und die Egon-Olsen-Titelmelodie kreischend mitbrüllen.

Auf Die drei Fragezeichen stiess ich viel später und aus zweiter Hand, sozusagen: Diejenigen, die damit gross wurden, frönten ihrer Begeisterung für die Kinderhörspielkassetten ja grade auch als Studenten ausgiebig. Das machte sich eine Theatertruppe aus Wuppertal zunutze und füllte die Hallen quer durch die Republik. Selbst mit fehlendem Hintergrundwissen und der falschen Sozialisation war das stellenweise ganz unterhaltsam. Doch auch – wo wir schon mal beim Thema sind – aus ganz anderen, noch seltsameren Jugenderinnerungen mit zweifelhaftem kulturellen Background lässt sich ein krudes Theaterprojekt machen: Katholische Sexualaufklärung aus den Siebzigern? Warum nicht, ab auf die Bühne! Dorthin gehört auch Gregor Keuschnigs Schmierenkomödie Zapfenstreich, die es bisher nur in Textform gibt.

Weisse Wände, in einer Ecke hängt unter der Decke eine Maske, im Vordergrund ist ein Rehgeweihzack zu erkennen, darunter ein Aufkleber "Old Europe"

Ein harter Schnitt, da müssen wir jetzt durch: Bei den Nachdenkseiten wurde heute eine Leserin mit der Anmerkung zitiert: Der Wahlkampf 2017 wird eine Braune Schlacht. Mir graut es jetzt schon! Stimmt wohl, aber wer braucht eigentlich die AfD und Pegida, wenn Seehofer schon vor 3 Jahren „bis zur letzten Patrone“ gegen „Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ kämpfen wollte? Zauberlehrling usw.

Zur tagesaktuellen Situation enthalte ich mich, alles viel zu unklar, auch und vor allem in meinem Kopf, nur eins noch: Das Zusammentreffen unschöner Ereignisse kann zu einem unerwarteten Ausgang führen, sprich: Die Gunst der Stunde, oder der böse Zwilling von Kairos sprechen gerade vielleicht für die Islamhasser. Vielleicht aber auch im Gegenteil – ich bin nur etwas skeptisch, weil ich kürzlich die arte-Doku über Ishiwara Kanji gesehen habe: Eine von der Mehrheit nicht gewollte Militäroperation nationalistisch-konservativer Offiziere glückt dummerweise und macht aus der liberalen, modernen Demokratie der 20er Jahre einen von Nationalismus besoffenen Hitlerverbündeten. Platt ausgedrückt, aber so schnell kann es gehen.

Natürlich reicht es zur Erklärung aktuellen Geschehens nicht aus, nur in alte Bücher zu schauen. Aber es gibt da durchaus interessante, hochaktuelle Stellen, bei Foucault zum Beispiel, wie auf haftgrund zu lesen ist. Gemischt mit einigen der unzähligen Alltagsberichte – Keiner kommt hier lebend raus, ohne Zweifel – führt das unweigerlich zu gezielter Ignoranz. Manchmal reicht es aber auch schon, sich nur eine Statistik mal ganz genau durch den Kopf gehen zu lassen. Oder ein Taufregister zu lesen, das inzwischen wahrscheinlich schon jeder kennt, aber es passt so gut zu den nächsten beiden Bildern:

Graffiti-Schriftzug an einer Hauswand: Ein Kiez wehrt sich

Brandmauer eines Wohnhauses, mit großen Schriftzügen plakatiert zu Mieterhöhungen und Modernisierung

Berlin also, und die alten, leidigen Berlin-Probleme. Da es hier überraschend ruhig ist (die für spätestens zum 31.12. erwartete Modernisierungsankündigung lässt erstaunlicherweise noch auf sich warten. Wir reiben uns die Hände, nicht nur, weil die Kohlen langsam knapp werden…), ein paar nützliche Hinweise zum Berliner Winter von katjaberlin. Eine der blödesten Sachen am Winter in Berlin ist der November. Grübeln, Gedanken nachhängen, noch mehr Gedanken nachhängen und fotografieren. So ähnlich ging es mir auch, nur schaffte ich es selten bis an die Tastatur. Dann kam der Dezember und mit ihm, wenn man weihnachtsbedingt in die Heimat der Kindheit und Jugend fährt wie Thorge, auch die Erinnerungen. Auf melancholie modeste sind es die an den sonntäglichen Esstisch der Großeltern – und was dieser (nicht) mit Neukölln zu tun hat. Apropos Essen:

