Wallraff zum Wochenende

Günter Wallraff ist ein tragischer Held. Nicht als Hauptfigur seiner Bücher, sondern in dem, was reales Leben genannt wird. Stellt man sich die Frage, ob es seit Kriegsende einen Journalisten in Deutschland gegeben hat, der mehr bewirkte als er, kommt man ins Grübeln. Stellt man sich die Frage, ob Günter Wallraff ein Journalist ist, ebenfalls.

Mit seinen Reportagen von den Rändern der bundesdeutschen Gesellschaft schrieb er Geschichte, keine Frage. Immerhin – und dieser Umstand wird beim Thema Wallraff mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stets zur Sprache gebracht – wurde in Schweden ihm und seinem Arbeitsstil zu Ehren ein neues Wort kreiert: wallraffa.

Im Wikipedia-Artikel zu seiner Person wird einem nochmal klar, was diesem Mann alles zu verdanken ist: Aufdeckung bzw. Aufklärung über Portugal- und Griechenlandfaschistenputsche, das Elend des Industriearbeiters, speziell des zugewanderten, und das Böse in persona – die Bild-Zeitung und der Springer-Konzern. So kann man Wallraff ohne Bedenken in eine Traditionslinie mit Kisch und Lania stellen. Hat der Mann eigentlich ein Bundesverdienstkreuz? Nein? Aber die hier alle schon?

Allerdings findet sich bei Wikipedia auch die dunkle, tragische Seite des Günter Wallraff dokumentiert: Skandale und Skandälchen, von Vorwürfen zum Thema Sozialbetrug über Urheberrechtsstreitigkeiten, Ghostwriter, Stasi bis zum Anti-Islamismus. Nicht zu vergessen das Blackfacing – mit „Schwarz auf Weiß“ bewies Wallraff, dass er längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit war, was die aktuellen intellektuellen Diskurse betraf. (OT: Ich habe gerade vor kurzem erst gelernt, dass die populäre Sitcom „The Big Bang Theory“ nichts als „Nerd-Blackface“ sei – bis jemand kommt und auf reddit verkündet, dass mit dieser unbeholfenen Analogie das Blackfacing relativiert würde).

Wallraff kann, rein biologisch bedingt, nicht mehr das machen, was er vor Jahrzehnten tat: abtauchen, undercover recherchieren, sich als Mittdreissiger ausgeben, der beim Stahlkocher im Pott die Knochenarbeit macht. Sein letzter großer Wurf könnte eine Reportage über die Missstände in Altersheimen werden, dieses Thema drängt sich auf so vielen Ebenen geradezu auf.

Stattdessen hat Günther Wallraff letzte Woche scheinbar der dpa ein Interview gegeben. Von wem die Initiative dazu ausging, ist nicht klar, auch das Interview selbst habe ich bisher nirgends gefunden. Allerdings wurde die Hauptaussage in mehreren Medien zitiert, und das war wohl auch der einzige Sinn und Zweck der Aktion (neben dem Umstand, dass Wallraff mal wieder in der medialen Öffentlichkeit auftaucht): Im Koalitionsvertrag, egal ob es den geben wird und wer ihn schliesst, muss laut Wallraff festgeschrieben werden, dass Edward Snowden in Deutschland politsches Asyl zu gewähren sei.

Warum? Also nicht, warum Snowden Zuflucht in der Bundesrepublik geboten werden soll, sondern: Warum kommt Günther Wallraff jetzt mit dieser Wortmeldung? Es ist richtig und nötig, auf die Brisanz des Themas hinzuweisen, es weiter am Köcheln zu halten, so schwer das auch sein mag. Wie schwer es ist, kann man daran erkennen, dass Wallraffs Forderung kaum Widerhall gefunden hat. Doch auch die schon angesprochene Gestrigkeit der Autorenlegende zeigt sich hier: Mit dem festen sozialliberalen Moral-Kompass der 70er-Jahre-Bundesrepublik ausgestattet mal einfach eine naive Bedingung für den Koalitionsvertrag aufstellen. Mit dem Namen wird man dann wenigstens kurz in der Presse zitiert, auch wenn es viele besser geeignete und informiertere Experten zum Thema gibt.

