Kater Karlo und Band

(Unglaublich, dass der jetzt halt auch schon 20 Jahre tot ist!)

Der Alte Ballsall Köpenick proudly presents: Schmerbäuche in concert

15.02.04 – passiert Anfang Februar, am Samstag des Sechs-Tage-Rennens

Wären sie, so wie früher einmal, ein ernstzunehmender politischer Störfaktor, dann müssten sie sich inzwischen wohl die „Grauen Zellen“ nennen, wäre dieser Name nicht schon von einer anderen Band mit prominentem Frontmann besetzt.

Es hat sich einiges verändert seit den Anfangstagen der Klaus Renft Combo, aber sie machen immer noch verdammt gute Live-Musik, die alten Herren.
Soviel erst mal vorweg: wirklich niemand in der Klaus Renft Combo heisst Klaus Renft. Und wenn, dann heisst der gute Mann Klaus Jentzsch, seine Mutter hieß mit Mädchennamen Renft, und er ist derjenige, der am seltensten auf der Bühne auftaucht. Aber wenn, dann… !

Auch die Texte, derentwegen sie in der DDR verboten wurden, schrieb er kaum selbst. Denn darum geht es, das schwingt bei Renft immer im Subtext mit: Das waren doch die, die in der DDR verboten wurden! Wegen dieses Sandmann-Liedes, oder? (Der große Otto war’s!)

Es stimmt schon: Renft waren anders als die Puhdys, Karat, City oder Stern Meissen. Auch anders – und vor allem älter – als Keimzeit oder gar Feeling B. Und sie sind auch jetzt immer noch ein wenig angenehm anders als Wecker, Wader & Co.

Renft rockt mehr. So als wenn die Stones eine Band wären, die nie auch nur haarscharf am Durchbruch vorbei geschlittert, sondern auf ewig eine Lokalgröße geblieben wäre.

Musikalisch ist die Klaus Renft Combo bestimmt keine grosse Nummer. Und kaum ein Drittel des Repertoires ist von denen geschaffen worden, die es derzeit auf der Bühne darbieten. Der Band kamen im Laufe der Zeit einige ihrer besten Leute abhanden, unter anderem einer der Texter, der Dichter Gerulf Pannach.
Stehen sie aber erst einmal auf der Bühne, ist alle Kritik vergeben und vergessen.

Die Bühne: 14 Instrumente, ein paar Marshalls und sechs Leute. Die Location: Der Alte Ballsall in Köpenick. Die Band: vier Vollbärte, ein Glatzkopf und ein langhaariger Mittvierziger im Anzug. Schaut man sich den Bassisten, der als Erster die Bühne betritt, näher an, fällt einem als Wort-Assoziation sofort „We got him“ und „Erdloch“ ein.

Er sieht aus wie Kater Karlo, bloss nicht ganz so fies. Das passt allerdings recht gut, da der Bandfotograf zwar nicht wie Dagobert aussieht, dafür aber Dagobert ist. Als Arno Funke wurde er rechtskräftig verurteilt, inzwischen ist er wieder frei, und jetzt taucht er bei diesem Renft-Konzert auf. Auf meine Nachfrage gibt er sich zu erkennen, ich sage, dass ich seine Arbeit schon immer bewundert habe und er verrät mir, dass er gerade Fotos macht, um später ein Plakat danach zu gestalten. Das kann er, das weiss ich, denn auch seine Illustrationen meinte ich, als ich ihm meine Bewunderung kund tat.

Die Band, durchaus traditionsbewusst, erinnert sich der tuchmacherischen Wurzeln ihrer lausitzer Heimat. Das Renft-Mitglied trägt durchschnittlich vier bunte Tücher, die im Kapitalismus schon mindestens seit den Siebzigern out sind: Eins um die kahle Stirn, eins um den faltigen Hals, eins um die breite Hüfte, und eins als Gitarren-, Saxophon- oder Bassgurt.

Das Konzert, welches übrigens gute 3 ½ Stunden dauert, beginnt mit einer gut übersetzten Version von „Eve of Destruction“. Aktuelle, politische Fragen werden in den Liedtexten aufgeworfen: Frühling in Bagdad – Frühling in Grosny. Seit Pannach nicht mehr ist, dem aber immer noch ausführlich gehuldigt wird, fehlen die brillanten Texte ein wenig. Dafür trägt der Gittarist ein aussagekräftiges T-Shirt: „Ich darf Bush nicht mit Hitler vergleichen. Schade!“

Irgendwann im Laufe des Abends kann es dann dazu kommen, dass sich der Mann, den sie alle nur Klaus oder Jenni nennen, und der alles, was mit der Klaus Renft Combo zu tun hat, in sich verkörpert, dass sich dieser Mann auf die Bühne bewegt. Er spielt dann mal ganz passabel einen Schellenkranz, eine Schere oder er singt. Wenn er es schafft, sich den Gurt richtig umzuschnallen, dann spielt er schon auch mal Bass, und zwar nicht besonders gut. Die meiste Zeit des Konzertes steht Klaus Renft aber neben seinem Bier an der Bar.

Was alle Bandmitglieder wirklich gut können sind Zwischensprüche und Anekdoten. Da heisst es dann beispielsweise ironisch: „Bei Renft-Konzerten haben Generationen saufen gelernt“ – und im Publikum denkt man sich dazu, ebenso ironisch: „Die arme Stasi“. Auch Selbstironie kommt zum Vorschein, als die Sprache auf das durchs Alter gezeichnete Äußere der Musiker kommt: „Das sind alles Lachfalten!“ Und die Band ist durchaus stolz auf das Geleistete: „Dieses Lied hat die Weltfestspiele der Jugend überstanden!“

Ein Qualitätsmerkmal von Musik ist, dass eine wie auch immer geartete Sehnsucht auftaucht, sobald man sie hört. Bei Renft ist es die Sehnsucht nach dem Ostseestrand, an dem man nackt und unbeschwert die Kindheit und Jugend verbrachte – und das ist nicht die schlechteste.

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