Street Art paste up eines kleinen Mädchens, das kniend eine Meise füttert, an einer Hauswand direkt neben einem Restauranteingang

Gleich nebenan – aufgenommen wurde dieses Bild im Herzen von SO36 – befindet sich ein Imbiss namens Curry 61. Während das aus Funk&Fernsehen bekannte Curry 36 im tiefsten Kreuzberg 61 liegt. Muss man nicht verstehen, dieses Berlin (es hat wohl mit der Hausnummer zu tun, aber psst!). Genausowenig wie die immer noch existierende Schlange vor dem Gemüsekebap. Doch ich schweife ab, eigentlich sollte es jetzt um schöne & gute Texte gehen.

Erstmal die Theorie: In der NZZ schreibt Matthias Politycki darüber, was ihn zum Schreiben brachte. Aléa Torik setzt sich mit der zweifelhaften Notwendigkeit von Handlung auseinander und Jutta Reichelt mit der Leserperspektive. Ganz ähnlich, nur etwas weiter gesteigert (Lesen vor Publikum), in der angenehmen Reihe „Vielleicht später“ vom Suhrkamp-Blog: Bad Segeberg von Detlef Kuhlbrodt. Zum Schluss, aber immerhin, sei noch auf die Lyrik-Betrachtungen bei kleinedrei hingewiesen. Kommt ja sowieso meist zu kurz, die Lyrik.

Als Finale einige Praxisbeispiele, sozusagen. Tikerscherk lässt ungeschaffenes Licht strahlen, in Lencois, wie es der Kiezschreiber beschreibt, strahlt die Sonne etwas trostlos auf einen Säufer, Monsieur Manie beschreibt in mehreren Teilen Die Probe und Thibaud sagt etwas über eine Musikerin. Auch in diesem (einen von vielen, wie bei allen anderen Erwähnten und vielen Nichterwähnten ebenso) schönen Text von asal spielt Musik eine wichtige Rolle. Asallime, soviel Resumee muss sein, war neben Mikis Wesensbitters Mauerfall-Tagebuch meine Blog-Entdeckung des letzten Jahres.

Falls jetzt jemand angesichts des Jahresbeginns einen Ausblick erwartet hat: Da verweise ich auf Ahne, oder auf dieses Bild:

Blick über die Bahntrassen Richtung Potsdamer Platz, im Hintergrund der Fernsehturm

Spätsommersplitter – Obey Mehringplatz

Als meine schwäbische Mitbewohnerin noch ganz frisch in der Stadt war, noch nicht im Bermudadreieck aus Goldenem Hahn, Franken und Trinkteufel verschollen, kam sie eines Tages aufgeregt von einer Erkundungstour zurück und erzählte, dass sie irgendwelche Schauspieler Darsteller irgendeiner Vorabendserie getroffen hätte. Wobei mir weder die Namen noch die Serie irgendetwas sagten. Doch ich konnte ihre Aufregung nachvollziehen, mit einem milden, wissenden Lächeln auf den Lippen natürlich.

Man gewöhnt sich ziemlich schnell daran, dass einem hier die Gesichter aus den Illustrierten vor der Nase herumlaufen. Was der Schwäbin spätestens klar wurde, als Pete Doherty vor ihrer Stammkneipe rumrandalierte wie jeder andere Säufer auch. Irgendwann gehört es jedenfalls zum Alltag, von dem die Berliner, deren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt sich in Mahlsdorf-Süd befindet, freilich auch nichts mitbekommen. Obwohl: Die haben immerhin Frank Schöbel als Nachbarn.

Ich gehöre – das wollte ich damit sagen – nicht zu den Menschen, die sich für jeden dahergelaufenen Prominenten kreischend auf den roten Teppich am Potsdamer Platz stellen. Ich laufe ihnen eher zufällig über den Weg. Am letzten Wochenende machte ich allerdings eine Ausnahme.

