Vom Schreiben I

Mein Großvater war schon tot, als ich mit dem Schreiben anfing. Und doch war er der Grund dafür. Ich weiss das noch so genau, weil es frühmorgens war. Ich schlich aus dem Haus, bevor Großmutter wenig später den Hof betrat, um die Hühner und Karnickel zu füttern. Das war vorher seine Aufgabe.

Vor dem Haus stand eine Haselnuss, die mir knapp zwei Jahrzehnte später eine veritable Allergie bescheren sollte. Gleich neben der Schaukel und dem Sandkasten, der eigentlich ein großer, alter Traktorreifen war. Dort stießen wir, wenn wir tief genug gruben, immer mal wieder auf verwitterte Nazimünzen. Was Großvater als kriegserfahrenen Kommunisten jedes Mal aufregte, wenn  er fand, was wir vor ihm verstecken wollten.  Von seinen Funden auf diesem Grund und Boden hat er uns zeitlebens nichts erzählt: Wir waren wohl noch zu jung für die Geschichten über Pistolen und Dolche mit eingravierten Hakenkreuzen, die er nach dem Hauskauf entdeckte, gar nicht mal so gut versteckt. Natürlich wurde er in dieser Angelegenheit sofort auf der Kreisleitung vorstellig und bereinigte sie.

Noch vor Sonnenaufgang wollte ich auf der Astgabel des Haselnussbaums sein, meinem Lieblingsplatz. Von hier aus hatte man den besten Überblick über die Umgebung: Die Wiese vor dem Haus, links davon die Gemüsebeete, dahinter die Heuwiese. Die durften wir Kinder nicht betreten, dafür war sie bunt gefärbt von den vielen Blüten, bis Großmutter mit Sense und Sichel das Grünfutter erntete. Geradezu, hinter der Hecke und den Obstbäumen, führte der Weg an den Schuppen vorbei zur Garage und zur Werkstatt, bis er an den Ställen und vor dem Hühnerhof endete. Selbst die kleine Laube ganz hinten an der Grenze zum Uhrmacher-Nachbarn war von hier aus über die Kirschbäume hinweg gut zu erkennen. Rechts von dem Weg bildete eine Reihe Blumenbeete die Begrenzung zum anderen Nachbargrundstück, das so gross und auch ein wenig hügelig war, dass man das Haus nicht mal von meinem Ausguck aus sehen konnte.

Ich hatte einen Bleistift dabei und eines der grobfaserigen blassgrünen Schulhefte, blau liniert. Und konnte es gar nicht erwarten, dass die Natur im Gleichklang mit der Sonne aufwachte, was ich dann sogleich protokollieren würde, genau so, wie ich es in meinem damaligen Lieblingsbuch gelesen hatte. Dessen Titel habe ich längst vergessen, die meisten Tier- und Pflanzennamen, die ich damals aus dem Effeff beherrschte und zuordnen konnte, ebenfalls. Doch ich weiss noch, dass das der Moment war, in dem ich anfing, zu schreiben. Weil ich Bücher liebte, und Geschichten. Und die besten davon erzählte mein Großvater, einige schrieb er sogar für uns Enkel auf: Erst handschriftlich auf Briefpapier, dann tippte er sie mit der Erika-Schreibmaschine ab. In ihnen hörte ich zum ersten Mal von den Möwen und dem Meer, an dem ich bald darauf wohnen würde. Eine Zeit lang – die Seemannsgeschichten waren wohl schuld – dachte ich, mit den Schreibmaschinen sei das wie mit den Schiffen, was die Namensgebung betraf: Meine Großmutter hiess Erika, also benannte mein Großvater seine Schreibmaschine dementsprechend.

