Widerwillig; Splitter und Links

Aufkleber auf einer gefliesten Kneipenklowand: KvU bleibt!
(auch schön, und viel schärfer ist dieses Bild zum Thema)

Im Moment: Viel zu viel Leben für viel zu wenig Zeit.

Vereinzelt gab es Nachfragen, warum es hier denn so ruhig sei.  Der Duderich fasst es in treffende Worte (und hat eine wunderbarpassende Begleitmusik dazu): Ah…, wenn man lange nichts gepostet hat, dann ist es schwer die Relevanz zu finden, die es wert ist, das eigene bleierne Schweigen zu durchbrechen. Selbstverständlich scheitere ich daran, aber ich kann mich gut leiden und habe Verständnis für mich.

Wobei mir der letzte Satz noch nicht über die Lippen kommt, aber auch das ist etwas besser geworden im neuen Jahr. Etwas. Manchmal. Jedenfalls: Dieser Artikel liegt hier seit dem 28. Januar rum, immer wieder wird ein bisschen dran rumgefeilt und ergänzt – und sich dann gedacht: Wirklich? Warum?

Die Veränderungen kamen schleichend, der Vorsatz nur bei genauerem Betrachten hinter einem Schleier erkennbar. Oder gar nicht, weil purer Zufall: Seit der letzten Erkältung Anfang Dezember morgens statt der Kanne Kaffee eine Kanne Tee – und einfach dabei geblieben. Seit der Scheidungskindhund im Westen ist keine langen Podcasts mehr gehört. Aber auch viel zu wenig Bewegung und Struktur, was geändert gehört, ich arbeite daran, immerhin. Doch vor allem: Rausgegangen, sehr oft; Menschen getroffen, ganz schön viele; Zeit verschwendet, mal nicht alleine. Konzerte, Geburtstage, Morgengrauen. Am Ende trotzdem – trotz dem Spass, trotz des Spasses, den es machte – das Gefühl: Ich bin zuviel rumgerannt und es ist doch nichts passiert.

Dabei blieb natürlich einiges auf der Strecke, man kann halt nicht alles haben. Schreibblockade mal anders, wenigstens aus einem guten, triftigen Grund kaum was zu Papier gebracht. Und wenn ich lese, dass Marcus Kluges Pause von 1989 bis 2013 dauerte und er dann innerhalb kurzer Zeit so viel Gutes geschrieben & gesammelt hat, dann besteht ja vielleicht doch Hoffnung.

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Hier beisst sich übrigens die Katze in den Schwanz: Wir befinden uns ja gerade – falls sich wer fragt – am Anfang einer kleinen Linksammlung. Ab und an finden sich in diesen Sammelsurien auch Veranstaltungshinweise – und der Herr Kluge plant, ebenso wie die fabelhaften Candy Bukowski, Sabine Wirsching und Monsieur Manie in absehbarer Zeit eine Lesung. Noch mehr Grund zum rumrennen (& rausreden). Zu allem Überfluss dann noch die Berlinale.

Eigentlich wäre sie sang- und klanglos an mir vorbeigezogen (auch was Neues, früher wälzte ich Programmhefte noch und nöcher). Dann rief aber jemand an und fragte, ob ich nicht mitkommen möchte, zu ein oder zwei Filmen. Also doch, und also doch im Programm gestöbert. Der Kurt-Cobain-Film wäre naheliegend gewesen, klappte jedoch leider nicht. Den kann man sich aber garantiert später und bei anderen Gelegenheiten anschauen – und das war doch immer das Berlinalefilmhauptauswahlkriterium: Etwas schauen, was man höchstwahrscheinlich nie wieder zu Gesicht bekommt. Nun lief eines der ausgewählten Werke im Delphi, das schöne, alte Delphi mit den schönen, alten Geschichten. Wo Madame arbeitete und ich seitdem nicht mehr war. Es ging gut, ich habe wohl langsam meinen Frieden gemacht, jedenfalls die ersten Waffenstillstandsverhandlungen erfolgreich überstanden. Beate Uhse ist scheinbar schon lange weggezogen, dafür kampieren ein paar mehr Obdachlose vor dem Ullrich unter den S-Bahn-Bögen.

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Der letzte Kinobesuch, ich hatte es ja vor zwei Beiträgen ( und drei Wochen…) kurz angesprochen, war deutlich unangenehmer. Nicht nur des Themas oder der Umsetzung wegen. Hauptsächlich war es das Kino, welches allein aufgrund der günstigen Lage und des passenden Zeitpunkts gewählt wurde: Es lag halbwegs in der Mitte unserer Wege und wir wollten danach noch ins Baiz – also Kulturbrauerei. Welch Fehler, vor allem blauäugig zwei Bier zu bestellen. Da war der zweite Zehner weg. Ich hab mir danach sagen lassen, das wäre eins der angenehmeren Multiplexe, aber zwei große Bier brauchte es schon, um erträglich zu sein.

Die Nischenpressenkritik und die Leute um mich rum hatten an Wir sind jung, wir sind stark (durchaus berechtigt) rumzukritteln. Zur Vorbereitung ignorierte ich zwar sämtliche Besprechungen, sah mir aber am Abend vorher nochmal the truth lies in rostock komplett an. Keine Frage, dass der die Geschichte viel besser, tiefer und genauer erzählt. Und krasser. So ein Anspruch ist bei Spielfilmen allerdings auch schwierig zu erfüllen (und schlechterdings zu fordern).

Da ich mit dem flauen Gefühl im Magen nicht schlafen gehen wollte, schaute ich mir danach endlich Fraktus an, der verstaubte schon länger auf der Festplatte. Ich war ganz angetan und es klappte gut mit dem Schlafen danach, was nicht zuletzt an Devid Striesow lag. Umso überraschter war ich am nächsten Abend im Kino, ihm schon wieder zuschauen zu dürfen – ich hatte im Vorfeld wirklich nichts gelesen zu dem Film. Also, mein Laienfazit: Gute Schauspieler und gute Bilder. Die Story hat den Nachteil, dass sie sich entscheiden muss – zwischen Vietnamesen und Roma – und das in diesem Fall ganz klar tut. Oder zwischen dem persönlichen und dem politischen Handlungsstrang, und beide nur in Andeutungen erzählt. Da hätte man sicherlich einiges besser machen können, aber es wurde immerhin gemacht. Als Spielfilm, der nicht an Dokumentarfilmkriterien gemessen werden sollte. Deswegen fand ich auch das „metaphorisch überhöhte Ende“ nicht schlimm.

Das Geld, welches ich zuhauf im Kino ausgab, holte ich vorher aus der gleichen Bank, die ich vor knapp einem Jahr schon besuchte. Die selbe ist es nicht mehr: Kein Obdachloser weit und breit, dafür schreckliche Musik. Erst einen Tag später erfuhr ich, dass es sich dabei um das neue Konzept zur Steigerung der Kundenfreundlichkeit im Kampf gegen die Armen handelt.

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Zu den Nachrichten: Die DDR-Herkunft schlägt sich bei mir auch in seltsamen Sportbegeisterungspräferenzen nieder. Ein weiteres Bekenntnis: Ich schaue Skispringen. Am vergangenen Wochenende fand nun auf der (derzeit noch) größten Schanze der Welt, dem Vikersundbakken, ein Skifliegen statt. Gundula Gause verkündetete dazu am Sonntagabend im heute journal (wörtliches, komplettes Zitat aus der Mediathek):

Beim Skiflugweltcup im norwegischen Vikersund hat Severin Freund seinen fünften Saisonsieg gefeiert. Auf der größten Schanze der Welt, dem berüchtigten Monsterbakken, segelte der 26jährige über 237 und 245 Meter weit und gewann damit überlegen vor dem Norweger Fannemel. Eine perfekte Generalprobe für die am Mittwoch beginnende WM. 

Ganz schön viele Informationen für eine so kurze Meldung, eigentlich. Wie sich das für eine seriöse Nachrichtensendung gehört. Allerdings: Was zählt, ist allein das Deutsche. Der Rest ist irrelevant, wurde schliesslich – wie in diesem Fall Anders Fannemel – überlegen geschlagen. Da hilft es ihm auch nicht, dass er im ersten Durchgang noch vor Freund führte. Weil er 251,5 Meter weit geflogen ist – und damit einen neuen Weltrekord aufstellte (Die 250 Meter fielen erstmals am Vortag, und vor gerade einmal 15 Jahren knackte der Goldberger Andi die 225 Meter, aber ich schweife ab…). Was dem heute journal nicht mal einen Nebensatz wert ist, so ein neuer Weltrekord. Wäre ich zynisch, würde ich bezweifeln wollen, dass der Aktuellen Kamera so ein Fehler (in der Tat fehlt ja etwas) unterlaufen wäre, selbst wenn der neue Weltrekordler aus der BRD gekommen wäre. Und dabei ist Fannemel Norweger und nicht mal Russe (der stand seine 254 Meter leider nicht…)

Klar, das ist nur eine Kleinigkeit aus einer Randgruppensportart. Trotzdem bezeichnend. Ich könnte natürlich auch grössere Fässer aufmachen, aber deren Inhalt ist ja allgemein bekannt, bis zur Ignoranz bekannt sozusagen. Im Großen wie im Kleinen. An dem einen Tag wird Lügenpresse zum Unwort des Jahres gekürt, am folgenden echauffiert sich der  ARD-Nachrichtenchef darüber, bei einer Inszenierung ertappt worden zu sein. Er schreibt, nachdem das entlarvende Bild durch das Netz ging: Aber es ist doch so:  Wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, ist das immer eine Inszenierung, jede Pressekonferenz ist eine Inszenierung. 

Genau so isses, das braucht man den Leuten aber doch nicht erzählen, dass die Politiker da weit ab vom Schuss (pun not intended) einsam in der Gegend rumstehen. Oder, dass bei Bundestagssitzungen längst keine Gesetze mehr beschlossen werden. Wenn,  dann in den Ausschüssen vorher, und geschrieben werden sie in den Anwaltskanzleien der Lobbyverbände. Wer wird denn so etwas gleich verlogen nennen?! Anteilnahme kann man sagen, oder – wie im Falle der Berliner Olympia-Bewerbung, deren Logo sich ein Lokalfernsehsender gleich dauerhaft oben in die Ecke pappt –   Begeisterung! Selbst die BVG ist total verlogen begeistert, und mag auf einmal sogar Graffiti! Allerdings nur die mit dem richtigen Inhalt, so weit geht die Meinungsfreiheit dann doch nicht. Olympia sagen darf übrigens nur, wer bezahlt, selbst wenn er „Juhu, Olympia!“ sagen will.

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Kurzum: Nur, weil die anderen böse sind, müssen wir längst nicht die Guten sein (& überhaupt: Was zum Teufel machen wir hier eigentlich?). Gerade eher im Gegenteil, und bevor ich mich noch zu Folterberichten, Saudibegräbnissen, Pressefreiheit oder Blasphemieparagrafen äußern muss, über eine absurde Überwachungspolitik, die unangenehme Fragen aufkommen lässt, lieber zu etwas angenehmeren.

Schöne Texte zum Beispiel. Beim Durchblättern fiel mir auf, dass ich schon lange nichts mehr von Glumm verlinkt habe – das liegt einfach daran, dass man den immer lesen kann. Sollte. Den Mann mit dem Pudel. Ebenso lassen die Fauser-Huldigungen hier in letzter Zeit arg nach; die Seite Mein Harry Gelb, die sich dem Harry-Gelb-Streetart-Duo widmet, schafft da vielleicht Abhilfe. Ein interessanter Remix auf alle Fälle, aus einer Kunstfigur eine neue Kunstfigur in einem neuen Kontext zu schaffen. Das klappt auch ganz amüsant, wenn man sich die Frage stellt, wie Philosophen sich als Nerds so geben würden.

Worte sind ein merkwürdiges Tier, und manche können es überaus kunstvoll bändigen, mit digitaler Unterstützung sogar präzise auf 18 Wörter pro Satz. Andere, wie der Kiezschreiber, versuchen sich (unbeabsichtigt?) an der Variation von Klassikern, hier: die  Kuh Elsa. Zum Abschluss des Ausflugs in die Tierwelt noch eine amüsante Anekdote aus dem Dschungel vor der Supermarktkasse.

Die Bändigung kann genauso beeindruckend sein, wenn sie eher bedrückend statt amüsant vonstatten geht: Wie etwa bei Detlef Kuhlbrodt oder Peter Richter; Spaziergänge durch Kreuzberg, Dresden und das, was war und was ist. Umso schöner, ab und an eine freudige Überraschung zu erleben.

Musik: Asal hat ein Mixtape. Und etwas weiter im Osten wird sich mit noch fernöstlicherer Musik beschäftigt.

— endet hier.

Aus dunkler Erinnerung

Asal lud mich unlängst ein, in den Reigen der Beichten und Geständnisse einzutreten. Bisher habe ich ein einziges Stöckchen aufgenommen – und dabei will ich es auch belassen. Dennoch möchte ich die gute asal nicht einfach so rüde abweisen, das hätte sie nicht verdient. Allerdings: Aus sieben mache ich eins, und aus dem Stöckchen einen groben Knüppel, eine Keule gar.

Nicht nur, weil aus der Blog-Nachbarschaft so charmant gefragt wurde, sondern auch, weil ich heute Abend ins Kino gehe kam mir ein älterer Blogtext in Erinnerung. Ich werde mir den Lichtenhagen-Film anschauen. („Gehen wir in den Lichtenhagen-Film?“ fragte ich. „Ja, hab ich auch schon von gehört, unbedingt. Wie hiess der doch gleich?“ sagte sie. „Keine Ahnung, war zu lang, der Titel.“)

Ursprünglich veröffentlichte ich den folgenden Text am 16. Dezember 2011, einen guten Monat nach der NSU-Enttarnung. Ausser einigen kosmetischen Korrekturen belasse ich ihn so, wie er war, inklusive der Updates am Ende. Der Trailer zu „Wir sind jung, wir sind stark“ – so heisst der Film – ist durchaus sehenswert (zum Film kann ich noch nichts sagen, Kritiken lese ich mir besser erst danach durch), als Prolog und Einführung eignet sich diese Dokumentation aber weit besser [Triggerwarnung: starker Tobak voraus, sowohl im Video als auch im Text]

Ich bin Mitte der 1990er Jahre aus der nordostdeutschen Provinz nach Berlin gezogen. Eigene Wohnung, eigenes Leben, vibrierende, unfertige Grossstadt – das bedeutete für mich hauptsächlich eins: Freiheit. Vor allem auch die Freiheit, nachts nach einem Kneipenbesuch alleine sicher nach Hause torkeln zu können, ohne sich ständig panisch umzuschauen und bei entgegenkommenden Menschengruppen auf die andere Strassenseite oder in irgendwelche dunklen Seitengassen ausweichen zu müssen. Klar, auch in Berlin gab es damals Nazis, und wirklich sicher ist man nie, aber im Gegensatz zum heutigen Berlin waren die faschistischen Schläger noch weniger sichtbar – und nach Hellersdorf, Marzahn und Hohenschönhausen fuhr man einfach nicht.

In Stralsund war das anders. Die Stadt ist nicht sehr gross, man läuft sich dort zwangsläufig über den Weg. Für langhaarige Nachwuchslinke gab es zwar zwei, drei sichere Kneipen, aber spätestens der Heimweg war niemals sicher. Nicht selten kam ich ausser Atem an der Haustür an.

Pöbeleien waren alltäglich, Brandanschläge auf “unsere” Hälfte des Jugendclubs auch nicht unüblich. (Die von den Plattenbaunazis genutzte andere Seite des Gebäudes – Oh gloriose Jugendarbeit der frühen 90er Jahre! – blieb meist unbeschadet.) Eine gewisse Zeit lang mussten wir uns auch immer mal wieder zusammenschlagen lassen – wir waren kein auf Krawall gebürsteter Schwarzer Block, unsere zahlenmässige und körperliche Unterlegenheit war uns sehr wohl bewusst. Wir provozierten lediglich mit dem “falschen” Aussehen und der “falschen” politischen Einstellung.

Bei einer der grösseren Schlägereien, zu der wir sowohl mehrere Unterstützer als auch die Polizei herbeitelefonieren konnten, kam von der zweiköpfigen Streifenwagenbesatzung nur das leidige und viel zu oft verwendete Argument “Ach, ihr haut euch doch bloss untereinander, bestimmt wegen irgendwelchen Frauengeschichten” – dann kurbelten sie schnell das Fenster hoch und machten sich aus dem Staub. Natürlich wussten sie, was los war.

Erst nachdem wir konsequent jeden Angriff zur Anzeige brachten und einige der Nazis dadurch ihre Bewährung aufs Spiel setzten, fand zumindest die physische Gewalt ein Ende.  Die Stadt war klein, wie gesagt, und die Schläger kannten wir teilweise seit Kindertagen.

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Doch nicht nur das. Zur Wahrheit gehört auch, dass ich ein paar Jahre davor – ungefähr mit 13, 14 Jahren – selbst ein kleiner Nachwuchsnazi war. Vieles aus meiner Jugend konnte ich erfolgreich verdrängen, das allerdings nicht. Ich habe in dieser Zeit nie selbst Gewalt angewendet, soweit ich mich erinnere auch kein anderer von den Leuten, mit denen ich mich umgab. Eigentlich ging es nur ums Saufen, von zu Hause wegsein, Störkraft und die Böhsen Onkelz hören und Leute schocken. Konkret handelt es sich um den Zeitraum zwischen dem Mauerfall und Hoyerswerda, es war ein schleichender Prozess, den ich mir inzwischen ganz gut erklären kann.

Meine Eltern arbeiteten in den letzten Jahren der DDR für ein paar Jahre im Ausland. Ich war schulpflichtig und somit zu alt, um sie begleiten zu dürfen (so die offizielle Version der Unterpfand-Praxis) und lebte bei Verwandten in der Lausitz. Das hatte  viele  gute Seiten: Ich durfte die kompletten Großen Ferien in den sonnigen Süden, dort gab es Obst, von dem man in der DDR nicht mal träumte (Nektarinen!), Comics, Westautos und lauter bunte Fische, Seesterne und Seeigel beim Tauchen. Meine Eltern sah ich aber – soviel zu der nicht so sonnigen Seite – nur im Sommer und über Weihnachten, da hatten sie ein paar Wochen Heimaturlaub.

Als ich 1989 nach den Sommerferien wieder zurück kam, fing mein damaliger bester Freund, der zwei Jahre älter und unglaublich stark war, mit dem Deutschland-Gequatsche an. Sein Elternhaus war richtig zerrüttet, so dass er tun und lassen konnte, was er wollte, es kümmerte niemanden. Für mich war er eine Art grosser Bruder. Eigentlich war ich ein vorbildlich sozialistisch sozialisiertes DDR-Kind: stolzer Thälmannpionier, stellvertretener Gruppenratsvorsitzender, Wandzeitungsredakteur und Agitator, durchaus freudig der FDJ-Aufnahme im nächsten Jahr entgegenblickend. Faschismus – soviel war klar – gab es nur jenseits der Mauer, dort allerdings zuhauf.

Und auf einmal brach der Staat, den ich bis dahin dank kindlichen Glaubens, dank frühkindlicher Indoktrination trotz allem als meinen und vor allem als den besseren deutschen ansah, zusammen – und die Ehe meiner Eltern auseinander. Das einzige, was wir noch gemeinsam machten, war wieder zurück nach Stralsund zu ziehen, was für mich bedeutete, nicht nur meine Familie, sondern auch meine Freunde – speziell den einen – zu verlieren. Der dann übrigens nicht viel später mittels eines schicken Westautos sein Leben an einem Brandenburger Alleebaum verlor, wie einige andere meiner Mitschüler auch. All das führte zu einer veritablen Klatsche, von der ich immer noch ganz gut zehre. Damals versuchte ich wohl, irgendeine Stabilität dadurch zu gewinnen, dass ich mich an dem orientierte, was mir mein verlorener Freund mit auf den Weg gab. Ich suchte mir einen dementsprechenden neuen Freundeskreis, was zu dieser Zeit an diesem Ort im Übrigen auch nicht sehr schwer war.

Wie gesagt, es war ein schleichender Prozess: Zuerst ging es nur darum, möglichst viel Alkohol zu konsumieren, dann kamen die ersten Kassetten mit entsprechender Musik, wahrscheinlich von irgendwelchen großen Brüdern. Über diese Texte wurden Phrasen transportiert, die wir nachplapperten und uns wer weiss wie rebellisch fanden. Meine Mutter war verzweifelt, noch mehr als sowieso schon, ich beschränkte den Kontakt zu ihr auf ein Minimum und trieb mich rum.

Eines Tages brachte jemand DVU-Broschüren und diverse VHS-Bänder mit einschlägigen Inhalten mit. Zum Glück interessierte ich mich nicht sonderlich für Fussball, keiner von uns eigentlich, wenn ich mich recht erinnere. Ansonsten wären wir vermutlich sehr schnell bei den Hansa-Hools gelandet. Ein weiterer Glücksfall für mich war der Wechsel auf eine andere Schule, es gab jetzt schliesslich Gymnasien und keine Polytechnischen Oberschulen mehr, auf die alle bis zur zehnten Klasse gingen. So lernte ich neue Leute kennen, aber auch dort gab es durchaus eine weit verbreitete Aktzeptanz rechten Gedankenguts; Nazis waren Mainstream-Jugendkultur.

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Doch es gab dort auch einige wenige wunderbare Lehrer und ausserschulische Projekte. Ich setzte meine Wandzeitungsredakteurskarriere fort, jetzt bei der Schülerzeitung, die mit dem daranhängenden Verein bald mein zweites Zuhause wurde. Während sich einige meiner Freunde angesichts des in Hoyerswerda wütenden Mobs begeisterten, wurde mir übel. Schliesslich wohnte ich als kleines Kind zusammen mit meiner Mutter in einem Studentenwohnheim, und meine besten Freunde dort waren sehr nette afrikanische Freiheitskämpfer, die in der DDR Revolution studierten. Ausserdem – ich war inzwischen 14 – waren die Mädchen an dem Gymnasium, die mich interessierten, eher in der linken Ecke verortet. Sie gingen in der Pause immer in ein obskures Cafe mit lauter Punks und komischen Gerüchen.

Meine alten Freunde fingen an, sich die Köpfe zu rasieren und zu den ersten DVU-, REP- und FAP-Schulungsveranstaltungen zu fahren. Ich hingegen liess meine Haare wachsen, färbte die Springerstiefel blau, fuhr zu Jugendpresseseminaren und war kaum noch für die Nazis zu sprechen. Erst war es eine stille Abkehr, doch spätestens mit dem Pogrom von Lichtenhagen wurde ein offener Konflikt daraus, der sich dann über die Jahre fortsetzte.

Mittlerweile war ich 15 und an meiner Kinderzimmerwand hingen Edelweisspiraten-Poster. Ich hatte Glück gehabt und gerade nochmal so die Kurve gekriegt. Für einen Protest vor Ort hatten wir nicht den Mumm, während meine alten Freunde tatsächlich begeistert und durch intensive Schulung aufgeputscht dort hin fuhren und wer weiss was anstellten. Später erfuhr ich in Berlin aus erster Hand, was in und um die Plattenbauten passierte: Ein inzwischen guter Bekannter begleitete die Bewohner des Sonnenblumenhauses auf der Flucht vor den Flammen bis unters Dach in purer Todesangst. Ihm legte ich meine erste Beichte ab in meinem neuen Berliner Leben, nachdem sich mein umgedrehter Magen nach seinen Geschichten wieder beruhigt hatte.

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So war mein Wegzug auch eine Flucht. Sicher, in Stralsund hätte ich sowieso nicht studieren können, aber auch meine Besuche wurden immer seltener. Die meisten aus meinem Freundeskreis zogen genau wie ich nach Abitur und Zivildienst weg, wenn nicht Richtung Berlin, dann halt nach Hamburg oder richtig tief in den Westen. Kaum einer entschied sich für Rostock oder Greifswald, die Gründe lagen auf der Hand.

Stralsund aber veränderte sich: neue Ortsumgehungen und eine schicke Brücke Richtung Rügen wurden gebaut, die UNESCO erhob die Altstadt zum Weltkulturerbe, das berühmte Meeresmuseum zog in einen avantgardistischen Neubau am Hafen und die CDU-Wahlkreiskandidatin schaffte es bis ins Kanzleramt. Das gelang dem NPD-Kandidaten, der übrigens mit der Stadt genausowenig zu schaffen hatte wie sie, nicht ganz. Aufgrund seiner terroristischen Vergangenheit und Prominenz zog die Stadt jedoch erstmals bundesweite Aufmerksamkeit in dieser Sache auf sich.

Ganz anders als knappe fünf Jahre vorher, als ich ein Nazi war, stellte sich die Lage inzwischen etwas anders dar. Die Überfälle wurden weniger, was nicht nur an möglichen Strafen lag oder daran, dass die Schläger gerade ebendiese hinter Gittern verbrachten. Die Szene hatte sich auch umstrukturiert: Von DVU und REPs war nicht mehr die Rede, viel zu bürgerlich und von Millionären gesteuert. Die FAP war zwar verboten, aber ihre Kader bauten munter weiter straff Kameradschaften auf, die immer näher Richtung NPD rückten. So konnte zwar von hier aus lange Zeit unbehelligt das wichtigste Nazi-Portal betrieben werden, nach aussen gaben sich die Faschisten allerdings als Biedermänner und veranstalten bis heute sehr erfolgreiche Kinderfeste.

Das Fatale daran war, dass es für die Öffentlichkeit und Lokalpolitik lange keine Naziproblematik gab. Was natürlich Quatsch ist. Dahinter steckte eine ausgeklügelte Strategie, die scheinbar aufgegangen ist. Soweit, dass sich unbehelligt eine Terrororganisation bilden konnte, die im Übrigen in Stralsund gleich zwei ihrer Banküberfälle (auf die gleiche Sparkassenfiliale) durchführte, im November 2006 und Januar 2007. Mich würde nicht wundern, wenn sie in der Zwischenzeit nicht zurück in den Süden gefahren, sondern einfach irgendwo im Norden untergetaucht sind.  Bönhardt, Mundlos und Zschäpe  – alle aus meiner Generation – konnten hier garantiert auf gut funktionierende Strukturen zurückgreifen. Ich kannte die betreffenden Leute, ich bin mit ihnen zur Schule gegangen, ich war kurz einer von ihnen und habe dann lange von ihnen auf die Fresse bekommen.

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Erfahrung macht klug, sagte meine Oma immer. Und aus meinen persönlichen Erfahrungen inmitten der und gegen die Nazis konnte ich wenigstens etwas lernen. Kurzum: Niemand wird als Nazi geboren. Doch Kinder und Jugendliche lassen sich wunderbar indoktrinieren, sei es in staatssozialistischen Jugendorganisationen oder bei den Nazis.