Dank des Internets erfuhr ich, dass Shepard Fairey gerade dabei war, gleich bei mir um die Ecke, im Herzen meines Kernkiezes, eine Wand anzumalen. Ich mag Street Art sehr, doch auch hier versuche ich, möglichst jeglichen Personenkult zu vermeiden. Es geht schliesslich um die Kunst, nicht um den Künstler (Dass dies nicht wirklich zu trennen ist, ist eine andere Geschichte). So kannte ich zwar das 2008er Hope-Poster, aber der Name und das Gesicht des Künstlers dahinter blieben mir bis zum Banksy-Film verborgen. Banksy war eine lange Zeit der einzige (berühmte) Street Artist, den ich namentlich kannte.

Ich halte Faireys Kunst größtenteils für ganz gelungen. Trotz meiner innigen Feindschaft zur Werbeindustrie, die wohl für einen Großteil seines inzwischen vermutlich beträchtlichen Vermögens verantwortlich ist. Auch in Berlin war er nicht nur, um eine Wand zu bemalen, sondern auch wegen der Präsentation einer von ihm gestalteten Schnapsflasche. Da hätten wir es wieder, das Dilemma: Guernica gibt es nicht ohne Guernica, Warhol nicht ohne Campbells Tomatensuppe, den großartigen Clip zu Heart Shaped Box von Anton Corbijn (und dessen Karriere als Regiesseur) nicht ohne MTV.

Also: Ich mag Faireys Kunst, aber nicht die Verpackung drum herum, sozusagen. Ich teile vieles von der Kritik an ihm.  Banksys Linie sagt mir mehr zu, kommt mir durchdachter vor. Allerdings verkenne ich auch nicht die Umstände, das Wie sie wurden, was sie sind. Banksy kommt aus dem England der Eisernen Lady. Fairey aus den USA, studierte in Kalifornien; ihm dürfte auch die Kalifornische Ideologie nicht ganz fremd sein. The Clash vs. Bad Religion. Wobei nicht vergessen werden sollte, dass die Skateboarder- und Hip-Hop-Szene der USA dort eben auch eine gewisse Zeit lang als Ausgeburt der Hölle, des Teufels und der Commies betrachtet wurde, bis eben die Verwertbarkeit in den kapitalistischen Konsumtempeln die Abscheu vor den fremdartigen Langhaarigen mit ihren Rollbrettern unter den Füßen überwog.

Am Mehringplatz angekommen,  setzte ich mich in einiger Entfernung vom Schauplatz des Geschehens auf eine der Bänke im äußeren Kreis, um noch schnell einen neuen Film in die Kamera zu legen. Ganz in der Nähe befand sich der Treffpunkt der örtlichen Trunkenbolde, und so dauerte es auch nicht lange, bis einer von ihnen auf mich zukam und etwas Tabak schnorren wollte. Er hätte keine Zeit, welchen zu kaufen und ausserdem machte die Frau schon wieder Stress, da müsse er erstmal hin und die ruhigstellen. Sagte er und hielt seine Hand auf. Auch im Knast schien er es eilig gehabt zu haben, von der ACAB-Tätowierung auf den Fingern waren nur die ersten beiden Buchstaben fertig geworden.

Ich schüttete etwas Tabak in seine hohle Hand und fragte ihn scherzhaft, ob er zur Crew gehörte. Natürlich wusste er nicht, wovon ich redete. Er hatte sich bei dem letzten Besuch auf dem Slubicer Markt wohl nicht viele Gedanken darüber gemacht, was es mit dem OBEY-Hoodie auf sich hatte, das er dort wahrscheinlich für fünfzehn Euro gekauft hatte und jetzt trug. Als ich ihm in kurzen Zügen die Geschichte erzählte und meinte, dass ebendieser Typ jetzt um die Ecke eine Wand anmalt, konnte er es kaum abwarten, mit dieser brandheissen Neuigkeit vor seinen Saufkumpanen zu glänzen. Die nervende Frau war längst vergessen.

