Flache historische Vergleiche und ein Haufen Links

Als ich vor knapp zwei Wochen mit einem alten Freund bei mehreren Bieren saß, kam das Gespräch irgendwann natürlich auch auf die aktuellpolitische Lage: Die Krim war gerade annektiert worden/ hatte gerade abgestimmt. Wir theoretisierten, wie es denn weitergehen würde, und mir rutschte beim Thema „Was wird aus der Ukraine“ das Wort „Rest-Tschechei“ raus.

Auch in dieser Woche konnte ich nicht vom Kneipenbesuch lassen, und siehe da: Die Ukraine drängte sich wieder  auf. Ich berichtete meinem Gegenüber von dem Mord am „Weißen Sascha“, woraufhin ihm spontan ein „Ach, die Nacht der langen Messer?!“ entfleuchte.

Solche flachen historischen Vergleiche sind allerdings nur in vernebelten rauch- und bierdunstschwangeren Lokalitäten zulässig. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, weder als Farce noch als Tragödie.  Aber ein Vergleich lohnt sich allemal, um Grundmuster und -mechanismen zu erkennen, denn davon gibt es, wie der Name schon sagt, nicht allzu viele. Allein die Umstände führen zur Varianz.

So schrieb Friedrich Kellner am 22. Juni ’41, dem Tage des Überfalls auf die Sowjetunion, in seiner hessisch-ländlichen Zuflucht:

Mit was auch unser Vorgehen begründet werden mag, die Wahrheit wird einzig und allein auf dem Gebiete der Wirtschaft zu suchen sein. Rohstoffe sind Trumpf. […] Die Armee sucht Futterplätze, und die Herren von der Industrie wollen billige Rohstoffe.
(Friedrich Kellner: „Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne.“ Tagebücher 1939–1945.  Göttingen 2011, S.156)

Man könnte hier also ein Grundmuster ausmachen und einen Vergleich ansetzen. Eine Gleichsetzung, beispielsweise des Freihandelsabkommens und des Assoziierungsabkommens mit folgendem Kellner-Zitat (immer noch zum gleichen Anlass, vom 28. Juni ’41) wäre zwar naheliegend, aber … :

Endlich ist es soweit, daß die Großkapitalisten aller Länder – getreu dem Rufe ihres Führers Hitler – dem verhaßten Regime in Rußland den Garaus machen wollen. (S.163)

Ein weiterer kleiner geschichtswissenschaftlicher Exkurs sei noch gestattet: Aus der Крим ist also (wieder) die Крым geworden. What’s new?

Fast alle europäischen Grenzgebiete sind mehrfach kodiert, fast alle Städte und Orte in diesen Übergangs- und Gemengelagen haben Doppel- und Dreifachnamen. Das ist mehr als ein Hinweis auf politisch korrekte Zitierweise, es ist vielmehr eher die Spur in eine Geschichte, die komplexer ist, als daß sie auf den Nenner eines Namens gebracht werden könnte.
(Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. Frankfurt/M., 2006, S.227.)

In seinem 2003 erstmals erschienem Werk („Dieses Buch glüht von innen.“ Die Zeit. Naja…) behandelt Schlögel unter anderem ausführlich die Rolle von Karten verschiedenster Art. Dass dies auch und gerade heute wieder hochaktuell ist, darauf weist Michael Schmalenstroer zu Recht hin. Nochmal Schlögel:

Im Zeitraffer betrachtet, ist die ganze europäische Geschichte eine ununterbrochene Geschichte der Macht- und Grenzverschiebungen … (S. 145)

Wieso also sollte sich das ändern? Schon vor elf Jahren konstatierte er:

Das neue östliche Europa ist gekennzeichnet von einem krassen Nebeneinander, einer „Gleichzeitgkeit der Ungleichzeitigkeit“, wie sie im Buche steht: das 21. neben dem 18. Jahrhundert. Das sind die Konfliktzonen der Zukunft, in denen sich der Haß auflädt und militant entladen wird, weit mehr als jener clash of civilizations, der von den Unterschieden der Kulturen und Glaubensbekenntnisse ausgehen soll. (S.469)

Klar, für die Arbeit des Swoboda-Politikers und stellvertretenden Vorsitzenden des Ukrainischen Komitees für Meinungsfreheit im Kiewer Parlament, Igor Miroschnitschenko, braucht man nicht bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen. Ein ähnliches Verhalten fand und findet man regelmäßig, auch in Europa, nicht nur unter Goebbels oder Stalin. Doch selten gab es so deutliche Bilder davon. Aber genug der Geschichte, dazu hat Tucholsky eigentlich schon alles gesagt (der übrigens auch schon was über Gentrifizierung zu berichten wusste, und zwar aus deren Mutterland).