Es geht um Zugehörigkeit, Anerkennung und Identifikation. Und es braucht engagierte Menschen, die genau das jenseits von faschistischen Ideologien oder staatlich verordnetem Politunterricht vermitteln. Sowohl Schule als auch Eltern sind hier meistens die falschen Ansprechpartner (dafür aber gute Sündenböcke) – und oft hilflos. Ich hatte Glück. Meine Vergangenheit hat mich dazu gebracht, nie wieder einer Gruppe angehören zu wollen und stattdessen lieber ewig zu zweifeln. Ich kann aber auch sehr gut nachvollziehen, wie junge Menschen in dem braunen Sumpf stecken bleiben können und im Extremfall eben auch zu Terroristen werden. Die Geschichte ist voll damit.

Wie schon an vielen Stellen bemerkt, schafft hier weder ein NPD-Verbot noch ein perfekt funktionierender Verfassungsschutz Abhilfe. Solange die Nazis die Lücken besetzen, Kinderfeste veranstalten, Einkaufsbeutel die Treppen hochtragen, Hartz IV-Bescheide ausfüllen, Jugendclubs führen oder sonst wie reizvoller sind als Demokratie und Menschenwürde, solange wird sich nichts ändern. Es gibt unzählige hart arbeitende und täglich Bedrohungen ausgesetzte Menschen, die in der ländlichen Provinz versuchen, Jugendliche vom rechten Weg abzubringen. Wenn aber deren Arbeit nicht gewürdigt wird, und zwar ständig, offensiv und öffentlich, dann wird sich nichts ändern.

Wenn Menschen nicht das Gefühl haben, wichtig, akzeptiert, gebraucht und anerkannt zu werden von diesem Staat – also dazuzugehören – dann verwundert es kaum, dass sich einige von ihnen irgendwann gegen ihn wenden. Das gilt im übrigen nicht nur für Nazikinder.

Update 19.12.2011: Jana Hensel hat sich beim Freitag Gedanken gemacht, die in eine ähnliche Richtung gehen, eine Reaktion darauf von den Ruhrbaronen (bzw. publikative.org).

Update 21.12.2011: Eigentlich sollte das hier keine never ending story werden, aber weil es so gut ist und in die gleiche Kerbe haut, hier der Link zu einem Interview mit dem Filmemacher Thomas Heise in der taz.

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Tja, 2011. (Und: 1990ff) Da hatte man zwar gerade eine leichte Ahnung vom NSU, sich aber Pegida und die anderen Abkürzungsnazis nicht im Traume vorstellen können. Zufälligerweise weist drei Türen weiter der kiezneurotiker in einem fabelhaften Text gerade auf einen anderen fabelhaften älteren Text hin, der Erinnerungen beschwört, die ähnlich sind und doch ganz anders.

Überbleibsel

Es ist ja so: Fängt ein Text mit „Es ist ja so“ an, dann erwartet man erst mal eine Ansage, etwas Konkretes. Tja.

Und ganz ähnlich ist das mit dem neuen Jahr und den ganzen Vorhaben, die man vor hat: Erst mal den Kater auskurieren, ausschlafen, halbwegs wieder in den Alltag zurückfinden, der genau der ist, den man dachte, mit dem vergangenen Jahr hinter sich gelassen zu haben. Tja.

Eigentlich schleppt man Jahr um Jahr mehr Ballast mit sich rum, und deshalb wird es Zeit, einiges davon loszuwerden. Neuer Ansatz, zwei Fliegen/eine Klappe: Eine Linkliste, willkürlich kombiniert mit den Analogfoto-Überbleibseln des letzten Jahres. Der Film war schon so lange im Apparat, dass sogar noch ein Gruß von der Hamburger Dachterasse drauf ist. Dabei ist diese Reise schon länger her, als noch Zeit vergeht bis zur nächsten, wenn alles klappt. Egal, Katzencontent:

Katzenstatue sitzend, ihr wurde ein Hut aufgesetzt

Beginnen wir mal ausnahmsweise am Anfang: Dort standen bei vielen westdeutsch sozialisierten Menschen oft drei Fragezeichen. Also: Die drei Fragezeichen. Sowas gab es bei uns im Osten natürlich nicht, da gab es nur Ausrufezeichen. Und im Satz, den sie beendeten, stand meist irgendwas von Sozialismus und Sieg und Solidarität. Trotzdem würde ich, hätte ich Kinder, wohl die gleiche Wahl treffen, die bei Perspektiefe mit all ihren Fährnissen anschaulich geschildert wird (& was für ein schöner Titel!). Vor allem, wenn ich so höre, was die Kinder in meinem Umfeld so hören. Meist geht es um reiche Mädchen und Pferde. Immerhin kann einer der Kleinen noch den halben Tag (wortwörtlich) total begeistert mit dem Mobiltelefon rumlaufen und die Egon-Olsen-Titelmelodie kreischend mitbrüllen.

Auf Die drei Fragezeichen stiess ich viel später und aus zweiter Hand, sozusagen: Diejenigen, die damit gross wurden, frönten ihrer Begeisterung für die Kinderhörspielkassetten ja grade auch als Studenten ausgiebig. Das machte sich eine Theatertruppe aus Wuppertal zunutze und füllte die Hallen quer durch die Republik. Selbst mit fehlendem Hintergrundwissen und der falschen Sozialisation war das stellenweise ganz unterhaltsam. Doch auch – wo wir schon mal beim Thema sind – aus ganz anderen, noch seltsameren Jugenderinnerungen mit zweifelhaftem kulturellen Background lässt sich ein krudes Theaterprojekt machen: Katholische Sexualaufklärung aus den Siebzigern? Warum nicht, ab auf die Bühne! Dorthin gehört auch Gregor Keuschnigs Schmierenkomödie Zapfenstreich, die es bisher nur in Textform gibt.

Weisse Wände, in einer Ecke hängt unter der Decke eine Maske, im Vordergrund ist ein Rehgeweihzack zu erkennen, darunter ein Aufkleber "Old Europe"

Ein harter Schnitt, da müssen wir jetzt durch: Bei den Nachdenkseiten wurde heute eine Leserin mit der Anmerkung zitiert: Der Wahlkampf 2017 wird eine Braune Schlacht. Mir graut es jetzt schon! Stimmt wohl, aber wer braucht eigentlich die AfD und Pegida, wenn Seehofer schon vor 3 Jahren „bis zur letzten Patrone“ gegen „Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ kämpfen wollte? Zauberlehrling usw.

Zur tagesaktuellen Situation enthalte ich mich, alles viel zu unklar, auch und vor allem in meinem Kopf, nur eins noch: Das Zusammentreffen unschöner Ereignisse kann zu einem unerwarteten Ausgang führen, sprich: Die Gunst der Stunde, oder der böse Zwilling von Kairos sprechen gerade vielleicht für die Islamhasser. Vielleicht aber auch im Gegenteil – ich bin nur etwas skeptisch, weil ich kürzlich die arte-Doku über Ishiwara Kanji gesehen habe: Eine von der Mehrheit nicht gewollte Militäroperation nationalistisch-konservativer Offiziere glückt dummerweise und macht aus der liberalen, modernen Demokratie der 20er Jahre einen von Nationalismus besoffenen Hitlerverbündeten. Platt ausgedrückt, aber so schnell kann es gehen.

Natürlich reicht es zur Erklärung aktuellen Geschehens nicht aus, nur in alte Bücher zu schauen. Aber es gibt da durchaus interessante, hochaktuelle Stellen, bei Foucault zum Beispiel, wie auf haftgrund zu lesen ist. Gemischt mit einigen der unzähligen Alltagsberichte – Keiner kommt hier lebend raus, ohne Zweifel – führt das unweigerlich zu gezielter Ignoranz. Manchmal reicht es aber auch schon, sich nur eine Statistik mal ganz genau durch den Kopf gehen zu lassen. Oder ein Taufregister zu lesen, das inzwischen wahrscheinlich schon jeder kennt, aber es passt so gut zu den nächsten beiden Bildern:

Graffiti-Schriftzug an einer Hauswand: Ein Kiez wehrt sich

Brandmauer eines Wohnhauses, mit großen Schriftzügen plakatiert zu Mieterhöhungen und Modernisierung

Berlin also, und die alten, leidigen Berlin-Probleme. Da es hier überraschend ruhig ist (die für spätestens zum 31.12. erwartete Modernisierungsankündigung lässt erstaunlicherweise noch auf sich warten. Wir reiben uns die Hände, nicht nur, weil die Kohlen langsam knapp werden…), ein paar nützliche Hinweise zum Berliner Winter von katjaberlin. Eine der blödesten Sachen am Winter in Berlin ist der November. Grübeln, Gedanken nachhängen, noch mehr Gedanken nachhängen und fotografieren. So ähnlich ging es mir auch, nur schaffte ich es selten bis an die Tastatur. Dann kam der Dezember und mit ihm, wenn man weihnachtsbedingt in die Heimat der Kindheit und Jugend fährt wie Thorge, auch die Erinnerungen. Auf melancholie modeste sind es die an den sonntäglichen Esstisch der Großeltern – und was dieser (nicht) mit Neukölln zu tun hat. Apropos Essen:

Street Art paste up eines kleinen Mädchens, das kniend eine Meise füttert, an einer Hauswand direkt neben einem Restauranteingang

Gleich nebenan – aufgenommen wurde dieses Bild im Herzen von SO36 – befindet sich ein Imbiss namens Curry 61. Während das aus Funk&Fernsehen bekannte Curry 36 im tiefsten Kreuzberg 61 liegt. Muss man nicht verstehen, dieses Berlin (es hat wohl mit der Hausnummer zu tun, aber psst!). Genausowenig wie die immer noch existierende Schlange vor dem Gemüsekebap. Doch ich schweife ab, eigentlich sollte es jetzt um schöne & gute Texte gehen.

Erstmal die Theorie: In der NZZ schreibt Matthias Politycki darüber, was ihn zum Schreiben brachte. Aléa Torik setzt sich mit der zweifelhaften Notwendigkeit von Handlung auseinander und Jutta Reichelt mit der Leserperspektive. Ganz ähnlich, nur etwas weiter gesteigert (Lesen vor Publikum), in der angenehmen Reihe „Vielleicht später“ vom Suhrkamp-Blog: Bad Segeberg von Detlef Kuhlbrodt. Zum Schluss, aber immerhin, sei noch auf die Lyrik-Betrachtungen bei kleinedrei hingewiesen. Kommt ja sowieso meist zu kurz, die Lyrik.

Als Finale einige Praxisbeispiele, sozusagen. Tikerscherk lässt ungeschaffenes Licht strahlen, in Lencois, wie es der Kiezschreiber beschreibt, strahlt die Sonne etwas trostlos auf einen Säufer, Monsieur Manie beschreibt in mehreren Teilen Die Probe und Thibaud sagt etwas über eine Musikerin. Auch in diesem (einen von vielen, wie bei allen anderen Erwähnten und vielen Nichterwähnten ebenso) schönen Text von asal spielt Musik eine wichtige Rolle. Asallime, soviel Resumee muss sein, war neben Mikis Wesensbitters Mauerfall-Tagebuch meine Blog-Entdeckung des letzten Jahres.

Falls jetzt jemand angesichts des Jahresbeginns einen Ausblick erwartet hat: Da verweise ich auf Ahne, oder auf dieses Bild:

Blick über die Bahntrassen Richtung Potsdamer Platz, im Hintergrund der Fernsehturm

Graustufen

Doch wo die Vergangenheit schweigt,
nicht wo sie spricht, läßt sie hoffen.

Bei dem Kneipengespräch im Wedding kamen wir auch auf Hochhuth zu sprechen. Wir waren uns soweit einig, dass dessen Werk heute unterschätzt wird, dass seine Bedeutung für die (bundes)deutsche Geschichte nicht genug gewürdigt wird. Was natürlich auch an den Berliner-Ensemble-Possen des Autors selbst liegt, und an seinen anderen Altmänner-Marotten. Eine der Ursachen des komisch-wirren Verhaltens Hochhuths ist wohl auch sein eigenes Erkennen des Bedeutungsverlusts seiner Person. Das wurmt, keine Frage.

Das letzte Gute, was man von ihm hörte, war sein – schliesslich und endlich von Erfolg gekröntes – Engagement für das Georg-Elser-Denkmal in der Wilhelmstrasse. Seine letzten Stücke kannte, wenn ich mich recht  erinnere, selbst die Regisseurin nicht, sondern nur die Possen, aber auch von denen längst nicht alle. Aus zehnjähriger Erinnerung erwähnte ich „Soldaten“ – das sollte man mal lesen, das sollte ich auch mal wieder lesen, meinte ich.

Erster Akt: Das Stück

Und tat es dann auch. Literarisch ist es kein Meisterwerk, zugegeben. Schon 1963 schreibt Hochhuth an Golo Mann (dankbar für dessen Zuspruch) – und das gilt wohl bis heute: Meine Situation ist ja so: Die Historiker klopfen mir auf die Schulter und finden, ich hätte bei totaler Verzerrung der Geschichte immerhin literarische Verdienste. Die Literaten finden, ich hätte wenigstens historische. (zit. nach: Sie sind ein Fanatiker der Gerechtigkeit, Der Bund, 24.3.2001).

Das Thema von „Soldaten“(oder besser: die Verknüpfung der Themen) ist – noch mehr als vor zehn Jahren, als ich es das erste Mal las – hochaktuell: In den Rahmen einer Theateraufführung zum hundertjährigen Jubiläum der ersten Genfer Konvention 1964 eingepasst (Aufführungsort: Coventry), spielt der größte Teil des Stücks in den Monaten April bis Juli 1943. Er verwebt darin zwei Komplexe, die sich beide in der Hauptfigur Churchill (der im Stück nur „PM“ genannt wird) kristallisieren – wer Gutes will, muss Böses tun, oder wie Hochhuth selbst sagt: Leider trifft eben zu, daß Gegner immer auch Eigenschaften austauschen, wenn sie sich nur lange genug gegenüberstehen. [a]

Einerseits dreht sich die Handlung um den Tod (bzw. die Ermordung) des polnischen Exilpremiers und „letzten Reitergenerals“ Sikorski, andererseits um den Luftkrieg generell und die Operation Gomorrha im Speziellen. Deshalb auch der Untertitel „Nekrolog auf Genf“.

Es geht also um das lübecken und coventrieren, Hochhuth klagt an, dass es analog zum Landkriegsrecht keines für die Lüfte gibt (das kam – ansatzweise – erst 1977). Das moralische Dilemma Churchills wird schnell klar, ebenso die Unschärfe der Grenzen des Erlaubten. Es spricht, im ersten Akt, also 1964, der Autor-Regisseur und ehemalige Group-Captain des britischen Bomberkommandos:

DORLAND galgenlustig: Nein? – Und: S o l d a t e n!
Vorsicht, Soldat ist, wer Soldaten bekämpft, Kampfflieger, die Panzer anzielen, Brücken, Industrien, Staudämme. Du bist keiner – sowenig wie ich über Dresden einer war.

SOHN aufstehend: Was bin ich sonst als Planungsassistent?

DORLAND affektlos, ganz ruhig, ein Sachwort:
Ein Berufsverbrecher. Ein potentieller Berufsverbrecher.

[…]

DORLAND: Piloten töten Wehrlose, als  g ä b e  es kein Rotes Kreuz.
Doch nur  M i n u t e n  später,
wenn sie abgeschossen, selbst wehrlos
denen in die Hände fallen, die sie bombten:
d a n n  soll es gelten, das Rote Kreuz – für  s i  e. (S.30f.)

Von Vietnam bis zu den Killerdrohnen in Pakistan, vom Bombergate (und den alljährlichen Verrenkungen, wie man in Dresden denn am besten mit diesem “Gedenktag” umgehen sollte) bis zu den Morddrohungen gegen den “Landesverräter” Gideon Levy (weil er die Rolle der Bomberpiloten im letzten Gaza-Krieg hinterfragte) – der Luftkrieg begleitet uns seit knapp einhundert Jahren. Doch Luftkrieg ist natürlich nicht gleich Luftkrieg, und Abfangjäger sind etwas anderes als Bomberpiloten, worüber sich Sir Arthur Harris (als “Traumpartner”) auch in “Soldaten” echauffiert:

TRAUMPARTNER: […]
Der Dank der Nation – daß sechsundfünfzigtausend Briten
und über vierzigtausend Amerikaner
in Bombern über Deutschland gefallen sind…
Er ist erschüttert, Dorland auch.
Die Gefallenen des Jägerkommandos, alle,  j e d e r  einzelne,
der in der Battle of Britain fiel,
hat seinen N a m e n  auf der Ehrentafel in Westminster.
Von e u c h , von  m e i n e n  Männern, den Bombern:
ist nicht einmal die  Z a h l  in Westminster zu lesen.
DORLAND bestürzt: Weil es so viele sind, Air-Marshall – zu viele.
TRAUMPARTNER lacht schauerlich: Wem reden Sie das ein, Major:
die Z a h l  meiner toten Männer – die  Z a h l, wie:
ließe sich doch wohl unterbringen in Westminster.
Aber  u n s r e geopferten Kameraden, wie – die sind,
plötzlich, nicht wahr: nicht mehr gesellschaftsfähig. (S.45)

Was soll man denn auch entgegnen auf die Frage, ob das area bombing nun ein Kriegsverbrechen war oder ein legitimer Versuch, den Krieg vorzeitig und unter womöglich insgesamt weniger Verlusten zu beenden? Ein letztes Mal Bomber Harris:

TRAUMPARTNER: […]
Hitlers Rüstungschef, sein Speer, hat nach dem Kriege zugegeben:
sechs weitere Städte angeflogen wie Gomorra,
die Nazis hätten ihre Bude schließen müssen.
Ich bitte Sie: Hamburg erbrachte vierzigtausend Tote.
Mal sechs – was wäre das, verglichen mit  d e r  Zahl,
die  w i r k l i c h  umkam bis zum Kriegsschluß!
Jedoch, Soldat ist, wer beschimpft wird. (S.44)

Die Antwort – zumindest in der Literatur – war meist Schweigen, bis 1997 W.G. Sebald in seiner Zürcher Poetikvorlesung ebenjenes kritisierte und damit eine Debatte, begleitet von einer kleinen Veröffentlichungsflut, lostrat. Sebald schrieb 1997 von einem

bis heute nicht zum Versiegen gekommene Strom psychischer Energie, dessen Quelle das von allen gehütete Geheimnis der in die Grundfesten unseres Staatswesens eingemauerten Leichen ist, ein Geheimnis, was die Deutschen in den Jahren nach dem Krieg fester aneinander band und heute noch aneinander bindet, als jede positive Zielsetzung, im Sinne etwa der Verwirklichung der Demokratie, es jemals vermochte. Vielleicht ist es nicht verkehrt, an diese Zusammenhänge gerade jetzt (1997) zu erinnern, da das zweimal bereits gescheiterte großeuropäische Projekt in eine neue Phase eintritt und der Einflussbereich der D-Mark – die Geschichte hat eine Art, sich zu wiederholen – ziemlich genau so weit sich ausdehnt wie im Jahr 1941 das von der Wehrmacht besetzte Gebiet. [zit. nach Hayner, Elende Patrioten, Link oben]

Wie nun im Zuge solcher Ausdehnungen ein Land zwischen den Fronten unter die Räder kommen kann, das lässt sich momentan gut an der Ukraine beobachten. In “Soldaten” kommt diese Rolle dem Polen Sikorskis zu. Erst von England und Frankreich mit nichts als Lippenbekenntnis-Kriegserklärungen alleingelassen und feinsäuberlich seziert von Hitler und Stalin, muss er nun mit Letzterem als Verbündeten, nicht mehr als Feind und Besatzer, umgehen. Was zunehmend schwieriger wird: Einerseits wegen der strittigen sowjetisch-polnischen Grenzfrage, andererseits, weil  ein Teil seiner seit Jahren vermissten Offiziere bei Katyn in Massengräbern gefunden wurden. Die NS-Propaganda schlachtet diesen Fund genüsslich aus und beschuldigt Stalin, Sikorski ist geneigt, den Deutschen zu glauben und eine Untersuchung beim Internationalen Roten Kreuz in Auftrag zu geben.

Churchill, Gastgeber Sikorskis, bittet ihn vergeblich, keine weiteren Schritte zu unternehmen, Stalin bittet Churchill um eine Auswechslung der polnischen Exilregierung. Als weder die USA noch Grossbritannien dem Insistieren des Diktators nachgeben, beruft dieser seine Botschafter aus Washington und London ab – eine der grössten Krisen der Anti-Hitler-Koalition und geeignete Kulisse, um auf der Theaterbühne einen absichtsvollen Flugzeugabsturz zu konstruieren und ihn implizit Churchill in die Schuhe zu schieben.

PM, während Cherwell liest, zu Brooke:
Schlimmer als ein Desaster an der Front.

CHERWELL, indem er Brooke das Kabel hinüberreicht:
Stalin hat die Beziehungen zu Polen abgebrochen!

PM: Wie habe ich Stalin  a n g e f l e h t ,
d i e s e n  Trumpf dem Hitler nicht zu gönnen!

CHERWELL – das einzige Mal im Stück, da er tiefes Betroffensein zeigt. Er preßt sich die Worte ab:
Jetzt aber runter vom Schlitten mit dem Polacken.

[…]

BROOKE: Ich war zum Lunchen mit Sikorski:
trotz Katyn will er seinen Frieden mit Stalin.
Aber er m u ß t e  doch zunächst …

PM, als wolle er Brooke umrennen („Er hielt mir die Faust unter die Nase“):
M u ß t e! — Was mußte er!
Hinter meinem Rücken im Weißen Haus
dreimal, d r e i m a l  den Präsidenten überreden,
der britischen Regierung zu  v e r b i e t e n,
dem Kreml die Wiedergewinnung zaristisch-russischer Provinzen zu garantieren!

CHERWELL, da PM vor Erregung nicht weitersprechen kann:
Solange d i e s e r  Pole da ist, Sir Alan,
hat Großbritannien  k e i n e  Garantie,
daß nicht der Kreml aus dem Kriege aussteigt
und sich erneut mit Hitler arrangiert.

BROOKE ratlos: Warum gibt Roosevelt Sikorski nach?

PM ungeduldig, barsch: Weil Sikorski acht Millionen Polen in USA die Wahl vorschreibt, natürlich! (S.108f.)

“Soldaten” wurde 1967 veröffentlicht und ist Hochhuths zweites Stück – er war also nach dem “Stellvertreter“ schon einiges an Kritik und Trubel gewohnt, hatte aber auch bedeutende Fürsprecher wie Hannah Arendt gewinnen können, die in New York für ihn Partei ergriff, kurzum: Sein Debüt war ein bahnbrechendes Ereignis, das weit über die Grenzen des Literatur- und Theaterbetriebs hinaus wirkte.

Zwischenspiel

Keine Frage, dass der Nachfolger eines solchen Durchbruchs besonders beäugt wird, ganz zu Schweigen von der Situation des Autors, der nachlegen muss. Doch zum Glück fiel Hochhuth die Sikorski-Handlung aus heiterem Himmel in den Schoss, welch grossartiger Zufall für jemanden, der ein neues, provokant-spektakuläres Stück Dokumentartheater braucht. Im Spiegel erklärte er: „Ich habe von Sikorski nichts gewußt bis zu einer bestimmten, sehr zufälligen Begegnung. Dieser Mann wäre mir als Zeuge absolut unverläßlich, wenn ich ihn nicht durch einen Sack voll Indizien hätte ernst nehmen müssen.“

Passenderweise hatte sich Hochhuth – beginnend mit einem Stern-Gespräch 1965, einen Tag nach Churchills Tod – mit einem jungen britischen Autor angefreundet, der ebenfalls vor Kurzem ein aufsehenerregendes Buch geschrieben hatte – das erste Standardwerk über die Bombardierung Dresdens, laut ihm Hochhuths ursprüngliche Inspiration für „Soldaten“. Er bat seinen Freund, zum Sikorski-Fall Nachforschungen anzustellen, denn das war dessen Domäne: Quellen auftun, so unmöglich es auch scheint. Der Freund war anfangs wenig begeistert, stiess dann aber doch auf so viele Ungereimtheiten, dass er selbst ein Buch darüber schrieb – es sollte pünktlich zur englischen Uraufführung von „Soldaten“ erscheinen.

Hochhuth schlägt mit seinem so erworbenen Recherchematerial in dem Stück und in den langen Vor- und Zwischenreden geradezu um sich. Er erläuterte in zwei langen Spiegel-Beiträgen seine Theorie (das Hamburger Magazin druckte darüber hinaus auch den – leicht gekürzten – zweiten Akt des Stückes ab), ansonsten beharrte er darauf, seine Informanten schützen zu wollen und deshalb für 50 Jahre seine Dokumente in einem Schweizer Banktresor aufzubewahren. Obwohl er viele weitere interessante, bedeutende und nicht so bedeutende Fakten einstreut (die Geschichten der Herren Lindemann (Baron Cherwell) und Bell beispielsweise) und in der moralischen Bombenkriegsfrage den eigentlichen Schwerpunkt setzt, ist doch die Churchill-Anklage das, was am meisten Aufmerksamkeit bekam.

Auch wenn Hochhuth derjenige ist, den der Kanzler Erhardt 1965 einen Pinscher nannte und damit eine ganze Zunft gegen sich aufbrachte, auch wenn er der ist, der später Filbinger zu Fall brachte (was – oh Ironie! – Weikersheim gebar) – leicht in Schubladen einzuordnen war er bereits damals nicht. Es wurde ihm schon anlässlich „Soldaten“ eine Nähe zu Spengler und Jünger attestiert, deren „heroischer Nihilismus“ nicht weit entfernt sei von Hochhuths Geschichtspessismus.

So verwundert es nicht, dass angesichts der verwirrenden Person Hochhuth und der Premiere von „Soldaten“ im sowieso schon verwirrten Westberlin anno 1967 auch die K1 ein Wörtchen mitreden wollte beim bevorstehenden Theaterskandal:

Der grossartige Wolfgang Neuss – im Stück mit einer kleiner Nebenrolle betraut – sollte für die „Berliner Horror-Kommune“ sein Garderobenfenster offen lassen, damit Kunzelmann, Langhans und Co. dann auf den Brettern der Freien Volksbühne ihre Forderung nach der Freilassung Fritz Teufels vortragen konnten. Die Flugblätter waren schon gedruckt: „Auf der Bühne die großen Gauner. Im Parkett die kleinen.“ Dummerweise löschte der Nieselregen die Zündung der Signalrakete.

Aus dem Skandal wurde also nichts und auch die Kritiken waren höchst verhalten. Hochhuths Verleger führte das auf Rudolf Augsteins missmütige Besprechung zurück – ein interessantes Schlaglicht zum Thema Journalismus damals und heute, wenn man bedenkt, dass das Blatt über zwei Ausgaben in unglaublich ausführlicher Form anlässlich der Premiere ein Stück pushte, welches dem Chef scheinbar nicht zusagte. Der Spiegel selbst zitiert genüsslich: Verdorben war der Abend, meint der „Soldaten“ – Verleger Rowohlt, dennoch – durch den Dolchstoß eines deutschen Nachrichten – Magazins; schon bei der morgendlichen Pressekonferenz am Premieren-Montag schien es dem „Theater heute“ – Chef Henning Rischbieter „überflüssig, daß noch der Vorhang aufgeht, nachdem heute morgen im SPIEGEL ein zutreffender Verriß des Stückes gestanden hat“. Der Artikel liefert auch gleich noch einen Überblick über die Besprechungen in der internationalen Presse:

Rolf Hochhuths „Soldaten“ hatten keine Fortüne. Die 150 Rezensenten und Sendboten von 44 Rundfunk- und TV-Anstalten, die am vergangenen Montag in Berlins Freier Volksbühne das Churchill-Pasquill besahen, urteilten meist nörgelnd:

Die „Bombe detonierte wie ein feuchtter Knallfrosch“ („Financial Times“); im „Römerdrama eines edel denkenden Studienrates“ („Süddeutsche Zeitung“) „langweilte man sich mächtig“ („Die Welt“).