Ungefähr eine Stunde lang schaute ich Fairey und seinen Helfern bei der Arbeit zu. Ich hatte es mir auf der Brüstung des U-Bahn-Eingangs bequem gemacht, fotografierte ein wenig und wechselte hier und da ein paar Worte mit denen, die für ihn filmten und fotografierten. Ich fragte mich, ob der Publikumsverkehr in der Sixtinsichen Kapelle auch so achtlos an Michelangelo vorbeiströmte wie die gehetzten U-Bahn-Passagiere, die in regelmässigen Schüben von der Rolltreppe ans Tageslicht gespuckt wurden. Ein unzulässiger Vergleich natürlich, aber dieser Gedankengang wurde sowieso gleich darauf von der örtlichen Nachwuchsgang unterbrochen. Fünf viertelstarke Kreuzberger Jungs, maximal zwölf, würde ich schätzen, kamen um die Ecke gebogen und kickten eine halbvolle Wasserflasche vor sich her und schliesslich die Rolltreppe entgegen der Fahrtrichtung hinunter. Woraufhin sie allesamt hinterherstürzten.

Nicht der  ziemlich berühmte und trotzdem von den meisten Passanten ignorierte Künstler, sondern die fünf Jungs waren in den nächsten zwanzig Minuten die Hauptattraktion: Sie stürmten die Rolltreppe rauf und runter, übten den Moonwalk und ein paar Pässe mit inzwischen zwei Wasserflaschen. Die in Mitleidenschaft gezogenen Rolltreppenfahrer machten einen ziemlich genervten Eindruck, vor allem, da die Rolltreppe aufgrund des Krawalls in schöner Regelmässigkeit stoppte. Die Künstler wirkten dagegen sogar ein wenig verängstigt, nicht nur wegen der Sorge um die wertvolle und eilends von der Brüstung eingesammelte Technik, sondern auch wegen der Lautstärke und der fremden Sprache; Deutsch an sich soll für fremde Ohren ja schon eine gewisse Agressivität in sich bergen – das der Kreuzberger Kids, kombiniert mit ihrem unbändigen Bewegungsdrang, war jedenfalls eine arge Nervenprobe für Fairey und seine Crew. Sie übernachteten im Friedrichshain, da gab es sowas nicht. Ich überlegte kurz, ob ich ihnen  Die kommen aus Kreuzberg, ihr Muschis! samt Kontext übersetzen sollte, beliess es dann aber doch bei einer simplen Beruhigung.

Zum Glück war der Spuk kurz darauf ganz schnell vorbei – und das Bild sowieso fast fertig. Einer der Jungs hatte wohl etwas grösseren Mist unten auf dem Bahnsteig gebaut und jemandem war der Kragen endgültig geplatzt, jedenfalls kam der Übeltäter schnell wie nie die Rolltreppe hochgelaufen, schmiss seinen Kumpels ein „Scheisse, die haben die Bullen gerufen!“ vor die Füsse und verschwand in dem nächsten Hochhaustunnel. Die vier anderen Rabauken natürlich direkt hinterher und schon kehrte wieder die ignorante Ruhe der alltäglichen Betriebsamkeit ein. Ich schoss noch ein paar Bilder von dem fertigen Bild und packte wie die Künstler auch meine Sachen zusammen. Als sich unsere Wege am anderen Ende des Platzes trennten und ich mich mit einem „Nice to have you here“ verabschiedete, sah man in der Ferne zwei ratlose Polizisten um den U-Bahn-Eingang herumlaufen.

Weitere Bilder und Hintergründe zu dem Mural gibt es bei Sebastian Hartmann (noch einer, der längst in die Blogroll gehört) . Ich bin dann noch ein bisschen durch die Gegend geschlendert, der Film musste ja auch voll werden, und habe den Rest des großartigen Nachmittags in dem großartigen Kiez genossen.

Shepard Fairey und ein Mitarbeiter bei der Fertigstellung seines Murals (Make Love not war) am Mehringplatz

Detailaufnahme Shepard Fairey bei der Fertigstellung seines Murals (Make Love not war) am Mehringplatz

Eine beinahe fensterlose Wohnhausfassade, Brandwand, der Putz bröckelt ab, unten an der Wand ein Graffti: Morgen ist auch noch ein Tag

Blick auf die Lindenstrasse, im Hintergrund ist der Fernsehturm zu erkennen

Fassade des von der Sonne angestrahlten Jüdischen Museums in Berlin, davor kreuzen einige Passanten die Strasse

Ins Blaue

tür

„Und was blieb denn übrig, was haben Sie gelernt in ihrem Geschichtsstudium? Dass die Menschen nun mal so sind?“ fragte die weinende Frau, die aus dem Naziknast kam, die ihren Rundgang abbrechen musste.