Er war also schuld daran, dass ich anfing, zu schreiben. Obwohl ich doch wegen ihm eigentlich Oberförster im Lieschenpark werden wollte. Trotz des Namens handelt es sich hier durchaus um einen Wald, in dem sich sogar ein kleiner Angelteich befindet. Als Revier für einen Oberförster wäre er aber wohl wirklich etwas klein gewesen. Ich weiss nicht viel von meinem Großvater, das wenigste davon aus seinem Mund: Er war der Sohn eines Melkers, geriet bei El Alamein glücklich in amerikanische Kriegsgefangenschaft (Huntsville, Texas) studierte Agrarwissenschaften, war LPG-Vorsitzender und starb, als ich sechs Jahre alt war. Mir ist er jedoch hauptsächlich als Geschichtenerzähler in Erinnerung, und viele seiner Geschichten spielten in den Wäldern um uns herum, in denen er als Jäger unterwegs war und wo er die unglaublichsten Sachen erlebte.

So hatte er sich beispielsweise einmal verlaufen, nach einigem Umherirren stieß er auf eine kleine Brücke, von der aus der Waldweg direkt zu einer Hütte führte, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Wie sich herausstellte, handelte es sich dabei um das Haus des Weihnachtsmanns. Als wir Kinder leise Zweifel daran hegten, dass der nun ausgerechnet bei uns um die Ecke wohnen würde, nahm er uns eines Tages – wie so oft, aber doch viel zu selten – mit, um uns die Hütte zu zeigen. Es war leider Sommer, und der Weihnachtsmann samt Helfern im Urlaub. So las er es vor, von dem Schild, das in dem verstaubten Fenster der Hütte hing. Unsere Zweifel waren zerstreut, schliesslich standen wir vor der Hütte und konnten die Botschaft des Weihnachtsmanns mit eigenen Augen sehen, auch wenn wir noch nicht lesen konnten. Ich liebte diese Geschichten, liebte es, mich durch die Wälder und über Wiesen und Felder treiben zu lassen und die Tiere zu beobachten: Oberförster also, keine Frage.

Doch dann fing ich an diesem einen Morgen mit dem Schreiben an und habe bis heute nicht damit aufhören können. Vorher stieg ich allerdings nochmal von meinem Lieblingsplatz in der Astgabel des Haselnussbaums herunter und ging in den grünen Schuppen, den Futterschuppen. Von hier aus ließ Großvater ein paar Jahre zuvor einen selbstgebastelten Osterhasen an einer Seilwinde zum Hühnerhof laufen, er hatte sogar eine Weidenkiepe auf dem Rücken, wenn ich mich recht erinnere. Wir Kinder bestaunten dieses Schauspiel mit verschlafenen Augen vom Küchenfenster aus. Unser Großvater kannte also nicht nur den Weihnachtsmann persönlich, sondern sorgte auch dafür, dass wir die einzigen waren, die im Kindergarten stolz berichten konnten, den Osterhasen tatsächlich bei der Arbeit  beobachtet zu haben.

Meine Großmutter kippte gerade das Futter für die Hühner und die Karnickel zusammen. Ich half ihr immer wieder gerne beim morgendlichen Füttern, es war eine meiner liebsten Tätigkeiten im Haushalt: Die frische klare Luft um diese Zeit, besonders im Winter, noch unschuldig vom Dreck des Tages. Die gerade erwachende Sonne und die Ruhe, selbst die Hühner schliefen manchmal noch und mussten von uns erst geweckt werden. Meine Aufgabe war es, trockenes Brot mit Wasser und Getreide zu vermanschen und danach die gelegten Eier einzusammeln. „Weisst du noch, der Osterhase….?“ Fragte ich Großmutter, während wir vom Stall zurück Richtung Haus gingen. „Ist schon gut, mein Junge.“ Sagte sie. Ich kletterte zurück auf die Astgabel und schrieb eine Geschichte über den Eisvogel, der in den riesigen Birken des Nachbargrundstücks wohnte.