Dem „Volkshochschulkurs in Geschichte“ („The Guardian“) gebrach es an „Klarheit und Schwungkraft“ („Herald Tribüne“). „FAZ“: „Wir haben noch keinem kühneren Mißlingen zugesehen.“

Augstein äußerte dagegen fast nüchtern hauptsächlich handwerklich-thematische Kritik, sprach von einem „unglücklichen Einfall“ Hochhuths und war gespannt, wie es den Regisseuren gelingt, den ganz untheatralischen Widerstand zu überspielen, der sich im Zuschauer regen könnte, weil Hochhuth nicht den Anschein eines Beweises bringt. Die Zeit resümierte, daß der Haupteindruck der einer großen Fernseh-Sondersendung ist, aber nicht der von intensivierender Kunst. In Anlehnung an die vermeintlichen Beweise, von Hochhuth im Schweizer Banktresor gesichert, meinte der Tagesspiegel 1969, er hätte lieber die Dokumente veröffentlichen und sein Stück für fünfzig Jahre wegschließen sollen. Anlässlich der zweiten Inszenierung in Bochum stellte der Autor resigniert fest: Ich werde auch mein zweites Stück gegen die deutsche Theaterkritik durchsetzen müssen.

Ganz anders in England – hier war der Skandal praktisch programmiert, schliesslich klagte Hochhuth mehrere hochdekorierte Personen direkt mit dem Stück an. Eigentlich war die Welturaufführung in London geplant, doch es sollte anders kommen. Sir Laurence Olivier, der künstlerische Leiter des National Theatre, berief 1963 Kenneth Tynan zum neuen Chefdramaturg. Um Profilierung – nicht nur seiner Person, sondern auch des National Theatre gegen die Konkurrenz der Royal Shakespeare Company – bemüht, suchte dieser nach einem passenden (möglichst provokativem) Stück. Als er 1966 „Soldaten“ entdeckte, schrieb er an Olivier: I don’t know whether this is a great play, but I think it’s one of the most extraordinary things that has happened to British theatre in my lifetime.

Olivier (der angeblich den Inhalt des Schweizer Banktresors kannte) mochte das „bloody play“ nicht, verteidigte es aber auf dem Boardmeeting des National Theaters mit einem Verweis auf Aristoteles‘ Poetik: the artist’s function is to describe not the thing that happened, but a kind of thing that might happen. Es half nichts, das Gremium entschied sich gegen eine Aufführung, was vielleicht auch daran lag, dass dessen Vorsitzender, Lord Chandos, als Mitglied von Churchills Kriegskabinett „Soldaten“ naturgemäß nichts abgewinnen konnte.

Tynan wollte nicht von dem Stück lassen und bemühte sich weiter um eine Inszenierung. Nun existierte damals in Grossbritannien noch eine Theaterzensur, die es nicht gestattete, noch lebende Personen unvorteilhaft in Szene zu setzen. So beschwerte sich Sir Arthur Harris bei dem für Zensur zuständigen Lord Chamberlain und der Vorhang blieb weiter geschlossen. Das Getöse um „Soldaten“ befeuerte allerdings die Anti-Zensur-Kampagne kräftig, die schliesslich 1968 ihr Ziel erreichte: Die Zensur wurde abgeschafft und Hochhuth durfte gespielt werden. Die englischsprachige Premiere war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon auf einer kanadischen Bühne gelaufen, Tynan selbst inszenierte das Stück im Dezember 1968 in Londons West End New Theatre – dort lief es nur drei Monate.

Bomber Harris sollte nicht der letzte gewesen sein, der sich juristisch gegen „Soldaten“ wehrte. Der einzige Überlebende des Absturzes, der inzwischen in den USA lebende Tscheche Eduard Prchal, empfand die Darstellung seiner Person als diffamierend und verklagte Hochhuth. Er bekam 50.000 Pfund zugesprochen, damals 420.000 DM – Hochhuth, mit sicherem Wohnsitz in der Schweiz, weigerte sich zu zahlen. Und noch einen weiteren – weitaus schillernderen – Gegner hatte sich Hochhuth eingehandelt.

Ein ehemaliger Schauspieler, inzwischen Ehemann Lili Palmers und Schriftsteller, außerdem Geheimdienstoffizier und eventueller zukünftiger Präsident Argentiniens hatte sich vorgenommen, aus Hochhuth einen tragischen Witz zu machen. Zur Londoner Premiere druckte der Sunday Telegraph Passagen aus Thompsons Buch über Hochhuths Theorie ab. Thompson arrangierte den Kontakt zu Hochhuth über Friedrich Dürrenmatt und half als Dolmetscher bei den Gesprächen zur englischen „Soldaten“-Premiere aus. Im Zuge dessen gelangte er zu dem Eindruck, bei Hochhuths „Rufmord an Churchill“ wäre alles Vermutung und Erfindung, der Dramatiker leide an einem Trauma und wolle eine poetische Rache für das deutsche Volk ausübenHochhuth: Ich habe ihn mir zugezogen wie andere sich eine Schleimhautentzündung zuziehen.

 Zweiter Akt: Das Interview

Wer bis hierher vorgedrungen sein sollte, der wird sich vielleicht langsam die Frage stellen, was das überhaupt soll. Deshalb einige erklärende Worte: Es hängt mit besagtem Freund Hochhuths zusammen, der in einigen Links schon enttarnt wurde. Und mit der aktuellen Querfront-Debatte.

Ich versuche ja, mich zum politischen Tagesgeschäft zunehmend zurückzuhalten (das klappt, trotz aller Appelle, nicht immer), wollte es mir aber nicht nehmen lassen, in die nächsten Linksammlung einen bestimmten Artikel aufzunehmen. Weil er es wert ist, und weil mich dieses Thema immer noch triggert.Ich suchte nach einer Anmoderation und da kam mir ein (inzwischen unauffindbarer) Text, ein Projekt von 2005 in den Sinn: Die Freundschaft zwischen David Irving und Rolf Hochhuth, (mal wieder) öffentlich aufgedeckt im Zuge des Skandals um Hochhuths Interview in der Jungen Freiheit, in dem er behauptete, er kenne keinen „Fall Irving“ und dessen Holocaustleugnungen mit unfassbarer Ignoranz vom Tisch fegte. [b]

Auch hier ging es – nicht zum ersten Mal, gerade was die Junge Freiheit betrifft nicht zum ersten Mal – darum, wer wem Interviews geben sollte, oder eben nicht. Auch hier spielten Antisemitismus und der Antisemitismusvorwurf eine entscheidende Rolle. Auch hier gab es kein Schwarz-Weiss-Urteil, dafür Grauzonen, Querfronten und eine Medienkampagne, teils fern jeglicher journalistischer Recherchepflicht.

Erstaunlicherweise kaum thematisiert im Rahmen des Skandals wurde der Umstand, dass dies beileibe nicht Hochhuths erster Beitrag für die Junge Freiheit war. Im Jahr 1998 lieferte er einen Ernst-Jünger-Nachruf und zwei Jahre später ein Interview, in dem er pikanterweise an Martin Walser gerichtet meint, bezogen auf dessen Paulskirchen-Rede: Aber so voraussehend mußte er doch sein, um zu erkennen, daß das mißverstanden werden würde.

Genau das könnte man Hochhuth auch entgegenhalten. Pünktlich zum fünfzigsten Jahrestag der Bombardierung Dresdens befragte die JF Hochhuth nach seiner Freundschaft zu Irving. Hochhuth empörte sich darüber, daß die Stadt Dresden es nicht für nötig befunden hat, Irving als Ehrengast zu den Feierlichkeiten einzuladen, schliesslich habe er mit „Der Untergang Dresdens“ viel für die Aufarbeitung dieses Kapitels getan: Ein fabelhafter Pionier der Zeitgeschichte nennt er ihn, ein Historiker von der Größe eines Joachim Fest. Der Vorwurf, er sei ein Holocaustleugner ist einfach idiotisch! Solche Äußerungen im Jahr 2005, zumal von jemanden, der Irving sehr nahe steht, sind, gelinde gesagt, zumindest ebenso idiotisch. Das sollte auch Hochhuth später einsehen – doch ersteinmal musste der Skandal eingetütet werden, was scheinbar nicht so einfach war. In der Zeit schreibt Jens Jessen:

Der Berliner Tagesspiegel hat das Interview entdeckt und seinerseits Hochhuth befragt, der aber, weit entfernt, davon abzurücken, noch eins draufsetzte und Irving für »sehr viel seriöser als viele deutsche Historiker« erklärte.

Das war letzten Sonnabend. Der Tagesspiegel wartete, was passieren würde. Als am Montagmorgen noch nichts passiert war, schrieb er, es sei ein Skandal, dass der Skandal nicht bemerkt worden sei.

Es folgten unzählige Artikel und Äusserungen zu dem Interview, die Hochhuth unisono vorwarfen, für Irving, den schon seit Jahren überführten und verurteilten Holocaustleugner ein Ehrenerklärung abgegeben zu habe. Die Deutsche Verlagsanstalt (nicht aber, wie fälschlich verbreitet, der dtv) rückte im Zuge des Skandals davon ab, ein geplante Ausgabe autobiografischer Schriften Hochhuths zu veröffentlichen: so jemand könne nicht in einem Verlag veröffentlichen, der selber sehr viele jüdische Autoren im Programm hat. Die angesprochenen jüdischen Autoren hatten mit keiner Silbe einen Bann Hochhuths gefordert. Den Höhepunkt der Kampagne sahen sowohl die NZZ als auch der Autor selbst in einer Spiegel-Bildunterschrift zu einem Interview mit dem neuen Präsidenten des Zentralrats der Juden (unter dem Bild Hochhuths stand: Antisemitismus in akademischen Kreisen?)

Wird jemand, der eine „Ehrenerklärung“ für einen Holocaustleugner abgibt, gar mit diesem befreundet ist, also automatisch zum Antisemiten? Wenn man das Interview in der JF komplett gelesen hat, drängt sich einem dieser Eindruck nicht gerade auf: Hochhuth bekennt sich darin unter anderem zum Anhänger der Kollektivschuldthese, bezeichnet den Eintritt Grossbritanniens in den 2. Weltkrieg als „humane Großtat der europäischen Geschichte“ und Churchill als einzige Jahrtausendgestalt unter den Staatsmännern des sich so nennenden „christlichen Abendlandes“. Jörg Friedrichs „Der Brand“ bezeichnet Hochhuth als wertlos, weil es sich nur einem einzigen Aspekt widmet – allein dem Bombenkrieg – aber zu tausend andere Aspekte des Krieges keine Beziehung herstellt. Und nicht zuletzt stellte er fest: Ich habe noch nie einen Deutschen getroffen, der, wenn er zu Recht über die Verbrennung Dresden klagt, auch den Namen des „benachbarten“ Dörfchens Auschwitz nennt. Es ist eine Schande, daß wir noch immer nicht anerkennen: Die Weltgeschichte kennt kein mit unserem Holocaust vergleichbares Verbrechen.

Wenig überraschend wurden Äußerungen dieser Art (anfangs) kaum thematisiert – ein Skandal lebt schliesslich von der Verkürzung und Verknappung, differenzierte Betrachtungen waren also rar gesät. Der unlängst verstorbene Ralph Giordano (jetzt ist er wieder zusammen mit Wolfgang Leonhard, mit dem ich ihn oft verwechselte) bildete eine rühmliche Ausnahme: Während er in einem offenen Brief Hochhuths Äußerungen noch als eine der größten Enttäuschungen der letzten 60 Jahre bezeichnete, revidierte er nach Lektüre des Interviews und nach Hochhuths Eingeständnis, die Äußerungen zu Irving seien idiotisch gewesen, seine Meinung:

Noch einmal also, und noch drastischer: Hochhuth hat mit seiner deplazierten Philippika für den britischen Schmutzfink Mist gebaut. Aber diese Verdammnis, dieses Feuer auf seinem Haupt – das hat der Mann nun wirklich nicht verdient. Man kann die political correctness auch übertreiben. Gibt es doch eine Art des Nachtretens, die nicht den Getretenen, sondern den Treter charakterisiert. Muss berechtigte Forderung nach Entschuldigung denn in Demutszwang ausarten? Er hat gebüßt, und da will ich ihn wissen lassen, dass seine Auschwitzgedichte mich tief angerührt haben, wie so manches noch in der Vita dieses streitbaren Zeitgenossen.

Doch halt: So einfach ist es auch wieder nicht. Hochhuth trifft in dem JF-Interview und in den darauf folgenden Wortmeldungen Aussagen, die sich teilweise widersprechen, vor allem was den Kontakt zu Irving betrifft. Und wiederholt eine Behauptung, die er schon 1978 gegenüber Golo Mann äußerte, die von Irving stets abgestritten wurde und die nicht gerade für ein reflektiertes Verhältnis zum Antisemitismus steht: Der Brite hätte eine jüdische Mutter und sei deshalb als „Halbjude“ zu seinem Judenhass gekommen (vgl. Der Bund, s.o. und hier).

 Dritter Akt: Die Freundschaft

Gemein ist den meisten Presseberichten anlässlich des JF-Interviews Hochhuths die Frage, warum sich jemand wie Hochhuth mit einem Antisemiten und Holocaustleugner anfreunden kann. Auch bei der Besprechung von „Soldaten“ anlässlich der englischen Wiederaufführung vierzig Jahre nach der Premiere in London heisst es: Trouble was, these were in a Swiss bank vault and couldn’t be opened for 50 years. And the only historian who supported Hochhuth was David Irving, an admirer of Hitler and a Holocaust denier. 

Als sich die beiden 1965 kennen lernten, war Irving noch kein Holocaustleugner. Er kam 1959 in die BRD, um sein Deutsch zu verbessern und bei Thyssen zu arbeiten. Anfang der 1960er Jahre nahm ihn Werner Höfer für eine Serie („So starben Deutschlands Städte“) in der Neuen Illustrierten unter Vertrag – aus der 37-teiligen Serie entstand schliesslich das Dresden-Buch. Wie schon erwähnt galt es lange als Referenzwerk zum Thema, auch Vonnegut (der den Angriff im Schlachthauskeller ja selbst miterlebte) zitierte in „Schlachthof 5“ Irving und dessen (später als falsch identifizierte) Opferzahl von 135.000 Toten.

Der Bombenkrieg war wohl auch Thema des Stern-Gesprächs im Januar 1965, als sich Hochhuth und Irving das erste Mal trafen. Hochhuth kannte den „Untergang Dresdens“ und konnte einige Anregungen für „Soldaten“ daraus gewinnen. Wenn es später so gut wie durchgehend (von Martin Broszat anno 1977 bis zur Wikipedia) heisst, Hochhuth wäre den Thesen Irvings zur Sikorski-Ermordung aufgesessen (1967 unter dem Namen „Accident“ veröffentlicht), dann ist trotzdem das Gegenteil der Fall: Die Idee kam von Hochhuth.

Scheinbar freundeten die beiden sich schnell an, arbeiteten jedenfalls recht zügig zusammen an den Recherchen zu „Soldaten“. Irving entdeckte beispielsweise im Kalender des Gouverneurs von Gibraltar, MacFarlane, eine Notiz, die darauf hindeutete, dass der britische Geheimdienstoffizier Sweet-Escott am Tag des Absturzes (4. Juli) in Gibraltar weilte. Dieser stritt das ab (er machte sich seiner Biografie zufolge am 3. Juli von England aus auf den Weg nach Algiers, wo er am 5. Juli ankam…), Irving warnte aber nach eigener Aussage Hochhuth davor, diesen Namen zu nennen. Dieser schlug die Warnung jedoch in den Wind und veröffentlichte eine entsprechende Passage auch in dem Spiegel-Beitrag, was prompt zu einer Klage und Verurteilung des Spiegel führte. Später wurde die Kalendereintragung als „Swear Carrara“ gedeutet.

Vielleicht empfand Hochhuth eine Art freundschaftliche Treuepflicht gegenüber Irving, der sich – nicht ganz unbegründet – seit seiner Assoziierung  mit dem Dramatiker und der gemeinsamen Sikorski-Arbeit in Grossbritannien einer Kampagne des Establishments ausgesetzt sah. So verfügte der Sunday Telegraph 1969 in einem Redaktions-Memo, dass Irving nicht mehr wie bisher als Historiker, sondern als Autor zu bezeichnen sei.

Irving behauptet weiter, dass der schon erwähnte Carlos Thompson direkt von den Churchills, namentlich dem Sohn Randolph, auf ihn und Hochhuth angesetzt wurde, Ergebnis sei das 1969 erschienene Buch The Assassination of Winston Churchill. Thompson war, neben Irving, Kenneth Tynan und dem Piloten Prchal auch zu einer Fernsehsendung im Dezember 1968 eingeladen – die englische Presse war zur Zeit der Londoner Premiere verständlicherweise sehr interessiert an dem Thema. Der Gastgeber der Sendung, David Frost, sollte es später mit seinen Nixon-Interviews sogar auf die Kinoleinwand schaffen.

Die Sendung selbst sah Irving als Teil der Verschwörung gegen ihn und Hochhuth, Hauptgegner blieb aber weiter Thompson. Angeblich entschuldigte sich seine Frau, Lili Palmer, persönlich bei Hochhuth für dessen Verhalten. Er trat über zehn Jahre später, 1981, wieder in Kontakt mit Irving und Hochhuth, bzw. dessen Mutter, der er angeblich erzählte, dass ihr Sohn ein von der SED bezahlter Agent sei. Irving berichtet auch, dass ein ähnlicher Verdacht zur Zeit der „Soldaten“-Premiere und der Turbulenzen darum im Lager ihrer Gegner auftauchte: Moskau steckte hinter dem Stück und würde den beiden finanzielle Unterstützung leisten.

Interessanterweise „enthüllte“ 2007 der dreissig Jahre zuvor in die USA geflohene rumänische Securitate-General Pacepa, dass Hochhuths „Stellvertreter“ Teil einer Geheimdienstaktion namens Seat 12 war, gesteuert aus Moskau und gerichtet gegen den Vatikan. Hochhuth stritt dies in einem Spiegel-Gespräch natürlich ab: Warum hätten die östlichen Geheimdienste ihre Papiere einem jungen Mann in Gütersloh zustecken sollen, der noch nie zuvor ein Wort publiziert hatte? Das ist absurd. (Absurd, sagt er. Stimmt nicht sagt er nicht…). Sowohl Irving als auch – deutlich drastischer – Thompson berichten von Hochhuths genereller Furcht vor der Verfolgung durch Geheimdienste.

Wenn Irving behauptet, er hätte den Historikerstreit ausgelöst, dann ist das natürlich maßlos übertrieben. Dennoch spielte er darin eine Rolle – er trat generell bis in die 1980er Jahre sehr oft in der deutschen Öffentlichkeit in Erscheinung, wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus ging. Mindestens bis 1977, bis zur Veröffentlichung von „Hitlers War“ galt er als halbwegs seriöser Historiker, der ein Händchen dafür hat, Menschen aus dem engsten Kreis der NS-Führung zum Reden zu bringen. Dabei spielte Irving schon sehr früh – als Verfasser profaschistischer „satirischer“ Texte seiner College-Zeitung – mit dem Feuer (sein Bruder meinte, Irving treibe allein die Lust an der Provokation).

Aufgrund der These, Hitler hätte mindestens ein Jahr lang nichts von der industriellen Vernichtung der Juden im Osten gewusst, da Himmler diese hinter seinem Rücken vorantrieb und es keine schriftlichen Zeugnisse aus Hitlers Hand dazu gäbe, kam es zum Bruch mit seinem deutschen Verleger Ullstein. Martin Broszat widmete Irvings Thesen 1977 einen ganzen Aufsatz in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte (Vierteljahreshefte 4/77: Hitler und die Genesis der Endlösung. Aus Anlass der Thesen von David Irving) – verfemt und nicht ernstgenommen sieht anders aus.

Als der Stern 1983 auf einer Pressekonferenz seine Hitler-Tagebücher präsentierte, war Irving als Abgesandter der Bild vor Ort. Er kannte die Sammlung, aus der sie stammten und verkündete lautstark, dass es sich um Fälschungen handelt. Das war sein Element: Etablierten Historikern ihr eigenes Versagen vorwerfen, sie der Ungenauigkeit und handwerklicher Fehler zu überführen. Allerdings änderte Irving seine Meinung zu den Hitler-Tagebüchern, vielleicht auch, weil sie seine Thesen stützten. So kam es zu dem Bonmot eines Reporters, der auf Irving Aussage, er wäre der erste gewesen, der die Tagebücher für eine Fälschung hielt, entgegnete: Ja, aber auch der letzte, der sie für echt hielt!

Der nächste Absturz kam Mitte der 80er Jahre, als Irving Gerhard Freys Einladung annahm, vor dessen DVU-Publikum Vorträge über Rommel zu halten, obwohl ihn sein Verleger Albrecht Knaus eindringlich davor gewarnt hatte. Doch noch 1985 wollte der spätere Kulturstaatsminister und damalige Rowohlt-Chef Naumann unbedingt Irvings Churchill-Biografie verlegen. Endgültig auf dem Tiefpunkt jeglichen Niveaus angekommen war er schliesslich, als er 1989 den Leuchter-Report in Großbritannien herausgab und mit einem Vorwort versah. Trotzdem setzten sich 1996, als Irvings Goebbels-Biografie wegen verschiedener Boykottaufrufe vom Verlag zurückgezogen wurde, Intellektuelle wie Noam Chomsky oder Pierre Vidal-Naquet für ihn ein. Irving besiegelte sein Schicksal schliesslich selbst, indem er Ende der 1990er eine Verleumdungsklage gegen Deborah Lipstadt und ihren Verlag Penguin Books anstrengte – sie bezeichnete ihn als einen der Hauptprotagonisten der Holocaustleugner-Szene. Der Sachverständige Richard Evans wies ihm unzählige absichtsvolle Fälschungen nach und bereitete seinen Bericht zu einem eindrucksvollen Buch (Lying About Hitler: History, Holocaust, And The David Irving Trial) auf, für die FAZ berichtete Eva Menasse ausführlich vom Prozess. Ihre Beobachtungen sind im Buch „Der Holocaust vor Gericht – Der Prozeß um David Irving“ zusammengefasst.

Während sich, bei aller Kritik, lange Zeit die Meinung hielt, Irving wäre zumindest ein guter Quellenarbeiter (er hat, das sollte nicht vergessen werden, viele seiner Unterlagen anderen Forschern zugänglich gemacht, einiges davon lagert – jetzt für ihn unerreichbar – als Schenkung im Münchener Institut für Zeitgeschichte oder im Bundesarchiv), stellte Evans ein vernichtendes Urteil aus:

Irving is essentially an ideologue who uses history for his own political purposes; he is not primarily concerned with discovering and interpreting what happened in the past, he is concerned merely to give a selective and tendentious account of it in order to further his own ideological ends in the present. The true historian’s primary concern, however, is with the past. That is why, in the end, Irving is not a historian.

Bis zu Irvings Einreiseverbot in die Bundesrepublik 1993 unterhielten er und Hochhuth regen Kontakt. Irving begleitete die Hochhuths zur Berliner Soldaten-Premiere und besuchte auch die englischsprachige Uraufführung in Kanada. Hochhuth nahm Irving mit zu Jaspers, dieser revanchierte sich und lud den Dramatiker zu Treffen mit Arno Breker oder einer der Sekretärinnen Hitlers ein. Der Brite berichtet, wie er auf Initiative Hochhuths für die deutsche Penthouse-Ausgabe ein Interview mit Edward Teller führte.

Ohne Zweifel waren Hochhuth die verqueren Ansichten seines Freundes bekannt. Golo Mann machte ihm dies immer wieder zum Vorwurf, schliesslich war die Freundschaft zu Irving einer der Gründe, warum der Kontakt zwischen Mann und Hochhuth abbrach (neben Manns Rechtsrutsch, der Filbinger verteidigte und Diwald positiv besprach. Vgl. der Bund, s.o.). Hochhuth führte Mann gegenüber aus, wie oft er öffentlich Irvings Thesen widersprochen habe, Freunde seien sie trotzdem: nur ich nehme ihn in diesem Punkt nicht ernst und sage ihm das ins Gesicht und öffentlich.

Es ist möglich, wenn auch schwer vorstellbar, mit einem Holocaustleugner befreundet zu sein, ohne selbst einer zu werden. Nur weil man bestimmten Medien Interviews gibt, macht man sich noch nicht deren Ideologie zu eigen. Es ist aber nicht klug – the medium is the message – und man gerät in Gefahr, zum Steigbügelhalter solcher Ideologien zu werden.

Finale

Die fünfzig Jahre sind für Hochhuths Schweizer Banktresor so gut wie abgelaufen – allerdings hat er diesen scheinbar schon vorzeitig aufgelöst. Von dem englischen Gentleman war jetzt keine Rede mehr, dafür aber von der Ehefrau des Hochhuth’schen Verlegers: Jane Ledig-Rowohlt soll im Zweiten Weltkrieg für den britischen Geheimdienst tätig gewesen sein und äußerte gegenüber Hochhuth: Es ist hundertprozentig sicher, ich kenne jemanden sehr gut, der persönlich deswegen zu Churchill musste. Churchill war furchtbar niedergeschlagen, aber er habe keine Wahl. Seine Aussage, dass in fünfzig Jahren keiner mehr daran zweifeln wird, daß Sikorski von Whitehall ermordet werden mußte, hat sich nicht bewahrheitet, der Absturz gilt weiterhin als nicht aufgeklärt, trotz neuer Untersuchungen der Polnischen Behörden (die bei ihren Ermittlungen auch Hochhuth befragten). Zuletzt machte eine arte-Dokumentation aus dem Jahr 2011 zum Thema von sich reden, ansonsten herrscht Schweigen.

Den Bogen schliessend zu dem Müller-Jebsen-Interview und der aktuellen Querfront-Thematik (zu der an vielen Stellen schon viel geschrieben steht) kann gesagt werden, dass Hochhuth dieses Interview nicht gerade genützt hat. Sichtlich in Panik sprach er in seiner ersten längeren Einlassung im Rahmen des Skandals in der Weltwoche von einer „geistigen Existenztilgung“:  Obwohl ich öffentlich bekannte, dass ich mich für meine senilen Irving-Äusserungen schäme, reiht man mich als Antisemit ein. Eine regelrechte Treibjagd! Die Junge Freiheit dagegen ist inzwischen etabliert und selbst in den Pressedienst des Bundestags aufgenommen – keine Rede mehr davon, sie vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen, die Schmuddelkinder sind längst sowas von angekommen, während Hochhuth merk- und merkwürdiger wird.