„Ja, ich fürchte schon.“ sagte ich nach einigem Zögern.

*

Eigentlich wäre das doch eine tolle Sache: Europa. Eine zwingende sogar. Muss man nicht mal Zweig für bemühen. Doch ich bin es müde geworden: Letztendlich braucht es immer eine Bedrohung. Etwas, womit man den Leuten Angst machen kann, etwas Fremdes von aussen.

Es wäre also ein Leichtes: Einfach eine Gefahr konstruieren, die von so weit aussen kommt, dass sie schon nicht mehr von dieser Welt ist. Klappte mit Gott doch auch ganz gut. Es müssen ja nicht gleich Aliens sein, nicht unbedingt. Wäre auch unwahrscheinlich, leider: Denn das Argument, dass man besser nicht zu denen gehört, die entdeckt werden, sondern lieber zu denen, die entdecken, ist einfach zu schön, zu bestechend. Doch setzt man Zeit – unsere Wimpernschlagexistenz von bisher grob 100.000 Jahren (und nocheinmal so viele werden es schwerlich werden) verglichen mit den wahrscheinlich 7-10 Mrd. Jahren, in denen solch eine Existenz prinzipiell möglich wäre im Universum, ebenfalls bisher – in ein Verhältnis mit den ebenso gedankensprengenden Ausmaßen des  zu überwindenden Raums, dann ist eben der Kontakt mit außerirdischer Intelligenz leider sehr unwahrscheinlich.

Höchst wahrscheinlich ist dagegen, dass ein Stein-, Staub- oder Eisbrocken uns treffen wird. Uns wieder treffen wird, früher oder später. Das taugt also eigentlich, um klar zu machen, dass Grenzen, Wirtschaftskriege und diese ganze alberne Kapitalismus-Unterdrückungs- und Konkurrenzgeschichte jetzt mal langsam ausgespielt haben und es an der Zeit wäre, so nah es nur geht zusammenzurücken, alle Ressourcen gemeinsam zu nutzen, wirklich Wert auf Bildung zu legen. Weil es uns alle und jeden einzelnen treffen könnte, jederzeit und überall. Mutig, wagemutig zusammen in die Zukunft zu schauen, selbstbewusst, mit der Stirn im Wind, weil man eben zusammen auch so etwas meistern kann, das ginge schon. Mit all den Möglichkeiten, die wir haben. Also: Wäre eigentlich ein Klacks, das mit Europa. Da ist viel mehr drin, da müsste doch viel mehr drin sein, wie kann denn das sein, dass da nicht mal ein anständig vereintes Europa drin ist?

Es ist eben so. Sicher ist jeder Einzelne, dem nahegebracht werden kann, dass Menschen prinzipiell und überhaupt gleich sind, ein Gewinn. Wo stehen wir denn heute? Es ist nämlich auch so: Genau wir, jetzt und hier – wir hätten doch die Möglichkeiten. Bei uns stapeln sich nicht die Leichenberge am Straßenrand, gerade mal nicht. Es kommt näher, keine Frage, und es war wohl immer irgendwo da. Doch es geht darum: Dass wir wirklich was machen könnten, schon seit Jahren was hätten machen können, aber es eben nicht tun, meistens, seit Jahren. Von aussen betrachtet kann das doch nur eine haarsträubende Absurdität sein: Nicht diese Wahl jetzt, nicht diese Politik, nicht diese Wirtschaft und nicht diese Landschaftszubetoniererei – sondern wirklich unsere gesamte Existenz. So ist es, und da kann man dann gerne noch mal 300, 500 oder 3500 Jahre drüber philosophieren, aber letztendlich ist es so. So einfach. Von daher ist es ganz gut, dass diese bisherigen 100.000 Jahre – und von mir aus auch noch mal 100.000 drauf – aber eben mit großer Wahrscheinlichkeit viel weniger – wirklich nur ein Wimpernschlag sind. Höchstens eine Fussnote wert, wenn man mich fragt.

Subjektiv betrachtet mag das anders sein. Trotzdem. Wozu noch mehr Argumente, genügend Phantasie reicht vollkommen aus. Und überhaupt: Wo ist denn da eigentlich der Unterschied, bitteschön?

