Traurig aber wahr…

oder lustig und gelogen?

Schon allein wegen „Bärlauch, Bärlauch, eins, zwei, drei, vier“, „Schau mal da oben, Biofeuerwerk!“ und „Ho-Ho-Holzspielzeug“ gefällt mir das. Aber eigentlich wollte ich nur auf diesen schönen Text von Anne Wizorek hinweisen, die dort den mir bisher unbekannten Reinald-Grebe-Song verlinkte. Da das aber für einen ganzen Blogpost auch irgendwie zu wenig ist, fische ich mal einen halbwegs passenden alten Text aus dem Archiv. Und weil ich mich erst mal wieder verkrümel und es mit der Sonne vorbei sein soll, gibt es sogar noch ein Bild (von 1997 schätzungsweise, ein altes Papierfoto, bestimmt bei einem Schlecker entwickelt; gibts beides nicht mehr) als Bonus: Meine Prenzlauer-Berg-Wohnung, relativ frisch nach dem Einzug. Von wegen:

„Das weiß doch keiner mehr, wie das hier noch vor 20 Jahren
Ausgesehen hat, ausgesehen hat, ausgesehen haaat!“

christburger2

Schönhauser Allee

01.03.03

Am Aktionstag der BVG zu ihrem 100. Geburtstag entschloss ich mich, mal in die Schönhauser Allee zu fahren. So ganz bewusst. Denn genau wie viele andere touristische Sehenswürdigkeiten Berlins hatte ich die Schönhauser Allee unter diesem Gesichtspunkt noch nie bewusst erlebt. Sicher, ich war schon öfter da, mein Zahnarzt liegt ganz in der Nähe, aber wenn Wladimir Kaminer erfolgreich ein Buch über diese Strasse schreibt, muss da doch mehr dran sein, oder?!

Der Geburtstag der BVG wurde in Form von vermeintlicher Kunst sichtbar. Zu ihrem Ehrentag, den sie ein ganzes Jahr lang feierte, wurde die Innenbeleuchtung der U-Bahnen den jeweiligen Farben ihrer Linien auf dem Fahrplan angepasst. Praktisch bedeutete dies, dass die Waggons der U 2 in einem halbseidenen Rot erleuchtet waren. Als ich im Dunkel des Alexanderplatzes einstieg, dachte ich erst, die BVG erfüllte zu ihrem Geburtstag die Wünsche ihrer BZ-lesenden Passagiere und es gibt jetzt neben der Party-Tram und dem Stammtisch-Bus auch die Puff-U-Bahn.

Aber zum Glück fuhr die Bahn ja größtenteils oberirdisch, so dass die Beleuchtungs-Belästigung nicht allzu schlimm war. Und ausserdem: Schließlich hätten die Berliner Stadteisenbahner diese kunstvolle Idee (ausgedacht übrigens von einem Weißsee-Absolventen, wie eine Infotafel in den Abteilen informierte) auch in der U 1 umsetzen können, was zu einer giftgrünen Innenbeleuchtung geführt und garantiert unangenehme Körperreaktionen hervorgerufen hätte.

Ich stieg direkt am Bahnhof Schönhauser Allee aus. Sicher, die Station Eberswalder Strasse hatte auch einiges zu bieten, den ständig laut Bob Marley hörenden und egal bei welchem Wetter mitsingenden Gemüseundkramhändler zum Beispiel. Aber ich wollte mir ja den ganzen Straßenzug anschauen, und der fing nun mal schon weiter oben an, interessant zu werden. Wegen der Arkaden zum Beispiel. Das schreibt ja schon Kaminer. Die Arkaden sind direkt gegenüber des Bahnhofs, aus dem ich gerade raus kam.

Und ich merkte, wie verdammt kalt es doch war, da hatte ich mir eigentlich einen blöden Tag für mein Experiment ausgedacht. Sonne zwar, aber bitterkalt. Es war so kalt, dass sogar die hier ansässigen Bahnhofspunks ihre Haare in warmen Tönen gefärbt hatten.

Und als verweichlichter Kreuzberger setzte ich mich zurück in die Bahn und fuhr nach Hause, irgendwie fand ich es sowieso blöd hier. Deshalb habe ich nie die Dostoprimeschatelnosti-Qualitäten der Schönhauser Allee kennen gelernt, und nie werde ich erfahren, dass es in der Schönhauser Allee so dermassen brummt, dass die einzigen Geschäfte, die hier ihren Laden dicht machen müssen, die Bestattungsinstitute sind.

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