Der größte Teil der Recherchen zu diesem Text beruht noch auf meinem Projekt aus dem Jahr 2005, ich habe versucht, die neuen Nachforschungen nicht zu sehr ausufern zu lassen. Es hat nicht ganz geklappt, welch Überraschung. Doch andererseits: Zum Glück! Die letzten Buchstaben waren eigentlich schon getippt, da kam ich plötzlich auf den Gedanken, doch mal – zum krönenden Abschluss und Ausklang dieses Kapitels – auf Youtube ein wenig nach Hochhuth zu stöbern. (Sola scriptura, eine altbekannte Historikerkrankheit.)

Und siehe da: Dort findet sich der zitierte Hochhuth-Kongress in Weimar in aller Ausführlichkeit, diverse Interviews und Fernsehauftritte und  –  ein Compact-Podium von 2011, bei dem Hochhuth stolz und ausführlich von Elsässer präsentiert vorgeführt wird (und das Trauerspiel dreht sich – natürlich! – um Churchill und Hitler und Elser…und natürlich lässt es sich Elsässer nicht nehmen, ihn auf Irving anzusprechen  – das JF-Interview ist längst nicht so platt wie dieses – und natürlich windet sich Hochhuth, lobt viel, redet sich um Kopf und Kragen, sagt aber auch zu Irvings 77er Hitler-Buch als Zäsur: Dann ist ihm das zugestossen, was der Stefan Zweig in seiner Biografie Die Welt von gestern beschrieben hat, was mir mit Churchill passiert ist (!) – man kann nicht umhin, sich in seinen Helden zu verlieben. ).

Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich den ganzen Spass vielleicht gleich ganz gelassen. In diesem Sinne lässt sich die fatale (und hoffentlich überspitzte) Frage stellen, wie viele Jahre vergehen werden, bis die Nachdenkseiten auf dem zwischentag vertreten seien werden. Trotzdem: Hochhuth ist weiterhin relevant; es gibt wirklich weitaus Schlimmeres und Belangloseres zu lesen. (Ich nehm mir jetzt Wessis in Weimar vor – aus aktuellem Anlass, könnte man fast meinen.) Und auch trotzdem gilt, was Eva Menasse schrieb: Rolf Hochhuth ist ein alter, aufgeregter, wirrköpfiger und unbesonnener Mann. Der aus der Vergangenheit kommt und sich in der Gegenwart scheinbar nicht mehr zurecht findet. Mal sehen, was die Zukunft bringt.

[a] Alle Zitate aus „Soldaten“ nach der Rowohlt-Erstauflage von 1967 (So auch jenes ganz am Anfang des Textes, S.104). Das Zitat an dieser Stelle stammt aus dem Interview, siehe unten, 2.Akt.

[b] Das fragliche Interview verlinke ich hier nicht direkt, wer es an der Quelle lesen will, das lässt sich sehr leicht finden. Es gibt allerdings auch eine Spiegelung auf indymedia 😉

[c] Alle Äußerungen D. Irvings, wenn nicht anders vermerkt, sind seiner umfangreichen Homepage entnommen, die hier nicht verlinkt wird. Sie lässt sich nicht ganz so leicht mit einer Suchmaschine finden, aber in Liechtenstein gibt es ja auch Google.

[Nein, das ist nicht mein längster Blogtext. Er hat aber ziemlich lange gebraucht, zugegeben, und einiges musste im Zuge dessen auf der Strecke bleiben. Was mit der Linksammlung passiert ist? Würde mich wundern, wenn die in diesem Jahr noch kommt…]

[Über den 2005er Recherchen fand ich ein Textfragment, das ich hier einfach mal in Rohform ans Ende setze. Passt irgendwie immer noch:

der autor zog den stecker seines laptops heraus, packte alles ordnungsgemäß in die tasche und verschwand für das nächste halbe jahr ans andere ende der welt. dorthin, wo er sich sicher sein konnte, keine informationen mehr zu bekommen.

er las sich all das durch, was er im zuge seiner hochhuth-irving-chomsky -recherche gesammelt hatte. er las es sich durch und schrieb ein buch darüber.

nachdem er all die fakten abgehandelt hatte, nachdem ihm all die widersprüchlichkeiten auffielen, kam er zu dem schluss, dass er in einer vollkommen illusionierten welt lebte. er berief sich auf robert capa, die tanger-connection und hunter thompson. er gab als parole aus, die wirklichkeit zu verachten.

in seinem nächsten bahnbrechenden erfolg legte er die grundlagen der diktatur der statistik dar, unterhaltsam beschrieben anhand der durch 5041 personen diktierten tv-einschaltquote.

seitdem wird behauptet, er säße irgendwo in einer irrenanstalt. er selbst verkündete in einem abschiedsbrief, er sei on the road to]

Meine Kriege, unsere Kriege

05.05.14

Ach was, von wegen friedliche Zeiten:
Dummes Zeug von Menschen, die es besser wissen müssten.
Beschwören ihr Europa, hat ja so viel Frieden gebracht
und garantiert.

Als ich ankam in diesem Europa,
rüstete es sich gerade zum Einmarsch
zusammen mit dem großen Bruder
Leader of the free world
um die Wiege der Zivilisation
platt zu machen.

Aber das war ja weit weg.
Und trotzdem gingen wir auf die Strasse
statt in die Kasernen.

Ein paar Jahre Ruhe
und Ernüchterung später
tobten die Gräuel dort
wo ich als Kind glaubte,
das Paradies auf Erden
gefunden zu haben.

Jetzt rückten einige von uns
in die Kasernen ein: zivilisiert –haha!-
in ordentlichen Uniformen.
Arbeitsplatz sicher bis zum Tod,
Karrierechancen immerhin,
sowas wächst in der Provinz
nicht auf den Bäumen.
Andere zogen eher verwegen,
verschlagen  und verblendet
in die Schlacht,
als Handlanger und Handschar
der jeweiligen Nationalisten.

Eine bahnbrechende Wahl später
eröffneten dann die regierenden Friedensaktivisten
– wer waren denn die Guten, wenn nicht sie! –
drei Ecken weiter das nächste Gemetzel.
Begründung: Auschwitz.

Für einen weiteren Krieg reichte der Atem noch:
Wegen der Solidarität, wir waren jetzt schliesslich
alle Amerikaner.
Der nächste wurde dann aber ausgelassen,
wegen der Wahlen, und ausserdem
waren wir da doch schon mal.

Seitdem ist die Lage unübersichtlich,
erst wurde mit implodierenden Banken geschossen,
die in Europas Süden verwüstete Schlachtfelder hinterliessen.
Doch nun endlich wird auch wieder Platz gemacht
in den Munitionsdepots der Militärs,
um dem Russen zu zeigen,
was so eine richtige Harke ist.
Mitten im ach so friedlichen Europa.

Derweil gibt es immer mehr von denen,
die den Krieg erlebt, gesehen, erkannt.
Zurückgekehrt mit einer neuen Diagnose
für den alten Wahnsinn, dem man verfällt,
der einen schüttelt, für Jahre die Sprache
oder den Verstand raubt.

Weil das Töten so leicht und distanziert geworden ist,
wird es Zeit, dass denen,
die begeistert in den Krieg ziehen
oder andere hineintreiben
dieser Krieg entgegenkommt
und sie mal in ihren eigenen vier Wänden
besucht.

Seit Wochen rollen die Panzer
nun mitten durch Europa,
oder brennen aus, weil zu allem
Überfluss da genügend Leute
mit Panzerfäusten rumlaufen.

Seit fünfzig Jahren Garant
für Frieden und Sicherheit
my ass!

Vor 25 Jahren

Vom Heimatdichter aus dem wendischen Nachbardorf meiner Kindheit habe ich früh gelernt, empfindlich uff die Wörter zu sein. Später waren es dann Klemperer, Orwell und zuletzt die Tagebücher Friedrich Kellners: Immer wieder zeigte sich, wie manipulativ Sprache verwendet werden kann. Und wird.

Der 17. Oktober 1989 war in dieser Hinsicht ein historischer Tag. Der denkwürdige 40. Republikgeburtstag (mit Gorbi im Palast und dem Volk davor) war gerade erst zehn Tage her – doch es sollte der letzte gewesen sein, nicht umsonst wurde der Tag der Deutschen Einheit bewusst auf ein Datum vor dem 7. Oktober 1990 gelegt. Das eigentliche bedeutende Ereignis dieses Tages – und das ist ebenso bemerkenswert – spielt in der kollektiven Erinnerung allerdings kaum noch eine Rolle: Das Zentralkomitee der SED trat zu seiner 9. Tagung zusammen und Erich Honecker zurück. Dass er beim Vortrag seiner Rücktrittserklärung zum Schluss seinen Namen mit vorliest, spricht allein schon Bände.

Anschliessend wird Egon Krenz zum Nachfolger Honeckers gewählt und hält sein 59-minütiges Antrittsreferat mit dem Titel Aktuelle politische Lage und Aufgaben der Partei*:

Wir schöpfen unsere Zuversicht aus dem unbestreitbaren gesellschaftlichen Fortschritt, den unser Volk und die Völker der Bruderländer – bei allem, was noch zu vollbringen ist – in historisch kurzer Zeitspanne errungen haben. Dieses Wissen und das Geschaffene geben uns die unerschütterliche Gewißheit, auch den Herausforderungen des kommenden Jahrzehnts gewachsen zu sein.

Die erste Voraussetzung dafür ist (allerdings) eine reale Einschätzung der Lage. Fest steht, wir haben in den vergangenen Monaten die gesellschaftliche Entwicklung in unserem Lande in ihrem Wesen nicht real genug eingeschätzt und nicht rechtzeitig die richtigen Schlußfolgerungen gezogen. Mit dem heutigen Tag werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wiedererlangen.

Wäre es aufgefallen, wenn ich es nicht gefettet hätte? Genau da kommt er her, der Begriff Wende. Unglücklich gewählt für die spätere Verwendung, aber in dieser Unglücklichkeit und dem Scheitern, sowohl des Krenz’schen Vorhabens als auch der Sache insgesamt, eigentlich die perfekte Wahl. Ich versuche trotzdem, das Wort so gut es geht zu vermeiden. Denn es stellt sich – wahrscheinlich nicht einmal (immer) mit Absicht, sondern weil es so bequem im Mund liegt – vor die viel passendere Revolution. Die wird ja meist noch mit einem erklärenden Zusatz versehen, und bis man friedliche Revolution gesagt hat, ist der Schalter für die Bahnsteigkarten längst geschlossen.

Während man also Wende sagt, summt es dazu im Kopf zur Blumfeld-Melodie Lass uns nicht von Revolution reden, ich weiss gar nicht, wie das gehen soll… Doch noch ein weiterer Grund spricht gegen diesen Begriff, und das ist die Tradition vor Krenz: Die geistig-moralische Wende des Helmut Kohl. Nicht nur eine Parallele in der Wortwahl, sondern auch bei dem, was hinten rauskam: Ein Rohrkrepierer allererster Güte.

 

* Quellen/Dokumente:

– Bundesarchiv/BStU: Dokumente zur 9. Tagung des ZK der SED am 18. Oktober 1989, Büro Egon Krenz. (Für Komplettansicht auf die einzelnen Ausschnitte klicken)

– Bundesarchiv: Tonmitschnitt der 9. Tagung des ZK der SED (TonY 1/1463). Besonders interessant die verschiedenen Diskussionsbeiträge ab ca. 1h 10min, durch die klar wird, wie kritisch die Lage war

– dazu: Zeitprotokoll der einzelnen Punkte.

2+4 Chronik zum 18.10.1989: Aus den Krenz-Erinnerungen/Kohl empfängt Andreotti

Tagesschau – Nachbericht am 19.10.1989

Schabowski zu Honeckers Absetzung

(ot: Und ich hatte noch versprochen, die Geschichten aus dem alten Heimatdorf zu erzählen. Das würde ich gerne noch einlösen.)

Was von Hamburg übrig blieb: We are following you, but not on Twitter*

(via)

Ich werde durch einen schmalen Spalt gezerrt. Das massive Stahltor – eines von so vielen in dieser Stadt, an denen man achtlos vorbeigeht und sich nie fragt, was sich wohl dahinter verbirgt – bewegte sich kurz davor wie von Geisterhand gesteuert um dreissig oder vierzig Zentimeter nach rechts, gerade breit genug, um nacheinander durch die Öffnung hindurchzuschlüpfen. Oder gestossen zu werden.

„Bitte kommen Sie mit, zur Klärung eines Sachverhalts!“ sagte die zierliche Frau, bevor sie mich am Arm packte und in eine kleine Nebenstrasse manövrierte, Richtung Stahltor, wie ich jetzt weiss. Berlin Mitte, es ist der 11. Oktober 2014, vielleicht halb elf abends, die Nacht liegt dunkel und nasskalt über der Stadt. Oder war es doch schon Wedding? Ich habe die Orientierung verloren, kein Wunder, so wie ich in den letzten Stunden durch die Stadt geirrt bin.

Schweigend gehen wir nebeneinander die Auffahrt hinunter. Meine Frage nach dem Wohin wurde mit einem spöttischen Lächeln ignoriert, also werde ich keine weiteren Kommunikationsversuche unternehmen, denke ich mir. Schweigen ist Gold. Das Tor schliesst sich hinter uns und die Frau lässt jetzt wenigstens meinen Arm los. Unten angekommen werden wir von einer weiteren Person empfangen: strenger Blick, der Griff nach meinem Rucksack. Wir befinden uns in einem Krematorium.

Wenige Augenblicke zuvor, als wir auf das sich öffnende Tor zusteuerten, brüllte noch jemand von der Strassenecke ein paar Meter weiter: „Was ist das denn für eine Scheisse, Verfassungschutz oder was? Fangt ihr die Leute jetzt schon von der Strasse weg oder wie?!“ Wohl eine der wenigen nicht kalkulierbaren Aktionen an diesem Abend, aber es machte nichts, es war nur ein einsamer Rufer. Ich hatte keine Zeit, mich umzudrehen, sein Gesicht zu erkennen oder einen Hilferuf abzusetzen. Ich war schon längst in den weissgekachelten Räumen.

Noch vor einer Stunde hatte ich Angst, meinen Kontakt zu verpassen. Ich wartete an der Tram-Schleife vor dem Jahn-Stadion auf einen Anruf, doch das Feuerwerk dort war so laut, dass ich fürchtete, das Klingeln des Telefons nicht zu hören. Nur wenige Minuten später war mir jedoch klar, dass Sie mich im Blick haben, ständig. „Warten Sie, bis der Mann in der schwarzen Jacke aufsteht, dann dürfen Sie weitergehen.“ sagte die Stimme am Telefon.

Es war nicht weit entfernt von einem relativ belebten Platz, als die kleine Frau meinen Oberarm ergriff. Irgendein türkisches Fest wurde dort gefeiert, Kinder standen in einem Kreis und tanzten, die Erwachsenen klatschten den Rhythmus dazu. Die Lichter der Spielotheken, Kneipen und Spätis beleuchteten die breite Strasseneinmündung; kein Zwielicht, nichts, wovor man Angst haben müsste, eigentlich. Ich war gerade dabei, das Vermissten-Plakat mit dem Antlitz von Murat Kurnaz, das an einem Stromverteilerkasten hing, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, im Begriff, es abzureissen, auf der Suche nach einem Hinweis. Ich dachte, das wäre mein Auftrag gewesen. Dann der Griff, das Tor, der Spalt und die Kacheln.

Inzwischen sitze ich auf einem unbequemen Hocker in einem langen, schlauchigen Raum. Vor mir ein Schreibtisch, darauf ein Stapel Papier und eine Lampe, die mich blendet. In meinem Rücken wäscht sich die zierliche Frau gerade die Hände, dann raschelt etwas. Eine Tüte? Für meinen Kopf? Ich will mich nicht umdrehen, sondern mustere lieber so unauffällig wie möglich meine unmittelbare Umgebung.

So oft habe ich darüber gelesen, und immer wieder hiess es: Anna und Arthur halten das Maul. Nach allem, was ich an diesem Abend erlebt habe, scheint mir das auch die beste Lösung zu sein: Keine Spielchen spielen, kein Kräftemessen mit der älteren Frau, die mir, inzwischen auf dem viel bequemeren Stuhl auf der anderen Seite des Tisches sitzend, schweigend in die Augen starrt. Stattdessen versuche ich, das „Kein offenes Feuer“-Schild zu fixieren, das ein paar Zentimeter über ihrem Kopf an der Wand hinter ihr auf den weissen Kacheln klebt, möglichst unverkrampft. Was folgt, ist das grelle Licht. Und Schweigen: Ihres und meines.

Ich beginne, Kacheln zu zählen und Szenarien durchzuspielen. Auf dem Tisch liegt meine Akte, eine stumme Anklage, doch sie genügt vollkommen, bedarf keiner Worte. Ich bemerke, dass eines der Oberlichter in dem langen, schmalen Raum blank liegt, seine Verkleidung heruntergeklappt wurde. Die zwei Neonröhren, auf halbem Weg zwischen mir und dem Schreibtisch an der Decke hängend, scheinen selbst ausgeschaltet angriffslustig in meine Richtung zu zwinkern. Schräg hinter mir höre ich auf einmal Wasser tropfen.

***

Als ich mit dem Freund und Mitbewohner auf der Suche nach ein oder zwei OZ we miss you-Stickern für unseren Kreuzberger Kühlschrank durch Hamburgs Straßen lief, erzählte er mir von einer Idee für das folgende Wochenende: Sie würden beide nach Berlin kommen und es gäbe da ein Projekt von ihren Münchener Leuten, das ziemlich aufregend und spannend klang. Und das mich letztendlich auf den unbequemen Hocker in dem stillgelegten Krematorium gebracht hat.

Nachdem ich dort ungefähr 15 Minuten hin und herrutschte und mit den Händen rang (meine Variante des Vorhabens, keine Nervosität zu zeigen), hörte ich hinter mir die Tür klappen. „Okay, es ist vorbei. Du bist erlöst, S. ist schon hier und wartet nebenan auf dich, A. braucht noch eine dreiviertel Stunde, ungefähr.“ Die Stimme gehörte Christiane Mudra, und es war mein Schlusssatz in ihrem  Überwachungsexperiment YoUturn.

Sie und ihr Team haben mich in den gut zwei Stunden davor quer durch Mitte und Wedding gelotst – eine von mehreren möglichen Routen, in meinem Fall auf den Spuren der deutsch-deutschen Teilung und ihrer Konsequenzen.

Anfangs glich es einer Schnitzeljagd: In Mauerspalten oder unter Weinranken galt es, verborgene Botschaften zu finden. Neben dem Hinweis auf das nächste Versteck befand sich auch immer eine Stasi-Akte, ein NSA-Dossier oder ein Vernehmungsprotokoll in den Unterlagen. Während man sich von Station zu Station vorarbeitete, dabei das Papier in der Hand, die Informationen überfliegend, kam immer mehr ein Gefühl von Gehetztsein auf. Dazu dann noch die Anrufe, die einen durch die Stadt dirigierten und Anweisungen gaben: „Spielen Sie jetzt Track 3 ab!“ Oder der erschütternde Brief einer Mutter, deren Sohn von der Stasi umgebracht wurde, weil die Eltern ausreisen wollten. Handgeschrieben, mit einer Blume auf dem Gedenkstein an der Bernauer Strasse abgelegt. Spätestens, als ich zögerte, ihn von dort wegzunehmen – das musste ja meine Botschaft sein – begann es, ernst zu werden; begann ich, mich darauf einzulassen.

Nach ungefähr einer halben Stunde war der Kloss im Hals verschwunden, der Druck auf der Brust konnte mit großen Schlucken aus der Augustiner-Flasche bekämpft werden (richtig verschwunden war er aber erst am nächsten Morgen). Bis die letzten „Zuschauer“ angekommen waren und wir die gelungene, von uns allen für großartig befundene Vorstellung feiern konnten, war noch etwas Zeit für die Dokumentation des Stückes: Aufgebaut neben dem improvisierten Verhörraum, stilgerecht dort untergebracht, wo man nun mal die Leichen im Keller hat – im Kühlraum des Krematoriums, gegenüber der Wand mit den Reihen quadratischer Türen, die allerdings alle verschlossen waren.

Später, in irgendeiner Weddinger Kneipe, wurde noch viel über das Stück, dessen Entstehung, die hunderten geführten Interviews und die verschiedenen Erfahrungen damit in München, Potsdam oder eben jetzt in Berlin geredet. Natürlich gab es dabei auch immer unverhofft komische Situationen, etwa, als die Akteure in einen Polizeiaufmarsch gerieten und das Ganze für Kulisse hielten. Oft waren die Erlebnisse aber erschreckend: Wie einfach man Menschen von der Bildfläche verschwinden lassen kann, am helllichten Tag. Wie wenig Einsicht es gibt – damals ja … aber jetzt doch nicht, nicht bei uns… Viel zu selten regt sich Widerstand.

Hoffnung? Nun ja, eine ganze Weile nach dem Ende des Stückes kamen wir nochmal auf meine „Verhaftung“ zu sprechen. Bis dahin hatte ich fest angenommen, der einsame Rufer gehörte zur Crew. War aber gar nicht so. Immerhin…

 

 

 

* Auf die Überschrift bin ich natürlich nicht von alleine gekommen….

Recht hat er…

…der Kiezneurotiker. Und Felix Schwenzel auch. Und ihnen wird Gehör geschenkt, und dann wird wieder auf die Leute gehört, die auf sie hörten. Und dann … ist irgendwann das Internet voll mit von Hand kuratierten Linklisten. Da kann ich natürlich nicht aussen vor bleiben, die letzte Linkammlung hier ist ja auch schon eine ganze Weile her.

Nun dauerte das Durchforsten der abgelegten Lesezeichen mal wieder besonders lange: Alles nochmal lesen, abwägen, ob es sich lohnt und/oder sich thematisch überhaupt einfügen lässt in das Gesamtkunstwerk Linkliste – und nicht zuletzt nachschauen, ob man diesen oder jenen Inhalt nicht schon einmal verwurstet hatte. Da sich also einiges angesammelt hat im Laufe der Zeit gibt es jetzt sogar – trommelwirbel – Kategorien:

Sachen, die wahrscheinlich eh schon jeder kennt, die es aber wert sind, bis ins Unendliche verlinkt zu werden

Ein Musikvideo, gleich zum Anfang. Um die Stimmung aufzulockern, es für die kommende, vielleicht schwere Kost der Textlinks leichter erträglich zu machen? Eher nicht, obwohl dieses Video durchaus gute Laune machen kann. Also – ich hatte vor einiger Zeit in den Kommentaren schon mal auf den Song „Der Tag wird kommen“ von Marcus Wiebusch hingewiesen. (Standardfloskel: Früher war der viel besser). Jetzt ist das Video dazu da, mit 30.000 Crowdfunding-Euros gedreht, wenn ich das richtig verstanden habe. (Wobei es auch wieder komisch ist, kurz vorher eine Summer of the 90’s-Doku auf arte gesehen zu haben, in der es um die Millionenbudgets für die Clips damals ging) Das Ergebnis kann sich sehen lassen, ganz gut gemacht, schönes Konzept, wie ich finde:

Dazu noch ein paar kurze Anmerkungen: Das Video zeigt sehr schön, dass das Internet nicht gut oder böse, sondern mindestens beides ist (ich mag diese Kategorien ja sowieso nicht besonders). Einerseits: Das crowdfunding, das in diesem Falle geklappt hat. Andererseits: Die schamlosen homophoben Kommentare darunter. Es gibt also noch einiges zu tun und zeigt, wie nötig dieser Song (und dieses Video) sind. Ob es was bringt? Nun, meine Kristallkugel ist gerade nicht griffbereit und auch ansonsten bin ich ja eher ein Pessimist. Trotzdem sollte man es natürlich immer wieder versuchen. Sisyphos halt. Manchmal klappt es vielleicht sogar. Und wenn nicht, gibt es immer noch tolle Videos.  Dieses hier, um ein weiteres Beispiel zu nennen, zu einem ganz anderen Zweck produziert.

Zum Abschluss und als Überleitung ein letztes Propagandavideo, dessen Anliegen ebenfalls nicht oft genug betont werden kann:

hard stuff

Hier scheint es also so, als ob der Protest etwas bewirkt hätte. Nur: Aaron Swartz hat sich aufgehängt. Das klingt nicht nach einem Sieg. Scheitern ist immer möglich. Womit wir schon beim nächsten Thema wären: Durch Robin Williams‘ Abschied wurde  mal wieder anderthalb Tage lang über Depression und Suizid gesprochen. Für Andreas Biermann ist in den Tagesthemen niemand auf den Tisch geklettert, doch auch er hat seinen Kampf verloren. Denn genau so sehe ich das: Es ist ein Kampf, viele schaffen es, wenigstens ein Unentschieden rauszuholen, aber es kann durchaus auch schiefgehen, wenn die Dunkle Fee (die dir den einen Wunsch erfüllen kann) plötzlich aus dem Hinterhalt einen Überraschungsangriff startet. Ich würde jedenfalls in diesen anderthalb Tagen, die alle Jahre wiederkehren, gerne mehr komplexere Beiträge lesen anstatt – wie allzu oft – immer nur den Verweis auf den Werther-Effekt, damit kann ich nämlich eher wenig anfangen. Immerhin besser als die Abscheulichkeiten der Presse anlässlich des Suizids von Virginia Woolf. Letztlich muss das jeder mit sich selbst ausfechten: Der, der gehen will, und die, die übrig bleiben. Beides beschissene Situationen. Und bisher ging es ja nur und unzulässigerweise generalisierend um die Themen Depression und Suizid. Das lässt sich natürlich viel breiter auffächern: Intros und Extros, Autismus und so vieles mehr vom Krieg mit sich selbst müsste noch besprochen werden, allein – es fehlt die Zeit und die nächste Kategorie drängelt schon:

Einfach nur tolle Texte … und ein bisschen Literatur

Auch in diese Gefilde soll eine kleine Brücke führen: Der Mythos von Genie und Wahnsinn hält sich ja hartnäckig, wohl nicht ganz ohne Grund. Wenn einem der Wahnsinn bestimmte Filter nimmt, schlägt sich das mitunter in genialen Resultaten nieder. Nachhelfen kann man da – auch aus medizinischen Gründen – mit diversen Drogen. Oder man kauft sich das falsche Steak. Doch sollen die erzählen, die sich damit auskennen: Bei Herbert Volkmann und Andreas Glumm scheint das ohne Zweifel der Fall zu sein.

Mit Letzterem sind wir dann auch schon mitten in den tollen Texten, die sich bei ihm zuhauf finden lassen (sagte ich das bereits?).  Falls man sich je von diesen lösen kann, schlage ich vor, die Reise von Glumms Solingen in Richtung Thorges Hamburg fortzusetzen, sozusagen. Erst zu einem aus den Fugen geratenene Konzert der Beginner, dann dorthin, wo Berlin und Hamburg sich treffen.