 

Du bist Beute, leg dir schon mal ein schickes Nervenkostüm zurecht.
Pollesch (aus unzureichender Erinnerung zitiert)

Andererseits war es großartig, vorgestern Abend im Biergarten zu sitzen und gestern Abend am Kanal. Zu erkennen, dass es drei Reiher sind, mindestens, und nicht nur einer, wie von mir naiverweise gedacht. Und unglaublich viele Schwäne inzwischen auch, von den Menschen ganz zu schweigen. Dass mindestens zwei von den Reihern sichtlich die Show genossen, die sie abzogen, während sie tief und gemächlich ihre Runden drehten. Dass es also schon so magische Abende gibt. Nebensächlichkeiten. Wenn ich liege, dann liege ich.

PS. Es spricht natürlich nichts dagegen, eine Rede zu halten. Eine gute zumal, eine wirklich gute, kluge und wohl auch wichtige Rede. Wenn aber der Gegenstand ebendieser tagtäglich in Abrede gestellt wird, an so vielen und immer mehr Stellen nicht mehr existiert: Dann ist das auch eine Totenrede. Kaddish.

Warten

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Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, als nächstes wieder ein paar Fotos zu veröffentlichen. Allerdings nicht die, die hier zu sehen sind, sondern aktuellere: von dem Film, den ich in den letzten Wochen füllte. Da nun aber das Fotolabor scheinbar komplett das lange Wochenende geschlossen hatte, braucht die Entwicklung um einiges länger als gedacht. Die Vorfreude hat auch eine Medaillen-Rückseite, wenn die einkalkulierte Frist verstrichen ist.

Deswegen also noch etwas Geduld, versüsst mit alten Digitalbildern. Macht aber nichts, denke ich mir, ich bleibe bei meiner Planung. Hier im Internet ist doch sowieso gerade Betriebsausflug zum Gleisdreieck, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich bin da übrigens nicht, selbst wenn ich könnte – viel zu viele fremde Menschen, ganz zu schweigen von dem Fernseh-Rettungsschwimmer. Aber immerhin, was mich überraschte: Johnny erzählte bei Spreeblick, dass diese ganze Veranstaltung von 5000 Menschen besucht wird. Also ungefähr so viele, wie am 1. Mai in der Naunynstraße selbstzusammengepapptes Köfte-Fladenbrot von Önurs Mama gekauft haben. Oder so. Von daher: Schon enorm, wie stark diese re:publica in den Medien präsent ist.

Hier wird sich also erst mal weiter die Zeit vertrieben, bis der Film da ist und hoffentlich ein paar vernünftige Bilder dabei sind.

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Sendepause mit Testbild

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Ich lass einfach mal übers Wochenende nur ein Bild hier, da ich die nächsten Tage woanders als im Internet sein werde. Leider aber auch nicht da, wo das Foto aufgenommen wurde. Das war in der durchgentrifiziertesten Gegend Tel Avivs, zugleich dessen Keimzelle, sozusagen. Ein Musterbeispiel, wie aus Urban Decay in wenigen Jahren Immobiliengold geworden ist. Aber der älteste Kiosk des Kiezes, an dem dieses Piece zu finden ist, steht halt immer noch, und zwar mit den Spuren der Geschichte, im Gegensatz zum schick renovierten, angeblich ältesten Kiosk der Stadt am Rothschild Boulevard.  So, jetzt hab ich schon wieder mehr geschrieben, als ich wollte. Deswegen noch schnell der Kiosk in Gänze und dann ist Schluss.

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Momentaufnahmen

Thomas de Maiziere hat gesagt, wir sollen nicht soviel ins Internet stellen. Ha! (In memoriam Mrs. K) Sowieso ein entlarvendes Interview: „Es ist eine staatliche Aufgabe, Angriffe auf das Internet – von wem auch immer – besser zu schützen als bisher.“

Als ich im letzten Sommer wieder zurück nach Berlin kam, entdeckte ich das erste mal die Gegend um den Chamissoplatz. Dieser liegt von mir aus gesehen jenseits der Bergmannstrasse und gehörte daher nicht mehr wirklich zu „meinem“ Kiez, der ist in dieser Richtung eigentlich bei der Marheinekehalle zu Ende. Klar fahr ich auch mal zum Tempelhofer Feld oder zum Kreuzberg – aber die kleinen Nebenstrassen auf dem Weg dorthin hab ich meist links (bzw. rechts) liegen gelassen. Ich konnte mich nur daran erinnern, dass es dort damals schon relativ schick aussah, Ökobürgertum, welches man eben auch in der Markthalle oder der Bergmannstrasse traf. Mein ehemaliger Chef zog von Schöneberg hier her.