Und eben: What’s new? Über Hipster haben in den 1950ern schon Eric Hobsbawm, Jack Kerouac und Norman Mailer geschrieben.  Gut, es waren andere Hipster, und in Texten über sie steht heute vielleicht weniger rassistisch-esoterischer Quatsch als bei Mailer und der deutschen Rezeption dazu, trotzdem hat dieser Text mehr zu bieten als das plakativ-ironische „What Berliners don’t say“ (was trotzdem für den einen oder anderen kurzen Lacher gut ist): eine Facebook-Seite, deren Top-Beiträge jüngst von dem „The Hundert„-Magazin zusammengetragen wurden, was den Freitag dazu verleitete, die Magazin-Seite abzufotografieren und das Foto dann bei Facebook hochzuladen.  (Eigentlich schon wieder viel lustiger als die Zusammenstellung an sich: auf dem bei fb hochgeladenen Freitags-Foto von dem Magazin-Beitrag ist die dort abgedruckte originale fb-Adresse zu lesen). Womit wir mal wieder beim Journalismus wären, dem es ja derzeit an die Kapuze geht.

Die einen beschäftigen sich mit Hoodies oder den Schuhen des Internetministers, die anderen mit der Branchen-Zukunft. Wobei die besseren Artikel der letzteren Kategorie meist nicht hierzulande geschrieben werden. Wie man guten deutschsprachigen Journalismus machen kann, zeigen – wer hat’s erfunden? – die Schweizer. Das ist aber lang, und lange Texte liest doch eh kaum jemand. Hier kehrt man lieber vor fremden Türen: Wenn mal nicht die Blogger dran sind, dann eben die Literaten. Dabei kann schon ein Blogtext zur Aktualität Büchners den Großteil des auf Zeitungspapier gedruckten Feuilletons in den Schatten stellen. Vermute ich mal, ich habe lange keine Zeitungen gelesen, zugegeben.

Wie absurd diese Distinktionsversuche zwischen Journalismus, Blogs und Literatur sind, zeigen auch die großartigen (literarischen) Beiträge auf unzähligen Blogs immer wieder. Natürlich muss Glumm hier an erster Stelle genannt werden, der gerade mit den „Geplant war Ewigkeit„-Fortsetzungen wahrscheinlich nicht nur mich beeindruckt und sprachlos zurücklässt. Er kennt „den Literaturbetrieb“ durchaus auch von der anderen Seite, konnte dort aber eben (noch) nicht landen. Was mehr über „den Literaturbetrieb“ sagt als über Glumm.

Via sunflower22a (die auch längst hätte erwähnt werden müssen, obwohl ich mir über sie noch nicht einig bin – doch wie auch, wenn sie selbst „I am a mystery“ schreibt) bin ich auf einen weiteren tollen Text gestossen: Bemerkenswerterweise spielen auch hier A&P (kein Link, dafür ein Erinnerungsfetzen: Ein alter Jugendfreund spielte mal in einer Punkband, die so hiess, benannt nach einer Supermarkt-Hausmarke) wieder eine Rolle – wenn das Internet diese Seite aushält, kann uns nichts mehr etwas anhaben. Auch tikerscherk darf nicht unerwähnt bleiben, bei der gerade Themenwoche ist, nicht nur kubanische, wenn ich das recht verstehe. Und täglich kommen so viele gute, neue Texte dazu. Bücher natürlich ebenso, auf die ich aber auch vermehrt durch BlogRezensionen aufmerksam werde.

Wer hier noch etwas zum Thema „Kreuzberger Wohnverhältnisse“ oder „Geschichten von früher“ erwartet hatte: bittesehr. Das war’s dann aber für heute, irgendwann muss ja auch mal Schluss sein!

[Falls wer fragt: Ich mache das nur, damit ich die Links auch irgendwo habe und die Lesezeichenliste frei für Neues ist. Sonst geht es mir gut. Sagen die Stimmen in meinem Kopf.]

Hatte ich was von Punk gesagt?

 

17 Gedanken zu „Flache historische Vergleiche und ein Haufen Links

  1. Danke für´s Verlinken!
    Meine Themenwoche dreht sich um Erotik, weil dieses Gebiet viel zu wenig Raum einnimmt in den Blogs, die ich lese (außer Sunflower).
    Alle schreiben über alles. Politik, Wetter, Kinder, Musik, Essen.
    Nur nicht über das, was so schön prickelt.