Frau Haessys Reise führt dagegen mit dem Zug nach Bonn und Arno Frank verbrachte seine halbe Jugend auf einer Irrfahrt quer durch Europa. Auf Wirre Welt Berlin ist der Weg nicht ganz so weit, er führt lediglich das Treppenhaus runter in den Hof, spätnachts, weil es brennt. Stephanie Bart hat es da schon schwerer, eine Rikscha schiebend auf dem Oktoberfest.

Bei Nilzenburgers Geschichte zu Boris Becker spielt das Oktoberfest erstaunlicherweise keine Rolle, dafür führt er den Vorruf ein: Erlebnisse, die ich mit Persönlichkeiten hatte, die man vielleicht (mich eingeschlossen) ganz anders eingeschätzt hat. Fun Fact am Rande:  Für diese Rubrik fiel mir zuerst ein Erlebnis mit Frank Zander ein. Könnt ich wirklich mal aufschreiben, dachte ich. Dann las ich den ersten Kommentar…

Der Literaturbetrieb, der etablierte, der sich etwa bei dem Berliner Literaturfestival gerade selbst feiert (oder betrauert) ist ja vor allem auch durch Preise, Stipendien und Wettbewerbe gekennzeichnet. Tante Jay hat einen preisverdächtigen Text darüber geschrieben, wie man einen Literaturpreis erringt.

Distinktion ist hierzulande in dieser Branche ja besonders wichtig, das U&E sozusagen. Da wäre es natürlich vermessen, Literatur mit Fussballspielberichterstattung oder Drehbuchschreiben in Verbindung zu bringen und gar zu empfehlen, voneinander zu lernen. Deshalb lieber schnell zurück ins sichere Unterholz der anerkannten, weil kanonisierten und ordentlich gealterten Literatur. Zu der gehört inzwischen ohne Zweifel die sogenannte Beatliteratur, auch wenn man ehedem ein extra Vokabelverzeichnis dafür benötigte (was mich irgendwie an die alljährlichen Jugendwort-Listen erinnert, ich meine, bitch please, sowas können sich doch auch nur Leute mit Immatrikulationshintergrund ausdenken, oder?).

KGB – so lautet die griffige Ab- und Verkürzung zum Thema Beat. Dass es natürlich mehr als Kerouac, Ginsberg und Burroughs  in diesem Universum gibt, zeigt die Neuköllner Botschaft immer wieder (und demnächst mit einem eigenen Blog dazu). Katja Kullmann weist im Freitag auf die bedeutende, doch leider so gut wie vergessene Rolle von Diane di Prima innerhalb der Beatnik-Szene hin. Doch ganz ohne die namensgebenden Köpfe soll das Kapitel hier auch nicht enden: Holy Soul – eine Geschichte über den alten Allen Ginsberg.

Beobachten der Gedanken beim Entstehen…

…kann auch ein schönes Hobby sein. Jagdgebiete dafür gibt es einige, mein favorisiertes ist allerdings Georg Seeßlens Blog. Waidmanns Heil!

Nachrichten aus der Realität von früher und heute – und aus Berlin

Bevor es hässlich wird, bevor wir mit den Armen bis zum Ellenbogen in der Scheisse rühren, die sich da um uns herum abspielt, noch schnell etwas Nostalgie als Reiseproviant. Einiges erscheint dabei so anders und weit weg, aber: some things never change, Mortimer. Also: Fangen wir an mit einem WDR-Bericht über „Raubkopierer“ aus dem Jahr 1986 – ich erinnere mich noch gut an einige der gezeigten Spiele, und an das ewige Spulen mit dem  Kassettenlaufwerk.

Via Nante Berlin bin ich auf Starsky & Hutch aus dem Prenzlauer Berg, Berlin, Hauptstadt der DDR gestossen (aka Toto und Harry aus Ostberlin). Durchaus interessante Bilder aus dem Jahr 1985:

Nur ein paar Jahre später – genaugenommen knappe vier – und nur ein paar Strassen weiter eröffnet sich eine ganz andere Welt, festgehalten in einem Videodokument mit dem bezeichnenden Titel Kampftrinken Berlin ’89. Dessen Entstehung wird hier und hier näher beschrieben – ein schöner Kontrast zum realsozialistisch-piefigen Vopo-Ostberlin. Gewonnen hat übrigens Wolfgang Hogekamp, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Zehn Jahre nach diesem historischen Ereignis lernte ich Hogekamp als Spoken-Word-Aktivisten beim Bastard-Slam kennen. Inzwischen hat er sich wohl die Bezeichnung Veteran redlich verdient, auch wenn er immer noch aktiv ist.

Die 90er kamen und gingen, ein neues Jahrtausend brach an und in Berlin grölten die Säufer wie eh und je, wahre Poesie. Berlin bleibt eben Berlin, im Guten wie im Schlechten. Wie weit ist denn etwa die Cuvrybrache von Barackia entfernt? Besser wird es jedenfalls nicht, weder in Berlin noch generell, mit der Technik, den Neuen Medien und dem Tonfilm.

Nun denn, wir kommen ja nicht drum herum: Die harte Realität also. In der das Kopfwaschen mittels Eiswasser als große Tat zelebriert wird. Zum Glück ist dazu schon alles gesagt bzw. geschrieben worden. So können wir uns den wichtigen Dingen zuwenden: Irgendwo in diesem Land hingen mal wieder eine Weile lang ununterscheidbare Plakate an Laternenmasten – es waren Wahlen. Die Aktion Doppelstimme hatte leider einen wohl etwas unerwarteten Ausgang und so sitzen demnächst jede Menge sauerkrautfurzender Kartoffelfressen in den Parlamenten. What’s new?! Deren Anhänger natürlich genauso wenig Nazis sind, wie diejenigen, die unpolitischen Rechtsrock hören. Kein Scheiss!

Ansonsten? Der Krieg feiert Geburtstag und allerorten fröhlich Urständ, Volker Strübing macht sich dazu Gedanken und ein paar sehr schöne Collagen. Viel zu selten wird der Empfehlung Klaus Baums Beachtung geschenkt, viel zu wenige versuchen sich in Detailarbeit – aber alle schimpfen auf die Presse, die Lügenpresse, die Propagandapresse, die Systempresse; aus allen Blick- und Schussrichtungen natürlich. Dabei aber immer sicher auf dem Sofa oder vor dem Schreibtisch sitzend, an der Front – dort, wo gestorben, wo elendig verreckt wird –  sind andere, unter ihnen auch Journalisten und Fotografen. Mit ganz viel Glück entstehen dann aus dem Elend ganz großartige Bilder, ein altes Dilemma der Kunst. Oder stumpfe Propagandafilme.

Bei allem berechtigten Journalisten(darsteller)bashing, aber auch in der Blogwelt, in der Alternativen zum Holzmedienjournalismus längst angepackt sind, fehlt es meist an einem wichtigen Aspekt, wie sich auch gerade an den  sehr bedauerlichen Vorgängen rund um Carta zeigt: Die Systemfrage. Bei der landet man über kurz oder lang immer wieder, sorry. Wenn das Ziel Gewinnmaximierung ist, dann ist das eben so, deal with it. Oder kritisiere es, kurz und knackig oder gern auch etwas ausführlicher.

Es ist zum Verzweifeln, keine Frage, da kann man auch schon mal etwas expliziter werden in der Sprache. Ob ich eine Lösung habe? Klar:

via.

 

PS./Update: Kurz nachdem ich auf Publish klickte, meldete sich Carta in meinem Feedreader zurück. Zum Neustart werden die Leser im zweiten Satz mit folgenden Worten begrüsst: Wir konnten lästige Bugs im Front- und Backend beseitigen und freuen uns, dass sich nun Arbeitsprozesse vereinfachen lassen und Inhalte schneller online gehen können.

Klar, es geht um die technischen Details in diesem Begrüssungstext. Und nur um die. Seltsam genug. Sonst würde man ja dem Postillon Konkurrenz machen.

Update/PS. noch ein letzter, aber verdammt relevanter Link (via wonko): If you’ve ever wondered what depression feels like, this is pretty damn spot on. It isn’t really being sad, but just being…empty. Den Nagel auf den Kopf getroffen.

Und der Kreis gehört natürlich mit einem Musikvideo geschlossen. Wer es bis hier geschafft hat, hat den jungen, engelsgleichen Eddie Vedder verdient. Mit einem Song, der generell und speziell ganz gut passt, ganz gut den Bogen schlägt. Und den Sack jetzt endgültig zumacht.

 

 

Ein Zeichen

Jetzt ist es klar, da ist kein Platz mehr für Missverständnisse. Sicher, es gab Indizien, ich berichtete ja auch darüber: Wie sich die Gentrifizierung um die Strassenecke schlängelt; nach und nach neue Läden und Geschäfte in der unmittelbaren Umgebung aufmachen; dass die Fassade des Nachbarhauses gerade schluderig, aber energetisch saniert wurde. Zur Fussball-WM gab es sogar direkt gegenüber vom Getränkemarkt ein temporäreres Hipster-Public-Viewing-Venue (sagt man das so?), inklusive Skaterbahn auf dem Dach. Und nicht zuletzt die durchs Haus geisternden Pläne der neuen Eigentümer, nicht ausgesprochen, höchstens unter vier Augen und dem Siegel der Verschwiegenheit, garniert mit einer minimalen Auszugsprämie – doch schriftlich war bisher nichts Greifbares vorhanden.

Aber jetzt ist es klar: Hier steppt demnächst der gentrifizierte Hipsterbär, aber sowas von! Woher ich das weiss? Ich hatte gestern, das erste Mal in den 15 Jahren, die ich (mit kurzer Unterbrechung) in diesem Haus wohne, einen Manufactum-Katalog im Briefkasten. So hat das damals im Prenzlauer Berg auch angefangen. Ho-Ho-Holzspielzeug!

PS. Eine wirklich feine Ironie fand ich ja schon immer, dass Manufactum – wenn man klischeehafte Typisierungen mag – als das IKEA der überdurchschnittlich gut verdienenden Grünen Mittelschicht galt: Die Oberstudienrätin, die mit dem seit Jahren auf eine Professur wartenden Dr.phil.habil. in wilder Ehe samt Linus und Marie im eigenen Eigentum zusammen wohnt und auf gute, möglichst fleischlose und nachhaltig produzierte Ernährung achtet. Da passt Manufactum-Kram gut rein, in so eine Wohnung. Wo jetzt die Ironie ist?

Die liegt darin, dass der Gründer von Manufactum (er hat den Laden inzwischen an Otto verkauft….) nicht nur  nordrheinwestfälischer Grünen-Geschäftsführer war, sondern dass er einer der Propagandisten wider dem Grünen Gutmenschentum ist. (wie gesagt, wenn man Typisierungen mag; ich habe bis heute nicht verstanden, was daran schlecht sein soll, ein guter Mensch zu sein).

Und zwar nicht erst, seit das modern ist. Obwohl er da natürlich gern mitmischt und mitverdient, ist halt ein cleverer Geschäftsmann, der Herr Hoof: Der aktuelle Bestseller von Manuscriptum, seinem Spartenverlag, erschien in der Edition Sonderwege, die betreut wird von einem der Protagonisten des neurechten Ideologielimbos (Lichtschlag heisst der Kerl, und Typisierung klappt auch hier nur bedingt: Die grosse Klammer ist die Junge Freiheit, für die auch Lichtschlag gerne schreibt, aber eigentlich ist er so eine Art Nationallibertärer – eigentümlich frei heisst deshalb auch sein durchaus populäres Medienprodukt):  Also, der Bestseller ist Akif Pirinçcis „Deutschland von Sinnen“.

Doch Herr Hoof schreibt auch gerne selber, zum Beispiel zur „Lage 2012“ in der konkret der Neuen Rechten, die dort Sezession heisst und die vermeintlichen Vordenker und klugen Köpfe dieser Strömung im Institut für Staatspolitik versammelt. Ihre Säulenheiligen sind die Vertreter der Konservativen Revolution, die sich ein anderer ihrer Säulenheiligen, der Jünger-Sekretär Armin Mohler, für seine Dissertation bei Jaspers ausgedacht hat.

Soviel dazu, wer will, der kann sich mit den paar Informationshäppchen hier jetzt bequem eine Recherche aufbauen, die Jahre in Anspruch nehmen wird und zu dem Schluss kommt, dass die Neue Rechte genauso albern, zersplittert, bedeutungslos und undefinierbar ist wie die Linke. Aber immerhin haben sie Manufactum und damit jahrelang ihre spiegelbildnerischen Counterparts von links gemolken.

[Erste Rechercheansätze finden sich beim Spiegel, der Zeit und beim VVN – doch ich wiederhole meine Warnung und spreche aus Erfahrung: Die Beschäftigung mit dem Thema kann zu starkem ungläubigen Kopfschütteln führen. Sich den Wahnvorstellungen anderer zu widmen kann einen verrückt machen.]

Sie kennen meine Auffassung, Herr Präsident!

Aus aktuellem Anlass ein ziemlich alter Text aus den frühen Tagen Wowereits. Nach all den Jahren kann ich den Westentaschensonnenkönig natürlich nicht mehr leiden, aber es gab Zeiten, als Wowereit die wählbare Alternative zum Westberliner CDU-Filz um Diepgen und Landowsky war, mag man kaum glauben, heutzutage. Und bevor er in seiner Selbstherrlichkeit den Kultursenatorenposten mit sich selbst besetzte, hatte er mit Goehler und Flierl zwei Menschen in diesem Amt, mit denen man wenigstens vernünftig reden konnte, im Gegensatz zum Vorgänger Radunski. Wenn mich die Erinnerung aus dem Nähkästchen nicht täuscht. Hier also ein Bericht aus einer anderen, längst vergangenen Zeit[Kontext]:

(25.03.2002)

Ich war gerade im Urlaub in Dänemark. Fast klischeegerecht, mit Volvo, Hund und Frau. Die dänischen Ferienhäuser haben als Vorzug nicht nur die obligatorische Sauna, sondern meist auch Fernsehempfang via Satellitenschüssel. Und da das Wetter scheiße und der Hund müde war, dachte ich mir, ich tue mal was für mein Politikwissenschaftsstudium. Also schaute ich mir die vollen fünf Stunden Phoenix-Live-Übertragung der Abstimmung im Bundesrat über das Zuwanderungsgesetz an.

Schon im Vorhinein war klar: das wird spannend. Es gab ein paar geplänkelte Reden vorne weg, sowohl der Kandidat* als auch Schröders Beerber, der dicke Sigmar Gabriel, menschelten und taten so, als ob mal endlich Klartext geredet wird. Und dann kam die Abstimmung, die „Geschichte schreiben wird“. Der knuddelige Wowi, der immer aussieht wie ein zufriedener Plüschteddy, dem gerade der Bauch gekrault wird, hat die Verfassung gebrochen. Na so was! Während alle anderen nur die Interessen ihrer Länder vertraten und von allen Parteizwängen frei ihr Abstimmungsverhalten gestalteten, setzt sich der Kommunistenfreund Wowereit über die CDU-Rechtsauffassung hinweg. Und schon bellt Standartenführer Koch: „Verfassungsbruch!“. Und anstatt: „Schnauze Koch, das ist brutalstmögliche Abstimmung!“ sagt Wowereit: „Mäßigen sie sich.“

Drollig! Da wollten sie alle die Debatte um ein Gesetz, welches von der Regierungspartei B90/Die Grünen noch vor fünf Jahren als rassistisch abgestempelt worden wäre, vom Wahlkampf fern halten, und schon war man mitten drin. Aber weg von den Inhalten – zurück zur Form, um es mit den Wahlkämpfern zu halten.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal Mitleid mit General a.D. Schönbohm haben würde. Ich ging immer lächelnd und mit klammheimlicher Freude an Graffitis vorbei, die dem Ex-Innensenator von Berlin die Pest und schlimmeres an den Hals wünschten. Gäbe es eine Erhebung über die Häufigkeit personenbezogener Sprühereien in der Bundeshauptstadt, Schönbohm würde ganz oben stehen.

Und wie sah er da im Bundesrat aus! Nix mehr General, nur noch ein Häufchen Elend, Parteisoldat in Diensten des Befehlshabers aus Bayern. Seine sonst so mutig in die Höhe ragenden Augenbrauen schienen schlaff herunter zu hängen, und er schaute an diesem Tag wirklich niemandem in die Augen – außer seinem eigenen politischen Untergang vielleicht.

Keine motivierenden Reden a lá „Wo Ratten sind, da ist der Unrat nicht weit“ oder ähnliche Hetztiraden, sondern Gejammere. „Wollen sie auf den Trümmern der Brandenburger Koalition…“ Schnief! Und als der clevere Klaus dann alle schockte, ließ Stoiber seine Wadenbeisser los: Gegen das Grundgesetz, Verfassungskrise und so weiter. Wenn der Bundespräsident dieses Gesetz so unterschreiben würde, dann aber! Karlsruhe, mindestens!

Das fand ich recht lustig. Ich schlage übrigens vor, dass dieser Fall nicht in Karlsruhe, sondern in Köln-Hürth verhandelt wird. Bei Barbara Salesch oder Alexander Hold. Denn diese Richter spiegeln den Idealfall von Justitia ebenso wider, wie Koch, Stoiber & Co den aufrichtigen und nur auf das Wohl des Volkes bedachten Politiker verkörpern.

 

*Stoiber

 

Sommersplitter – Expertenrunde

Nachts um halb drei standen wir angetrunken vor der Moschee, neben dem fancy koreanischen Restaurant. Der Wirt wollte schon vor Stunden Schluss machen, irgendwann sahen auch wir ein, dass es besser wäre, zu gehen. Zu dritt diskutierten wir im leichten Nieselregen die aktuelle Weltlage, wobei einer von uns noch betrunkener war als die anderen beiden und eigentlich nicht mehr mitreden konnte, aber trotzdem wollte. Was gekonnt ignoriert wurde.

Natürlich ging es um Israel und Palästina. Um antisemitischen Müll auf facebook und auf der Strasse. Einer von uns konnte mit dem Hass seines tunesischen Migrationshintergrundsumfelds nichts anfangen. Der andere fand es komisch, dass er sich kaum um seine Mischpoche sorgte, auf Luftschutzkeller, Abwehrschirm und die Stochastik vertrauend. Der Dritte suchte eine Wohnung in Hamburg.

Ich war empört, dass der nicht ganz so Betrunkene eine so hohe Meinung von Mascolo hatte. Hörte mich Geheimdienstkontakte anklagen und brachte im Zuge dessen sogar Leyendecker in Verbindung mit der BND-Payroll. Musst du nur mal im Internet nachgucken, sagte ich. Ach komm, das ist doch jetzt schon ne arge Verschwörungstheorie, sagte er. Leyendecker, die machen sssuper Fenssster oder ssso, sagte der Betrunkene. Dann gingen wir zum Glück nach Hause.

Was die Hitze so ausgebrütet hat

Ick heul‘ ja immer rum, dass es viel zu viel zu lesen gibt. Deswegen wird es wohl mal wieder Zeit, diese Aussage auch theoretisch zu untermauern. Ich weiss noch nicht genau, wo dieser Text hier hinführen wird, ob ich noch zu den Grundsätzlichkeiten komme, die schon seit einer Weile danach verlangen, besprochen zu werden  – jedenfalls an dieser Stelle ein kleiner Blick hinter die Kulissen des Blogs hier: Wie solche Linklisten entstehen.

Nachdem ich mit dem Lesen im Internet angefangen hatte, bemerkte ich recht schnell, dass das ewige „all die markierten tollen Blogs aufrufen, könnte ja was neues dort zu lesen sein“-Manöver sowohl die alte Kiste als auch meine Nerven arg strapazierte. Zum Glück entdeckte ich kurz darauf die rss-feed-option, macht mich schlau, was das denn sei und integrierte meine Bloglektüre erst einmal in das E-Mail-Programm: Wenn sowieso beides Teil meiner morgendlichen Routine ist, was wäre da besser, als zwei Fliegen mit einer Klappe, und so weiter?

Einiges, wie sich bald herausstellte. Denn auch das zum Feedreader hochgepushte Thunderbird trieb die alte Kiste  weit über die Belastungsgrenze. Da ich mich zu dieser Zeit aus anderen Gründen zu einem Google-Account überreden liess, schaute ich mir den dort angebotenen Feedreader etwas näher an – und war dann eine ganze Weile damit sehr glücklich, bis die Oberen aus California sich dachten: Nö, woll’n wir nich mehr.

Also hiess es, sich nach einem neuen Programm umzuschauen. Ich bin generell eher ein genügsamer Mensch, deshalb war ich schon mit dem zweiten getesteten Reader zufrieden (falls es wen interessiert: rssowl). Er kommt gut klar mit den circa  350 abonnierten Feeds – ich allerdings immer weniger, schon allein deswegen, weil es kontinuierlich mehr werden. Auch wegen Linksammlungen wie dieser hier, bloss eben woanders: Beim Kiezneurotiker, bei der Ennomane,  jeden Morgen bei too much information (nomen est omen) etc pp. Dabei lasse ich sogar ganze Kategorien, wie z.B. food- oder fashion-blogs, aussen vor. Dass ich inzwischen beispielsweise die tägliche Presseschau der enttäuschten Willy-Wähler von den Nachdenkseiten so gut wie immer ungelesen wegscrolle, ist da auch nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Mittlerweile hat sich eine Routine eingestellt, die nicht weit von der oben beschriebenen Anfangssituation entfernt ist: Kurze Texte sowie nicht allzu lange Beiträge meiner Lieblingsblogs überfliege ich im Reader. Längere oder graphisch aufwändigere Sachen schau ich mir im Original, sprich im Browser, an. Anschauen, nicht lesen, meistens. Denn die verfügbare Zeit ist schon verronnen, wenn ich mir nur den kurzen Überblick am Morgen verschaffe: Die zwei bis drei Stunden Lektüre, die früher, als die Menschen noch Briefe mit der Hand schrieben,  für diverse Wochen- und Tageszeitungen draufgingen. Die langen Texte werden also erst mal wieder als Favoriten markiert, um sie später zu lesen. Wobei sich logischerweise einiges anhäuft, so dass sowohl die Kiste („Das Öffnen von so vielen Tabs könnte kritisch werden, mein Freund! Hast du auch wirklich alles gespeichert in den ganzen anderen offenen Programmen? Wäre doch eine Schande, wenn…“) als auch ich (Och nö, das sind ja schon wieder dreissig ellenlange Texte, schaff ich jetzt eh nicht zu lesen…) langsam wieder an unsere Grenzen kommen.

Falls ich es dann aber mal schaffe, die Unsortierte-Lesezeichen-Liste ansatzweise abzuarbeiten, füllt sich der Gelesene-Texte-Lesezeichen-Ordner. Der, in dem die Sachen lagern, die später mal in einer Linksammlung verwurstet werden könnten. Womit wir beim Hier und Jetzt angekommen sind.

Allerdings: Wer weiss das schon genau, das mit dem Hier und Jetzt? Zeit ist ja, selbst ohne psychoaktive Substanzen, ein durchaus dehnbarer Begriff. Schwer zu fassen. Gerne wird von den Zeichen der Zeit gesprochen, und damit meist nichts Gutes gemeint. Bei näherer Betrachtung fällt dann aber recht schnell auf, dass die Zeiten sich vielleicht ändern, die Menschen hingegegen – nun ja, eher weniger. Dafür konstruieren sie sich mit Vorliebe Geschichtsbilder, die gerade in de Kram passen. Natürlich: Geschichte wird gemacht (voran geht es dadurch noch lange nicht) –  deshalb heissen Fakten (vulgo: Tat-Sachen) ja auch so,  wie sie heissen.

Doch bevor das hier zu weit abdriftet, zurück zum Konkreten – wie Geschichte gemacht wird: Wie zwei Bösewichte über das too much des Bösen argumentierten (wenn man solche Kategorien mag). Wie es einem geht, wenn man erst das Kriegsrecht verhängt und auf einmal zu einer tragenden Rolle im friedlichen Wandel gedrängt wird. Ob so etwas Hoffnung geben kann, sagen wir mal angesichts heutiger Politiker? Die offen ihre Starrköpfigkeit bekennen, egal wieviele Menschenleben das kostete, kostet und kosten wird? Nur, weil es ab und an einen vermeintlichen, winzigen Lichtblick gibt?

Wirklich einfache Erklärungen greifen leider meist zu kurz. Das, was der che zum neuen Krieg in Nahost schreibt, dem Schlimmsten seit langem, würde ich trotzdem so unterschreiben. Dessen ungeachtet: Da ist Krieg, verdammt noch mal! Da sterben täglich Menschen, da fliehen täglich Menschen, weil ihre Existenz zerstört wird. Und etwas weiter nördlich ebenso. Wobei bei der mörderischen Durchsetzung des Islamischen Staates in der Levante mal wieder die Hinfälligkeit von künstlichen Grenzen klar aufgezeigt wird. Noch ein Stück weiter Richtung Nord-Nordwest wurde der Beweis ja längt erbracht: Oder besteht irgendwo begründete Hoffnung, dass die Krim an die Ukraine zurückgeht? Spricht da noch wer drüber? Stattdessen werden mitten in Europa Zivilflugzeuge vom Himmel geschossen (Der kleine Historiker in mir fragt sich, wann es so etwas das letzte Mal in Europa gab – und brauchte einen Moment, um auf Lockerbie zu kommen. Die Qualität ist aber doch eine andere, meint er.): Keiner will es gewesen sein, alle wissen aber, wer es wie mit wessen Hilfe tat. Passt ja ganz gut, so kann in der Presse von der Fussball-Kampf-Rhetorik ganz einfach auf Kriegsrhetorik umgestellt werden. Wenn man sich die Gesamtlage so anschaut, gab es in den letzten 30, 40 Jahre je mehr Instabilität um uns herum?

Nun ist – zugegeben und trotz verlogener EU-Jubiläumsbekundungen – der letzte Krieg in Europa noch gar nicht so lange her. Also sollte man wissen, wie Scheisse das ist. Oder mal einen Nachbarn fragen, einen von denen, die in Jugoslawien geboren sind, die dann aus Serbien, Kroatien oder Bosnien fliehen mussten und hier hofften, in Ruhe und Frieden leben zu können. Was ja oft klappte. Einfach mal nachlesen, wie die sich so kurz nach dem Krieg fühlten,   in Sarajewo zum Beispiel. Oder man geht einfach raus, ein paar Schritte nur – und es könnte passieren, dass man beim Kaffee im Cafe Kotti in eine Sitzung des Iranischen Exilparlaments gerät. Wie ein geflüchteter jüdischer Iraner in einem linken israelischen Onlinemagazin schreibt. Verwirrende und doch grossartige Vielfalt, gleich vor der Haustür. Doch längst nicht alle haben das Glück, hier anzukommen. Zehn Prozent gehen wohl bei den Überfahrten auf den Seelenverkäufern im Mittelmeer drauf, ich hätte mit mehr gerechnet. Allerdings: Die Gefahr ist nicht nur die Passage, sondern natürlich auch der Weg dort hin, zum Hafen, zum Schiff. Nicht zu vergessen: Das ist reinste (gehobene) Mittelschicht – die Armen können sich eine Flucht schlicht nicht leisten, das war auch schon immer so.