Nun lud mich also ein alter Freund ein, ihn bei einem Konzert im Wasserturm zu besuchen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich fragte „Wieso spielt ihr denn im Prenzlauer Berg?“ – Ich wusste wirklich nichts von einem Wasserturm in Kreuzberg. Mir wurde erklärt, dass es sich um ein Jugendzentrum handelt, und jener alte Freund hatte dort vor langer Zeit, in seiner Jugend eben, die ersten musikalischen Gehversuche unternommen. Die Veranstaltung jetzt wäre so eine Art Klassentreffen, viele von denen, die hier vor Jahrzehnten begannen, würden sich treffen und Konzerte geben. Grund genug für mich, mir das mal näher anzuschauen.

Da ich zu früh war, drehte ich ein paar Extrarunden, auch um etwas Essbares vor dem erwartbaren Alkoholkonsum in petto bzw. in ventro zu haben. So kam ich auch zweimal an folgendem Haus vorbei, und da das Motiv so verlockend und die Zeit noch da war, versuchte ich mit meinem altertümlichen Mobiltelefon ein paar Fotos zu machen:

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Man beachte die Korrespondenz zwischen den aufgemalten Sprüchen und dem aufgehängtem Banner. Im Hauseingang gab es dann noch ein paar weiterführende Informationen:

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Bisher hab ich den Astronauten nicht getroffen, sonst hätte ich ihn gefragt. Die Konzerte waren dann insgesamt so lala, was auch an der Akustik des mit Kreuzrippengewölbe versehenen Saales lag. Dafür waren die Gespräche drumherum umso besser: Einer der Sänger erzählte mir von seiner Schauspielerkarriere und seinen Drehs mit Bruno S. und Rummelsnuff. Mit letzterem konnte ich nun gar nichts anfangen, wer bitte? Er beschrieb ihn mir ausführlich: aus dem Osten, eher so Elektro-Volksmusik, Bodybuilder. Ich meinte, dass das sehr nach Stumpens kleinem Bruder klingt. Mit Knorkator konnte der Sänger nun wieder nichts anfangen, was mich etwas ungläubig zurückliess. (In der Zwischenzeit haben sowohl Rummelsnuff als auch die meiste Band der Welt neue Werke auf den Markt geworfen und sind mir daher öfter im Radio über den Weg gelaufen.)

Ein paar Wochen später war ich auf einer Party ein Stockwerk über mir. Dort fiel mir ein Typ auf, der wiederum der kleine Bruder von Rummelsnuff hätte sein können. War er aber nicht. Dafür hatte er eine Kutte an, auf der ein großer „Sons of Kreuzberg“-Aufnäher pappte. Das fand ich lustig, da in der Stammkneipe meiner zwischenzeitlichen Heimat ebenfalls das „Sons of Anarchy“-Logo -abgewandelt mit Fussball-Lokalkolorit – getragen wurde. Bei der Kreuzberger Variante ging es allerdings nicht nur um ein lustiges Bekleidungsstück, sondern um einen Film. Was er und meine (nunmehr ehemaligen) Nachbarn, die die Musik zum Film machen wollen, da so erzählten, klang recht spannend. Das Crowdfunding scheint aber erst mal nicht geklappt zu haben, schade.