Die zum Beispiel wissen, dass man Edward Snowden dringend davon abraten müsste, in Deutschland Asyl zu beantragen. Selbst wenn es ihm – von mir aus auch per Koalitionsvertrag – zugesichert werden würde [Süddeutsche-Interview mit Prof. Joseph Foschepoth]:

Der NSA-Whistleblower Edward Snowden hat unter anderem in Deutschland um Asyl gebeten. Manche Politiker wollen ihn gerne als Zeugen vorladen. Wäre Snowden gut beraten, in die Bundesrepublik zu kommen?

Auf keinen Fall. Aufgrund des Zusatzvertrags zum Truppenstatut und einer weiteren geheimen Vereinbarung von 1955 hat die Bundesregierung den alliierten Mächten sogar den Eingriff in das System der Strafverfolgung gestattet. Wenn eine relevante Information im Rahmen eines Strafverfahrens an die Öffentlichkeit gelangen könnte, heißt es in Artikel 38, „so holt das Gericht oder die Behörde vorher die schriftliche Einwilligung der zuständigen Behörde dazu ein, dass das Amtsgeheimnis oder die Information preisgegeben werden darf“. Gemäß der geheimen Vereinbarung wurde sogar der Strafverfolgungszwang der westdeutschen Polizei bei Personen aufgehoben, die für den amerikanischen Geheimdienst von Interesse waren. Stattdessen musste die Polizei den Verfassungsschutz und dieser umgehend den amerikanischen Geheimdienst informieren. Dann hatten die Amerikaner mindestens 21 Tage lang Zeit, die betreffende Person zu verhören und gegebenenfalls außer Landes zu schaffen. Was nicht selten geschah. Im Übrigen hat natürlich die Bundesregierung keinerlei Interesse, sich auf einen neuen Kalten Krieg, dieses Mal mit den Vereinigten Staaten, einzulassen.

Was also bleibt übrig von Wallraffs Forderung? Hat er nicht genügend recherchiert, bevor er den Mund aufgemacht hat? Oder wurde auch hier die Wahrheit wieder nur verkürzt per dpa-Schnipsel wiedergegeben? Leider ergibt sich daraus auch, dass die eigentlichen Probleme – Geheimverträge etc. – gar nicht erst thematisiert werden. Der Wallraff hat da ja schon so was schön griffiges zu gesagt.

PS. Da heute schon wieder Wochenende ist, gibt es als Bonus-Track einen Text, den ich vor über zehn Jahren (2002) schrieb. Er kam mir durch das Thema wieder in den Sinn, ich kramte ihn hervor und stell ihn jetzt hier rein, kommentarlos, roh und ungeschliffen, wie ich ihn fand:

Die letzte Fahrt des Hans Esser

„Ich möchte mich nicht in Köpfen befinden, zusammen mit Gedanken, die unter Einfluss vom Axel-Springer-Verlag enstanden!“     Jan Delay

( Eine fiktive Annäherung)

Es war sowieso alles egal. Sein ganzes Leben. Sollen sie doch kommen, die Wellen. Alle Tsunamis dieser Welt konnten ihm nichts mehr anhaben. Zerstört hatten ihn ganz andere Sachen, sehr viel früher.

Dieser alte graue Mann befand sich auf seiner letzten Tour. Er wusste es irgendwie, doch nicht bewusst. Berühmt war er, berüchtigt und streitbar. In seinem Haus in Köln steht eine Tischtennisplatte, die mehr erzählen könnte als der Teppich vor dem Schloss Bellevue.

Damals hatte er an dieser Tischtennisplatte Wolf Biermann so was von in den Boden gespielt. Der wohnte nach seiner Ausbürgerung kurzzeitig hier und die Welt schien so klein, dass man sie in einem Tag erobern könnte. Sie wollten es jeden Tag auf`s neue probieren, aber irgendwie blieben sie immer an der Tischtennisplatte oder einem neuen Buch oder einer Marihuana-Zigarette hängen. Härtere Drogen nahmen sie nicht. Nicht wegen irgendeiner Moral, sondern aus Protest. Kurz zuvor hatten sie die verschriftlichten  Rauschberichte von Ernst Jünger gelesen, und mit diesem Kriegsverherrlicher wollten sie nun gar nichts gemein haben.

Aber nicht nur Wolf Biermann bespielte diese Tischtennisplatte, auch Salman Rushdie und andere wirklich bedeutende Menschen des letzten Jahrhunderts.

