Weisst du noch…[Fragment]

[Ich bin nicht immer pessimistisch. Aber auch dann trotzdem irgendwie komisch drauf.]

Soundtrack: Peter Licht – Lied vom Ende des Kapitalismus

Es begann alles mit einer fixen Idee, wie meistens, wenn es funktioniert. Kein bis ins Feinste ausziseliertes Weltbild. Irgendwann schlug jemand vor, doch mal was zu machen, wo überall lauter unzufriedene Leute rumsaßen. Er meinte, man solle zur Abwechslung vielleicht versuchen, das System mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen, anstatt sich immer samstags um 13 Uhr zur Demonstration zu treffen und die Weltrevolution zu fordern.

„Nehmt irgendwas, sucht euch was aus!“ hat er gesagt. „Denn eigentlich gehört euch ja alles, keine Frage.“ Es wäre aber natürlich leichter, nicht gleich mit den Autofabriken oder den Stahlwerken zu beginnen. Und zum Glück wurden ja inzwischen so viele Sachen gehandelt, dass der Anfang geradezu ein Kinderspiel wäre. Man müsste einfach nur beweisen, dass es auch anders funktioniert, und wenn das genug Leute wollten, dann müsste es auch funktionieren. Und es stimmte: Niemand hinderte sie daran. So simpel hat das alles angefangen.

Schnell machte man sich daran, einen Gesellschaftervertrag auszuarbeiten, der allen gerecht wurde, den ersten Geldgebern wie auch den Beschäftigten, anfangs jeweils nur ein paar Handvoll und gleichermassen Besitzer der Firma. Wenn man das System schon ad absurdum führen wollte, dann richtig, dachten sie sich damals. Sie gaben grosszügig Anteilsscheine aus und zählten darauf, dass die Menschen, wenn sie sowieso etwas brauchten, dies dann auch gern von einem Unternehmen erwerben würden, das ihnen selbst gehört. „Das ist die einzige Frage, die ich euch stelle!“ sagte er. „Wieso denn nicht? Ist das so verrückt? Verrückter, als wenn wir es von irgendwelchen Riesenkonzernen kaufen und damit Kleinkriege und Großkorruption unterstützen und wer weiss was noch alles? Wir müssten uns alle einfach nur an unseren eigenen Ansprüchen messen und klein anfangen.“

Klar klang das nicht schlecht, aber es gab zu dieser Zeit viele mehr oder weniger vernünftige Manifeste und umstürzlerische Aufrufe. Inzwischen gibt es unzählige Theorien, die zu erklären versuchen, warum gerade dieser eine Vorschlag so erfolgreich werden sollte. Im Endeffekt hatte es wohl, wie so oft in der Weltgeschichte, mit dem Zufall und dem richtigen Timing zu tun. Wenn Widersprüche sich aufheben, dann resultieren in manch glücklichem Moment Situationen mit aussergewöhnlichen Möglichkeiten – so oder so ähnlich hat es einer der bedeutendsten Historiker mal formuliert.

Die Idee wurde binnen kürzester Zeit begeistert angenommen und, noch bevor das Unternehmen die Monopolstellung erreichte, auf andere Branchen ausgedehnt, so steht es weniger verschnörkelt seitdem in den Geschichtsbüchern. Relativ schnell wurden den Menschen die wirklich wichtigen Sachen wieder klar. Natürlich gab es Rückschläge und nicht alles funktionierte beim ersten Versuch. Doch wenigstens wollte sich erst einmal niemand mehr gegenseitig den Kopf einschlagen, das war schon mal ein guter Anfang.

Bis hier hin sind sie gekommen, und jetzt sitzen sie alle gespannt vor den Bildschirmen und verfolgen die Live-Übertragung, in der das erste Rendezvous gezeigt wird: Das Ergebnis von aberdutzend Jahren Forschung, die Belohnung für all die Anstrengungen und Entbehrungen, die einsamen und die tödlichen Flüge, der Höhepunkt einer Entwicklung, die konsequent auf Fortschritt und Wissensgewinn ausgerichtet war; nach ein paar so unrühmlichen Jahrhunderten durchaus ein Erfolg. Es dauerte eine Weile, bis sie begriffen, dass es wirklich eine Explosion und keine Bildstörung war, die sie sahen, kurz bevor die Übertragung abbrach.

 

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