In der Weihnachtszeit, als noch kein Winter war, stand ich dann mit offenem Mund staunend auf dem U-Bahnhof vor folgendem Plakat. Das Foto ist deutlich verwackelt, dewegen in der Vorschau nur klein und mit Transkription drunter:

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Der Berliner Theaterclub präsentiert Axel Zwingenberger. Und wie! „Die heißeste Musik, die für das Klavier je erfunden (!) wurde.“ Daniel Düsentrieb lässt grüssen. Und weiter: „Rollende Bässe, die Dynamik eines fauchendes Eisenbahnzuges [sind die dynamischer als die stillen, oder die brüllenden, oder die schnurrenden?], Sehnsuchtsvolle Bluesklänge, die ferne Erinnerungen heraufbeschwören. Das Publikum ist in den Bann gezogen, ein faszinierender, brillanter Abend mit Witz und Perfektion!“

Diese um kein Adjektiv verlegene PR-Sprache und das Plakat an sich liessen  in mir – es war schliesslich auch noch Weihnachten – ein wohliges „dit is Balin“-Gefühl aufkommen, ich weiss auch nicht genau, warum. Es hätte mich aber nicht gewundert, wenn auf einmal Uli Zelle und Harald Juhnke Arm in Arm die Treppe rauf gekommen wären.

Das neue Berlin, und zwar der gute Part davon, begegnete mir, als ich vor Kurzem auf der Suche nach einem neuen Vorderrad (das alte wurde mir – wer hätte sowas vermutet – auf dem Tommihaushinterhof geklaut) durch die Dresdener Strasse lief. Dort befindet sich nämlich eine Station des „Witchhunt“-Projekts von Various & Gould, und zwar schon seit letztem November, das war mir völlig durch die Lappen gegangen bis dahin:

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Als kleine Entschädigung, dass mir dieses Street-Art-Projekt mehr als einen Monat verborgen blieb (kleine Erinnerung, auch an mich selbst, damit das nicht wieder vorkommt: Unbedingt noch zu den Graphic Days gehen!), ging ich just an dem Tag hier vorbei, an dem die Freilassung von Nadeschda Tolokonnikowa (ich muss bei dem Namen immer irgendwie an die Tokoloshes von Madam&Eve denken…total off topic, schon klar) bekannt gegeben wurde. Stimmt zum Glück nicht mehr ganz, dachte ich bei mir, als ich den letzten Satz der Infotafel unter dem Bild las:

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Da mag ich eigentlich gar nichts weiter sagen, schon gar nicht zu Julia Engelmann. Muss ich aber. Pünktlich zwanzig Jahre nach seinem Auftauchen hierzulande macht der Begriff SlamPoetry also mal wieder eine größere Runde. Ich hatte ja schon am Rande darauf hingewiesen, dass dieses Thema mir eigentlich am Herzen liegt, aber es von Anfang an eine enttäuschte Liebe war, sozusagen. Ich hielt es da mit den Altrockern des SB, die natürlich auch nicht viel besser und ja überhaupt eigentlich Schuld dran waren. Wie Hadayatullah Hübsch vor zehn Jahren – auf dem ersten Slam-Poetry-Peak – schon sagte: „Früher gab es das Sechs-Tage-Rennen, da führten die Kerle ihre Frauen aus, tranken Bier und haben Bockwurst gegessen, und nebenbei sind ein paar Leute Rad gefahren, was kaum beachtet wurde. So ist Slam Poetry heute.“ Man kann es machen wie Nadia und Charlott von der Mädchenmannschaft, wie der Doktor oder wie Volker Strübing. Der hat nicht nur die beste Überschrift zum Thema, sondern auch das beste Resumee:

„Ich hoffe, die ganze Sache legt sich bald wieder. Und weder Julia noch der Poetry Slam an sich tragen irgendwelche Blessuren davon.
Eine Konsequenz der ganzen Sache wird sicher sein, dass man, wenn man sagt, man trete manchmal bei Slams auf, nicht mehr gefragt wird, was das sei („Irgenddwas mit Rap, oder?“). Stattdessen werden die Leute wissend nicken und sagen: „Ah ja, du machst sowas wie Julia Engelmann!“

PS: Herrje, ich hatte ja keinen blassen Schimmer (und Johnny Haeusler gefällt mir so gut wie lange nicht mehr). Nadia hat auch noch einen sehr guten Text nachgeschoben. Damit ist das Thema hoffentlich erledigt. Warum zur Abwechslung nicht mal in den nächsten Tagen eine schöne, klassische Rezension zu „Arbeit und Struktur“ lesen, oder etwas darüber, wie der Dings die Bums an den Haaren gezogen hat? Ich bin dann erst mal wieder weg…