Wer es dann trotz aller Widrigkeiten schaffte, sich hier sogar eine Existenz aufbaute und es zu einiger Berühmt- und Beliebtheit brachte, der ist noch lange nicht in Sicherheit. Selbst mit einer Heirat nicht, wenn da Bürokraten ihre Zweifel hegen.

Der Tod. Da wird es persönlich, da geht es ans Eingemachte. Gut, wenn man sich z.B. schon zur Halbzeit mal Gedanken drüber macht. Selbst, wenn die Umstände denkbar schlecht sind, kann das zum denkbar besten Ergebnis führen. Man könnte es auch Neuanfang nennen, und – schliesslich läuft gerade die Tour de France – mit Neuanfängen, Todeskampf und Grenzgängen kennen sich wenige so gut aus wie Lance Armstrong. Andererseits: Es ist ja auch nicht so, dass die Gedanken, die man sich so über das Leben macht, immer die erfreulichsten sind. Manchmal sind auch die erschreckend, und manchmal schreibt Frau Bukowsky da ganz wunderbar drüber. Womit eine wunderbare Überleitung aus eher düsteren Gefilden gebaut ist: Am Rande sei nämlich noch hemmungslos auf eine lohnenswerte Lesung im sowieso lohnenswerten Hamburg hingewiesen.

Davon kann auch Thorge erzählen, von den schönen Seiten Hamburgs. Und es kommt nur ein bisschen Fussball vor, im Gegensatz zu diesem famosen Glumm-Text. Berlin, nicht zu vergessen, mit all seiner Liebenswürdigkeit. Für die der Kiezneurotiker immer die passenden Worte findet. Schick isset hier. So wie in New York (Rio, Tokio) auch. Es geht um die Stadt, und um die Geschichten, ihre, unsere.  Und bevor es zu pathetisch wird, geht das Schlusswort an Douglas Adams, mit einer wahren Geschichte.

PS. Sommerurlaubsvorschlag: Auf dem Anwesen des Chateau de Clermont nahe Nantes gibt es nicht nur schnieke Luxusappartements, sondern auch ein Louis de Funes-Museum. Nein! D…

(Die Grundsätzlichkeiten fehlen natürlich noch, und so vieles anderes hat sich inzwischen wieder aufgetürmt. Aber der Text liegt einfach schon zu lange hier rum, der muss raus. Nicht, dass der noch anfängt zu müffeln, bei dem Wetter…)

Nachtrag: Der kleine Historiker hat eine interessante Liste bei Wikipedia gefunden. Zitat:  4. Oktober 2001 –  Sibir-Flug 1812: Während einer Übung der ukrainischen Marine wurde eine Zieldrohne irrtümlich mit zwei Boden-Luft-Raketen beschossen. Nachdem die Zieldrohne von der ersten Rakete zerstört wurde, suchte sich die zweite Rakete selbständig ein neues Ziel und traf eine russische Passagiermaschine.

 

Pappelpollen

Es hat eine Weile gedauert: Viele Texte waren zu lesen, andauernd kamen neue dazu. „Ach komm, das wäre doch auch noch was für die nächste Linkliste…“ Dachte ich mir oft, setzte ein Bookmark, auf dass ich den Beitrag in einem ruhigen Moment lese und eben eventuell in die nächste Linkliste aufnehme. (Um die es sich hier übrigens handelt, falls sich wer fragt…) Dann kam auch noch das gute Wetter dazwischen, diverse Seen im Grunewald wollten besucht werden, in Kreuzberg vor der Haustür wurde sorgsam der nächste zerbrochene-Bier-Mate-MiniHugo(!)-Flaschen-Slalom aufgebaut, das heimliche Highlight jeder Großveranstaltung.

Und dann trotzdem der obligatorische Karnevalsbesuch: Erst, weil die Tomaten wirklich dringend umgetopft werden mussten – Dienstag wäre zu spät gewesen, da führte kein Weg dran vorbei, sondern also direkt zur Domäne, wo es die billige Blumenerde gibt. Spassige Sache, Karnevalssamstag um 16 Uhr einen 40l-Sack so schnell wie möglich durch das Gewusel auf die andere Straßenseite zu schleppen, wo es wenigstens etwas ruhiger ist. Abends dann aber wirklich, zwei Fliegen mit einer Klappe, mindestens: Das neue Yaam in der alten Maria wollte ich mir sowieso schon längst angeschaut haben, ausserdem hatte ein guter Freund, der noch vernünftig verabschiedet gehörte vor seinem langen Urlaub, eine +1 auf der Gästeliste frei. Die Band, mit der er verbandelt ist und wegen der wir da waren, ging gut ab, der Rest drumherum eher nicht so. Dafür schien es aber in der Zwischenzeit draussen auf der Strasse ordentlich gekracht zu haben, die Brücke war gesperrt und mit ziemlich vielen Polizeifahrzeugen zugestellt. Obwohl es weit nach Mitternacht war, halfen bei der Absperrung Jünglinge in Uniform, die eigentlich längst ins Bett gehörten. Schnupperpraktikum, kurz bevor es in die Oberstufe geht, dachte ich. Und: Ganz okay, das neue Yaam, dachte ich auch. Klar war das alte Gelände besser, aber immerhin haben sie jetzt mindestens zehn Jahre Planungssicherheit.

Wo wir gerade schon mal bei der Polizei sind: Die twitterte in Berlin 24 Stunden lang jeden Einsatz live. Diese eine, vielbeschriene Seite des Netzes geht mir ziemlich weit am Hinterteil vorbei. Mit sozialen Netzwerken kann ich nicht viel anfangen, der GooglePlus-Account, der mir mal mit einer Betaphaseneinladung aufgeschwatzt wurde, liegt seit Jahren brach und taugt nur noch zur Überraschung über die regelmäßig hereinflatternden Vorschläge, wen man vielleicht kennt (erschreckend genau manchmal). Facebook nutze ich seit Jahren, allerdings nur, um mit Freunden und Bekannten zu kommunizieren, die weiter weg wohnen: Australien, Südafrika, USA, Uruguay, jenseits der Bergmannstrasse, so in der Art. Ich habe dort vielleicht zwei Dutzend Freunde, und noch nie hat einer von denen Essensbilder oder Selfies gepostet. Irgendwas muss ich scheinbar richtig gemacht haben.

Twitter hat mich nie gereizt, ich konsumiere diesbezüglich einzig und allein die monatlichen Lieblingstweet-Listen diverser Blogs. Aber es ist nicht nur die Berliner Polizei – selbst die CIA hat sich jetzt mit einem heissdiskutierten ersten Tweet zu Wort gemeldet. Ich finde das alles andere als witzig: Die eklige, abstossende Seite der Staatsmacht versucht es jetzt also mit Ironie. Ihr mögt mich nicht, weil ich diese ganze Demokratiegeschichte mit meiner Totalüberwachung kaputtgemacht habe? Dann spiele ich jetzt halt den lustigen Klassenclown. So kommt mir das vor, im Jahr 2 nach Snowden. Absurdes Theater, aber nur zum Heulen, nicht komisch. Klar konnte man das alles schon längst wissen, wusste es sogar, verdrängte es aber, bis es eben irgendwann doch durch die Bewusstseins-Oberfläche durchbrach.

Verdammt, und  schon hat sich die Politik hinterhältig eingeschlichen. Dabei will das doch kein Mensch lesen: Atomabfälle vor Afrikas Küsten verklappen und sich dann über Piraten beschweren. Sowas passt einfach nicht, ausserdem ist doch bald WM (und wehe, da krittelt jemand an der diesbezüglichen Gute-Laune-Berichterstattung mit menschelndem Wohlfühlfaktor rum). Dafür werden selbst die Kriege kurz auf Pause gestellt, nicht auf den Schlachtfeldern in der Ukraine oder in Syrien, aber immerhin in den Medien. Nicht mal um den Verbleib des goldenen Brötchens wird sich journalistisch gekümmert, eine Schande! Aber wieso sollte sich auch jemand für eine halbwegs differenzierte Darstellung der Gegenwart interessieren, wenn das nicht mal mit der Vergangenheit funktioniert? Wer es differenzierter will, soll halt ins Museum gehen. Letztens las ich irgendwo die Theorie, dass es in den Nachrichtensendungen so viele bad news gibt, weil es ein Gleichgewicht zu den good news der Werbepausen geben muss. Bei dieser eigentlich guten Nachricht vermute ich allerdings andere Beweggründe, warum sie es nicht in die Tagesschau schaffte.

Also bleibt nur der Rückzug in die innere Emigration, oder in die Wälder, zur Not auch in die inneren. Das passt gut, denn es wird sowieso mal wieder Zeit, hier durchzukehren. Diese Pappelpollen (was für ein schönes Wort für eine so nervige, aber eben auch schöne Angelegenheit – ab in die Überschrift damit) haben ihre Zeit ja nun wohl hinter sich. Die Berliner Polizei twitterte immerhin live über deren Ableben. Und auch sonst gibt es die eine oder andere Veränderung, hier auf der Spielwiese und im Kiez. Das mit der Spielwiese, das Experimentieren, wie ich es genannt habe: ich habe das Gefühl, das klappt ganz gut. Im Sinne des Herumprobierens, möglichst ohne Scheu und Rücksichten. Vielleicht ergibt sich daraus ja dann irgendwann eine Linie, vielleicht auch nicht.

Ich kann mich also eigentlich keineswegs beklagen: Das Wetter passt, ich komme ausgiebig zum Lesen und zum Schreiben gar, und auch mit dem Blog sollte ich zufrieden sein. So ganz falsch läuft es also gar nicht, wenn man liest, was es so für kluge Ratschläge gibt. Jeder der erwähnten Aspekte hat allerdings auch einen kleinen Haken. Das Gelesene wartet auf einem immer größer werdenden Stapel darauf, dass die angestrichenen Sachen aus ihm herausgeschrieben werden. Das Schreiben ist großartig, führt aber doch dazu, dass hier im Blog – Punkt 3 also – Schmalhans mal wieder als Küchenmeister eingestellt wird und es hauptsächlich Aufgewärmtes aus der Tiefkühltruhe gibt. Was ja nicht immer schlecht sein muss, schon klar. So komme ich also nur zu kleinen Justierungen: daMax neue Adresse wird – längt überfällig – in der Blogroll angepasst, und dort kommen endlich auch die Schrottpresse und berlin:street rein.

Überraschungen gibt es natürlich auch allerorten: Da musste erst jemand, die seit knapp zehn Jahren viel zu weit weg in Australien wohnt, für viel zu kurze zwei Wochen vorbeikommen, damit ich mal wieder – auch gefühlt seit zehn Jahren – in den Prater Biergarten gehe. Und mir dann dort erklären lassen, dass die Eisenbahnmarkthalle jetzt (wieder) Markthalle IX heisst und weltweit really famous ist für ihren food market. Ich habe  sie immer mit Herrn Lehmann verbunden, für den es dort, im Weltrestaurant, in der Markthalle und im Privatklub die Premierenfeier gab, die mir aus mehreren Gründen immer in guter Erinnerung bleiben wird, auch, weil sie so gelungen war.

Eine weitere Überraschung – wir sind bei der obligatorischen Literatur-Abteilung angekommen – hat die Mit-Fauser-Jüngerin Katja Kullmann aufgetan. Da gibt es als Sahnehäubchen noch einen alten Text vom Captain Ploog dazu. Wer es lieber zeitgenössischer mag: Die Frau Bukowski haut ein Kleinod nach dem nächsten raus, da werden  sämtlichen Jurys dieses Landes die Ohren schlackern, oder die Augen nervös beim Lesen zucken. Auch auf rocknroulette gab es kürzlich eine sehr feine Serie, falls wer mehr Zeit zum Lesen hat.  Oder bei Glumm, natürlich. Es mag ja bereits angeklungen sein, dass ich den für ziemlich famos halte. Manchmal bin auch ich nicht vor Fanboytum gefeit, deshalb ging es mir ungefähr so wie der wolkenbeobachterin, als hier vor einiger Zeit ein Sternchen aus Solingen eintrudelte. Da ich aus Erfahrungen lernte, ist meine Bewunderung meist eine stille, die eben gerade nicht auf möglichst große Nähe aus ist – ich befürchte bzw. erlebte, dass Menschen, die große Kunst schufen, als Menschen trotzdem Arschlöcher sein können. (Wer weiss, wie ich so von anderen gesehen werde: ich jedenfalls nicht…).

Zum Abschluss gibt es noch einen kurzen, starken Text von tikerscherk  und eine Serie vom Kiezneurotiker zu Rock im Park (der es natürlich nicht nötig hat, von hier verlinkt zu werden, sondern dem für das Verlinken zu danken ist. Nur, dass diese Ausschläge nach oben in der Blogstatistik den Rest immer so kümmerlich aussehen lassen … Wie auch immer, für das „Kann nicht wenigstens mal jemand auf den Boden spucken?“ musste ich einen Link setzen.)

Wem das alles zu viel Text ist, hier sind ein paar Bilder.

Ins Blaue

tür

„Und was blieb denn übrig, was haben Sie gelernt in ihrem Geschichtsstudium? Dass die Menschen nun mal so sind?“ fragte die weinende Frau, die aus dem Naziknast kam, die ihren Rundgang abbrechen musste.

„Ja, ich fürchte schon.“ sagte ich nach einigem Zögern.

*

Eigentlich wäre das doch eine tolle Sache: Europa. Eine zwingende sogar. Muss man nicht mal Zweig für bemühen. Doch ich bin es müde geworden: Letztendlich braucht es immer eine Bedrohung. Etwas, womit man den Leuten Angst machen kann, etwas Fremdes von aussen.

Es wäre also ein Leichtes: Einfach eine Gefahr konstruieren, die von so weit aussen kommt, dass sie schon nicht mehr von dieser Welt ist. Klappte mit Gott doch auch ganz gut. Es müssen ja nicht gleich Aliens sein, nicht unbedingt. Wäre auch unwahrscheinlich, leider: Denn das Argument, dass man besser nicht zu denen gehört, die entdeckt werden, sondern lieber zu denen, die entdecken, ist einfach zu schön, zu bestechend. Doch setzt man Zeit – unsere Wimpernschlagexistenz von bisher grob 100.000 Jahren (und nocheinmal so viele werden es schwerlich werden) verglichen mit den wahrscheinlich 7-10 Mrd. Jahren, in denen solch eine Existenz prinzipiell möglich wäre im Universum, ebenfalls bisher – in ein Verhältnis mit den ebenso gedankensprengenden Ausmaßen des  zu überwindenden Raums, dann ist eben der Kontakt mit außerirdischer Intelligenz leider sehr unwahrscheinlich.

Höchst wahrscheinlich ist dagegen, dass ein Stein-, Staub- oder Eisbrocken uns treffen wird. Uns wieder treffen wird, früher oder später. Das taugt also eigentlich, um klar zu machen, dass Grenzen, Wirtschaftskriege und diese ganze alberne Kapitalismus-Unterdrückungs- und Konkurrenzgeschichte jetzt mal langsam ausgespielt haben und es an der Zeit wäre, so nah es nur geht zusammenzurücken, alle Ressourcen gemeinsam zu nutzen, wirklich Wert auf Bildung zu legen. Weil es uns alle und jeden einzelnen treffen könnte, jederzeit und überall. Mutig, wagemutig zusammen in die Zukunft zu schauen, selbstbewusst, mit der Stirn im Wind, weil man eben zusammen auch so etwas meistern kann, das ginge schon. Mit all den Möglichkeiten, die wir haben. Also: Wäre eigentlich ein Klacks, das mit Europa. Da ist viel mehr drin, da müsste doch viel mehr drin sein, wie kann denn das sein, dass da nicht mal ein anständig vereintes Europa drin ist?

Es ist eben so. Sicher ist jeder Einzelne, dem nahegebracht werden kann, dass Menschen prinzipiell und überhaupt gleich sind, ein Gewinn. Wo stehen wir denn heute? Es ist nämlich auch so: Genau wir, jetzt und hier – wir hätten doch die Möglichkeiten. Bei uns stapeln sich nicht die Leichenberge am Straßenrand, gerade mal nicht. Es kommt näher, keine Frage, und es war wohl immer irgendwo da. Doch es geht darum: Dass wir wirklich was machen könnten, schon seit Jahren was hätten machen können, aber es eben nicht tun, meistens, seit Jahren. Von aussen betrachtet kann das doch nur eine haarsträubende Absurdität sein: Nicht diese Wahl jetzt, nicht diese Politik, nicht diese Wirtschaft und nicht diese Landschaftszubetoniererei – sondern wirklich unsere gesamte Existenz. So ist es, und da kann man dann gerne noch mal 300, 500 oder 3500 Jahre drüber philosophieren, aber letztendlich ist es so. So einfach. Von daher ist es ganz gut, dass diese bisherigen 100.000 Jahre – und von mir aus auch noch mal 100.000 drauf – aber eben mit großer Wahrscheinlichkeit viel weniger – wirklich nur ein Wimpernschlag sind. Höchstens eine Fussnote wert, wenn man mich fragt.

Subjektiv betrachtet mag das anders sein. Trotzdem. Wozu noch mehr Argumente, genügend Phantasie reicht vollkommen aus. Und überhaupt: Wo ist denn da eigentlich der Unterschied, bitteschön?

 

Du bist Beute, leg dir schon mal ein schickes Nervenkostüm zurecht.
Pollesch (aus unzureichender Erinnerung zitiert)

Andererseits war es großartig, vorgestern Abend im Biergarten zu sitzen und gestern Abend am Kanal. Zu erkennen, dass es drei Reiher sind, mindestens, und nicht nur einer, wie von mir naiverweise gedacht. Und unglaublich viele Schwäne inzwischen auch, von den Menschen ganz zu schweigen. Dass mindestens zwei von den Reihern sichtlich die Show genossen, die sie abzogen, während sie tief und gemächlich ihre Runden drehten. Dass es also schon so magische Abende gibt. Nebensächlichkeiten. Wenn ich liege, dann liege ich.

PS. Es spricht natürlich nichts dagegen, eine Rede zu halten. Eine gute zumal, eine wirklich gute, kluge und wohl auch wichtige Rede. Wenn aber der Gegenstand ebendieser tagtäglich in Abrede gestellt wird, an so vielen und immer mehr Stellen nicht mehr existiert: Dann ist das auch eine Totenrede. Kaddish.

kurz angemerkt

Blöde Sache an der Analogfotografie: Wenn man verkackt, dann richtig. Film zum Entwickeln gegeben, gewartet – und nur ein paar Groschen bezahlt, weil da nun mal nicht viel zu entwickeln war. Diese Fehlerquote von 1:4 muss deutlich gesenkt werden. (Noch besser: Eigentlich gingen zwei Filme drauf – Der volle, der ein zweites Mal in die Kamera gelegt wurde, und der leere, der stattdessen ins Labor ging.) Aber egal, rational ist das ja sowieso nicht: Für die Kosten von schätzungsweise 20-50 Filmen würde ich wahrscheinlich ein halbwegs passable Digitalkamera bekommen (Für eine Spiegelreflex mag man da eventuell eine Null ranhängen). Doch darum geht es ja auch gar nicht, wobei ich anfangs gedacht hatte, dass diese Rollfilme bestimmt sauteuer sind inzwischen, wegen ihres Raritätenstatusses. Von daher war ich also eher positiv überrascht.

Blöde Sache an der Ukraine-Krise: Man weiss so gut wie nichts, und man weiss nicht, ob das, was man glaubt zu wissen, wahr ist. Und man steht weiter morgens auf, isst und kackt ( und arbeitet und fickt, wenn man Pech bzw. Glück hat) und schläft. Vulgärsystemtheoretisch muss ich immer mit dem Kopf schütteln, wenn irgendjemand in den zwangsläufig dieses Thema berührenden Diskussionen mit Moral kommt. Die taugt als Argument weder bei der Kapitalismuskritik noch in der Politik. Was ist denn das objektive Ziel Interesse von Politik? Wenn ich derzeit die Rolle Putins betrachte, vielleicht sogar über einen Zeitraum von sagen wir mal zehn Jahren, dann steht er gerade ziemlich gut da: Russland ist wieder wer, mission accomplished. Aber eben: Politik. Die taugt höchstens, um dran zu verzweifeln.

Interessante Nebenbeobachtung: Bei einem der unzähligen Interviews in den Hauptnachrichtensendungen fiel mir etwas auf – die Sponsorenwand, vor der die Interviews gegeben werden. Leider ist es keine wirkliche Sponsorenwand, man sucht die Logos von Krauss-Maffei, Heckler&Koch und Co. vergeblich. Trotzdem: Dass es da eine extra gestaltete und angefertigte Pappwand gibt, die nur für die Kameras da ist, finde ich bemerkenswert. Ebenso wie die FAQs auf der zugehörigen Seite des dafür verantwortlichen Ukraine Crisis Media Centers.

screenshot uacrisis.org

screenshot uacrisis.org

Blöde Sache an den Wahlen zum EU-Parlament: Dass seit zwanzig Jahren jede Chance vertan wird, die Menschen für Europa zu begeistern. Ich hatte das gar nicht so zweifelhafte Vergnügen, in meiner Schulzeit kurz nach dem Mauerfall eine Art freiwillige Reeducation mit regelmäßigen Bildungsfahrten nach Bonn und Brüssel zu durchlaufen. Und ich fand die europäische Idee toll – die deutsche Einheit war vielleicht nicht so dolle gelaufen, aber egal, was zählte, war ja ohnehin die europäische Einigung. Dachte ich damals. Die für die privilegierierten Europäaer offenen Schengen-Grenzen fand ich (abgesehen von dem, was sie für die nichtprivilegierten Menschen bedeuten) prinzipiell ebenso gut wie die Euro-Einführung, die ich zusammen mit begeisterten Niederländern in Zandvoort erlebte: Drei Stunden nach Mitternacht am 01.01.2002 waren die Eurobestände der Geldautomaten durch den großen Ansturm restlos geplündert und die Maschine spuckte nur noch Gulden aus. Und jetzt? Bleibt einem nichts übrig, als den Kopf zu schütteln und Die Partei zu wählen. Die APPD gibt es ja leider  zum Glück leider nicht mehr wirklich, die machte mal einen der ehrlichsten und besten Wahlspots aller Zeiten.

Blöde Sache am Internet: Es ist das, was man daraus macht oder machen lässt. Man kann ihm keine Schuld geben. Aber: Es lassen sich eben auch wahnsinnig tolle Sachen damit machen. Ich fand zum Beispiel diesen Beitrag über die Rolle sozialer Medien in den Protesten in der Türkei (ich glaub ich bin durch ix drauf gekommen) rumdum gelungen. Auch nicht schlecht: Eine Reportage über Ostermaiers Schaubühne in Paris beim Online-Zeit-Magazin. Hier muss ich leider am „rundum gelungen“ sparen, der Text entlockte mir nicht ganz die Begeisterung wie die Gestaltung an sich. Zu behäbig, irgendwie – aber das ist ja auch Geschmackssache. Genau wie dieser Text, mal wieder vom Magazin-Blog, den ich sehr unterhaltsam finde. Andere vielleicht ja nicht.

Hauptsache, man schreibt, auch wenn es nicht ganz egal ist, für wen. Ich sehe das ähnlich wie der Kiezschreiber: In selbstgewählter Mündigkeit selbstbestimmter Verelendung zwar, aber dafür angstfrei. Und wo wir schon mal beim Thema Schreiben & Lesen sind: Schade, dass Hildesheim nicht um die Ecke liegt. Aber immerhin, das Lesen bleibt ja noch, und die Liste wird immer länger. Ohne Internet war es jedenfalls viel langweiliger, und es gäbe keine Youtube-Videos von Schlingensief über Bayreuth. Wo Gysi weitestgehend die Klappe hält. Was man ja nicht glaubt, wenn man es nicht gesehen hat. Grandios.

Ansonsten: Vielleicht mal in den Wedding nach Gesundbrunnen fahren.

 

 

Verlogene Volksverhetzer

31.08.10

Wenn mal wieder
die schweigende Mehrheit
als Argument aus dem Sack geholt wird.

Und ihre hässliche Nachgeburt
„das wird man doch mal sagen dürfen“
gleich mit.

Nur um wirres Zeug
in eh schon wirre Köpfe
zu verpflanzen.

Dann wird es Zeit zu entgegnen
denen, die sich brüllend und keifend
auf die schweigende Mehrheit berufen,
was man dieser eigentlich nicht sagen muss:
Halt deine verdammte Fresse, hergottnocheinmal!

*

**

Mehr Farbe, Vielfalt und Abwechslung

…bei den Links und in der Rolle da rechts (und überhaupt!). Schliesslich ist ja auch Frühling. Denke ich mir immer wieder. So quasitechnische Überlegungen machen sich besonders gut, wenn man eigentlich dabei sein sollte, sich den Kopf über die inhaltliche Ausrichtung zu zerbrechen. Aber das nur nebenbei.

Also: Zu Recht hatte tikerscherk vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass in Blogs zwar dieses und jenes steht, aber selten was zur Erotik. Natürlich gibt es da Ausnahmen (und vielleicht ja höchstwahrscheinlich auch eine komplette, unerschlossene Welt), deshalb gehört sunflower22a eigentlich schon längst in die Blogroll. Auch, weil sie immer wieder überrascht. Und wo wir schon dabei sind, gleich die volle Link-Breitseite zum Thema: Eine weitere mir ziemlich unbekannte Welt wurde dank eines Beitrags bei kleinedrei gerade etwas aufgehellt: BDSM. Wie es der Zufall wollte, las ich kurz vorher eine komplett andere Perspektive auf die Sache, was sie um so interessanter, weil anscheinend noch um einiges vielschichtiger, macht.

Eines meiner Vorhaben habe ich in der letzten Zeit ja fast eingehalten: Politik spielt hier oberflächlich kaum noch eine Rolle. Wenn, dann ist das Politische auf das Private, auf das Kleine, runtergebrochen. Natürlich juckt er mir ab und an in den Fingern, der große Rundumschlag, das Ewiggleiche. Und ab und an muss das natürlich auch sein. Aber es ist eben ein trauriges, ewiggleiches Sisyphos-Geschäft. Die Trottel werden immer da sein. Umso wichtiger ist differenzierter, guter Journalismus. Und schon wieder muss ich dazu auf einen Text aus dem Schweizer Das Magazin-Blog verweisen. Das macht glatt die schlimmen Tatorte wieder wett. Doch auch in den Onlineversionen deutscher Holzmedien – Berliner zumal – findet man den einen oder anderen guten Beitrag. Selten – das mag aber auch daran liegen, dass ich da selten reinschaue.