Doch Köln war wirklich weit, weit weg. Der alte Mann befand sich mitten auf dem Mittelmeer. Er war oft hier. Nicht genau an diesen Koordinaten, genau genommen wusste er überhaupt nicht, wo er war. Das Mittelmeer brachte ihm immer irgendwie eine Art Entspannung. In Deutschland war er schließlich ein bunter Hund. Die Menschen erkannten ihn, obwohl er dadurch berühmt wurde, sich zu tarnen und zu verkleiden. Er war die letzte Ikone der Sechziger Jahre, die noch nicht in der Regierung saß.

 Wenn heute in Berliner Parlamenten über die Integration von so genannten türkischstämmigen Jugendlichen debattiert wird, dann kann er nur müde lächeln. Das konnte er schon immer gut. Müde, wissend und bedauernd lächeln. Man hat ihn noch nie lauthals lachen sehen. Der „Journalist“ Tiedje behauptet sogar, dass der alte Mann nicht lachen könne, zumindest aber dafür in den Keller gehe.

Dabei war er es doch, der die umgekehrte Integration an sich selbst testweise vollzog. Und dies dann journalistisch dokumentierte, dass dem deutschen Volk (gemeint ist natürlich, historisch korrekt, das westdeutsche Volk) hören und sehen vergingen. Denn er führte ihnen vor, dass sie wegsahen und weghörten, wenn es um ihre ausländischen Mitbürger ging. Dieser arme Türke Ali, der rackte und schaffte und seinen Körper verkaufte, er wurde ausgebeutet. Bei ihm schien der alte Marx doch recht gehabt zu haben. Wie schlimm und unmenschlich doch selbst die soziale Marktwirtschaft sein konnte!

Dann kam ein tiefes Loch voller stürmischer Begeisterung für ihn, der ein neues Genre im deutschen Journalismus geschaffen hat. Er war schon immer Extremsportler. Da ist dieser junge Spund von dem irischen Hausboot-Familienclan gar nichts gegen. Er kletterte aus dem tiefen Loch locker heraus, und das was danach kam, war zu vergleichen mit der anschließenden Besteigung des Mount Everest. Schließlich war er es, der alte Mann, der sich mit der mächtigsten Kraft anlegte, die es damals gab. Gegen wen richteten sich denn die Studentenproteste der sechziger Jahre? Wer wurde für den Mordanschlag auf seinen alten Freund, den größten Studentenführer den Deutschland je hatte, verantwortlich gemacht? Und war es auch? Genau! Und er wagte sich damals in die Höhle des Löwen. Es war Krieg in Deutschland, so kalt, dass es heißer nicht ging. Und er stieg direkt hinab in die Hölle. Natürlich hatte jeder einen gewissen inneren Groll gegen diese gigantische Meinungsmachereimaschinerie, aber er war es, der die Beweise lieferte. Er war Teil des Systems. Einer, der vorgab sich in das Borg-Bewusstsein zu integrieren, aber eigentlich ein verdeckter Ermittler in eigener Sache war. Und danach wieder – Begeisterung, Bewunderung, Erstaunen und eine Prozesslawine. „Viel Feind, viel Ehr“ – er konnte sich nie für die militaristischen Parolen seiner Elterngeneration erwärmen, aber hier stimmte es.

Doch das Loch was sich dann auftat, war zu tief, um wieder herauszukommen. Es passierte zu viel, und leider war er nicht am Geschehen beteiligt. Sein Land veränderte sich. Doch er wollte sich nicht verändern. Er hat den Absprung verpasst. Alle anderen Intellektuellen aus seiner Generation standen auf der Jublerliste für die SPD, waren tot oder im Untergrund. Die „Antje-das-Walross-Lookalikes-Gang“, die er mal zusammen mit Wolf Biermann und Günther Grass gebildet hatte, war auseinandergebrochen. Von ihm wurde erwartet, so weiter zu machen wie bisher. Er hatte sich in irgendeinen verdeckten Job hineinzubegeben, abzutauchen und ein halbes Jahr später wieder mit sensationellen Meldungen aufzutauchen. Sowohl seine Freunde als auch sein Verlag und Stefan Aust, der für den Spiegel die Vorabdrucksrechte gesichert hatte, erwarteten das von ihm. Doch er wollte und konnte nicht mehr. Er spielte Tischtennis und fuhr Kajak.