      1. Schlimm, ja. Aber immerhin: Bauchnabel. Die können verdammt erotisch sein, was ja dann wieder in deinem Sinne sein müsste 🙂 (Den Rest kann man ja bei Teddy Wiesengrund und seinem Buddy aus den Pacific Palisades nachlesen)

  2. Danke hierfür: „Wie absurd diese Distinktionsversuche zwischen Journalismus, Blogs und Literatur sind,…“

    Ich „gab mir jüngst“ das hölzerne Werkchen „Ruhm“ von D. Kehlmann. Nun lässt sich aus Holz durchaus ein gepflegtes Ambiente schnitzen, das dem Geschmack keine allzu großen Widerstände entgegen setzt. Kurzum: Nichts gegen Holz!
    Nur waren in diesem Buch auch die gesellschaftlichen Diagnosen von talkshowkompatibler, hölzerner Konsistenz und das führte dann unausweichlich dazu, dass der größte Verpeilomat im Buch – naklar! – ein Blogger zu sein hatte. Ein echter NERD, mit einer 50-prozentigen Trefferquote für den richtigen Schuh am rechten Fuß, ein Entenfüßler, der sich die Unterhosen über den Kopf anzieht. Ein echter Depp! In Anbetracht der Auflagenzahl dieses Büchleins sehr ärgerlich….

    P.S. „Rest-Tschechei“ genau diese Assoziationen hatte ich zunächst auch. Aber da sei Timoschenkow vor….

    1. Keine Ursache!
      Ich bin auch ein grosser Fan von Holz, lebend und tot. Bücher allerdings sollten viel mehr auf nachhaltiger gewonnenem Papier gedruckt werden. Dafür ist das Holz nämlich wirklich zu schade, bei dem ganzen Müll, der da eben auch veröffentlicht wird; da hast du schon recht.
      Ich meine, was könnten wir für hübsche kleine Wäldchen bauen aus all den verkauften Dieter-Bohlen-Büchern. Die Welt wäre ein besserer Ort.

    1. Respekt, das ehrt mich, besonders bei dem Wetter! 😉 Und gern geschehen!
      (Ich komme grad vom Dach, hach!)
      Ja, die guten, alten dilletantischen But Alive. Obwohl ich zugegebenermassen noch mehr ein Landungsbrücken-raus-Fanboy war, schon irgendwie.
      Deswegen (und weil es wieder ein gutgetextetes und leider auch wichtiges Lied ist) freu ich mich gerade in alter Verbundenheit hierüber:

      1. Alles vollkommen Unbekannte für mich. Auch das Lied gefällt mir in seiner Atemlosigkeit. Text sowieso.
        Der Vollständigkeit halber bitte noch dein Lieblingsstück von Landungsbrücken, wenn du Zeit findest dafür.

        1. Nichts lieber als das, wo ich sowieso gerade berauscht bin, auch von der Möglichkeit, gleich mal wieder nach Hamburg zu fahren. Das Salzwasser im Blut freut sich schon.
          (Und ich mich auch, wo ich grad die letzten feinen Korrekturen in einen Text einarbeite & überlege, ob das noch unter „Short Story“ läuft.)
          [Ich halte dir später gerne mal einen Vortrag über meine Geschichte mit dem Punk, der Hamburger Schule und Musik überhaupt. Und da spielen Marcus Wiebusch und das Grand Hotel van Cleef eine gewichtige Rolle. Guilty Pleasure, wie die Helden bei mir.]
          Voilá:

          Ps[schon wieder :-)]: Fast hätte ich den guten alten Ska und Rantanplan vergessen – wie du vielleicht schon gelesen hast – , wie konnte ich nur!

      2. Haha: Also im Prinzip alles das, worüber der Kiezneurotiker gerade so schön her gezogen ist. Pah, mir egal, micht ficht das nicht an, ich steh dazu! Bzw. fühl mich nicht angesprochen, weil ich keinen fusseligen Bart habe. Und es wird nicht besser werden damit hier, im Gegenteil 🙂

    1. Das kenn ich. Aber jetzt antworte ich nur etwas verspätet, weil ich wirklich das Wochenende in Hamburg verbringen konnte, komplett internetfrei, und mal wieder bemerkt hab, dass das auch eine tolle Stadt ist, mit tollen Ecken.
      Schön, dass dir die Musik gefällt, ist halt Geschmackssache 😉

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