Ebenfalls zum wiederholten Male setzte ich mir bookmark-Sternchen bei Frau Haessy, die oft schöne Texte schreibt – deswegen landet die jetzt auch da rechts. Und wo wir schon mal dabei sind: Dort in der Leiste ist die Politik ja durchaus erlaubt. Also rein mit Kritik und Kunst. Rein mit che, der da eigentlich schon immer war, hatte ich nur kurz vergessen. Rein mit den Punkgebeten, auch oder gerade weil man sich dort gar nicht so wirklich klar über die Richtung ist. Und die Brücke von der Politik zur Poesie schlägt Klaus Baum, für dessen Platz in der Randleiste dasselbe gilt wie für che. Dank seines Hinweises kam mir Schlingensief wieder in den Kopf, und zusammen mit ihm ein geschätzter ehemaliger Kollege (bis zum Genossen hat es dann doch nicht gereicht), der einfach auch gut schreibt und fotografiert.

Der Vielfalt und der Realität angemessen ist es eigentlich auch längst, englischsprachige Berlin-Blogs in die Rolle aufzunehmen (Wer weiss, wieviel großartige spanische oder russische Blogs zu Berlin man so verpasst…?). Was hiermit geschieht: Durch einen Kommentar von pethan35 stiess ich auf Kreuzberg’d. Was ich bisher dort sah und las, hat mir sehr gut gefallen, deshalb rein in die Leiste. Eine weitere englischsprachige Seite zum Thema, die dort ebenfalls reinkommt, ist gleichzeitig Ersatz für ein anderes Blog in der Blogroll, das wohl leider erst mal brach liegt.

Weiter geht es (wiedermal) in der Sparte Literatur oder was Sie gerne dafür halten wollen. Mit Volker Strübing bin ich in meinen frühen Berliner Jahren im Grunde genommen groß geworden, und ausserdem habe ich ihn ja auch schon ein paar Mal verlinkt, vollkommen zu recht natürlich. Und wo Volker Strübing ist, da ist Ahne manchmal nicht weit, das war in oben angesprochener Zeit schon so. Wieso also nicht auch in der Blogroll, nicht zuletzt wegen kleiner Preziosen wie diesem Text hier. In der Kategorie lohnt es auch, auf Kaminer hinzuweisen, der zu seinen Texten oft sehr passende Bilder findet. Glumm sowieso, der sitzt in meinem Kopfkino längst zusammen mit Fauser und Fallada auf einer Leitersprosse und lässt dort die Beine baumeln. Apropos, diese Chance kann ich mir eigentlich nicht entgehen lassen: Candy Bukowski – die genauso in die Blogroll wandert wie rocknroulette – scheint den Termin für meinen nächsten Hamburg-Besuch gesetzt zu haben…

Dass ich viel zu wenig Glumm lese, stellte ich fest, als ich von seiner Bekanntschaft zu Airen erfuhr. (Den Text hab ich schon mal verlinkt; wir wollen es mal nicht übertreiben damit…). Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was er derzeit macht, habe aber vor einiger Zeit einen interessanten Artikel von ihm bei spon entdeckt (obwohl spon  eigentlich schon weit jenseits der Vielfalt-Schmerzgrenze liegt). Da nehme ich gleich die Gelegenheit wahr und mache noch kurz einen Abstecher Richtung Geschichte, auch zur Wiedergutmachung: Michael Schmalenstroer hatte ich vorher auch schon in der Blogroll, wenn ich mich recht erinnere, und da gehört er auch hin. Ein letzter Hinweis aus diesem Genre noch, nicht zuletzt weil zwei Personen daran beteiligt sind, die ich mehr und weniger kenne.

Fauser darf nie zu kurz kommen, sagte ich ja bereits. Aber ich kann die Blogroll auch nicht nur mit Schriftstellern zupacken, leider: die Vielfalt fordert ihren Tribut. Zu einem Bekannten Fausers (den er in Rohstoff verewigte & in dessen Archiv ich mal ausführlich stöbern durfte – der HU-EE sei dank, ich sprach es schonmal kurz an) gab es gerade ein großartiges … sagen wir mal Requiem bei den Ruhrbaronen.

Last but not least werden das Begleitschreiben und der Kiezschreiber (dem der Underdog kiezneurotiker unlängst vollkommen zutreffend einen Lauf bescheinigte) in die Blogroll aufgenommen. Ansonsten: FernwehHeimweh.

Wie dem auch sei, so ganz genau hab auch ich den Kurs immer noch nicht raus, auf dem dieses Experiment hier weiter segeln soll. Aber Experiment sagt es eigentlich: Ich werde wohl etwas mehr rumprobieren; für die einen ist es der Salon, für mich gerade eher die Spielwiese. Oder der Hobbykeller mit Drechselbank. Dazu fällt mir glatt eine Geschichte aus der dunklen Vergangenheit ein…

Zum Schluss, weil der Sommer bestimmt kommt und der erste Mai vor der Tür steht: Die Ohrbooten. Ein guter Freund sagte unlängst: Naja, kann man schon mal hören. Aber die Texte sind eigentlich echt nicht so dolle. Wie es aussieht, fährt dieser gute Freund demnächst in Sachen Musik nach Brasilien, wo ein paar clevere deutsche Gute-Laune-Reggaebands die Fussballfans abgreifen wollen, oder so ähnlich. Sowieso: Ein Festival in Brasilien! FTW, wie man hier so sagt. Aber das ist auch wieder eine andere Geschichte. Ohrbooten also (haarscharf vorbei an der Gotteslästerung, und eben – es ist ja auch bald 1. Mai…) :

 

 

[Inzwischen ist dieser Beitrag 5 Tage im Entwurfsordner, es ist Sonntagabend und ich habe schon wieder genau abgezählte 54 offene Tabs, die allesamt toll sind. Was ist nur aus dem heiligen Tag der Ruhe geworden. Aber eben: auch ziemlich toll, dieses Internet. Eine weitere kontextlose Information: Wie ich bemerkte, hatte ich gar keine Suchfunktion. Wie unpraktisch!]

Wiedervorlage 11 Jahre: Hundert Stunden Krieg

[Inzwischen sind aberhunderte solcher Stunden mehr vergangen. Hat sich groß was geändert? Wieso dann also neue Texte schreiben?]

24.03.03

Es ist wieder so weit: Bildungsfernsehen ist angesagt. Nachdem wir inzwischen schon fast wieder vergessen haben, wo Mostar und Tetovo, Kandahar und Mazar-i-Sharif liegen, ist das Thema des aktuellen Geographie-Telekollegs „Um Kasr“ (Umm Kasar, Um Kasre).

„Zum Glück haben wir unseren embedded correspondent im Einsatz. Wolf, wo liegt Um Kasr genau?“ „Susan, aus taktischen Gründen kann ich nichts genaues dazu sagen. Susan!“

„Danke Wolf!“

Ein Krieg in dem es scheint, dass die Waffen intelligenter sind als die Befehlshaber.

Eigentlich ist der Irak ja nichts weiter als eine Ansammlung von Widerstandstaschen.

Die Lage wurde nicht unterschätzt, es leisten ja nur noch die irakischen Spezialeinheiten Gegenwehr, doch davon gibt es genug: Republikanische Garden. Fedeejin. Spezielle Republikanische Garden. Jeder irakische Soldat ist seine eigene Spezielle Republikanische Garde. Von den Parteimitgliedern mal ganz zu schweigen.

Laut SPIEGEL geht gerade die „Generation Golfkrieg“ auf die Straße.

Sechzehnjährige mit ihrem Alter angepassten Transparenten: „Illuminati stoppen!“ „Bombing for peace is like fucking for virginity!“ Schülerdemos! Pisa ist vergeben und vergessen.

Saddam Hussein soll vor Kriegsbeginn an George Bush das Angebot gerichtet haben, man könne den Streit ja auch per Fernsehduell entscheiden, das sei doch in Amerika so üblich. Wenn das kein Medienkrieg ist! Sechs Stunden vor Ablauf des Ultimatums erschien auf einem Nachrichtensender eine Countdown-Uhr, mit dem Titel „Deadline“.

Die Reporter in den Flüchtlingscamps jenseits der irakischen Grenze hätten am liebsten ganze Hubschrauberstaffeln zur Verfügung gestellt, damit sie auch schnell genug ihre Bilder füllen können. Und wer kam? Keine Iraker, sondern Afrikaner! Was wollten die denn hier? Bilder von geflohenen Afrikanern in Zelten können wir jeden Tag bekommen!

D-Day hieß diesmal A-Day. Die Bomben sind laut Rummie so intelligent, dass sie einen Laster (= mobiles Massenvernichtungswaffenlabor, natürlich.)  unter einer Brücke treffen können, “without hitting the bridge”. Von Luftkrieg ist die Rede. Hat jemand in der letzten Zeit was von einem irakischen Militärflugzeug gehört?

Nach der Demo gehen wir nach Hause, bezahlen weiter die Rechnungen und freuen uns irgendwie trotzdem, dass endlich Frühling ist.

Bild-Nachrichten oder Nachrichten-Bilder?

Kurze Unterbrechung der Pause.

Ohne viele Worte, gestern im heute-journal:

heutej

Frage: Lautet die Bauchbinde der heute-Nachrichten im Falle von Herrn Jazenjuk „Proeuropäischer Ministerpräsident Ukraine“?

Und was machen die Medien da eigentlich? Achso, die heute-show verrät es: Arbeitsplätze schaffen…

heutes

Keine weiteren Fragen, nur einen Hinweis auf eine ganz andere Perspektive, mal zur Abwechslung: Konkurrierende Nachbarschaften auf der Krim – Ein archäologisches Modell zur Völkerwanderungszeit im Licht der aktuellen Krim-Krise, ein Beitrag von Reiner Schreg.

Danke für die Aufmerksamkeit, Sie können jetzt weiter Kriegsanleihen zeichnen gehen.

Nichts Neues

Vor Jahren besuchte ich mal ein Seminar zum „Problem der Anarchie in der internationalen Politik“. Zugegeben, als ich mir kurz vor Semesterstart meinen Stundenplan zusammenstellte, hatte ich etwas anderes im Kopf als das, worum es dann schliesslich ging. Aber es lag auch am Dozenten, dass meine Wahl auf diese Veranstaltung fiel: Er war mir vorher schon als sehr angenehmer Zeitgenosse und kluger Kopf aufgefallen, damals ging es um Hobbes, wenn ich mich recht erinnere.

Dass ich nicht sofort wusste, was mit „Anarchie in der internationalen Politik“ gemeint war, lag daran, dass ich erstens nur Nebenfach-Politikwissenschaftler und zweitens IB (Internationale Beziehungen) weit davon entfernt war, einer meiner Schwerpunkte in diesem Nebenfach zu sein. Allerdings wurde ich im Laufe des Semesters mehrfach positiv überrascht. Es handelte sich, das muss dazu gesagt werden, um ein Master-Seminar. Ich studierte dagegen noch auf einen vorsintflutlichen Magister-Abschluss hin und musste die zwei, drei letzten benötigten Scheine zusammensammeln.

So furchtbar, schlimm und vollkommen unakademisch diese ganze verkorkste Bologna-Reform auch ist (irgendwann werde ich auch dazu noch was schreiben müssen) – die Masterseminare, die ich damals besuchte, waren mit das Beste, was mir in der Uni-Karriere bis dahin passierte. Hier fanden sich diejenigen zusammen, die wirklich ein ausgesprochenes Interesse, wenn nicht gar Leidenschaft, für das jeweilige Thema hatten – und es waren meist angenehm kleine Seminargruppen von nicht mehr als zwanzig Teilnehmern, im Gegensatz zu den 60 und mehr Studierenden in äquivalenten Magisterstudiumsveranstaltungen (klar, die angehenden Master mussten es ja vorher erst einmal schaffen, sich durch den Selektionsdschungel zu schlagen, da bleibt nicht viel übrig). Sie kamen mir übrigens alle erstaunlich jung und meist ebenso schlau vor, ich sah einige von ihnen mit weit unter Dreissig schon promoviert in irgendwelchen hohen Positionen bei globalen Thinktanks oder in Politik und Medien. Wenige vielleicht auch an Forschungseinrichtungen oder Universitäten, dann wahrscheinlich mit der Habilitation beschäftigt. Aber wirklich nur wenige, denn diesen ambitionierten High Professionals hatte zumindest das deutsche Hochschulwesen keine überzeugenden Karrierechancen zu bieten; Juniorprofessuren, da lachten die sich drüber kaputt, was ja auch die einzige Lösung war, wäre es nicht so traurig.

Jedenfalls sass ich da also als Veteran aus einer längst vergessenen Zeit und führte ein halbes Jahr lang angeregte Diskussionen mit den IB-Experten der kommenden Generation. Überraschend auch, dass fast immer fast alle die durchaus anspruchsvolle Lektüre gelesen hatten: Auch soetwas gab es früher kaum. Das Fazit war recht zwiespältig: Völkerrecht, Schmölkerrecht – das zählte noch weniger als das Papier, auf dem es steht, da waren selbst nationale Verfassungen besser dran. Es ist schon so, dass für die IB eigentlich der Hobbes’sche Urzustand gilt und zwischenstaatliche Verträge dagegen nur so lange, wie beide Partner das wollen und sich vertrauen – ein Leviathan ist nicht wirklich auszumachen (Sorry, UNO, grow some balls). Das Gefangenendilemma lässt grüssen. Andererseits gibt es ja durchaus viele vernetzte Interdependenzen in der modernen, industrialisierten, kapitalistischen Welt. Und das Theorem, dass entwickelte Demokratien keine Kriege untereinander führen, wurde auch noch nicht grundsätzlich widerlegt. (Nicht zu vergessen, wie der Dozent immer wieder betonte, dass kaum noch von Supermächten gesprochen werden kann, wenn überhaupt, dann von Hegemonien. Und dieser ganze Bezug der angloamerikanischen Politikwissenschaft auf das „Westfälische System“ ist auch Schmuh, diese angebliche historische Ordnung Europas wird sowieso gnadenlos überschätzt. Mich würde interessieren, wie er inzwischen seinen alten Text, den ich grad entdeckte, nach 20 Jahren beurteilen würde.)

Heute, in dieser mal wieder historisch einzigartigen Situation, wünschte ich mir manchmal solche Seminare und Diskussionen mit klugen, jungen Menschen, die für ihr Thema brennen. Aber ich bin raus aus der Uni, die Medien ™ schüren Freie-Welt-Propaganda und die Nischenblogs versuchen ein Bild gerade zu rücken, das sich eh keiner anschauen mag. Und natürlich stehen ALLE im Verdacht, von irgendwelchen Geheimdiensten gesteuert zu werden, bewusst oder nicht. Deswegen werde ich nichts zu der aktuellen politischen Lage schreiben, wozu auch?

Trotzdem möchte ich  – wenn sonst schon nix Gescheites von mir kommt – auf ein paar lesenwerte Texte hinweisen. Immerhin komme ich trotz des Wetters dazu, heimlich still und leise ein paar Zeilen in den Computer zu schreiben.  Zuerst – weil ich es bei der letzten Linksammlung vergaß bzw. schon längst darauf hinweisen wollte: Eine Geschichte, die ich schon mal lobte, gibt es jetzt als kleines Büchlein zu kaufen.

Ähnlich am Herzen liegt mir das Zentrum für politische Schönheit. Manche mögen sich vielleicht noch an den „Schuld“-Film erinnern, jetzt gibt es eine Art Grundlagen-Erklärung des ZPS. Sehr lang, ich bin auch noch nicht ganz durch*, aber Schlingensief thront über allem, das kann kaum schlecht sein.  In dessen Genre und Generation gibt es eigentlich nur noch einen, der mich annähernd so begeistert hat: Pollesch, ich hatte ihn schon mal erwähnt, und auch Bersarin tat es gerade wieder. Hier gibt es ein aufschlussreiches Interview mit ihm, der derzeit weit weg in Zürich wirkt: über die Verteidigung der Lüge und des Verrats, und was Petitionsunterschriften mit Derailing zu tun haben.

Wie vielleicht ja schon angeklungen, ist das mit der Politik und dem Schreiben nicht immer einfach. Und schon gar nicht mit dem Schreiben über das Schreiben (und Reden) über die Politik, vor allem, wenn alle einfach nur Literatur erwartet haben. Oder so ähnlich.  Deswegen und wegen meiner Menschenscheu habe ich oft versucht, wirkliche politische Zusammenhänge zu meiden. Das ist mir nicht immer geglückt, daher weiss auch ich: die Politik war immer schon ein mieses Geschäft, sobald mehrere Menschen auf einem Haufen waren, damals wie heute. Doch wie gesagt, es klappt nicht immer mit der Enthaltsamkeit. Also nochmal zurück zu einem schon oft genug besprochenem Thema.

Die NSA und die Weltöffentlichkeit wissen dank Snowden ja jetzt um das Merkel-Syndrom. Was aber auch nicht unter den Tisch fallen sollte: Dank einer furiosen Spike-Lee-Rede hat die Gentrifizierung jetzt das Christopher-Columbus-Syndrom an der Backe: We been here, you can’t discover this! Man sollte sich das wirklich alles anhören, lauter Perlen:

And then! [to audience member] Whoa whoa whoa. And then! So you’re talking about the people’s property change? But what about the people who are renting? They can’t afford it anymore! You can’t afford it. People want live in Fort Greene. People wanna live in Clinton Hill. The Lower East Side, they move to Williamsburg, they can’t even afford fuckin’, motherfuckin’ Williamsburg now because of motherfuckin’ hipsters. What do they call Bushwick now? What’s the word? [Audience: East Williamsburg]

That’s another thing: Motherfuckin’… These real estate motherfuckers are changing names! Stuyvestant Heights? 110th to 125th, there’s another name for Harlem. What is it? What? What is it? No, no, not Morningside Heights. There’s a new one. [Audience: SpaHa] What the fuck is that? How you changin’ names?

Aber der Peak scheint langsam erreicht, selbst auf Bloomberg wird jetzt schon die Geschichte von den Israelis in Berlin erzählt, und zwar gar nicht so schlecht. Derweil treibt auch zu Hause in Gusch Dan die Gentrifzierung weiter skurrile Blüten. Doch wie gesagt: Ein Ende ist in Sicht, muss in Sicht sein. Wenn der Tagesspiegel berichtet, dass  des Kiezneurotikers und Pantoufles Lieblings-Titten-Comic-Tittencomic-„Online-Magazin“ (fast hätte ich die schlechte Musik vergessen) berichtet, dass Gawker berichtet, dass erst der Rolling Stone und dann auch noch die NY Times berichteten, dass die Gentrifizierung Berlin arg zu schaffen macht und schon allein deshalb mindestens Krakau jetzt viel doller in ist – dann ist es doch wirklich langsam vorbei, oder? Ein kleiner Hoffnungsschimmer also, tausend Fliegen und so weiter. Wer immer noch nicht überzeugt ist: Andrej Holm wurde in den Dorfnachrichten ausführlich interviewt. Nicht von der Grinsekatze, sondern von dem Typen mit dem Kuli. Und davor noch ein Bericht zum Thema von Uli Zelle. Wenn die Gentrifizierung damit nicht in der Mitte angekommen (und also vorbei?) ist, wann denn dann? Vielleicht, wenn auf Spiegel-Online-TV der Bar25-Film im Stream gezeigt wird?

Also kann ich mich beruhigt wieder dem Schreiben widmen. Falls jemand noch einen defitgen Rant braucht, wir sind ja hier schliesslich im Internet, bittesehr. Und wenn das mit dem Schreiben nichts werden sollte, dann wenigstens lesen: Nächste Woche ist Indiebookday.

*Inzwischen habe ich es geschafft. Grundanliegen des ZPS ist, neben dem, was der Name schon sagt, die Sache der Menschenrechte. Sie werben für einen agressiven Humanismus, den sie recht gut charakterisieren, begründen und historisch einordnen. Ehrlich gsagt haben mich ihre Kunstprojekte – ihre Praxis also – bisher mehr begeistert als dieser Grundlagentext – die Theorie – , der war mir an einigen Stellen zu naiv, zu dicht an der Oberfläche. Trotz alledem ein wirklich lesenswertes und handlungsanstiftendes Manifest, was Blickwinkel eröffnen kann, deren bisheriges Fehlen dort zu Recht angeprangert wird.

Gestern und heute; Klowände, Internet und Schreiben

Ich glaube, es war Klaus Baum, der vor Wochen oder Monaten diesen Schnipsel verbreitete.  Geändert hat sich Vieles in den Wochen, Monaten und Jahrzehnten – nicht aber der Gehalt dieses Interviewfetzens, dem habe ich eigentlich nichts weiter hinzuzufügen.0906_efa8

In der Geschichtswissenschaft gilt der Krim-Krieg als der erste moderne Krieg. Damit sind eher die Mittel gemeint (Eisenbahn, Waffen, Telegraphie), das Denken hinter der Kriegsführung war weniger modern und geprägt durch Fehlplanungen und -einschätzungen auf allen Seiten. Ob das, was sich derzeit in dieser Region entwickelt (der Auslöser – die Ereignisse auf dem Maidan – ist inzwischen wohl zur Fussnote verkommen; Entscheidungen werden nicht mehr von einer souveränen Ukraine getroffen, sondern in Brüssel, DC oder Moskau), ähnliche weltpolitische Konsequenzen zeitigen wird, müssen Historiker späterer Epochen bewerten. Wenn es denn dann noch welche gibt. Das Potential dazu ist jedenfalls vorhanden, ich traue einigen Akteuren durchaus zu, einen grossen Drang danach zu haben, das Ventil mal wieder richtig aufzudrehen. Sewastopol als nächstes Sarajewo, nichts ist unmöglich. Aber lassen wir das Spökenkieken und beschäftigen uns lieber mit naheliegenderen (oder näherliegenden?) Sachen. Mit Klowänden zum Beispiel.

Der Werbefuzzi von Matt bezeichnete vor acht Jahren Blogs als solche, genauer: als die Klowände des Internets. Ausgerechnet übrigens in Verteidigung der „Du bist Deutschland“-Kampagne, die mit ihrer Sloganwahl – um mal im Bild zu bleiben – ja auch kräftig in die Schüssel gelangt hat.

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Ich mag Klowände, da gibt es immer was Interessantes zu lesen, selbst bei denen im Real Life. Pure Ablenkung davon, dass man eigentlich selbst die Wände vollschreiben sollte.  Erst einmal „die Anderen“ – auch Journalisten machen Fehler: Manchmal grosse, indem sie die grundlegenden Prinzipien ihrer Branche vernachlässigen. Manchmal kleine, indem sie einfach das Thema verfehlen. Manchmal gedankenlose, die ihnen hätten auffallen müssen, es aber zu unserer Belustigung nicht taten.

Und jetzt „wir“: Unsere Klowände sind oft dazu da, einfach mal den Unmut über den ganzen verdorbenen Mist in der Welt rauszulassen. Doch bei genauem Hinsehen kann man erkennen, dass ebenso häufig Selbstzweifel (statt Kritik an anderen) thematisiert wird, nicht immer so laut, aber dafür um so intensiver und berührender.

Eine kleine Ausrede, die mir gerade hilft: Es gibt auch etwas über das Schreiben zu lesen, noch dazu mit einem treffenden Titel. Die Quintessenz: Wir können uns nicht aussuchen, was sich in unserem Kopf einnistet – oder welche Geschichten darauf warten, von uns erzählt zu werden.  Das Einzige, was jetzt noch fehlt, ist der Hinweis auf den richtigen Umgang mit Autoren. Den liefern Katrin Passig (Journalistin? Bloggerin? Autorin? Take your pick…) und Ira Strübel. Eigentlich müsste ich den Artikel in Gänze hier zitieren, aber so greife ich wahllos eine Passage heraus:

Vermeiden Sie auch die Frage, wie die Arbeit am nächsten Buch vorangeht. Selbst wenn der Autor täglich acht Stunden damit zubringt, in eine leere Datei zustarren, und sich den Rest der Zeit betrinkt, wird er auf Ihre Frage nur «achja, ganz gut» antworten. Jetzt sind Sie nicht klüger als zuvor, der Autor aber ist an seinen schweren Beruf erinnert worden und bekommt schlechte Laune. Für den Rest des Gesprächs hadert er damit, keine Schreinerlehre gemacht zu haben.

Wenn es gar nicht mehr geht, mit den Klowänden und dem, was dort so zu lesen ist – auch das kann passieren – wenn es einem also hochkommt: Manchmal gibt es dafür eine Lösung, nur ein paar Schritte weiter. Ich war begeistert, als ich auf einer Hochzeit in Friesland folgende lebenspraktische Installation entdeckte. Jahrelange Erfahrungen mit der Landjugend und ihren Hinterlassenschaften im Mehrzweck-Veranstaltungssaal führten wohl zu diesem sanitären Pragmatismus:

( Dieses Becken befindet sich auf Waschschüssel-Höhe, so umgeht man das unwürdige Knien. Auch schön & praktisch: Die Griffe.)

Schweigen

…wollte ich. Sollten sich doch andere weiter aufregen über den absurden Charaktermaskenball, der auf dem politischen Parkett ausgetanzt wird. Als dieser Entschluss noch nicht ganz so fest stand, beschäftigte ich mich intensiv, bis an die Grenze, wo einem der Verstand abhanden zu kommen droht, mit einem der vielen Geheimdienstskandale. In diesem Fall war es der mit dem NSU. Natürlich stolperte ich da auch ab und zu über Sebastian Edathy. Da mein Recherchemodus durch einen starken Hang zum Ausufern gekennzeichnet ist, stiess ich relativ schnell auf diese Sache mit der Journalistin. Aus ihrer Sicht – würde man die Vorgeschichte nicht kennen, könnte man sich Susanne Haerpfer bei manchen ihrer Blogbeiträge gut mit Aluhut vorstellen – hat ihre Causa Edathy zumindest indirekt ihre Existenz als gern nachgefragte Journalistin zerstört. Und schon hatte ich einen neuen Faden in der Hand, er führte zu einem verworrenen Knäuel, in dem sich die Schicksale diverser unbequemer Journalisten wiederfanden. Wäre ein lohnenswertes neues Thema, dachte ich, legen wir mal auf Halde.

Dieser Wiedervorlagestapel rief sich in Erinnerung, als irgendwann im letzten Jahr zum tausendundersten Mal über Journalisten und ihre Rolle in der Gesellschaft diskutiert wurde. Sie wären ja schliesslich die letzten Verteidiger der Demokratie, während die anderen drei Säulen kräftig bröckelten. Quatsch, natürlich. Der professionelle Journalismus ist genauso von der kapitalistischen Landnahme betroffen wie alle anderen Bereiche in Kultur oder  Wissenschaft. Am Ende geht es um die Kohle – die, die der Journalist am Ende des Monats in der Tasche hat, und die, die der Verlag als Gewinn in der Bilanz verzeichnen kann. Doch das ist ein anderes, unendliches Thema. Eigentlich geht es darum, dass (auch jenseits der rein ökonomischen Verwertungslogik) der Berichterstattung Grenzen gesetzt sind, bzw. werden. Wer aus dem Rahmen fällt, muss sehen wo er bleibt. Zensur findet statt.