Der Wassersport entwickelte sich immer mehr zu einer Leidenschaft. Sein letztes Experiment scheiterte. Er wollte er selbst sein. Doch in seinem täglichen Leben stellten sich immer wieder die detektivischen Momente ein. Er beobachtete sich selbst und versuchte, die passenden Formulierungen für sein Handeln zu finden. Nicht zu drastisch, aber auch nicht zu harmlos. Doch dann bemerkte er, dass sich wohl keiner dafür interessieren würde, wie seine Tochter morgens ihr Müsli zubereitete. Das Projekt „Leben als Günther W.“ war gescheitert.

Er fing an, noch mehr Sport zu treiben. Und, was viel schlimmer war, Steine zu sammeln. Sein ganzes Haus war vollgestapelt damit. Seine Frau hasste ihn dafür. Von überall her brachte er sie mit. Egal ob klein wie ein Stecknadelkopf oder groß wie ein Wagenrad, er musste sie haben. Er hatte von seinen Eltern ein Haus in Köln geerbt und durch Honorare und weitere Erbschaften genug Geld, um weitere Häuser zu kaufen. Eine Ruine erstand durch seine Hand zu neuem Leben, um eine Steinsammlung zu beherbergen. „NaturSkulpturen“ – das war seine neue Berufung. Er verehrte Hans Arp, doch dachte er, dass er mit seinen Steinen den alten Meister übertreffen, ja vollenden würde. Schließlich ist diese Kunst Jahrmillionen alt, von der Natur, der Schöpferin, selbst modelliert.

Der alte Mann bekam vor zwei Wochen zwei Anrufe kurz hintereinander. Der erste Anruf kam aus einer französischen Kneipe. Man hörte im Hintergrund das Gemurmel alter Fischer und das des Meeres. Die Stimme am anderen Ende der Leitung schien mehr als dubios, und außerdem nicht mehr ganz nüchtern. Es war ein scheinbar etwas verwirrter Mann, der ihm mal so nebenbei vom perfekten Stein erzählte. Der alte Mann wusste schon lange, dass es den perfekten Stein geben musste. Und sein Gefühl sagte ihm auch stets, dass er irgendwo im Mittelmeer liegen würde. Nicht umsonst zog es ihn seit Jahren hierher. Die weintrunkene Stimme am anderen Ende beschrieb im schweren, fischertypischen Proletenfranzösisch eine Insel, nur beschwerlich vom Festland zu erreichen, an deren Strand der Stein liegen sollte. Dann wurde das Gespräch unterbrochen.

Der zweite Anruf war von seinem alten Freund Rüdiger. Der gelernte Bäcker aus Hamburg ist durch waghalsige Aktionen berühmt geworden. Rüdiger fragte, ob der alte Mann gewillt sei, ein wenig Geld zu verdienen. Ein Fernsehsender plane eine Serie, in der „normale Menschen“ vier Wochen lang unerkannt durch Deutschland reisen sollten. Rüdiger, Survival-Spezialist von Südamerikanischen-Indianer-Götter-Gnaden, hatte den Vertrag schon unterschrieben. Er sollte den „Kandidaten“ das Überleben in der mitteleuropäischen Wildnis inklusive Verzehr heimischer Insekten beibringen. Und den alten Mann wollten sie für das unerkannte Überleben in der Großstadt haben. Von der RAF wollte keiner mitmachen, deswegen sind sie auf ihn gekommen.

Der alte Mann packte seine Sachen zusammen und flüchtete ans Mittelmeer. Er schnappte sich sein Kajak und paddelte auf`s Meer hinaus. Er wusste, dass er sterben würde, aber er wusste auch, dass er den Stein sehen würde. Und er wollte lieber den Stein sehen und sterben, als auch nur einen Fuß auf vermeintlich journalistisches Gebiet setzten, das auch nur irgendwie nach Endemol roch.

Als die große Welle gegen den Bug seines Bootes schlug, verwandelte er sich ein letztes Mal. Er wurde wieder zu dem egoistischen, energiegeladenen und menschenverachtendem Arschloch Hans Esser, der alles tat, um weiter zu kommen. Doch diesmal half es nichts.

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