Ein Haus, vom Hof aus gesehen, davor ein Haselnussbaum, davor eine Schaukel auf der zwei Kinder klettern

8 Gedanken zu „Vom Schreiben I

  1. „Was ist Dir da für eine schöne Erinnerung gelungen.“ – würde ich auch sagen.
    Es erschien alles vor mir und reichlich vertraut, denn – wie du dir sicher denken kannst, auch ich hatte Großvater, Garten, Viel Obst und Haselnuss und einen Witzeerzähler par excellenz, bis zu zweieinhalb Stunden am Stück, so daß hinterher Krankenbett für den Rest des Tages wegen Bauchweh angesagt war.
    Meiner fand keinen Nazikram in seinem Garten, dafür aber als erster, wie man Laub bereits in einem Jahr zu Komposterde verwandeln kann, war nicht so meins, ich hielt mich mehr an Erdbeeren und Witze.
    Kreisleitung kannte er auch: War er selber, Kreisleitung der Obstbaumzüchter und -Veredler.
    Liebevolle Erinnerung, so denke ich auch gern an meinen Großvater, Garten, Obst, Haselnuß und Witzerzählerei und – Kreisleitung.
    Dennoch (wie stets bei mir),
    dieses hier:
    „Natürlich wurde er in dieser Angelegenheit sofort auf der Kreisleitung vorstellig und bereinigte sie.“
    Die arme Kreisleitung, wäre das nicht auch anders gegangen?
    Vor allem:
    Wie hat der Großvater das wohl gemacht – Allein gegen die ganze Kreisleitung?
    Oder war er gar nicht allein, warst du mit?

  2. Eine liebevolle Erinnerung, die Du da mit uns teilst.
    Eine gelungene Mischung aus Melancholie und Zärtlichkeit.
    Dein Großvater muss ein guter Mann gewesen sein, und Du bist zwaar kein Oberförster geworden, aber dafür ein Schreiber, dem man gerne folgt.

  3. Erst mal ein Danke in die Runde, bissl verspätetet, mir hatte es kurzzeitig die Sprache verschlagen.
    @tikerscherk:Beim Sortieren der Erinnerungen hab ich genau darüber nachgedacht: Was er wohl für ein Mensch war – als Großvater für die paar Erinnerungsfetzen, die ich von ihm habe, sicherlich kein schlechter, im Gegenteil. Aber das ist nun nur ein kleiner Ausschnitt, den Rest kann ich nicht beurteilen, das wollte ich auch ein wenig andeuten im Text.
    (Er hat im Krieg wahrscheinlich andere Menschen getötet, schoss es mir durch den Kopf, als ich darüber nachdachte…)
    Seine Schwester starb erst vor ein paar Jahren, von ihr hab ich ein umfassenderes Bild aus erster Hand. Sie kam ’33 als Dienstmädchen nach Berlin und lebte über 70 Jahre in der Stadt.

  4. Entschuldige. Auch hier bin ich im Verzug.
    Hab den Kopf voll und lese erst jetzt Deine Antworten auf meine Kommentare.

    Wissen wir jemals, wen wir vor uns haben, und wonach beurteilen wir Menschen? Das sind die Fragen, die ich mir immer wieder stelle.
    Zu euch Kindern scheint er jedenfalls gut und von einer angenehmen Ernsthaftigkeit gewesen zu sein, der Großvater.
    Wenn er im Krieg tatsächlich getötet hat, würde ihn das dann für Dich zu einem schlechteren Menschen machen?
    Ich frage das ganz unironisch.

    Bonne nuit.

    1. Kein Thema, ich war ja auch sehr geschwätzig 🙂
      Weiter als bis zu den Fragen selbst bin ich auch nicht gekommen, habe keine endgültige Antwort darauf gefunden. Auf die „Wissen wir jemals Frage…“ kann man (generalisierend) bestimmt mit Nein antworten. Wenn man Statistiken bemüht, müsste jeder von uns Nachbarn/Freunde/Bekannte haben, die einiges auf dem Kerbholz haben – oder eben Seiten, die man nicht vermutete. „Er/Sie war immer so ein unauffälliger, netter Mensch….“
      Ich hätte glaube ich einfach nur mit ihm darüber sprechen wollen.

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