Thomas Moser zum Beispiel: Er war (und ist es immer noch, keine Sorge) eine der wenigen kritischen Stimmen zum NSU-Komplex, die wenigstens ganz leise, in der Nische der Kontext-Wochenzeitung, zu hören waren. Er recherchierte tief im Baden-Württembergischen Dickicht aus Verfassungsschützern und KKK, speziell der Kiesewetter-Mord hatte es ihm angetan. Neben Wolf Wetzel und Andreas Förster (und vielleicht noch Jens Eumann) ist er einer der selten zu findenden Journalisten gewesen, die Zweifel anmeldeten, die nicht sofort vom „Terror-Trio“ sprachen, die unbequeme Fragen stellten, die einfach das machten, was Journalisten machen sollten: Fakten checken, recherchieren, nicht einfach die Pressemitteilungen der Staatsanwaltschaft abtippen.

Und dann flog Herr Moser bei Kontext raus. Im Vorfeld wurde von der Zeitung bestätigt, dass es Versuche der Einflussnahme von offizieller Seite gegeben hätte. Aber dass dem freien Journalisten Moser jetzt die Texte nicht mehr abgenommen werden, hätte damit natürlich nichts zu tun. (Ich glaube übrigens auch, dass Moser sich in manchen Dingen verrannt hat, oder seine Agenda ist mir noch nicht ganz ersichtlich, trotz alledem sind seine „Verschwörungstheorien“ nicht weniger plausibel als die offiziellen der Bundesanwaltschaft.) Jetzt ist Moser nur noch Blogger (das hier ist wahrscheinlich seins), abgesehen von einem Artikel bei den „Blättern“ gab es von ihm nichts mehr in den „richtigen“ Medien.

Oder Gaby Weber. Die in Buenos Aires arbeitende Journalistin wird zwar – zum Glück – immer mal wieder von Fefe gepusht (unter anderem mit dieser tollen Alternativlos-Folge), ihre Rechercheergebnisse passen allerdings nicht ins öffentlich-rechtliche TV-Programm, sie wird als Verschwörungstheoretikerin diffamiert. Dass ihr Film über die Verstrickungen von Mercedes Benz mit der argentinischen Militärdiktatur, der bei labournet in Gänze zu sehen ist, beim WDR einfach weichgespült von Dritten nacherzählt wird, während er in mehreren südamerikanischen Sendern zur Prime Time zu sehen war und sogar im argentinischen Parlament gezeigt und behandelt wurde, hat natürlich auch nichts mit Zensur zu tun.

Nur exemplarisch sei hier auch noch auf das Beispiel Hubert Denk hingewiesen, da in diesem Fall ausnahmsweise von „der Presse“ berichtet wurde, welchen Zwängen freie Journalisten ausgesetzt sind: Auch Anwaltskosten können die Ausübung der Pressefreiheit einschränken. Da braucht es gar keine Horrorvorstellung vom tiefen Staat:

„Ein Verfassungsschutz, der mit Nazis, die die Demokratie gewaltsam beseitigen wollen und Menschen zu ermorden bereit sind, zusammen arbeitet und zugleich kritische Journalisten überwacht. Das ist die Horrorvorstellung, die offenbar deutsche Realität ist.“

Lohnen sich also die vereinzelten Aufschreie überhaupt noch? Was blieb zum Beispiel von diesem Memorandum? Was soll man dazu sagen, bzw. was darf man überhaupt noch fragen? Wenn Anne Roth, Partnerin von Andrej Holm und damit aktenkundig in Terrorismusnähe gerückt, unbequeme Fragen stellt, diesmal wieder zum NSU, und darauf diesen wohlmeinenden Kommentar bekommt:

Liebe Anne,
ich möchte Dich bitten, Dich nicht weiter mit diesem Thema zu befassen.
Der hier beschriebene Fall eines verbrannten Zeugen gehört zur Kategorie “bedauerlicher Unfall / plötzlicher Suizid”. Damit werden Probleme unbürokratisch aus der Welt geschafft. Das ist kein Kinderspielplatz. Jeder, der tiefer bohrt, gerät automatisch ins Visier.
Du solltest die Kreise der deutschen und insbesondere der US-Nachrichtendienste nicht stören. Denke an Deine Zukunft und die Deiner Familie. Du bist ohnehin schon ein “target of high interest”.
PS: Das hier ist ernstgemeint.

Bitterernst, keine Frage. Und es fügt sich alles so wunderbar ein in den Totalitarismus der Postdemokratie. Man kann es kaum treffender formulieren als – mal wieder, immer wieder – Georg Seeßlen:

Das Geheimnis der Verwandlung von Demokratie in Postdemokratie liegt darin, dass viele Menschen davon profitieren.
Die Verwandlung ist so weit fortgeschritten, dass jemand, der sich ihr entgegensetzt, bereits seine soziale Existenz riskieren muss.

Sein Fazit ist wenig aufmunternd:

An die Stelle der rebellischen Aufklärung ist eine ironische Abklärung getreten. Man arrangiert sich mit Verhältnissen, deren Schwächen man erkennt, und deren Widersprüche schon als Lebendigkeit missverstanden werden. Man sagt „gemach“, und grinst „Früher war alles besser“, und links und rechts lauern „Verschwörungstheorie“ und „Kulturpessimismus“. Welcher kritische Geist getraut sich noch die verbliebenen Plätze der freien Rede mit den Worten zu betreten: „Die Zeit drängt“. Wir leben nicht in der versprochenen besten aller Welten sondern in ihrem Gegenteil. Es haben sich Kräfte verschworen gegen die Freiheit, die Menschlichkeit und die Veränderung der Verhältnisse. Und es gibt Gründe, nicht sehr optimistisch die Kultur zu betrachten, die sich diese Kräfte noch leisten.
Wir müssen uns wohl, pathetisch gesprochen, die kritische Vernunft als eingekerkerte vorstellen. Wir müssen Briefe aus dem Gefängnis schreiben.

Und sonst so? Wo ich mich eh schon aufrege: Die Gentrifizierung geht natürlich ungehemmt weiter, mit handfesten Auseinandersetzungen unter und gegen die Zugezogenen. Die letzten drei Samstage, an denen ich wie fast immer in einer Kaschemme nahe des Görlis einkehrte, empfing mich an ebendiesem Bahnhof jeweils eine veritable Schlägerei. Es wird härter. Die Probleme bleiben, verstärken sich; betroffen sind wir alle. Und dazu kommen die üblichen Verrückten in dieser (immer noch tollen) Stadt. Trotzdem wäre es mal wieder an der Zeit – gerade bei dem Angebot – sich ausführlicher und tiefer mit dem Thema zu befassen. Aber erstmal ist genug aufgeregt, manchmal sollte man den Rat alter, weiser Männer annehmen:

(via http://wonko.soup.io)

PS. bzw. Update: Da ist man mal ein paar Stunden draussen, um das Mütchen zu kühlen und die Sonne zu grüssen etc., und schon verpasst man, dass auch andere, hier speziell fefe, sich heute schön in Rage geredet haben. Ich hegte ja schon immer den Verdacht, dass es reicht, ein paar Tage fefe zu lesen, und man verliert jeglichen Glauben. Es reichen die Posts von einem Tag, wie sich heute herausstellte.

Hätte ich heute morgen nicht so unter Zeitdruck & im Affekt geschrieben, wäre mir bei meiner Aufzählung Jens Weinreich bestimmt nicht durch die Lappen gegangen; sicher ein im mehrfachen Sinne unbequemer Geist, trotzdem hatte seine Kündigung beim DLF ein Geschmäckle. Oder die kürzlich veröffentlichte Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen, über die sich just heute (also heute veröffentlicht) Daniel mit Markus Beckedahl von dem linksextremistischen [(c) Focus] Blog netzpolitik.org unterhielt.

Jetzt ist hier aber erst mal Schluss mit Politik. Hoffentlich. Feierabend. Wochenende.

Wirre Gedanken zum neuen Jahr

  • Wenn die Nazis von der CSU „Arschlöcher von der CDU“ (Zitat Regine Hildebrandt) jetzt die Roland-Koch-Gedenk-Ausländerhatz eröffnen und die Selektion erweitern wollen, können die Sozen denen dann wenigstens was aus dem Kreuz leiern dafür? Dass die Holländer keine Maut zahlen müssen zum Beispiel? Nur so zum Spass? Weil, ernst nehmen kann man das ja eh alles nicht mehr.
  • Die Studentenbewegung ™ fand ja zu Zeiten der grossen Koalition statt. (Irgendeine Theorie besagt, dass Revolutionen nicht unbedingt zu Zeiten der grössten Unterdrückung stattfinden – sprich Adenauer-Jahre – sondern dann, wenn die Zügel etwas gelockert werden und Morgenluft zu wittern ist.) Sollte man nicht vergessen. Manche sagen sogar, sie hat einiges zu deren Ablösung beigetragen. Rein parlamentarisch dürfte das auch dieses Mal schwer werden.
  • Über welche kognitive Dissonanz werde ich mich dieses Jahr wohl am meisten aufregen? Dass einige US-Staaten, Uruguay und Nordkorea uns in Sachen Graslegalisierung Lichtjahre voraus sind? Dass sozial ist und bleibt, was Arbeit schafft, egal welche? Dass völlig ironiefrei über die Anhebung von Pfandpreisen zur Bekämpfung der Altersarmut diskutiert wird? Dass der Pöbel sich wie eh und je gegen „Sozialschmarotzer“ aufhetzen lässt, aber Uli Hoeness und Michail Chordokowski als ehrenwerte Bürger ansieht?
  • Wie fies wäre es, wenn ich mit dem zweiten Teil von „Vom Leben…“, der schon fast fertig in der Schublade liegt, noch warten würde, bis irgendwann mal…vielleicht auf Papier gedruckt und gebunden – und hey, was ist das für ein Jahr, in dem ich auf so fiese Gedanken komme?
  • Wenn das mit den Paralleluniversen stimmt, dann hätte also irgendwo KT zu Guttenberg seine Doktorarbeit selbst geschrieben. Kann das stimmen?
  • Ob es das vielleicht halbwegs mit dem Winter war? Keine Kohlen mehr kaufen? Wie cool wär das denn?
  • Wie schlecht wird wohl die letzte Californication-Staffel werden?
  • Kommt dieses Jahr endlich der verdammte Asteroid, der dem Trauerspiel ein Ende setzt?

Doch, doch…

… ich bin noch da, auch wenn die dank des Kiezneurotikers hier Gelandeten einen gewissen Stillstand verspüren mögen. Es ist sogar ein etwas längerer Beitrag in Arbeit, der in der nächsten Zeit wohl seinen Weg auf diese Seite finden  wird. Ein Hauptgrund für meinen Blog-Neustart war, dass ich nicht mehr so wütend gegen dieses charaktermaskendurchsetzte Polittheater anschreiben wollte, weil mich (und viele andere scheinbar auch, das lese ich in letzter Zeit oft) das nur noch frustierte. Sondern eher wieder persönlichere Geschichten, natürlich voll aus der Deckung der Anonymität heraus und mit bedeutungsschwangerem Anspruch an das Große Ganze. Hat bisher super geklappt, schon klar.

Genau deswegen verkneife ich mir zur aktuellpolitischen Gesamtsituation sämtliches „Hab ich doch schon tausendmal geschrieben und schreib’s halt jetzt nochmal“-Rumgeheule, nur soviel sei mir gestattet: Albrecht Müller von den Nachdenkseiten stellt mit einer bravourös gewählten Überschrift eine Frage, die als Artikel eigentlich nur zwei Buchstaben mit einem darauf folgenden Ausrufezeichen benötigt: Sind wir schon so verblödet, dass wir uns erst dann aufregen, wenn Frau Merkel von den US-Diensten abgehört wird? Auch Fefe dreht angesichts der Absurdität der ganzen Veranstaltung frei, Stichwort Spezialdemokraten:

Schmerz lass nach! Das bescheuertste Statement des Tages kommt von der Verräterpartei. Achtung, festhalten:

„Wer die Kanzlerin abhört, der hört auch die Bürger ab“

IHR PFEIFEN! Wir WISSEN schon, dass die uns alle abhören! Nur dass sie auch die Merkel mit ihrem angeblichen Hochsicherheitstelefon abhören, das wussten wir noch nicht. Mann Mann Mann. DAS IST DOCH GERADE DIE IRONIE AN DER SITUATION JETZT!

Wird es irgendetwas nützen? Nein. Es wird sich schon ein Krieg, ein spektakulärer Bruch der Koalitionsverhandlungen oder eine Wirtschaftskrise finden, und plötzlich haben alle die ganze Sache ganz schnell wieder vergessen bzw. zu den Akten gelegt. Zur Not werden halt ein paar riots gegen Minderheiten inszeniert, da haben vor allem die Geheimdienstler Erfahrung drin, und die haben ja einiges gutzumachen.

Wie das mit dem Vergessen funktioniert, sieht man gut an Thomas de Maiziere. Der durfte im Morgenmagazin die übliche Bundeswehrpropaganda verkünden und seinen Senf zum abgehörten Merkelhandy dazu geben, ohne sich peinlichen Fragen zu Panzer-, Drohnen- oder Sturmgewehrpannen stellen zu müssen. Dabei hatte Merkel dem schon vor 5 Monaten ihr Vertrauen ausgesprochen, der hält sich richtig gut. Was er im Interview nochmal unterstrich mit dem dezenten Hinweis, er sei ja auch schon Kanzleramtsminister und Innenminister gewesen, also Top-Ziel, um abgehört zu werden. Und eben immer noch im Amt, wohl auch demnächst wieder, egal in welchem.

Und nu?

So schlecht lag ich mit meiner realistischen Prognose also gar nicht: CDU über 40%, SPD hat sich kaum gesteigert, Grüne und Linke gleichauf und einstellig, AfD knapp nicht drin, FDP nicht ganz so knapp nicht drin. So weit, so schlecht.

Da es für eine absolute Mehrheit bei der Union auch knapp nicht reicht, stellt sich die Frage, wer die Umfaller-Rolle der FDP übernimmt, ich tippe auf die SPD. Dass die versprengte Truppe von Rösler und Brüderle achtkantig rausgeflogen ist, ist die einzige positive Botschaft dieser Wahl. Trotzdem schliesse ich mich der Meinung von Michael Schmalenstroer  und Stefan Niggemeier an, dass es nun an der Zeit ist, über die Fünf-Prozent-Hürde nachzudenken (wenn einem der Sinn nach Reförmchen steht statt nach grundlegenden Veränderungen).

Die Stimmen der Liberalen – was früher ja einmal für eine ernstzunehmende politische Strömung stand, denen es nicht nur um den freien Markt, sondern auch um Bürgerrechte ging – haben sich auf FDP, AfD und Piraten verteilt (ein wenig wohl auch an die Grünen, CDU und SPD). Die AfD erlebte ihren Piraten-Abgeordnetenhauswahl-Moment, die Piraten ein Desaster. Dieses wird auch der AfD nicht erspart bleiben, aber mit dem beachtlichen (wenn auch vorhersehbaren)Wahlergebnis von knapp unter 5 % ist die Bundesrepublik in der kontinentaleuropäischen Normalität mit populistischen nationalliberalen Kleinparteien angekommen.

Wer auch immer mit Merkel regiert, wird verlieren. Die Sozen werden nicht den Arsch in der Hose haben, die Koalition zu verweigern und statt dessen eine Opposition zusammen mit Links gegen Schwarz-Grün auf die Beine zu stellen. Ist schliesslich – um schon mal eine Floskel vorwegzunehmen – ein ernster Auftrag in diesen Zeiten, da braucht man eine stabile Regierung, gerade als so starker Faktor in Europa, Dienst am Vaterland, da kennt man keine Parteien mehr usw.

Und all die progressiven Netzvollschreiber, Vordenker und hippen Berufsjugendlichen mit apple-Vollausstattung haben es gerade mal geschafft, die Piraten nicht ganz untergehen zu lassen. Trotzdem sind deren 2,2 % eine Katastrophe für all jene, die meinten, dass ihre Filterblase irgendeine Relevanz in der realen Welt hätte. Schirrmachers Feuilleton-Brigade, um es mal so auszudrücken, ist eben nur eine possierliche Marginalie für den Sonntagsnachmittagstee, regiert wird weiterhin mit (und durch) Bild und BamS.

Also eine weitere grosse Koalition. Das lässt wenigstens auf eine wachsende APO hoffen, ein klitzekleines Bisschen.

Übrigens: Cajus Julius Caesar (natürlich CDU) wurde auch in den Bundestag gewählt und kann dort ohne den Umweg über Nachrückerplätze einmarschieren. O tempora…

Nachtrag und einige Worte zur Blogroll

Nach langem Zögern und dem Fehlen einer besseren Alternative habe ich mich also entschlossen, doch wieder ein Blog aufzumachen. Und dann, beim Aufarbeiten der als Lesezeichen abgelegten Artikel, beim Suchen nach verlinkenswerten Texten, kommt mir das hier über den Weg gelaufen. Gut, im Juli hatte ich ganz andere Sorgen, aber jetzt ärgere ich mich doch ein wenig, diesen Beitrag nicht früher entdeckt zu haben.

Wie viele Blogger würden sich sofort eine Software des Verfassungsschutzes, der NSA oder des Geheimen Weltamtes für totale Unterdrückung installieren, wenn man ihnen nur erzählte, dass diese Software Besucher auf ihr Blog bringt; Besucher, die Werbeeinnahmen und gefühlte Bedeutung mit sich bringen? Wie viele Blogger dokumentieren im Moment nur ihre dumme Gleichgültigkeit, wenn sie ihr Blog zu einem Vehikel für die Reklameklickgroschen machen und diesem Zweck das Erfordernis weniger erfreulicher und weniger leicht verdaulicher Mitteilungen unterordnen.

Genau das. Ebenso interessant wie der Artikel selbst sind die sich anschliessenden Kommentare – es sind nur 20, während jeder Hirnfurz des Herrn Lobo ein Zehnfaches an Kommentaren bringt, aber das nur nebenbei. Jedenfalls drehen sich die Wortmeldungen hauptsächlich um technische Sachverhalte, es sind Vorschläge, wie die „Großen“ unter den Social-Media-Anbietern umgangen werden können. Und genau das ist charakteristisch für viele ähnliche Diskussionen in der „Netzgemeinde“: Es wird an den Symptomen rumgedoktert, technische Alternativen werden diskutiert, aber die Ursachen werden nicht oder kaum angegangen.

Das Problem hat einen Namen: Kapitalismus. So einfach ist das, und dann doch wieder nicht. Ich bin weit davon entfernt, zu glauben, dass mit der Abschaffung dieser menschenverachtenden Wirtschaftsordnung das Paradies auf Erden erschaffen werden würde. Im Gegenteil: Inzwischen bin ich desillusioniert genug, um den Menschen und sein Geltungsbedürfnis, seinen Drang nach Wettbewerb und das „Sich mit anderen messen müssen“ als Grund allen Übels ausgemacht zu haben, wobei der Kapitalismus einfach nur die passende zeitgemäße Hülle ist. Früher waren das halt Kriegszüge gen Russland oder Karthago. Der Pessismismus des Verstandes ist bei mir also klar vorhanden, mit dem Optimismus des Willens hapert es allerdings noch etwas.

Bevor ich zu sehr abschweife: Es geht auch anders. Facebook beispielsweise, gern herangezogen als Inkarnation des Bösen (Pflichtzitat hierbei ist das nur zur Hälfte wahre „If you’re not paying for the product, you are the product“), als das kaptialistische Vorzeige-Unternehmen im digitalen Zeitalter schlechthin, und seinen nicht minder hässlichen Geschwistern Google und Apple kann – selbst im Rahmen des real existierenden Kapitalismus – das Beispiel Wikipedia entgegen gestellt werden. Das könnte fast Hoffnung geben, wären da nicht die Eitelkeiten der beteiligten Menschen, die diese Hoffnung wieder zunichte machen.

Würde man objektiv (haha, schon klar) versuchen, die 80er-Jahre-BRD mit der heutigen zu vergleichen, wäre letztere dann nicht der DDR mit ihrer Gesinnungsdiktatur und Überwachungsmaschinerie viel ähnlicher als dem Mutterland des Grundgesetzes? Aber das sind Äpfel und Birnen, noch dazu in unterschiedlichen Reifezuständen. Ganz zu schweigen von dem gewaltigen Dreck, den sich auch der gesamte freiheitliche Westen im Kalten Krieg an den Stecken gepappt hat: Ulbrichts „Es muss demokratisch aussehen….“ passt hier genauso gut, nur halt unter umgekehrten Vorzeichen – es wurde alles getan, damit die Kommunisten nicht an die Macht kommen, egal ob demokratisch oder nicht.

Was also werden wir unseren Enkeln erzählen? Wie rechtfertigen wir oder unsere Apologeten uns in der Zukunft, wenn in dieser eine Star-Trek-ähnliche Utopie ohne Geld und kapitalistischer Verwertungslogik verwirklicht wäre? Nun, man kann Trekkie sein und trotzdem böse, wie der NSA-Chef mit seiner Kommandozentrale beweist (natürlich gibt es „böse“ genausowenig wie „gut“).  Star Trek kann – wie alles – nicht nur in eine Richtung gedeutet werden: Als gutwillige Meritokratie, wie Fefe es unlängst tat, oder als Verschwörung des Kommunisten Roddenberry zur Aushöhlung der Grundfesten der US-Gesellschaft, ob man das jetzt gut findet oder nicht.

Werden die kritischen Stimmen von Ingo Schulze, Konstantin Wecker oder Georg Schramm inzwischen besser gehört? Müssten es nicht viel mehr Stimmen sein? Sind es nicht eigentlich auch viel mehr Stimmen, die einfach nur im Rauschen untergehen? Keine Ahnung.

Um noch auf den zweiten Teil der Überschrift einzugehen: Ich schrieb, dass ich mich in der Gesellschaft der Blogroll wohlfühle. Natürlich ist auch das nur ein Kompromiss, nichts und niemand deckt sich zu hundert Prozent mit meinen Ansichten. Ich schliesse mich zum Beispiel dieser Kritik am Kiezneurotiker an – und lese ihn trotzdem gern. Ebenso kann ich – unter anderem wegen den weiter oben angeführten Kapitalismuskritik-Versatzstücken – nichts mit dem sich dem Antikapitalismus (vorerst) verweigernden Text von mspr0 anfangen, trotzdem folge ich gerne seinen Gedanken, um selbst auf welche zu kommen. Und deswegen hab ich die Blogroll noch etwas erweitert: Um den Radwechsel, um den Duderich und um das Narrenschiff. Weitere werden folgen, hoffentlich.

Wählen? Pest und Cholera wären schön…

Titanic-Wahlplakat Erststimme Ströbele/Heesters

…aber wir haben nur die Wahl zwischen mehr als einem Dutzend alberner Parteien. „Was du auch wählst, es kommt immer >Deutschland< dabei raus“ heisst eine Veranstaltung, die der Stressfaktor für heute abend vorschlägt. Und genau so isses.

Der unsäglich-unfassbare Prolog, den die gestrige Bayernwahl geliefert hat, beweist doch den Unsinn dieser ganzen Veranstaltung. Von hundert Wahlberechtigten gingen 64 wählen. Von den 64 waren knapp unter die Hälfte, also sagen wir mal 31 30, so dämlich, die CSU zu wählen. Und 30 von Hundert – mal ganz abgesehen von denen, die nicht wählen dürfen, obwohl sie Jahrzehnte hier leben, egal ob wegen ihrer Herkunft oder ihres derzeitigen Aufenthaltsortes, Psychiatrie oder Knast beispielsweise – also 30 von Hundert wird jetzt von diesen Dobrindts und Seehofers und Aigners als Rückgewinnung der absolute Mehrheit gefeiert.  Passt scho, wenigstens die FDP seid’s losgeworden. Der fällt grad eh nix G’scheites ein ausser „Künast sieht scheisse aus und will uns alles verbieten, rot-rot-grün, buhu!“ Tolle Demokratie!

Da hilft es auch nicht, dem ganzen ein politikwissenschaftlich-avantgardistisches „Post“ voranzustellen, das wirkte schon bei der Moderne und dem Strukturalismus allenfalls hilflos. Es ist mit der Verfasstheit unserer Verfassung in etwa so wie mit der Werbung – dem anderen (eigentlichen?) Übel dieser Zeit: Die Lasagne  sieht nicht im entferntesten so aus wie das Bild auf der Packung, jeder weiss das, niemand regt sich auf. Und egal ob da jetzt Pferdefleisch drin ist oder NSA, war doch eh klar, hat doch jeder gewusst, irgendwie.

Wozu also bei diesem Theater mitmachen? Wenn jemand ernsthaft erwägen würde, diese ganze Geheimdienstgeschichte mal aufzulösen, im doppelten Sinne. Wenn dabei all der kranke Mist, der sich zwischen den gut gemeinten Fugen des Grundgesetzes festgesetzt hat, entsorgt werden würde. Wenn die Entscheidungsbefugnisse und die Systemrelevanz wieder dem eigentlichen Souverän zugestanden werden würde statt den Aufsichtsräten, Klüngelnetzwerken und kapitalistischen Verwertungsmaschinerien – dann vielleicht.

Aber solange die Staatsräson dadurch geschützt wird, dass von der Allgemeinheit bezahlte Verfassungsschützer ihre schützende Hand über all unsere Kommunikationskanäle halten, die sie sicherheitshalber stets im Blick haben, Grenzen hin oder her;
solange sie zu unser aller Sicherheit Nazi-Vereine wie den KKK, Nazimusiklabels und Naziterrorgruppen aufbauen, um sie bei Bedarf hochgehen zu lassen (gerade sind Nazis halt in, das ging und geht auch in die andere Richtung);
solange ein staatstragendes Gewese um Nationalitäten gemacht wird, anstatt sich endlich mal ernsthaft um einen Ausweichplaneten zu kümmern;
und solange „unsere“ Regierungen uns unsere Drogen verbieten, nur um ihr lukratives Schwarzmarktmonopol auf diesem Gebiet nicht auch noch an die menschenhandelnden Mafiarocker zu verlieren, die sich über ihre verbeamteten Handlanger sowieso schon kaputtlachen –
solange macht wählen gehen doch nun wirklich keinen Sinn, oder?

Wenn man also aufgrund dieser ganzen verlogenen Wahlmotivationswerbung in die Versuchung kommt, am nächsten Sonntag ein Kreuz zu machen, dann bitte wenigstens ein ganz großes, quer über den Wahlzettel, er ist groß genug. Und danach kann man sich dann mal ernsthaft Gedanken über eine neue APO machen, Zeit wird’s.

PS. Der ARD-Deutschland-Trend (sic!, siehe oben) sagt:

CDU 40%

SPD 28 %

Grüne 10 %

Linke 8%

FDP 5 %

Piraten 2,5%

AFD 2,5%

Ich sag – realistische Variante-

CDU 41%

SPD 27%

Grüne 8%

Linke 8%

FDP 4,9%

AfD 4,9%

Piraten 4,9 %

-wenigstens halbwegs spannende Variante, wenn auch unwahrscheinlich

CDU 38 %

SPD 26%

Grüne 10%

Linke 11%

FDP 2,9%

AfD 5 %

Piraten 5 %

Top, die Wette gilt! Oder es fällt vorher noch ein ordentlicher Meteorit vom Himmel und beendet dieses ganze irdische Trauerspiel. Wär mir lieber.